Präsident der Saar-Uni im Interview: Der Fall Cispa und die Folgen für die Wissenschaft im Saarland
Für Uni-Präsident Ludger Santen gehört der hiesige Informatikstandort zu den Top-Fünf in Europa. Im SZ-Interview nimmt er zu den Folgen der Cispa-Ermittlungen Stellung. Er fordert: Anders als bisher müsse das Cispa sich als „integraler Bestandteil des Standortes“ verstehen.

SaarlandHochschulePräsident der Saar-Uni im InterviewDer Fall Cispa und die Folgen für die Wissenschaft im SaarlandInterview|Saarbrücken·Für Uni-Präsident Ludger Santen gehört der hiesige Informatikstandort zu den Top-Fünf in Europa. Im SZ-Interview nimmt er zu den Folgen der Cispa-Ermittlungen Stellung. Er fordert: Anders als bisher müsse das Cispa sich als „integraler Bestandteil des Standortes“ verstehen. 02. 08. 2026 , 07:00 Uhr„Wenn das Cispa sich als integraler Bestandteil des Informatikstandortes Saarland verstünde, würde der gesamte Standort davon stark profitieren“, findet Unipräsident Ludger Santen. Foto: Schreiner/Christoph SchreinerDie Cispa-Ermittlungen beschäftigen auch die Universität des Saarlandes. Präsident Ludger Santen hat die eigenen China-Kontakte überprüft – mit überraschenden Ergebnissen. Er hält die Cispa-Affäre für beherrschbar – und mahnt trotzdem zur Wachsamkeit. Im SZ-Interview erklärt er, warum die Backes-Gruppe „ungewöhnlich" ist, was er über Wissensabfluss, Cybersicherheit und die Zukunft des Cispa denkt. Und Santen macht sich für das neue KI-Institut stark. Das Saarland hätte es trotz allem verdient. Wie belastend sind die Cispa-Ermittlungen für die Universität selbst?SantenIch weiß nicht, ob man von belastend sprechen kann. Das Cispa ist ein eigenständiges Forschungszentrum. Außerdem sollte man erst die Ergebnisse der Prüfer abwarten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass kein kritischer „Wissensabfluss nach China“ stattgefunden hat. Die Universität hat inzwischen ihre eigenen Kontakte mit chinesischen Wissenschaftlern in diversen Bereichen überprüft. Mit welchem Ergebnis?SantenWir haben chinesische Mitarbeitende, die in Grundlagenprojekten aktiv sind. Bislang haben wir nichts Auffälliges feststellen können. Es gab aber in der Vergangenheit einen Fall von Wissensabfluss in einer anderen Fachrichtung, nicht in der Informatik, der vom Verfassungsschutz ermittelt wurde. Dieses Beispiel zeigt, dass man beim Schutz von geistigem Eigentum aufmerksam sein muss. Kooperationen mit chinesischen Wissenschaftlern sind an vielen Unis seit Jahren gang und gäbe. Ist die Gefahr eines Wissensabflusses in den Grundlagenwissenschaften geringer als in der angewandten Forschung?SantenIn den Grundlagenwissenschaften gibt es einen engen Austausch zwischen Forschungsgruppen aus aller Welt. Man fährt auf Konferenzen und entwickelt im gegenseitigen Austausch neue Ideen. Dazu gehört selbstverständlich auch der Austausch mit chinesischen Forschenden. In der angewandten Forschung zielt man dagegen auch auf die wirtschaftliche Verwertung von Ideen. In diesem Bereich spielt Zeit eine sehr große Rolle. Einen technologischen Vorsprung kann man immer nur über ein paar Jahre nutzen. Insoweit kann das, was den Wissensabfluss angeht, eher kritisch sein. Was heißt das mit Blick auf das Cispa?SantenGrundsätzlich gehört Cybersicherheit zu den sensibleren Bereichen der Forschung. Es gibt in der Wirtschaft und den öffentlichen Institutionen einen hohen Schutzbedarf vor Cyberattacken. Wenn das Cispa andere Institutionen oder Firmen berät und Konzepte vorschlägt, sollten umfassende Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Sie haben in einem Interview mit dem Handelsblatt darauf hingewiesen, dass die Anzahl der am Cispa tätigen Wissenschaftler nicht signifikant höher sei als in der Saarbrücker Informatik oder denen der hiesigen, außeruniversitären Forschungsinstitute. Eine der sechs Arbeitsgruppen am Cispa, nämlich die von Cispa-Gründer und -Geschäftsführer Michael Backes, fällt insoweit allerdings durchaus heraus. Von den 18 Mitarbeitern der Backes-Forschungsgruppe stammen offenbar 17 aus China. Ist das per se bereits ein