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Politiker mit Ehefrau: Wahlplakat zeigt Preis der Politik

Jörg Oberwestbergs Wahlplakat zur Bürgermeisterwahl in Melle lenkt den Blick auf die oft übersehene Rolle der Familien hinter einem Amt. Ein Großplakat an einer Ausfallstraße in Melle, Niedersachsen. Darauf. . .

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Politiker mit Ehefrau: Wahlplakat zeigt Preis der Politik

Jörg Oberwestbergs Wahlplakat zur Bürgermeisterwahl in Melle lenkt den Blick auf die oft übersehene Rolle der Familien hinter einem Amt. Ein Großplakat an einer Ausfallstraße in Melle, Niedersachsen. Darauf der Bürgermeisterkandidat Jörg Oberwestberg — und neben ihm seine Frau. Sie halten Händchen. Darüber der Slogan „Zusammen geht es besser“. Man könnte das für Wahlkampf-Kosmetik halten, für die übliche Familienidylle auf Bestellung. Man würde sich täuschen. Dieses Plakat verrät mehr über den Zustand unserer Demokratie als jedes Wahlprogramm. Christoph Maria Michalski, bekannt als „Der Konfliktnavigator“, ist ein angesehener Streit- und Führungsexperte und ordnet gesellschaftliche, politische und persönliche Konflikte verständlich ein. Er ist Teil unseresEXPERTS Circle. Wer für ein Amt kandidiert, kandidiert nie alleinWer für ein Amt kandidiert, kandidiert nie allein — die Familie kandidiert mit, ungefragt und unbezahlt. Sie steht nur normalerweise nicht auf dem Plakat. Sie steht im Flur, wenn der Terminkalender mal wieder gewonnen hat. Sie sitzt allein vor dem Teller, der um halb neun noch mit Frischhaltefolie abgedeckt in der Küche wartet. Sie hört das Diensthandy vibrieren, mitten im Geburtstagslied für das eigene Kind. Dass ein Kandidat seine Frau aufs Plakat holt und dazu schreibt „Danke, dass du mitträgst“, ist deshalb keine Geste. Es ist ein öffentliches Eingeständnis dessen, was sonst niemand ausspricht — dieses Amt hat einen Preis, und bezahlt wird er zu Hause. Die Belastung wandert vom Rathaus an den AbendbrottischEinBürgermeisteramtist kein Job, es ist ein Lebensmodell. Ratssitzung am Dienstag, Feuerwehrjubiläum am Samstag, Schützenfest am Sonntag. Dazwischen die Erwartung, an der Supermarktkasse jederzeit ansprechbar zu sein — freundlich, geduldig, auch wenn der Einkaufswagen voll ist und das Kind quengelt. ANZEIGEANZEIGEDie Konfliktforschung kennt für den Rest einen nüchternen Begriff — Spillover. Belastung wandert. Sie bleibt nicht im Rathaus, sie fährt im Auto mit nach Hause und setzt sich mit an den Abendbrottisch. Der Ärger aus der Ratssitzung entlädt sich beim Abendessen an einer harmlosen Frage. Die Anspannung vor der Bürgerversammlung macht aus einem geduldigen Vater einen, der beim Vorlesen dreimal die Zeile verliert. Werberuflich in Dauerkonfliktensteht, bringt die Konfliktenergie mit heim, ob er will oder nicht. Die Familie wird zum Resonanzraum eines Amtes, das sie nie übernommen hat. Anfeindungen treiben viele Bürgermeister aus dem AmtIn einer repräsentativen Forsa-Umfrage für die Körber-Stiftung vom Februar 2024 geben 40 Prozent der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister an, dass sie selbst oder Personen aus ihrem Umfeld wegen des Amtes beleidigt, bedroht oder tätlich angegriffen wurden. Man lese den Halbsatz zweimal — oder Personen aus ihrem Umfeld. Der Hass macht an der Haustür nicht halt. Das Kommunalmonitoring des Bundeskriminalamts zeichnet dasselbe Bild. Rund ein Drittel der befragten kommunalen Amtsträger berichtet von Anfeindungen allein in den vergangenen zwölf Monaten. Von den Betroffenen tragen über 80 Prozent psychische oder körperliche Folgen davon. Jeder Zehnte erklärt, nicht wieder anzutreten — um sich und die eigene Familie zu schützen. Das steht so wörtlich in der Auswertung. Nicht die Arbeit vertreibt diese Menschen aus dem Amt. Die Sorge um die Menschen, die sie lieben. Hinter jeder dieser Zahlen steht kein Politiker. Da steht ein Haushalt. Eine Partnerin, die abends heimlich die Kommentarspalten liest und am Frühstückstisch so tut, als hätte sie nichts gesehen. Ein Sohn, der auf dem Schulhof gefragt wird, was sein Vater da schon wieder entschieden hat. Was hat das mit Politikverdrossenheit zu tun?Alles. Die vielzitierte Verdrossenheit wird meist bei den Wählern gesucht. Die folgenreichere Variante findet woanders statt — an Küchentischen, lange bevor eine Kandidatur öffentlich wird. Dort fällt die eigentliche Vorentscheidung der Demokratie, in dem Gespräch, in dem jemand fragt „Tun wir uns das an?“. Diese Frage wird immer öfter mit Nein beantwortet. Die Folgen sind längst messbar. Bei den Kommunalwahlen 2024 fand sich allein in Rheinland-Pfalz in 523 Ortsgemeinden kein einziger Bewerber für das Bürgermeisteramt — fast jede vierte Gemeinde des Landes, leerer Wahlzettel, ausgefallene Wahl. Fünf Jahre zuvor waren es noch 467. Die Kurve zeigt in die falsche Richtung. Anderswo suchten Dörfer schon per Zeitungsannonce nach einem Ortsoberhaupt wie nach einer verlorenen Katze. Wenn die Familien nicht mehr mitziehen, fehlen am Ende nicht die Wähler. Es fehlen die Kandidaten. Eine Kandidatur braucht klare AbsprachenAm Küchentisch beginnt es mit einem Gespräch, das die meisten überspringen. Bevor das Plakatfoto in Niedersachsen entstand, muss verhandelt worden sein — über Zeit, über Sichtbarkeit, über den Preis. EinKonfliktgesprächim besten Sinn. Tragfähig wird eine Kandidatur nicht durch ein müdes „Mach ruhig“, sondern durch geklärte Bedürfnisse. Was braucht die Familie, damit sie mittragen kann — den geschützten Sonntagvormittag, ein Veto bei bestimmten Terminen, die Zusage, dass beim Elternabend das Diensthandy schweigt?Solche Absprachen klingen banal. Sie sind das Fundament, auf dem öffentliche Ämter privat überleben. Parteien müssen Familien stärker entlastenParteien und Kommunen wiederum sollten aufhören, nur Kandidaten zu suchen. Sie müssen Familien gewinnen — mit planbaren Sitzungszeiten statt Abendmarathons, mit konsequenter Strafverfolgung bei Bedrohungen, mit einer Kultur, in der ein Bürgermeister um 18 Uhr nach Hause gehen darf, ohne als Drückeberger zu gelten. Ein Satz gehört außerdem in jeden Wahlkampfabschluss, gerichtet an die Partner und Kinder aller Kandidaten, auch der unterlegenen — danke, dass ihr mitgetragen habt. Auf dem Plakat in Niedersachsen stehen zwei Menschen. Gewählt wird nur einer. Getragen wird das Amt von beiden — daran sollte denken, wer sich das nächste Mal wundert, warum auf dem Wahlzettel so wenige Namen stehen.

Quelle: focus.de

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