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Das «Schlitzohr» der Zürcher Politik – So hat Niklaus Scherr die Stadt geprägt

Er bekämpfte die Europaallee, rettete die EWZ, gründete die Alternative Linke mit und lancierte das Airbnb-Verbot. Heute ist Niklaus «Niggi» Scherr 82, noch immer nicht müde – und tief verankert im Kreis 4. Ein Porträt. .

Von Dominik Fischer · · 9 min Lesezeit

Das «Schlitzohr» der Zürcher Politik – So hat Niklaus Scherr die Stadt geprägt

AL-UrgesteinEr bekämpfte die Europaallee, rettete die EWZ, gründete die Alternative Linke mit und lancierte das Airbnb-Verbot. Heute ist Niklaus «Niggi» Scherr 82, noch immer nicht müde – und tief verankert im Kreis 4. Ein Porträt. Niggi Scherr sass 38 Jahre im Zürcher Gemeinderat und begleitet das politische Geschehen auch mit 82 Jahren noch eng. (Bild: Dominik Fischer)Viele seiner Lieblings-«Spunten» sind um zehn Uhr morgens noch nicht offen. Nur deshalb schlägt Niklaus «Niggi» Scherr als Treffpunkt für unseren Spaziergang das Volkshaus vor, das als klassisches SP-Etablissement gilt. Denn Scherr, inzwischen 82, ist politisch links der Sozialdemokrat:innen zuhause. 38 Jahre lang sass er im Zürcher Gemeinderat, zunächst als Abgeordneter der kommunistischen Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH), dann für die Alternative Linke (AL), die er mitgegründet hat. Scherr, das wird gleich deutlich, hat nichts von seiner Schärfe verloren und ist noch immer mitten drin im stadtpolitischen Geschehen. So stammte die Wohnschutz-Initiative, über die im Juni abgestimmt wurde, massgeblich aus seiner Feder. Das Wichtigste aus ZürichJeden Morgen findest du im Züri Briefing kuratierte News, Geschichten und Tipps für den Tag. Bereits 33'500 Menschen lesen mit. Kostenlos abonnierenHier, im Langstrassen-Quartier, wo Scherr seit 1972 wohnt, wird auch sein jüngster politischer Erfolg stark Einfluss nehmen: Ende Juni hat das Bundesgericht der Stadt darin Recht gegeben, dass sie Airbnbs und Business-Apartments entscheidend einschränken darf. Es war ein steiniger Weg zum Erfolg, den Niggi Scherr mit einer Motion aus dem Jahr 2009 angestossen hat. Ein besonderes Gespür für «Möglichkeitsfenster»Ein wichtiges Merkmal Scherrs: Die Verbindung von Politik und Aktivismus. Neben seiner parlamentarischen Tätigkeit engagierte er sich im Mieter:innenverband, als Gewerkschaftssekretär und als Journalist. «Bodenhaftung» nennt Scherr das und erzählt: «Ich habe in meiner Generation viele linke Zyniker:innen erlebt. » Sie seien mit grossen Ambitionen in die Politik eingetreten und hätten sich an der Realpolitik verbrannt. Zwar wäre er auch gern Nationalrat geworden, «aber nicht um jeden Preis». Bei den Nationalratswahlen 1991 musste er sich knapp Christine Goll von der «FraP» («Frauen macht Politik!», inzwischen aufgelöst) geschlagen geben. Und ein Wechsel zur SP, für bessere Chancen auf einen National- oder Stadtratssitz, kam für ihn nicht infrage. Das hat vielleicht auch mit einer prägenden Erfahrung zu tun, die geschah, als Scherr 14 Jahre alt war. «Mein Vater hat es zum KMU-Unternehmer geschafft, ist dann aber mit 51 Jahren gestorben. Das hat mir gezeigt, dass man für den sozialen Aufstieg häufig einen zu hohen Preis zahlt», erinnert sich Scherr. Statt auf höhere Ämter zu schielen, hielt Scherr in der Folge stets die Augen offen nach konkreten Momenten, die politische Erfolge möglich machen. «Windows of Oppurtunity» nennt er das, «Möglichkeitsfenster». Ein solches hätte sich etwa geöffnet, als Richi Wolff für die AL im Jahr 2013 den ersten Stadtratssitz eroberte. Bedingungen dafür waren eine starke Mobilisierung der AL und eine allzu siegessichere FDP, die den Sitz des