Der Fall Ruck: In der Politik hat alles Konsequenzen
Der Chef der Wiener Wirtschaftskammer sorgt mit Vetternwirtschaft, Postenschacher und Frauenfeindlichkeit für Kopfschütteln und schafft es dennoch, sich fest im politischen Sattel zu halten. Egal. . .
Es ist schon wieder was passiert, würde Krimiautor Wolf Haas schreiben. Und zwar in der Wirtschaftskammer, genauer in der Wiener Kammer, wo Walter Ruck als Präsident die Hauptrolle in einer Realsatire spielt. Zuerst hat er seine Frau und seine Söhne protegiert und ihnen ein paar Posten verschafft. Ein Sohn avancierte zum Innungsmeister der Sparte Gewerbe und Handwerk und wurde in den Wiener Landesstellenausschuss der AUVA entsandt. Für den zweiten Sohn wurde ein Platz im Landesstellenausschuss der Pensionsversicherung frei. Und Rucks Lebensgefährtin bekam den Vorsitz im Landesstellenausschuss in der Sozialversicherung der Selbstständigen. Darüber hinaus hat Ruck dem ehemaligen ÖVP-Wien-Chef Manfred Juraczka den Job des zweiten Geschäftsführers der Wirtschaftsagentur Wien zugeschanzt. Dafür brauchte es keine Ausschreibung, sondern nur ein Stelz‘n-Essen im Schweizerhaus mit dem Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig„Du, Michi. . . “, und Walter bekam, was er wollte. Im Gegenzug macht er, falls die Wiener ÖVP „keck“ wird, dann „zweimal Wumm, und es ist wieder Ruhe“, wie er in einem heimlich aufgezeichneten Gespräch in einer Männerrunde Ende vergangenen Jahres erzählt hat. Jetzt sind seine Eskapaden, mit denen er vor „Freunden‘“ geprahlt hat, „geleakt“ worden, wie es heißt. Bekannt wurde deshalb auch, dass Ruck Frauen mag, die von ihm einen Befehl bekommen und dann salutieren. So wie seine Wirtschaftskammervizepräsidentin Margarete Kriz-Zwittkovits, die für Rucks Sohn Alexander Platz machte und nicht mehr für den Gemeinderat kandidierte. Sie hat sich nun übrigens demonstrativ hinter Ruck gestellt und ihn als Mann bezeichnet, der „Frauen bewusst fördert“. Und das offenbar, obwohl er mit Frauen nicht Zigarre rauchen und in den Weinkeller gehen kann, wie er in der Männerrunde erklärt hat. Als Baumeister ist Ruck offenbar geübt daran, auch die größte politische Baustelle zu planieren. Es bleibt nur noch die Frage: Was hat Walter Ruck, was Harald Mahrer nicht hatte? Denn bekanntlich dauerte es bei Mahrer wenige Tage, bis ihm seine eigenen Parteifreunde aus der Wirtschaftskammer gejagt haben. Damals, im November vorigen Jahres, ging es um üppige Lohnerhöhungen innerhalb der Wirtschaftskammer, um hohe Gagen für die Spitzenfunktionäre und – höflich formuliert – eine katastrophale Kommunikation. Für Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanne Mikl-Leitner war das ein „Frontalschaden“ und tags darauf war Mahrers Pickerl in der Kammer abgelaufen. Und Ruck? Da gibt es Rücktrittsforderungen von der FPÖ und den Grünen. Aber unter den Koalitionspartnern herrscht eisernes Schweigen. Wie sensationell wäre es, würden ÖVP, SPÖ und Neos ihre Regierungsarbeit nur annähernd so konsequent umsetzen wie sie einen längst untragbar gewordenen Kammerkaiser die Stange halten?Es gab eine Zeit, da reagierte die Öffentlichkeit auf derartig dreiste Eskapaden mit Betroffenheit, mitunter sogar mit Wut. Das hat sich geändert. Heute wird über die Rucks, Straches, Gusenbauers, Grassers, Nevriviys, Karmasins und wie sie alle heißen, die großen und kleinen Fische im politischen Biotop eher bittersüß gelächelt. Wut und Enttäuschung werden still und leise in der Wahlkabine artikuliert. In der Politik hat nämlich alles Konsequenzen. Nicht immer sofort, nicht immer für jene, die es angeht. Aber abgerechnet wird immer. E-Mails an: gerhard. hofer@diepresse. obfuscationcom