Europa Gaza Iran Afrika: Religion, Religiösität und Religionskriege
Ich habe oft den Gospel-Song „Give Me That Old-Time Religion“ gesungen. Man singt ihn leicht. Die Melodie trägt. Der Rhythmus schaukelt. Man sieht beinahe eine kleine Gemeinde vor sich, Menschen in einfachen. . .

Ich habe oft den Gospel-Song „Give Me That Old-Time Religion“ gesungen. Man singt ihn leicht. Die Melodie trägt. Der Rhythmus schaukelt. Man sieht beinahe eine kleine Gemeinde vor sich, Menschen in einfachen Kleidern, klatschende Hände, eine Orgel, vielleicht eine Gitarre, vielleicht eine Stimme, die aus Elend Trost macht. Und genau darin liegt die Schwierigkeit: Religion ist nicht nur Dogma, Macht, Vorschrift, Drohung. Religion ist auch Trost, Musik, Wärme, Beerdigung, Hoffnung, Dankbarkeit, ein Teller Suppe, ein Krankenhausflur, in dem jemand leise betet, weil sonst nichts mehr bleibt. Aber sobald Religion nicht mehr tröstet, sondern befiehlt, sobald sie nicht mehr fragt, sondern richtet, sobald sie nicht mehr den leidenden Menschen sieht, sondern den Abweichler, den Ketzer, den Ungläubigen, die ungehorsame Frau, den falsch Betenden, den falsch Liebenden, den falsch Denkenden — dann verwandelt sich Trost in Terror. Dann wird aus dem Gebet eine Dienstanweisung. Aus dem Glauben eine Uniform. Aus dem Himmel ein Polizeirevier. Die Geschichte der Menschheit ist voll von diesen schrecklichen Augenblicken, in denen Menschen behaupteten, im Namen Gottes handeln zu müssen, und doch sehr zuverlässig die Interessen der Menschen bedienten: Macht, Besitz, Kontrolle, Rache, territoriale Ansprüche, männliche Vorherrschaft. Vielleicht ist das der eigentliche Kern vieler sogenannter Religionskriege: Sie beginnen nicht immer mit Gott. Oft beginnen sie mit Land, Angst, gekränkter Ehre, Demografie, Bodenschätzen, Grenzen, verletzter Identität. Aber dann wird Gott wie ein General in den Stab geholt. Er soll die Fahne segnen, die Kanonen heiligen, die Grausamkeit mit Ewigkeit lackieren. Deshalb ist der Begriff „Religionskrieg“ so gefährlich einfach. Er erklärt zu schnell und versteht zu wenig. Der Dreißigjährige Krieg war gewiss ein Krieg zwischen Konfessionen, aber auch ein Krieg der Fürsten, Bündnisse, Dynastien, Territorien. Der Nahost-Konflikt ist nicht einfach ein Krieg zwischen Religionen, sondern ein nationaler, territorialer, kolonialer, sicherheitspolitischer und menschenrechtlicher Konflikt, der durch religiöse Deutungen zusätzlich vergiftet wird. Wer Gaza nur als Genozid oder als Religionskrieg deutet, als militärisches Problemfeld oder als touristisches Hotel-Projekt, macht das Leid absurd. Dort kämpfen Menschen nicht nur um Erde, sondern um Geschichte, Erinnerung, Würde, Existenz, Identität, Angst und Vergeltung. Und genau deshalb ist religiöse Sprache dort so brandgefährlich: Sie verwandelt politische Konflikte in metaphysische Schicksalskämpfe. Aus Gegnern werden Dämonen. Aus Opfern werden Kollateralschäden. Aus Trauer wird Treibstoff. Ähnliches gilt für manche nicht enden wollenden Gewaltexzesse in Afrika. Auch dort ist Religion selten der einzige Grund. Ethnische Zugehörigkeit, Staatszerfall, Armut, Korruption, Rohstoffe, Klimadruck, Milizen, alte koloniale Grenzziehungen und neue Waffenlieferungen spielen mit. Aber Religion kann diese Konflikte aufladen wie trockenes Holz. Sie kann aus einer Nachbarschaft eine Front machen. Sie kann Menschen, die gestern noch auf demselben Markt einkauften, heute in Gerechte und Verdammte teilen. Besonders unerbittlich zeigt sich religiöse Herrschaft oft an Frauen. Der Körper der Frau wird dann zur Staatsgrenze. Ihr Haar wird zur politischen Frage. Ihre Kleidung wird zur Glaubensprüfung. Ihre Bildung wird zur Gefahr. Ihre Stimme wird zur Unordnung. Wenn ein Regime Mädchen von Schulen fernhält, Frauen aus Universitäten verdrängt, Bewegungsfreiheit einschränkt und das alles mit heiliger Ordnung begründet, dann sehen wir, wie eng Religion und patriarchale Besitzansprüche beieinanderliegen können. Nicht weil Glaube notwendig frauenfeindlich wäre. Sondern weil Männer, die Macht über Frauen wollen, im Glauben oft eine sehr praktische Waffe finden. Man muss nur genau genug hinschauen: Die Frau soll schweigen, weil angeblich Gott es so will. Sie soll gehorchen, weil angeblich die Schrift es so will. Sie soll verschwinden, weil angeblich die Sitte es so will. Am Ende ist es erstaunlich häufig nicht Gott, der spricht, sondern