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„Ich habe Trumps Politik schon 2018 als Faschismus bezeichnet“ – Jason Stanley

Er bezeichnete Trumps Politik schon 2018 als Faschismus und wanderte nach Kanada aus. Doch was der Philosoph Jason Stanley in den USA beobachtete, sieht er nun in Deutschland heraufziehen. Wie sollen wir der Gefahr durch die AfD begegnen?

Von @derfreitag · · 8 min Lesezeit

„Ich habe Trumps Politik schon 2018 als Faschismus bezeichnet“ – Jason Stanley

Es gibt in Deutschland eine Debatte, die sich darum dreht, ob der Begriff Faschismus die rechten Strömungen unserer Zeit angemessen beschreibt. Der Philosoph Jason Stanley nimmt hier eine klare Haltung ein: Ja. Wir sind auf dem Weg in einen neuen Faschismus. Stanley hat daraus auch persönlich die Konsequenzen gezogen und ist letztes Jahr aus den Vereinigten Staaten unter Donald Trumpnach Kanada ausgewandert, er lehrt nun in Toronto. Der Freitaghat ihn in Berlin getroffen, wo er sein neues BuchGefälschte Geschichte vorstellte. der Freitag: Herr Stanley, in „Gefälschte Geschichte“ sehen Sie die USA und viele andere Länder durch nationalistische Bildungs- und Geschichtspolitik in den Faschismus abgleiten. Wie blicken Sie auf die jüngsten Entwicklungen in den USA?Jason Stanley:In Trumps zweiter Amtszeit gerät der Kultursektor weiter unter Druck. So warf das Weiße Haus dem Smithsonian Museum für US-Geschichte jüngst in einem 162 Seiten langen Report „extremen politischen Aktivismus“ vor. Museen, Schulen und Universitäten sollen die Bevölkerung mit patriotischer Erziehung indoktrinieren. Für mich ist das Teil einer faschistischen Kultur, die den Aufbau eines faschistischen Systems begünstigt. Wer sich fragt, wie einedeutsche Kulturpolitik unter einer AfD-Regierung aussähe, kann heute in die USA schauen. Ist der Begriff des Faschismus für Sie ein rhetorisches Schwert, um Aufmerksamkeit auf Kritik zu lenken, oder eine analytische Brille, um die Gegenwart besser zu verstehen?Wir brauchen den Begriff des Faschismus, um die Gegenwart zu verstehen und sie nicht zu unterschätzen. Wir müssen schon heute erkennen, welche Schritte autoritäre Regierungen morgen gehen. Gerade weil ich Trumps Politik schon im Jahr 2018 als Faschismus benannte und analysierte, war mir klar, dass er auf den autoritären Griff nach längerer Macht plant. Zwei Jahre später stritt er seine Wahlniederlage ab. Es folgte der Sturm aufs Kapitol. Heute denkt Trump laut über die Aussetzung der Zwischenwahlen nach und 2028 verfassungswidrig ein drittes Mal anzutreten. Andere, die sagten, „Nein, er ist nur ein konservativer Hardliner“, zeigten sich oft überrascht. Ähnlich sah es in Bezug auf Trumps gewalttätige Miliz in Form der Einwanderungsbehörde ICE aus – oder eben patriotische Erziehung und Angriffe auf Bildungseinrichtungen. Placeholder image-2Was ist patriotische Erziehung?Schulen sollen Kinder stolz auf Amerika machen, statt ihnen eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Geschichte zu vermitteln. Im deutschen Kontext hieße das: Schaut doch auf die guten Seiten des Nationalsozialismus, anstatt auf seine Gewaltverbrechen. Welchen Teil der Geschichte wollen Trumpisten im Smithsonian Museum verfälschen?Die Perspektiven von schwarzen Amerikanern soll verschwinden. Vom Aufbau der britischen Kolonien über den Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg war die Ermordung der indigenen Bevölkerung und die Versklavung von Schwarzen elementar. Die Unterdrückung schwarzer Amerikaner setzte sich auch danach fort, besonders in den Südstaaten. Adolf Hitler bewunderte die US-Einwanderungs- und Rassengesetze. Die ab 1877 geltenden Jim-Crow-Gesetze waren quasi unsere Nürnberger Gesetze. Sie wurden ab 1954 juristisch aufgebrochen und erst durch die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren entscheidend zurückgedrängt. All das zeigt: Die USA sind in Wahrheiteine relativ junge vollwertige Demokratie. Das bedroht