Problem?SantenDas Cispa selbst ist ein sehr internationales Zentrum, mit Forschenden aus vielen Nationen. Es gehört zu den positiven Aspekten der Internationalisierung, dass die etablierten Forschenden insbesondere auch aus ihren Herkunftsländern junge Talente gewinnen. Die Zusammensetzung der Gruppe von Michael Backes ist aber auch vor diesem Hintergrund ungewöhnlich. Die Cispa-Affäre gefährdet den Ruf des Saarbrücker Helmholtz-Zentrums für Informationssicherheit. Welche negativen Folgeeffekte könnte dies womöglich auch für den Saarbrücker Informatikschwerpunkt haben?Ludger Santen, Präsident der Saar-Uni, hier bei einem Redaktionsbesuch bei der SZ 2025. Foto: Robby LorenzSantenDass es in der Vergangenheit zwischen dem Cispa und den übrigen Saarbrücker Wissenschaftsinstitutionen Unstimmigkeiten gab, ist bekannt. Unabhängig davon wird unisono bescheinigt, dass am Cispa hervorragende Forschende tätig sind, obwohl Expertinnen und Experten im Bereich der Cybersicherheit weltweit sehr gefragt sind, da der Bedarf vor dem Hintergrund von hybriden Kriegsführungen, Erpressungen von Firmen und lahmgelegten Institutionen riesig ist. All das wird nun durch die KI noch viel gefährlicher, weil KI diese Angriffe beschleunigt und noch wirkungsvoller macht. Michael Backes und das Cispa haben es geschafft, in diesem Umfeld ein äußerst leistungsfähiges Zentrum hinzustellen. Das Potenzial des Cispa ist also enorm. Ich kann deshalb die Forderung des BMFTR (Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, A. d. R. ) verstehen, dass man nun auch eine Integration des Zentrums in die Helmholtz-Gemeinschaft erwartet, damit auch andere Institutionen von diesem Potenzial profitieren. Auch wir wünschen uns diesen institutionellen Austausch. Würde es den Informatikstandort Saarbrücken tangieren, sollte die Reputation des Cispa im Licht der Untersuchungsergebnisse Schaden nehmen?SantenViel wichtiger ist es, zu sehen, was das Cispa für Deutschland leisten kann und muss. Wir haben eine konkrete und zunehmende Bedrohung im Bereich der Cybersicherheit. Deshalb ist es wichtig, die aufgebaute Expertise am Cispa auch zu nutzen. Die logische Konsequenz ist es daher für mich, den angestrebten Wachstumspfad des Cispa nicht zu verlassen. Mahnende Stimmen warnen bereits, dass durch die sogenannte China-Affäre wichtige Wissenschaftler am Cispa verunsichert würden und abwandern könnten. Auch weil andere Standorte die aktuelle Situation womöglich ausnutzen, auch was die Verteilung von Fördergeldern anbelangt. Wie berechtigt ist diese Sorge?SantenEin baldiges und klares Bekenntnis zur Weiterentwicklung des Cispa wäre vor diesem Hintergrund natürlich hilfreich. Es wäre auch ökonomisch sinnvoll, denn Investitionen in Cybersicherheit sind essenziell für den Standort Deutschland. Noch mal: Wie sehr könnte das Verhältnis zwischen Universität und Cispa Schaden nehmen durch die aktuellen Entwicklungen dort?SantenIch interpretiere die aktuellen Entwicklungen so, dass institutionelle Kooperationen des Cispa gestärkt werden sollen, mindestens innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft. Wir begrüßen ein solches Zusammenarbeiten und haben deshalb die Türen immer offen gehalten. Der Saarländische Informatik Forschungsstandort insgesamt gehört zu den Top-Fünf-Standorten in Europa. Wenn das Cispa sich als integraler Bestandteil des Standortes verstünde, können wir das auch nach außen hin deutlich machen. Das hieße dann auch, dass der Pullfaktor für gut ausgebildete, talentierte junge Forschende noch mal höher ist. Cybersicherheit ist auch ein wichtiger ökonomischer Faktor im Zeichen von Aufrüstung und dem heutigen Drohnen- und KI-Potenzial. Rund zwei Prozent des deutschen Verteidigungshaushaltes und damit fast drei Milliarden Euro entfallen ab 2027 auf Forschung. Auch die Landesregierung setzt auf die Ansiedlung von Rüstungsunternehmen. Was heißt dies für künftige Forschungsaktivitäten der Universität des Saarlandes? Wird die Uni aus den genannten Gründen in Zukunft stärker auf sicherheitsrelevante Forschung setzen?SantenWir haben keine Zivilklausel