zurückgetretenen Martin Vollenwyder schliesslich nicht halten konnte. Auch für einen seiner grössten politischen Erfolge brauchte es ein solches «Möglichkeitsfenster». So schafften es Scherr und die AL 2000 und 2021, die Privatisierung der Stromversorger EWZ und EKZ zu verhindern. Auch am nationalen Nein zur Strommarktliberalisierung im Jahr 2002 war Scherr massgeblich beteiligt. «Ein Hattrick», sagt er, und fügt an: «Das war ein strategischer Durchbruch der Linken, um die Privatisierungswelle der 90er-Jahre zu brechen. Die Privatisierung der Stromversorgung ist seither praktisch vom Tisch. »Im Gemeinderat gab es «viel sportlichen Wettbewerb»Obwohl seine Partei links der SP politisiert, liest Scherr jeden Morgen den Wirtschaftsteil der NZZ, einmal die Woche trifft er einen pensionierten Banker mit SVP-Sympathien im Restaurant Morgenstern zum Mittagessen. «Das war eine zufällige Begegnung, weil er und ich beide regelmässig alleine dort assen», sagt er. «Auch wenn wir uns über Politik austauschen, ist es ein angenehmer, zivilisierter Diskurs. »«Gesellschaftliche Verbesserungen entstehen durch Kämpfe und Auseinandersetzungen. »Niklaus «Niggi» Scherr, Alt-Gemeinderat und AL-MitgründerDie Fähigkeit, mit harten Bandagen zu kämpfen, aber auch politische Brücken zu schlagen, attestieren Scherr auch politische Weggefährt:innen. So sagt Michael Schmid von der FDP, der zwischen 2008 und 2017 gemeinsam mit ihm im Gemeinderat sass: «Scherr hat es immer wieder geschafft, mit Politiker:innen anderer Lager Kompromisse zu finden, auch wenn es Differenzen gab. » Ausserdem sei Scherr einer gewesen, «der zwar austeilen, aber auch einstecken konnte». Auch die einstige SP-Stadträtin Claudia Nielsen kennt Scherr schon lange: von 1994 bis 2010 sassen sie und Scherr gemeinsam in Gemeinderat und verantworteten Abstimmungskämpfe. Dort schätzte Nielsen seine Tatkraft und dass er sich an Abmachungen hielt. Als «politisch prägende Figur» bezeichnet sie Scherr und betont zugleich: «Seinen Respekt musste man verdienen und wenn ihm etwas nicht passte, konnte es laut und heftig werden. » Politisch sei er meist weit links gestanden, gelegentlich jedoch war er «erstaunlich pragmatisch bis auch mal konservativ». Scherr warnt vor der «Bubble» und linker ÜberheblichkeitHeute stellt Scherr in der Stadt Zürich eine Generation junger, linker Politiker:innen fest, die stark in ihrer Bubble bleibe und nicht gelernt habe, Widerstände zu überwinden. «Gewisse Gemeinderät:innen sehen die rot-grüne Mehrheit als selbstverständlich und abrufbar an, füllen den Bestellzettel aus und schicken ihn an den Stadtrat», beschreibt er. Dabei bleibe es auch bei grosser politischer Mehrheit wichtig, die anderen Perspektiven ernst zu nehmen und einzubeziehen. Denn: «Gesellschaftliche Verbesserungen entstehen durch Kämpfe und Auseinandersetzungen. »Genau diese Überzeugung ist es, die vielen von Scherrs politischen Vorstössen zum Erfolg verholfen hat. Als er in der Kommission im Jahr 2011 den Artikel zum wohnpolitischen Drittelsziel schrieb, war es ihm wichtig, die EVP und die CVP für die Vorlage zu gewinnen. Linken Politiker:innen, die ihm sagten, eine links-grüne Mehrheit sei doch genug, entgegnete Scherr: «Ich will nicht 51 Prozent Stimmen, sondern mindestens zwei Drittel. » Zum Schluss wurde die Vorlage an der Urne mit 76 Prozent angenommen. Seit 1972 wohnt Niggi Scherr im Kreis 4. Restaurants wie das Gambrinus oder den Morgenstern bevorzugt er gegenüber den hippen, neuen Lokalen. (Bild: Dominik Fischer)Kurzzeitig wohnte Scherr über dem Kino Roland, im Gebäude rechts daneben hielt einst die Arbeitsgemeinschaft für Drogenlegalisierung ihre Sitzungen ab. (Bild: Dominik Fischer)Wo