Die nächste Eskalation in Nahost: Der Bürgerkrieg im Jemen flammt. . .
Gleich an mehreren Fronten verschärft sich der Konflikt zwischen der schiitischen Miliz und der jemenitischen Regierung. Die Houthis zeigen, dass sie iranische Taktiken übernommen haben – und zu. . .

Es begann mit dem Beschuss der Landebahn. Mitte Juli setzte ein Flugzeug gerade zur Landung in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa an, als die Angriffe die Ankunft unmöglich machten. Im Flugzeug saß eine hochrangige Delegation der schiitischen Huthi-Rebellen – sie kehrten gerade aus dem Iran zurück, wo sie an den Trauerfeierlichkeiten für den getöteten Religionsführer Ali Khamenei teilgenommen hatten. Der Flieger änderte die Route und flog weiter Richtung Hodeida. Aber für die Houthis war der Vorfall Grund genug, um endgültig die Konfrontation mit Saudiarabien zu suchen. Und somit droht der Bürgerkrieg im Jemen erneut aufzuflammen. Die Houthis machen Riad für den Angriff auf die Landebahn verantwortlich. Die Hauptstadt mag zwar unter der Kontrolle der Miliz stehen, aber über den Luftraum herrscht auch die von Saudiarabien unterstützte jemenitische Regierung. Die Fronten zwischen den beiden Parteien verhärten sich wieder. Die Houthis haben in den vergangenen Tagen den von der Regierung kontrollierten Hafen Mokka mit ballistischen Raketen beschossen; es gab auch zivile Todesopfer zu beklagen. Großangriff auf MokkaDie jemenitische Regierung reagiert mit Gegenangriffen. Mit saudischer Unterstützung habe die Regierung „ihre militärische Bereitschaft erhöht, erstmals eigene Drohnenfähigkeiten öffentlich präsentiert und führt mittlerweile über 133 Operationen innerhalb von 24 Stunden durch, unterstützt durch Raketenartillerie und Drohnen“, sagt die Anthropologin und Jemen-Expertin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Marieke Brandt. Die Houthis hingegen, die ebenfalls über ein stattliches Arsenal verfügen, hätten mit dem Großangriff auf Mokka bewiesen, dass sie zu koordinierten Großangriffen fähig sind, so Brandt. Die Houthis griffen auch Saudiarabien direkt an, etwa in Najran an der jemenitischen Grenze oder die Aramco-Raffinerien in Jizan. Allein in Najran starben mehrere Zivilisten, darunter Kinder, wie es aus Riad heißt. Saudiarabien zeigt sich noch zurückhaltend, obwohl die Houthis auch an anderer Stelle gegen das Königreich vorgehen. Gleich nach dem Angriff auf die Landebahn kündigten die Rebellen eine Seeblockade im Roten Meer auf saudische Schiffe an; immer wieder attackieren sie Tanker an der für den Welthandel bedeutsamen Bab-al-Mandab-Straße im Horn von Afrika. Für Riads Rohstoffbranche, die durch den Iran-Krieg und das Chaos in der Straße von Hormuz ohnehin schwer strauchelt, ist das ein Desaster. Riad sucht den Ausweg aus dieser Lage einerseits mit einem Verteidigungsabkommen mit der Türkei und Pakistan – das Mekka-Bündnis wurde dieser Tage feierlich vorgestellt. Andererseits will das Königreich enger mit Washington kooperieren, auch wenn Saudiarabien wegen des Iran-Krieges der Regierung Donald Trumps nicht mehr über den Weg traut. Riad wolle verhindern, so Brandt, „dass die Huthi-Iran-Achse mit der Meerenge des Bab al-Mandab dauerhaft eine zweite maritime Schlüsselposition neben der Straße von Hormuz kontrolliert und diese als Druckmittel einsetzt“. Nach dem verheerenden Jemen-Krieg, den Saudiarabien mit seinen Verbündeten ab 2015 anzettelte, setzte Riad in den vergangenen Jahren auf Deeskalation. Mit dem regelrechten Niederbomben des südlichen Nachbarlandes wollte das Königreich die Houthis schwächen, das exakte Gegenteil ist passiert – abgesehen von der immensen humanitären Katastrophe, von der sich Jemen bis heute nicht erholt hat. Der UN-Waffenstillstand aus dem Jahr 2022 hing ohnehin an einem seidenen Faden, es kam nie zu einem endgültigen Friedensabkommen. Mehr dazuDie Houthis kontrollieren mittlerweile ein Gebiet, in dem zwei Drittel der Bevölkerung lebt – das Hochland, die Hauptstadt, Teile der Küste mit wichtigen Häfen. Doch Saudiarabien blockiert jene Häfen im Jemen, die die Houthis kontrollieren, etwa in Hodeida. Die Rebellen wollen die Blockade aufgehoben wissen. Sie selbst können in der Bab el-Mandab-Straße mit weiteren Angriffen auf Tanker viel Schaden für den Welthandel anrichten. Die international anerkannte Regierung befindet sich im Süden und Osten des Landes und hat ihren de-facto-Sitz in der Hafenstadt Aden. An mehreren FrontenWas die Houthis zuletzt auch gezeigt haben: Dass sie an mehreren Fronten operieren können. „Sie greifen kommerzielle Schiffe in der Bab-al-Mandab-Straße an, attackieren Saudiarabien direkt mit Drohnen und führen zugleich massive Angriffe entlang der jemenitischen Westküste und der Taiz-Front durch“, sagt Brandt. Bei Taiz im Südwesten des Landes, wo es zuletzt eigentlich relativ ruhig war, wollen die Houthis Gebietsgewinne von der jemenitischen Regierung erzielen. Es sei insgesamt bemerkenswert, sagt Brandt, dass die Miliz iranische Taktiken übernommen habe – etwa den Einsatz von Schiffen als schwimmende Abschussplattformen für Drohnen. „Ich fordere alle Parteien nachdrücklich auf, unverzüglich alle Handlungen einzustellen“, sagte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk. Die neue Eskalation berge die Gefahr, das Land erneut in einen „umfassenden Konflikt“ zu stürzen. In seiner Berichterstattung vor dem UN-Sicherheitsrat vor wenigen Tagen zeichnete der UN-Sondergesandte für den Jemen, Hans Grundberg, ein besorgniserregendes Bild. Die Gefahr, dass der Jemen wieder komplett im Bürgerkrieg versinke, sei seit dem Waffenstillstand 2022 nie so groß gewesen.