die faschistische Geschichte der Trump-Regierung. Demnach waren weiße US-Amerikaner stets unschuldig und bauten das großartigste Land aller Zeiten auf. Einige US-Bundesstaaten wurden zu Laboren faschistischer Kulturpolitik. Dieses Szenario könnte sich auch in Deutschland zeigen, falls die AfD etwa in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommtWarum muss „faschistische Kultur“, wie Sie es nennen, so etwas ausblenden?Faschismus braucht patriotische Geschichte. Denn es identifiziert die Nation mit einem Teil der Bevölkerung, dem Volk. Dessen Perspektive steht im absoluten Zentrum. In Ungarn ließ Viktor Orbán Geschichtsschreibung fälschen, bis das Bild eines betrogenen Großungarn herauskam. Narendra Modīs Hindu-Nationalisten streichen und verzerren muslimische Geschichte in Schulen und Lehrplänen. Wieso sind die Bildungs- und die Geschichtspolitik für den Aufbau autoritärer Systeme entscheidend?Faschistische Politik sagt: Unsere Nation war mal groß, wurde aber vergiftet – sei es durch Einwanderung, den Liberalismus oder LGBTQ-Rechte. Und: Unsere Bewegung oder unser Führer bringt uns wieder Größe. Das ist aber nur unter bestimmten Bedingungen erfolgreich. Kampagnen der Nationalsozialisten ab den 1930er Jahren waren auch deshalb effektiv, weil Erziehung und Geschichtsbilder bereits im deutschen Kaiserreich von Nationalismus und Militarismus geprägt waren. Faschismus gewinnt nicht von heute auf morgen. Welche Wege wählen rechtsautoritäre Regierungen, um gegen das Bildungssystem vorzugehen?Grundsätzlich gibt es zwei Pfade faschistischer Bildungspolitik: Mobilisierung und Demobilisierung. Einerseits rechtfertigen sie ethnische und sexuelle Hierarchien sowie die Gewalt der Bewegung. Andererseits zerstören sie Bildungsinstitutionen, die mündige Bürger erzeugen. Ließ sich eine solche Kulturpolitik in den USA bereits in republikanisch regierten Regionen beobachten, bevor es auf Bundesebene passierte?Einige US-Bundesstaaten wurden zu Laboren faschistischer Kulturpolitik. Dieses Szenario könnte sich auch in Deutschland zeigen, falls die AfD etwa in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommt. Das beste Beispiel ist Florida unter dem republikanischen GouverneurRon DeSantis. Dort wurden DEI-Programme zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion an Schulen und Universitäten zurückgedrängt. Das ehemals progressive New College of Florida wurde mit Gefolgsleuten von DeSantis besetzt und rückte den Lehrplan nach rechts. Zugleich schränkte die Regierung ein, wie im Schulunterricht über sexuelle Orientierung und Geschlecht gesprochen werden darf. Sie ermöglichte Eltern, Bücher zu Rassismus, Sklaverei oder LGBTQ-Themen aus Schulbibliotheken entfernen zu lassen. Außerdem verbot sie Unterricht zur Critical Race Theory. All das produziert Wählergruppen, die leichter zu manipulieren sind. J. D. Vance wiederholte 2021 auf der National Conservatism Conference Richard Nixons Worte: „The professors are the enemy. “ Warum rückte gerade die Figur des Lehrers ins Fadenkreuz?Aufklärer wie Lehrer stören die heile Welt, in die uns der Slogan „Make America Great Again“ zurückführen will. Wer den Gründungsprozess der Vereinigten Staaten, die traditionelle Familie oder Rassismus in den USA kritisiert, wird von MAGA als antiamerikanisch verleumdet. In seiner Zeit an der Yale Law School soll Vance Berichten zufolge eine Lesegruppe zu Critical Race Theory besucht haben. Er weiß also genau, dass diese etwa juristische oder soziale Hierarchien auf Basis des Konstrukts „race“ kritisiert. Aber er erzählt lieber nationale Mythen. Der historische Faschismus in Italien und Deutschland beschwor die Gefahr des Marxismus und der kommunistischen Massenbewegungen. Warnt die US-Rechte mangels einer Masse von Marxisten in der US-Politik so gerne vor „Kulturmarxisten“ in Klassenzimmern?Trumps Bewegung braucht klare Feindbilder. Um für seine Regierungspropaganda als marxistischer Lehrer