Linke Wissenschaft: Renaissance des Marxismus
Gut möglich, dass »das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann« (Gramsci). Aber die Verhältnisse zu untersuchen, auf dass die »ganze alte Scheiße« (Marx) sich nicht wiederherstelle, dabei. . .

Gut möglich, dass »das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann« (Gramsci). Aber die Verhältnisse zu untersuchen, auf dass die »ganze alte Scheiße« (Marx) sich nicht wiederherstelle, dabei einerseits frei von den diesem Interregnum innewohnenden Verklärungen und seinen morbiden Erscheinungen, seinen stummen sowie lauten Zwängen sowie Ideologien, andererseits aber von eigenem Wunschdenken zu sein, ist kein leichtes Unterfangen. Ob man sich nun einen Imperialismus im unmittelbaren Untergang herbei(wünscht)schreibt oder eben nicht: Die historische Schwäche der Linken, weltweit und hierzulande, darf nicht aus den Augen verloren werden. Eine derartige Distanz aufrechtzuerhalten, ohne sich einer vorgetäuschten Neutralität hinzugeben, ist auch Aufgabe linker Wissenschaft. Aber die, die das und weiteres als ihre Funktion betrachten, bleiben von der regressiven Entwicklung der Linken nicht verschont. Dass die Zeiten der hörsaalfüllenden »Das Kapital«-Seminare vorbei sind, zeigt auch diese Veranstaltung: Im kleinen (sehr kleinen) Kreis traf man sich am Montag nachmittag im Ladenlokal »Aquarium« am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg zu einer Podiumsdiskussion, um Vertreter dreier marxistischer Zeitschriften miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Anlass: 25 JahrePraksis, ein marxistisches, sozialwissenschaftliches Journal aus der Türkei, repräsentiert von Nevra Akdemir als Rednerin und Ali Yalçın Göymen als Moderator. Geladen waren der Politikwissenschaftler Markus Wissen aus der Redaktion derProklaund der Philosoph Lukas Meisner, neuer Herausgeber der ZeitschriftDas Argument. Der Anspruch, so Meisner: »Nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch die marxistischen Zeitschriften müssen sich zusammenschließen. «Nötig ist das dem Autor zufolge wegen des sich formierenden »gesellschaftlichen Rückschritts«, von derArgument-Redaktion als »Faschisierungsprozesse« begriffen. Die typische Verdrehung ist bei solchen Prozessen stets mitgeliefert: »Im Namen demokratischer Freiheiten« werden demokratische Freiheiten angegriffen. Das zeige sich besonders am Beispiel der Repression gegen palästinasolidarische und antimilitaristische Bewegungen in der Bundesrepublik. Aber auch marxistische Bildungsangebote und Publikationen sind davon nicht unberührt. Meisner verwies auf die (immerhin juristisch abgewendete)Erwähnung der Marxistischen Abendschule (MASCH) als »linksextremer« Akteur im Jahresbericht 2021 des Hamburger Verfassungsschutzes– Begründung: Kapitalismuskritik, Kritik der »freiheitlich-demokratischen Ordnung«, Marxismus-Leninismus. Und auf die Nennung der Tageszeitungjunge Weltim Bericht auf Bundesebene – Begründung: »bedeutendstes und auflagenstärkstes Medium im Linksextremismus«, das die »Errichtung einer sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsordnung nach klassischem marxistisch-leninistischem Verständnis« anstrebe. Auch Markus Wissen machte einen Wandel von einem »aufgeklärten« zu einem »autoritären Neoliberalismus« aus, auch wenn dieProklavon derartig handfesten Repressalien bislang verschont geblieben sei. AnzeigeDie Frage bleibt: Stehen Sanktionen gegen linke wissenschaftliche Publikationen ins Haus? Anhaltspunkte für irgendwelche Begründungen in irgendwelchen Berichten irgendwelcher Staatsbehörden ließen sich aus Sicht letzterer sicherlich finden. Das Argumentwar vor 67 Jahren bekanntlich aus einer Flugblattreihe der späteren RAF-Kämpferin Ulrike Meinhof entstanden. Dass aus derProkla, einst »politisches Projekt mit wissenschaftlichem Anspruch«, im Laufe der Zeit »eine wissenschaftliche Zeitschrift mit politischem Anspruch geworden« ist, bedeute immerhin »keine grundsätzliche Absage an ›Sozialismus‹«, wie der ehemalige geschäftsführende Redakteur der Zeitschrift, Michael Heinrich, auf der Website darlegt. Schließlich sei auch für diePraksisnach wie vor »Verpflichtung und Horizont« nicht nur die Interpretation der Welt, sondern deren Veränderung, betonte Akdemir, die zusammen mit Göymen einen Ausblick lieferte, was trotzigen Wissenschaftlern künftig auch in Deutschland blühen könnte. Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 sei der mit Sonderbefugnissen ausgestattete türkische Staat gegen kritische Wissenschaftler vorgegangen, die eine Petition gegen die Übergriffe unterschrieben hatten, erklärten die beiden gegenüberjunge Welt. Die »Säuberungen« führten auch dazu, dass Teile derPraksis-Redaktion von ihren Posten an den Universitäten gefeuert wurden und ins Ausland gehen mussten. Mehr noch: »Wir dürfen nach wie vor keinerlei öffentlichen Tätigkeiten nachgehen. « Noch mehr: »Wir können nicht einmal an privaten Universitäten arbeiten. « So kann es ausgehen, wenn die alte Scheiße aufbegehrt. Das heißt nicht, dass alles schlecht ist und alles schlecht wird. Zur positiven Seite der Bilanz gehört, dass diePraksistrotz allem seit 2001 existiert, dieProklaseit 1971,Das Argumentseit 1959. Nach Ansicht aller Panelisten wächst das Interesse am Marxismus als Wissenschaft wieder. Eine »intellektuelle Wiederbelebung« (Akdemir), eine »Renaissance des Marxismus« (Meisner) sei im Gange. Ein Beitrag dazu, dass das Neue geboren werden kann? Man darf es hoffen.