Keine Angst, Herr Söder, Hitzeschutz ist keine grüne Politik!
Menschen leiden, die Wirtschaft auch, 1500 Tote allein in Bayern: Dieser Sommer wird zum Rendezvous mit der Realität – und zur Chance für den Ministerpräsidenten, über seinen Schatten zu springen.

Von Friedrich Merz ist in dieser Sache wenig zu erwarten. Mehr als 12. 500 Menschen sind im Sommer an den Folgen derHitzegestorben. Ein trauriger deutscher Rekord. Wälder brennen. Flüsse trocknen aus. Alte und Kranke werden allein gelassen. Und der Kanzler? Hofft auf Regen. „Ich werde selbstverständlich auch in den nächsten Tagen und Wochen, wenn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen, die Lage weiter beobachten und gegebenenfalls dazu auch öffentlich etwas sagen“, kündigte Merz im Juli an. Na, so wünscht man sich doch einen Regierungschef. Empathisch und entschlossen. Wie gut, dass sein Kabinett die Sommerpause nutzt, um sich über einenHitze-Aktionsplan zu zoffen. Aber Schluss mit dem Sarkasmus: Es wird Zeit, dass andere in die Lücke stoßen. Leute wieMarkus Söder. Fotos aus dem Freibad sind noch keine PolitikBayernsMinisterpräsident hat etwas, das Merz komplett fehlt: ein Gespür für die richtigen Themen zur richtigen Zeit. Das bringt ihm regelmäßig den Vorwurf politischer Beliebigkeit ein, macht ihn aber auch wendiger als den in seinen Vorurteilen festgefahrenen Kanzler. Söder geht momentan oft frühmorgens schwimmen – um sich herunterzukühlen, bevor die Hitze des Tages erbarmungslos zuschlägt. Er postet dann gelegentlich Fotos vom Beckenrand. Die Botschaft: Ich bin einer von Euch und leide auch unter diesen irren Temperaturen. So weit, so banal. Nur wann erkennt derCSU-Chef, dass dies der Moment sein kann, um endlich halbwegsunfallfrei einer Sackgasse zu entkommen, in die er sich selbst manövriert hat?Markus Söder und Hubert Aiwanger stecken in der SackgasseDieser Sommer wirft einen dunklen Schatten auf die bayerische Staatsregierung. CSU und Freie Wähler tun seit Jahren fast alle Ideen im Kampf gegen den Klimawandel oder Vorschläge, wie sich das Land wenigstens gegen die Folgen von Wetterextremen schützen könnte, als grüne Spinnereien ab. „Für manche hat der Klimaschutz eine geradezu pseudo-religiöse Bedeutung bekommen“, lästert Söder. „Bitte nicht immer diese Endzeitstimmung!“,fordert sein Vize Hubert Aiwanger. Die Grünen werden zum Hauptgegner stilisiert. Manchmal braucht es eben ein Rendezvous mit der Realität, um zu erkennen, dass man sich verrannt hat. Man darf Söder abnehmen, dass er das Beste für Bayern will. Aber dann muss er das doch sehen: Die Hitze hat zuletzt 1500 Menschen hier das Leben gekostet, sie wird zumRisiko für Bauern und Wirtschaft, Patienten und Pflegekräfte in Krankenhäusern oder Altenheimen verzweifeln, Schulklassen und Kindergartengruppen haben sich mit letzter Kraft in die Ferien gerettet. Wenn es schon der Kanzler nicht schafft, wird es Zeit, dass wenigstens Söder seine Paranoia überwindet, es helfe nur den Grünen, wenn er das Thema zu seinem macht. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Ministerpräsident muss jetzt mit aller Macht handelnNein, Bayern allein wird den Klimawandel nicht aufhalten. Aber es ist der Job eines Ministerpräsidenten, das Land zumindest mit aller Macht auf das vorzubereiten, was da auf uns zukommt. Es gibt so viel, was man tun oder zumindest finanziell fördern kann. Nicht irgendwann. Jetzt! MehrSchatten in Innenstädten schaffen, Gebäude begrünen, Neubauten entsprechend planen, die Schwächsten schützen mit Klimaanlagen in Pflegeeinrichtungen, Kliniken oder Schulen, Notfallpläne erstellen wie für andere Naturkatastrophen auch, sorgsamer mit Trinkwasser umgehen, Wälder konsequent umbauen. Keine Angst, Herr Söder, das ist keine grüne Politik! Das sind Investitionen in die Zukunft – und womöglich auch in Ihre eigene Glaubwürdigkeit.