oder Dozent zu gelten, reicht es oft schon, die Sichtweise von Minderheiten oder angebliche „Gender-Ideologie“ zu verbreiten. Am 4. Juli hat Trump eine Rede zur Ehrung von Veteranen benutzt, um die Demokratische Partei mit dem Kommunismus in Verbindung zu bringen. Auch die Nationalsozialisten in Deutschland haben das Bild der Opposition verfälscht und die Sozialdemokraten als Marxisten oder Kommunisten bezeichnet. Wir können den Rechtsextremismus der Gegenwart nicht verstehen, wenn wir nur auf Rassismus blicken und seine patriarchalen Züge vernachlässigenIn Ihrem Buch wirkt es manchmal so, als gäbe es in den USA nur zwei Seiten: die Unterstützer „progressiver Bildung“ und die Zerstörer dieses Fortschritts. Aber über DEI-Programme, Critical Race Theory oder Regeln rund um die freie Wahl der Geschlechtsidentität wird doch auch unter Linken und Liberalen diskutiert. Man muss nicht progressiv sein, um Hierarchien aufgrund von „race“ oder Geschlecht anzugreifen. Daraus spricht schlicht Liberalismus, eine Philosophie der Gleichberechtigung. Natürlich gibt es auch innerhalb des liberalen und linken Lagers Meinungsverschiedenheiten. Es gibt Leute, die rassistische Hierarchien bekämpfen, aber gegen trans* Frauen im Frauensport sind. Fakt bleibt aber, die rechtsextremen Bewegungen der Gegenwart greifen immer wieder trans* Personen an. Magnus Hirschfeldhat 1919 das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin gegründet und Geschlechtsvielfalt verteidigt. 1933 verbrannten die Nazis Bibliotheksbestände des Instituts. Wir können den Rechtsextremismus der Gegenwart nicht verstehen, wenn wir nur auf Rassismus blicken und seine patriarchalen Züge vernachlässigen. In „Gefälschte Geschichte“ konzentrieren Sie sich auf die Propaganda in Klassenzimmern, Universitäten und Büchern. Soziale Medien oder künstliche Intelligenz kommen fast gar nicht vor. Birgt der starke Bezug auf den historischen Faschismus die Gefahr, neuere Entwicklungen des Autoritarismus zu vernachlässigen?Wir müssen auch den Tech-Faschismus besser verstehen. Aber die offizielle Geschichte, Schulen und Universitäten sind noch immer wichtig. Elon Musk hat auch deshalb Twitter gekauft, weil es keiner Kontrolle durch die Allgemeinheit unterliegt. Hier kann er ungestört Verschwörungstheorien verbreiten, wie die des „Großen Austauschs“ weißer Bevölkerungen durch Zuwanderer. Macht Ihnen der riesige Aufwand, den autoritäre Regime betreiben, um Bildung einzuschränken und Geschichte zu verfälschen, auch Hoffnung?Ja, es zeigt die Angst vor Kritik. Noch sind diese Bewegungen global in der Offensive. Nur in der Verteidigungshaltung zu verharren, wird nicht helfen. Wir organisieren politische Gegenbewegungen zu spät. In Deutschland habe ich Hoffnung, dass die Erinnerungskultur hilft, die massive Gefahr durch die AfD bereits jetzt zu erkennen. Wo erkennen Sie in den USA Potenzial für mehr Widerstand?In meinem Buch greife ich das Konzept des „bürgerlichen Mitgefühls“ meines Vaters, des Soziologen Manfred Stanley, auf. Er wandte sich gegen die Vorstellung einer künstlichen Einheit aller Bürger. Entscheidend ist vielmehr, durch gemeinsame Erfahrungen und Bildung die Gegenwart und Geschichte der eigenen Nation auch aus der Perspektive anderer Gruppen zu betrachten. Das kann als Schutzschild gegen Entmenschlichung wirken – aber nur, wenn man nicht wegschaut, wenn Mitbürger vermeidbares Leid erfahren. Hoffnung macht mir der Widerstand in Minneapolis gegen die Verschleppung von Einwanderern durch ICE. Das war echtes bürgerliches Mitgefühl. Jason Stanleyist Philosoph und lehrt Amerikanistik an der Munk School of Global Affairs & Public Policy der Universität Toronto. Außerdem ist er Distinguished Professor an der Kyiv School of Economics. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Sein neuestesGefälschte Geschichteist auf Deutsch bei Westend erschienen

Quelle: freitag.de

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