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49. 000 Menschen in 24 Stunden: Warum Ceuta in Afrika zu Spanien gehört

Am Donnerstagnachmittag hörte die Grenze zwischen Marokko und Ceuta auf zu funktionieren. Menschen umschwammen die Grenzmole, andere kletterten über die Felsblöcke des Damms. Nass und jubelnd liefen sie durch. . .

Von Oliver Weinlein · · 5 min Lesezeit

49. 000 Menschen in 24 Stunden: Warum Ceuta in Afrika zu Spanien gehört

Am Donnerstagnachmittag hörte die Grenze zwischen Marokko und Ceuta auf zu funktionieren. Menschen umschwammen die Grenzmole, andere kletterten über die Felsblöcke des Damms. Nass und jubelnd liefen sie durch die Straßen. Der Chef derGuardia-Civil-Gewerkschaft sprach von „reinstem Chaos“. Das spanische Innenministerium schätzt,dass binnen 24 Stunden rund 49. 000 Menschen in die Exklave gelangten. Ceuta hat 83. 000 Einwohner. Das mehrtägige Fest für den Schutzpatron der Stadt wurde abgesagt. Mindestens 19 Leichen wurden im Wasser gefunden. Regierungschef Pedro Sánchez schickte Soldaten und reiste am Freitag selbst in die Stadt. Unter fast jedem Bericht darüber steht seither dieselbe Frage: Warum gehört eine Stadt an der afrikanischen Küste überhaupt zuSpanien?Ceuta liegt in Afrika und ist trotzdem EUCeuta ist eine Halbinsel an der Straße von Gibraltar, knapp 19 Quadratkilometer groß, umgeben von Marokko und dem Mittelmeer. Zum spanischen Festland sind es rund 29 Kilometer, die Fähre nach Algeciras braucht eine gute Stunde. Zusammen mit Melilla, 250 Kilometer weiter östlich, bildet die Stadt die einzige Landgrenze der Europäischen Union auf dem afrikanischen Kontinent. Von der marokkanischen Küste sind es teils nur fünf Kilometer durchs Wasser. Wer ankommt, steht juristisch inEuropa. Deshalb gibt es diese Route. Blick über die Bucht auf Ceuta: Die spanische Exklave liegt auf einer Halbinsel an der Straße von Gibraltar, umgeben von Marokko und dem Mittelmeer. (Symbolbild)© IMAGOJuan Aunion1415: Portugal hat Ceuta erobertAm 21. August 1415 nahmen die Truppen von König Johann I. die Stadt Ceuta ein, damals ein reicher Umschlagplatz für Gold, Elfenbein und Sklaven. Für Portugal war das der Auftakt zur Expansion in Übersee – und ein Zuschussgeschäft: Ohne Tanger blieb der Stützpunkt militärisch halb wertlos. Spanien hat Ceuta nicht erobert, sondern geerbt1578 fiel der junge portugiesische König Sebastian I. in Marokko, ohne Erben zu hinterlassen. 1580 übernahm der spanische König Philipp II. auch den portugiesischen Thron. Ceuta wechselte mit dem gesamten portugiesischen Besitz unter die spanische Krone. 1640 machte sich Portugal wieder unabhängig. Ceuta blieb, wo es war. In den Jahrzehnten der Personalunion hatten sich spanische Siedler und eine Garnison eingerichtet, die Bevölkerung hielt zu Madrid. Besiegelt wurde das im Frieden von Lissabon 1668: Spanien erkannte Portugals Unabhängigkeit an, Portugal überließ Ceuta der spanischen Krone. EinwanderungNach Migrantenansturm auf Ceuta: Italien will Spanien aus Schengen werfenWarum Ceuta 1956 nicht marokkanisch wurdeDer entscheidende Teil der Antwort liegt aber im 20. Jahrhundert. 1912 teilten Frankreich und Spanien Marokko in Protektoratszonen auf. Ceuta wurde ausdrücklich nicht Teil des spanischen Protektorats. Die Stadt blieb als „Plaza de soberanía“ direkt der Regierung in Madrid unterstellt, als spanisches Kernterritorium. Wie eng die Exklave mit spanischer Geschichte verwoben ist, zeigte 1936 der Putsch gegen die Republik: Francos Afrikaarmee setzte von Ceuta und Melilla auf die Halbinsel über, der Bürgerkrieg nahm hier seinen Anfang. Als Marokko 1956 unabhängig wurde, endete das Protektorat. Ceuta und Melilla waren davon nie erfasst und blieben spanisch. Auf diese Konstruktion beruft sich Madrid bis heute. Marokkos Anspruch und der Haken namens GibraltarRabat sieht es anders und beansprucht Ceuta, Melilla sowie kleinere spanische Inselbesitzungen vor der Küste als koloniale Überbleibsel. Ernsthaft durchgesetzt hat Marokko das nie. 2002 besetzten marokkanische Soldaten kurzzeitig das unbewohnte Eiland Perejil, dann zogen sie wieder ab. Heikel ist die Debatte für Spanien aus einem anderen Grund: Madrid fordert seit jeher Gibraltar von Großbritannien zurück, mit antikolonialen Argumenten, die den marokkanischen verdächtig ähneln. Rabat dreht sie einfach um. Spanien hält dagegen: Seit 1995 hat Ceuta ein Autonomiestatut, eine eigene Regierung und Abgeordnete in Madrid. RusslandBetrug beim Drohnenbau? Russischer Mayo-Milliardär Kustow festgenommenWer heute in Ceuta lebtDie Bevölkerung ist etwa je zur Hälfte christlich und muslimisch geprägt, viele Familien haben Verwandte auf beiden Seiten des Zauns. Wirtschaftlich hängt Ceuta an Militär, Verwaltung, Transfers vom Festland und am Handel über die Grenze. Mit rund 30 Prozent hatte die Stadt 2023 die höchste Arbeitslosenquote aller EU-Regionen, direkt dahinter lag Melilla. Auch sonst ist Ceuta kein normales Stück Europa. Die Exklave gehört nicht zum Zollgebiet der Union, im Schengen-System gilt eine Sonderregel: Wer aufs Festland will, wird kontrolliert. Und der Nato-Beistandsfall greift hier nicht, weil der Bündnisvertrag nur Gebiete in Europa und Nordamerika erfasst. Warum an dieser Grenze immer wieder Druck entsteht2021 ließ Marokko die Kontrollen schleifen, rund 8000 Menschen kamen durch. Anlass war ein Streit über die medizinische Behandlung des Polisario-Anführers aus der Westsahara in Spanien. Ruhiger wurde es erst, als Sánchez 2022 auf Marokkos Linie in der Westsahara-Frage einschwenkte. Diesmal schweigt Rabat bislang. Spanische Behörden verweisen auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli: Wer schwimmend ankommt und im Meer aufgegriffen wird, darf nicht im Schnellverfahren zurückgebracht werden. Jeder Fall muss einzeln geprüft werden. In Rom nannte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni die Bilder schockierend, Außenminister Antonio Tajani forderte, den Schengen-Raum für Spanien zu schließen. Stadtpräsident Juan Jesús Vivas verlangt von Madrid den nationalen Notstand, die Aufnahmeeinrichtungen sind seit Tagen überfüllt. Die Frage nach dem Warum ist seit 1668 beantwortet. Offen ist, wie ein Ort mit 83. 000 Einwohnern die Außengrenze eines Kontinents halten soll. Lesen Sie mehr zum Thema

Quelle: berliner-zeitung.de

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