„Es geht um unsere Bürger“: Oer-Erkenschwicks Politik übt Kritik an neuen Bustarifen
Seit Juni ist die Busfahrt von Oer-Erkenschwick nach RE mit dem klassischen Ticket deutlich teurer. Im Stadtrat wurde über Folgen der VRR-Tarifreform diskutiert. Darum geht‘s:Die Tarifreform des VRR verdoppelt. . .

Seit Juni ist die Busfahrt von Oer-Erkenschwick nach RE mit dem klassischen Ticket deutlich teurer. Im Stadtrat wurde über Folgen der VRR-Tarifreform diskutiert. Darum geht‘s:Die Tarifreform des VRR verdoppelt Ticketpreise für die Verbindung nach Recklinghausen. Digitale Tickets sind günstiger, benachteiligen aber Menschen ohne Smartphone oder App-Nutzung. Die Stadt plant Gespräche mit dem VRR und Informationsveranstaltungen für Fahrgäste. Seit Juni ist die Busfahrt vonOer-Erkenschwicknach Recklinghausen für viele Fahrgäste deutlich teurer. Wer ein klassisches Einzelticket kauft, zahlt statt 3,80 Euro nun 7,80 Euro. Über das digitale Tarifsystem eezy. nrw kostet dieselbe Strecke dagegen oft nur rund 3,18 Euro. Dieser Unterschied sorgt seit Ende Mai für Diskussionen. Denn nicht alle Fahrgäste besitzen ein Smartphone oder kommen mit Apps und digitalen Bezahlsystemen zurecht. Die SOE-Fraktion – Senioren für Oer-Erkenschwick – griff das Thema deshalb mit einem Antrag im Stadtrat auf. Günstiger nur mit AppViele Menschen aus Oer-Erkenschwick sind im Alltag auf die Verbindung nach Recklinghausen angewiesen: für Arztbesuche, das Krankenhaus, Behördengänge, weiterführende Schulen oder zum Einkaufen. Wer regelmäßig fährt, spürt die Mehrkosten schnell. Drei Hin- und Rückfahrten pro Woche kosten mit klassischen Einzeltickets 46,80 Euro statt bislang 22,80 Euro. Große Plakate an den Bushaltestellen der Vestischen, hier am Berliner Platz in Oer-Erkenschwick, wiesen auf die Tarifreform hin. © Regine KleinGrund für die höheren Preise ist die zweite Stufe der Tarifreform des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr, die am 1. Juni in Kraft getreten ist. Der bisherige 2-Waben-Tarif ist entfallen. Fahrten in ein benachbartes Tarifgebiet fallen nun in die Preisstufe B. Für die Verbindung nach Recklinghausen bedeutet das eine Preissteigerung von gut 105 Prozent. „Mobil ohne Auto“ kaum genutztAus Sicht der SOE liegt das Problem vor allem darin, dass das deutlich günstigere Angebot digital ist. Wer eezy. nrw nutzt, muss sich über eine App ein- und auschecken. SOE-Fraktionschef Klaus Skodell kritisierte in der Ratssitzung, dass damit nicht alle Fahrgäste gleichermaßen erreicht würden. Ohne das günstigere eezy-Ticket drohe eine Benachteiligung derjenigen, die digitale Angebote nicht nutzen könnten. „Es geht um unsere Bürger“, sagte Skodell. Die Fraktion fordert deshalb mehr Unterstützung beim Umgang mit digitalen Tickets und weiterhin verständliche und bezahlbare Möglichkeiten für Fahrgäste ohne App. Zudem bilde die neue Tarifstruktur die tatsächlichen Verkehrswege vieler Oer-Erkenschwicker nicht ausreichend ab. Zwar gehören Oer-Erkenschwick, Waltrop und Datteln zu einem Tarifgebiet, im Alltag orientierten sich viele Menschen jedoch stärker nach Recklinghausen. Wer über Tarife entscheidetÄndern können die Tarifstruktur allerdings weder die Stadt noch die Vestische. Zuständig ist der VRR. Darauf wurde auch in der Ratssitzung mehrfach hingewiesen. Ein weiterer Punkt des SOE-Antrags war die Aktion „Mobil ohne Auto“. Wer freiwillig und dauerhaft auf seinen Führerschein verzichtet, erhält für drei Monate ein kostenloses Deutschlandticket. Nach Angaben der Stadt wurde das Angebot in Oer-Erkenschwick in den Jahren 2025 und 2026 bislang nur von fünf Personen genutzt. Diese Grafik zeigt den Verbundraum des VRR ab dem 1. Juni. © VRRZu einer Abstimmung über den Antrag kam es nicht. Mehrere Redner verwiesen darauf, dass die Stadt weder über die Tarife des VRR noch unmittelbar über die Arbeit der Vestischen entscheiden kann. Bürgermeister Shoaiub Nazir machte zugleich deutlich, dass die Folgen der Reform nicht nur Senioren betreffen. Auch Jugendliche und andere Fahrgäste seien auf einen attraktiven, bezahlbaren und für alle zugänglichen Nahverkehr angewiesen. Nazir kündigte an, das Thema im Austausch mit anderen Bürgermeistern im Kreis und dem Kreistag anzusprechen. Vestische bietet Infos anHeinz Schnettger, Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters, wies ebenfalls auf die begrenzten Einflussmöglichkeiten der Kommune hin. Grünen-Ratsmitglied Silke Krieg, die dem Aufsichtsrat der Vestischen angehört, betonte, dass die Verantwortung nicht allein beim Verkehrsunternehmen liege. CDU-Fraktionschef Dominic Colloff sprach sich dafür aus, die Tarifreform und ihre Folgen in den zuständigen Ausschüssen weiterzuberaten. Dazu soll die Vestische eingeladen werden, um die Hintergründe und die Auswirkungen auf Fahrgäste aus Oer-Erkenschwick zu erläutern. Inzwischen hat die SOE nach eigenen Angaben mit der Geschäftsführung der Vestischen gesprochen. Dabei ging es um die neue Preisstruktur, die Verbindung nach Recklinghausen, digitale Tickets und die Mobilität im Alter. Nach Angaben der Fraktion bot die Vestische an, in Oer-Erkenschwick über die neuen Preise und die Nutzung digitaler Tickets zu informieren. Einen Termin gibt es bislang nicht. Zudem regte die SOE eine Veranstaltung zur Mobilität im Alter an. Dabei könnten Barrierefreiheit, Fahrpläne, analoge Ticketangebote und die Aktion „Mobil ohne Auto“ thematisiert werden. Ob die besondere Situation Oer-Erkenschwicks noch einmal auf Ebene des VRR geprüft wird, ist offen. Auch für die von der Vestischen angebotene Informationsveranstaltung gibt es bislang keinen Termin.