an unserer Universität. Senat und Präsidium unterstützen diese Offenheit für sicherheitsrelevante Forschung. Umgekehrt treiben wir sie aber auch nicht aktiv voran. Auf Arbeitsgruppenebene besteht die Freiheit, auch sicherheitsrelevante Forschung zu betreiben, wenn das mit der universitären Infrastruktur vereinbar ist. Der Ruf, den Anteil des Verteidigungsetats für Forschungs- und Entwicklungsausgaben gerade bei den Themen KI und Cybersicherheit massiv zu erhöhen, wird übrigens immer lauter. Das ist ein Thema für sich, zeigt aber das enorme Entwicklungspotenzial in diesem Bereich. In besagtem Interview mit dem Handelsblatt meinten Sie kürzlich, deutsche Universitäten müssten damit leben, dass ihre Wissenschaftsfreiheit in sicherheitssensiblen Bereichen eingeschränkt wird. Inwieweit?SantenDas hat man heute schon, auch im zivilen Forschungsbereich. Kooperationsvereinbarungen mit Unternehmen enthalten häufig Geheimhaltungsklauseln. Diese Forschung ist dann auch nicht zur Veröffentlichung gedacht, um die kommerzielle Verwertbarkeit von Entwicklungen nicht zu gefährden. Wie häufig sind solche Unternehmenskooperationen?SantenAn unserer Universität nicht so häufig, insbesondere nicht im Vergleich zu technischen Universitäten. Durch die Startup Factory SWX werden solche Kooperationen aber an Bedeutung gewinnen. Für diesen Herbst hat das Bundesforschungsministerium eine mit dem Wissenschaftsrat abgestimmte „Nationale Sicherheitsplattform“ angekündigt, die die Modalitäten sicherheitsrelevanter Forschung festlegen soll. Inwieweit wird das zu einer Verklarung der Forschungsbedingungen beitragen?SantenDie Cispa-Untersuchungen haben gezeigt, dass wir klare Rahmenbedingungen in diesem Bereich brauchen. Es gibt beispielsweise vielfach die Ansicht, dass in Projekten, in denen eine Publikation der Ergebnisse angestrebt wird, keine umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sind. Gleichzeitig ist es prinzipiell möglich, dass auch dort methodische Kompetenzen mit Missbrauchspotenzial erworben werden. Es wäre für die Forschenden sehr nützlich, wenn sinnvolle Vorgaben für solche Abwägungsprozesse gemacht würden. Werden die deutsch-chinesischen Wissenschaftsbande im Zeichen der fortschreitenden Konkurrenz künftig zurückgefahren werden?SantenDie Volksrepublik China strebt eine umfassende Technologieführerschaft an. Insoweit tut die EU gut daran, sich diesem Wettbewerb zu stellen. Partnerschaftliche Kooperationen mit China können die Wettbewerbsposition der europäischen Wirtschaft stärken, Kooperationen zum Vorteil von China tun das offenkundig nicht. Das Thema Informationssicherheit ist auch in anderer Hinsicht gerade virulent: Ganz aktuell sind KI-Agenten von Open-AI aus einer streng überwachten Testumgebung ausgebrochen und haben Hackerangriffe verübt. Hatten jene Wissenschaftler nicht recht, die vor wenigen Jahren ein Moratorium bei der KI-Entwicklung forderten? Zeigt der jüngste Fall nicht, dass die KI bereits jetzt unkontrollierbar geworden ist?SantenIch bin Physiker und nicht Informatiker, deshalb fällt mir eine Antwort auf diese Frage schwer. In der Physik hatten wir allerdings eine ähnliche Situation rund um die zivile und militärische Nutzung der Kernenergie. In diesem Bereich haben sich vor dem Hintergrund der realen Bedrohung effektive regulatorische Mechanismen entwickelt. Ähnliche Entwicklungen erwarte ich auch in Sachen KI. Der Bund plant die Gründung eines nationalen KI-Sicherheitsinstituts. Der Saarbrücker Campus samt seinen außeruniversitären Forschungsinstituten hätte die nötige Expertise hierfür. Manche sagen, er sei geradezu prädestiniert für diese Ansiedlung. Schwächt die aktuelle Cispa-Diskussion die Chancen?SantenAngesichts der Dringlichkeit für die Einrichtung eines KI-Sicherheitsinstituts ist es meiner Meinung erforderlich, einen Standort zu finden, an dem man schnell zusätzliche Kapazitäten im Bereich der Cybersicherheit aufbauen kann. Das haben wir in den vergangenen Jahren bewiesen. Daher: Der Informatikstandort Saarland wäre dafür prädestiniert!SaarbrückenSaarlandHochschuleZur Startseite