Das Christentum ist nicht völkisch | Warum die Politik der AfD dem biblischen Menschenbild widerspricht.
Eins kann man sagen: Die „Alternative für Deutschland“, gegründet 2013, ist eine rechtslastige, völkisch-nationalistische Partei. Der Bundesverfassungsschutz beobachtet die „Alternative“ schon seit 2018.

Eins kann man sagen: Die „Alternative für Deutschland“, gegründet 2013, ist eine rechtslastige, völkisch-nationalistische Partei. Der Bundesverfassungsschutz beobachtet die „Alternative“ schon seit 2018. Fünf AfD-Landesverbände hat der Verfassungsschutz inzwischen als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Und dennoch haben bei den vergangenen Wahlen auch viele Christen ihr Kreuz auf dem Stimmzettel bei der AfD gemacht und wollen dies bei den nun anstehenden Landtagswahlen tun. Dabei ist die völkische Politik der AfD nicht mit dem christlichen Menschen- und Gottesbild vereinbar. In der AfD sieht man das selbstverständlich ganz anders: Die Partei wolle ja nur die freiheitliche Demokratie verteidigen und die verkrusteten „Altparteien“ zur Rechenschaft ziehen. Die Erzählung ist einfach: Deutschland sei überfremdet und auf dem absteigenden Ast. Schuld daran sind wahlweise die „Alt-68er“, die „Linken“ oder die Fremden, die dem Steuerzahler auf der Tasche lägen und hier nichts zu suchen hätten. Aber Vorsicht: Was die AfD sagt und was sie in Wirklichkeit meint, steht häufig im Widerspruch zueinander. Die Kirchen als GegnerDie AfD beruft sich gern auf das christliche Abendland. Unter dem Dach der „Alternative für Deutschland“ treffen sich unter anderem die „Christen in der AfD“. Zugleich macht die gleiche Partei an anderer Stelle heftige Polemik gegen jene Kirchen, deren Glauben sie doch zu vertreten vorgibt. Im Entwurf ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt hieß es zum Beispiel: „Die großen Kirchen schaden dem Glauben. “ Später wurde das etwas abgemildert. Jetzt ist zu lesen: „Da die Kirchensteuerkirchen das nicht mehr vermitteln und sich vielfach vom christlichen Auftrag entfernt haben und vor allem gesellschaftspolitisch aktiv sind, können sie keine Sonderstellung durch Kirchensteuereinzug und Staatsleistungen beanspruchen. “Die AfD will den Kirchensteuereinzug und am besten auch die Staatsleistungen abschaffen, weil angeblich die Kirchen nicht nur über den Glauben reden, sondern auch über Gesellschaftspolitik. Das Letztere ist der AfD gar nicht recht. In ihr Verdikt über die Kirchen bezieht sie offenbar auch die jüdischen Gemeinden mit ein, die ihre Mitgliedsbeiträge genauso wie die großen Kirchen vom Staat einziehen lassen. Märchen verbreitetDass der Staat den Kirchensteuereinzug nicht für „Gotteslohn“ macht, sondern für diese Dienstleistung von der Glaubensgemeinschaft entlohnt wird, verschweigen die AfD-Autoren. Stattdessen wird das Märchen von den „Kirchensteuerkirchen“ verbreitet, die der Bevölkerung auf der Tasche liegen. Dabei gehen in Sachsen-Anhalt drei Prozent des Kirchensteuerertrages als Pauschalgebühr an die Landeskasse. Der Kirchensteuereinzug ist also kein schlechtes Geschäft für den StaatIm Falle eines Wahlsieges in Sachsen-Anhalt kündigte die AfD außerdem an, dass die Evangelische Akademie kein Geld aus dem Landesetat erhalten solle, da sie „politische Agitation im Sinne der Altparteien“ betreibe. Genannt werden „Klimadoktrin, Genderismus und Regenbogenkult“, eine „sozial-ökologische Transformation“ und die angebliche Unterstützung einer „ungezügelten Masseneinwanderung“. Stattdessen will man nun „kleine Kirchen fördern“. Oder konkreter: „Erst wenn die Kirchen unabhängig von staatlichen Geldzahlungen sind, können sie ihre positive Wirkung entfalten. “Daher weht der Wind also. Es geht nicht allein um die