ein Mann mit Bart, Amt, Waffe, Richterrobe oder Mikrofon. Der Himmel wird zum Lautsprecher der Herrschaft. Auch der islamistische Terror der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, wie tödlich religiöse Tunnelblicke werden können: New York, Madrid, London, Nizza, Paris, Berlin — Städte, in denen Menschen starben, weil Fanatiker glaubten, mit Mord eine Wahrheit zu beweisen. Aber Mord beweist keine Wahrheit. Mord beweist nur, dass ein Mensch bereit war, den anderen nicht mehr als Menschen zu sehen. Auf der anderen Seite wäre es bequem und falsch, religiöse Grausamkeit nur bei den anderen zu suchen. Das christliche Europa hat selbst genug Blut an den Händen. Kreuzzüge, Ketzerverfolgungen, Zwangsbekehrungen, Hexenwahn, Inquisition: Die christliche Geschichte kennt nicht nur Kathedralen, Oratorien und Armenküchen, sondern auch Kerker, Folterkammern und Scheiterhaufen. Giordano Bruno ist dafür eine der leuchtend-dunklen Figuren. Leuchtend, weil er größer dachte als seine Zeit. Dunkel, weil seine Zeit ihm dieses größere Denken nicht verzieh. Bruno glaubte nicht an eine gemütlich geordnete Welt, in der die Erde im Mittelpunkt steht und der Mensch sich für das Lieblingskind der Schöpfung halten darf. Er dachte den Kosmos weiter, offener, unruhiger: viele Welten, viele Sonnen, keine einfache Hierarchie. Er widersprach nicht nur einzelnen theologischen Lehrsätzen, sondern einer ganzen geistigen Architektur der Macht. Der Satz, der ihm zugeschrieben wird, klingt harmlos und ist doch Sprengstoff: „Die allgemeine Meinung ist nicht immer die vollkommene Wahrheit. “ Harmlos ist das nur, solange man in einer Gesellschaft lebt, die Wahrheit nicht mit Mehrheit, Macht oder Dogma verwechselt. Für Bruno war dieser Satz lebensgefährlich. Nach Jahren der Kerkerhaft und des Prozesses wurde er am 17. Februar 1600 auf dem Campo de’ Fiori in Rom verbrannt. Nicht, weil Gott Feuer brauchte. Sondern weil Menschen, die Gott verwalteten, Widerspruch nicht ertrugen. Das ist vielleicht das Grauen aller religiösen Verfolgung: Sie behauptet, das Ewige zu verteidigen, und fürchtet doch eine einzelne Stimme. Sie predigt Allmacht und zittert vor einem Buch. Sie spricht von Wahrheit und verbrennt den Fragenden. Sie spricht von Liebe und sortiert Menschen aus. Warum ist dieses Handlungsmuster noch immer nicht verschwunden? Haben Menschen nicht genug zu leiden unter Hitze, Hunger, Krieg, Erdbeben, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Krankheit, Einsamkeit? Brauchen wir wirklich zusätzlich noch jene religiösen Tunnelblicke, die aus jedem Zweifel Verrat und aus jeder Abweichung Sünde machen?Vielleicht verschwinden sie nicht, weil Religion dort am gefährlichsten wird, wo Menschen Angst haben. Angst vor Chaos. Angst vor Freiheit. Angst vor Frauen. Angst vor Wissenschaft. Angst vor der Vermischung. Angst vor der Moderne. Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Fanatismus bietet dann eine billige Form von Ordnung an: Alles ist klar. Wir sind richtig. Die anderen sind falsch. Wir sind rein. Die anderen sind schmutzig. Wir sind gerettet. Die anderen dürfen verschwinden. Das ist geistig bequem und moralisch verheerend. Denn Religion, wenn sie menschlich bleiben will, müsste eigentlich das Gegenteil tun. Sie müsste den Hochmut bremsen. Sie müsste Macht misstrauen. Sie müsste den Armen schützen, den Fremden achten, die Frau als ganzen Menschen sehen, den Zweifelnden nicht verfolgen, den Wissenschaftler nicht verbrennen, den Andersgläubigen nicht entmenschlichen. Sie müsste sagen: Ich glaube — aber ich besitze die Wahrheit nicht wie ein Messer. Vielleicht darf man deshalb „Give Me That Old-Time Religion“ weiter singen, aber nicht mehr naiv. Man darf die Melodie lieben und muss doch die Geschichte kennen. Man darf den Trost behalten und muss die Gewalt beim Namen nennen. Man darf religiöse Kunst, Musik, Rituale, Barmherzigkeit achten und zugleich jede Form heiliger Herrschaft zurückweisen. Der alte Glaube wäre nur dann erträglich, wenn er endlich alt genug geworden wäre, bescheiden zu sein. Wenn er nicht mehr Frauen einsperrt, Kinder indoktriniert, Ketzer jagt, Kriege segnet und Mörder tröstet. Wenn er nicht mehr sagt: Gott will es. Sondern: Der Mensch leidet. Denn dort, wo Religion den leidenden Menschen sieht, kann sie Trost sein. Dort, wo sie den Menschen dem Dogma opfert, wird sie zur Brandbeschleunigerin der Geschichte.