es heute tibetische Momos gibt, sass man früher in der Bierhalle zum Krokodil. Ein Schriftzug an der Fassade erinnert noch daran. (Bild: Dominik Fischer)Für die Europaallee hingegen hat Scherr keine Liebe übrig, politisch hat er das Projekt vergeblich bekämpft. (Bild: Dominik Fischer)«Die Europaallee ist einfach Mist»Wie fest Scherr im Quartier verankert ist, wird auf einem kleinen Spaziergang deutlich. Nicht nur kann Scherr zu jedem Gebäude eine Geschichte erzählen, sondern auch dazu, wie sich das Quartier entwickelte, wie die Besitzstrukturen sind, wie nie realisierte Baulinien das Quartier prägen, und wieso die Langstrasse leicht krumm ist. (Antwort: weil das Quartier historisch landwirtschaftlich geprägt war und sich die Langstrasse etwa an alten Flurwegen orientierte). Kurzzeitig wohnte er über dem Kino Roland, im Gebäude nebenan hielt die Arbeitsgemeinschaft für Drogenlegalisierung ihre Sitzungen ab, ein paar Häuser weiter traf sich die Gruppe «Luft und Lärm», die mit Langstrasse-Blockaden gegen die Luftverschmutzung protestierte. Er zeigt in eine Seitenstrasse: «In diesem Restaurant wurden in den 90er-Jahren Gelder für den Kosovokrieg organisiert und in diesem Keller trafen sich die Tamil Tigers zu Schulungskursen», weiss er. Den Morgenstern, das Gambrinus, den Strauss und die Mars Bar zieht er den hippen Bars vor, die in den letzten Jahren aus dem Boden gesprossen sind. Und angekommen an der Kreuzung Langstrasse/Lagerstrasse, sagt er mit Blick auf die Europaallee: «Das hier ist einfach Mist. » Scherr hatte den Gestaltungplan für das Grossprojekt vergeblich bekämpft, ebenso wie die der Stadt aufgezwungene Bau- und Zonenordnung des SVP-Baudirektors Hans Hofmann im Jahr 1995. «Die eine Hälfte entschied sich für den bewaffneten Kampf, die andere rutschte in den harten Drogenkonsum ab. »Niklaus Scherr über seine Zeit in Paris Ende der 60er-JahreSchlitzohrig, bodenständig, verwurzeltDoch der nächste kleine Triumph Scherrs wartet bereits auf der anderen Seite der Gleise: der Abschnitt Zollstrasse West. Scherr konnte einen Satz in die Pläne zur Europaallee reinschmuggeln, der einen Gestaltungsplan für die Zollstrasse vorschrieb. Nur so wurde es möglich, dass die Genossenschaft Kalkbreite den Abschnitt Zollstrasse West zu günstigen Konditionen kaufen konnte. Heute befinden sich darin preisgünstige Wohnungen, die queerfreundliche Bar «Gleis» und das Restaurant «Osso». Ein bisschen «Schlitzohrigkeit» gehöre für ihn in der Politik dazu. Ab und zu habe er auch mal einen Geschäftsordnungs-Paragrafen erfunden, um eine politische Debatte im Gemeinderat zu gewinnen. Scherr, das wird im Gespräch immer wieder klar, ist rhetorisch scharf und zugleich bodenständig. Geprägt wurde er dabei auch durch seine Zeit in Paris, wo er sich Ende der 60er-Jahre an den Studierendenprotesten beteiligte und ursprünglich ein Amt als Literaturprofessor anstrebte. Seine Pariser Kolleg:innen diskutierten nächtelang philosophische Texte und über die Weltrevolution. Ein Grund für seine «Flucht» in die Schweiz im Jahr 1969 sei gewesen, dass er wieder «den Boden unter den Füssen» suchte. «Die eine Hälfte entschied sich für den bewaffneten Kampf, die andere rutschte in den harten Drogenkonsum ab», erinnert sich Scherr. Er hingegen zog in den Kreis 4, konzentrierte sich auf Politik von unten, gründete die linkste Partei des Zürcher Parlaments mit und hat an zahlreichen Ecken und Winkeln die Stadt Zürich geprägt, in der wir heute leben. Ohne Deine Unterstützung geht es nicht. Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. 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Quelle: tsri.ch

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