Finanzierung kirchlicher Einrichtungen. Angegriffen wird eine Kirche, die sich öffentlich zu gesellschaftlichen Fragen äußert, für Menschenrechte eintritt und den Schutz von Minderheiten einfordert. Zerschnittenes TischtuchDass zwischen der evangelischen wie auch der katholischen Kirche und der AfD das Tischtuch zerschnitten ist, ist schon länger bekannt. Die Evangelische Kirche in Deutschland formulierte es im Dezember 2023 so: „Die menschenverachtenden Haltungen und Äußerungen insbesondere der rechtsextremen Kräfte innerhalb der AfD sind mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens in keiner Weise vereinbar. “ Diese Position ist eindeutig. Im Februar 2024 äußerte sich die Deutsche Bischofskonferenz ähnlich: „Wir sagen mit aller Klarheit: Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer Betätigung sein und sind auch nicht wählbar. “Das sind klare Worte. Auch eine Reihe freikirchlicher Gemeinden äußerte sich ähnlich. Der entscheidende Gegensatz liegt im Menschenbild. Nach christlichem Verständnis besitzt jeder Mensch eine unveräußerliche Würde. Sie hängt weder von Herkunft und Staatsangehörigkeit noch von Religion, Hautfarbe oder Geschlecht ab. Ein völkisches Denken, das Menschen nach ihrer Abstammung einteilt und die Zugehörigkeit zum Volk zum entscheidenden politischen Maßstab macht, widerspricht diesem Verständnis. Verbotsverfahren?Verbotsverfahren, wie sie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bereits durchgeführt wurden, sind rechtlich möglich und ein legitimes Mittel der wehrhaften Demokratie. Sie sollten aber erst ergriffen werden, wenn alle Bedingungen für den Erfolg eines solchen Verfahrens erfüllt sind. Es muss unser Anspruch bleiben, die AfD politisch und inhaltlich zu stellen. Das ist mühsam, aber notwendig. Hier sind alle Demokratinnen und Demokraten gefordert, denen ihr freiheitliches Land lieb und wert ist. Geschichtsklitterung und AusgrenzungDie AfD bekennt sich zur deutschen Geschichte – allerdings nur in Ausschnitten. Goethe, Schiller und Hölderlin werden gerne zitiert. Aber es gibt befremdliche Lücken. Die NS-Diktatur findet faktisch kaum statt. Der Zweite Weltkrieg, den Deutsche vor allem im Osten erbarmungslos geführt hatten, der beispiellose Versuch, die Jüdinnen und Juden in Europa vollständig auszulöschen, die sogenannte „Euthanasie“ und die Verbrechen gegen Minderheiten im eigenen Land kommen bestenfalls am Rande vor. Das sei „nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, beschied der heutige Ehrenvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, als er 2018 bei der Jungen Alternative sprach. Bei der AfD verschwimmen zugleich die Grenzen des Sagbaren über den Holocaust oder generell zum Antisemitismus. Sie spricht von „Hochfinanz“ oder „Finanzelite“ und gebraucht Namen wie George Soros. Auf den ersten Blick sind das unschuldige Worte. Wer sich etwas im „AfD-Sprech“ auskennt, weiß jedoch, mit welchen antisemitischen Chiffren hier gespielt wird. Charlotte Knobloch, die als Jüdin die Verbrechen des Nationalsozialismus überlebte, warnt: Die AfD stehe für „Holocaustrelativierung oder gar -leugnung sowie offene Nähe zur Neonaziszene“. Für jüdische Menschen sei die Partei „nicht wählbar“. „Remigration“ als „Versprechen“Doch auch bei anderen Themen gilt: Was die Partei in mehr oder weniger wohlfeilen Worten sagt und was sie in Wahrheit erreichen will, spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. Im Zweifelsfall hat man es nie so gesagt oder zumindest nicht so gemeint. Die AfD fordert die Rückführung von Migranten im großen Stil. Was sich konkret hinter den „Remigrations“-Fantasien verbirgt, lässt die Partei häufig offen. Die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel erklärte auf dem Parteitag in Riesa Anfang 2025: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration. “Björn Höcke wurde schon 2018 konkreter. Er forderte ein „groß angelegtes Remigrationsprojekt“, bei dem man nicht um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ herumkommen werde. Der Bundestagsabgeordnete René Springer schrieb: „Wir werden Ausländer in ihre Heimat zurückführen. Millionenfach. Das ist kein Geheimplan. Das ist ein Versprechen. “Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt setzt die AfD auf „Remigration“ als bestimmendes Leitmotiv. Im Wahlprogramm ist von der „illegalen, kulturfremden und inländerfeindlichen Massenmigration“ die Rede. Eine Weiterreise nach Deutschland sei keine Flucht, sondern „der Weg ins deutsche Sozialstaatsparadies“. Menschenrechte gelten für alleDie Abwertung von Menschen, die bei uns Schutz suchen oder hier arbeiten und leben, ist kein nebensächlicher Teil der AfD-Programmatik. Sie gehört zu ihren Grundkonstanten. Der Groll richtet sich vor allem gegen diejenigen, die aus islamischen Ländern kommen – selbst wenn sie als dringend benötigte Ärzte oder Pflegekräfte bei uns arbeiten. Die Menschenrechte aber gelten für alle. Der christliche Glaube kennt keine Abstufung der Menschenwürde nach Pass, Abstammung oder kultureller Nähe. Die AfD sieht sich als Kämpferin gegen eine angebliche „Regenbogenideologie“, der Deutschland hilflos ausgeliefert sei. Doch was hat es eigentlich mit dem Regenbogen auf sich? Das Bild geht auf die Bibel zurück. Noah hatte durch Gottes Gnade die Sturmflut überlebt und mit ihm die Tiere, die er in die Arche gebracht hatte. Danach machte Gott einen Bund mit Noah. Zum sichtbaren Zeichen dieses Bundes richtete er seinen Regenbogen auf. Eigentlich ist das ein schönes Bild. Der Bund Gottes schließt auch diejenigen Menschen ein, die Gott nach ihren eigenen Bedürfnissen zurechtstutzen oder ihn ganz verleugnen wollen. Es gibt also noch Hoffnung – selbst für die AfD. Das biblische Zeichen lässt sich jedenfalls nicht als Symbol der Abgrenzung verstehen. Es erinnert an Gottes Zusage an die gesamte Menschheit und an die Bewahrung des Lebens. Kein christliches Abendland ohne NächstenliebeDie AfD stellt sich gern als Bewahrerin des christlichen Abendlandes dar. Doch ein politisches Programm wird nicht dadurch christlich, dass es christliche Begriffe benutzt. Entscheidend ist, welches Menschenbild dahintersteht und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Das gilt ebenso für Antisemitismus, die pauschale Abwertung von Muslimen und Migranten sowie für die Vorstellung, Menschenrechte könnten abhängig von Herkunft oder Zugehörigkeit gewährt werden. Christinnen und Christen können in vielen politischen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein: in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, bei der Gestaltung der Migration, in Fragen von Sicherheit, Klima oder europäischer Integration. Nicht zur Disposition stehen aber die unteilbare Menschenwürde, der Schutz von Minderheiten und die Verantwortung für Menschen, die verfolgt werden. Die Parteien der demokratischen Mitte sollten mit der AfD nicht nur über Migration diskutieren, sondern über alle Punkte, die in ihrem Parteiprogramm bemerkenswert unterbelichtet sind: Wirtschafts- und Steuerpolitik, Verteidigungspolitik, Umweltpolitik, Rente, Krankenkassen, Kultur und Wissenschaft. Sie sollten die AfD fragen, wie sie zur deutschen Geschichte steht und welche Folgerungen sie daraus zieht. Vor allem aber müssen wir sie fragen, ob die Menschenrechte für alle gelten – unabhängig von Religion, Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht. Für Christinnen und Christen kann die Antwort darauf nur eindeutig sein.