Radio Afrika TV – JANE GOODALL - DIE FRAU, DIE DEN SCHIMPANSEN EINE STIMME GAB
Isabell Lustig, von und für Radio Afrika Als Jane Goodall 1960 nach Gombe im heutigen Tansania kam, war sie 26 Jahre alt und hatte keinen klassischen akademischen Weg hinter sich. Sie war keine Professorin, keine etablierte Forscherin, nicht einmal promoviert. Sie war eine junge Frau aus England, die seit ihrer Kindheit von Afrika geträumt hatte […]

Isabell Lustig, von und für Radio AfrikaAls Jane Goodall 1960 nach Gombe im heutigen Tansania kam, war sie 26 Jahre alt und hatte keinen klassischen akademischen Weg hinter sich. Sie war keine Professorin, keine etablierte Forscherin, nicht einmal promoviert. Sie war eine junge Frau aus England, die seit ihrer Kindheit von Afrika geträumt hatte und fest davon überzeugt war, dass man Tiere nur verstehen kann, wenn man ihnen wirklich nahekommt. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Primatenforscherinnen der Welt. Ihre Beobachtungen haben unser Bild von Schimpansen – und damit auch von uns selbst – verändert. Doch Jane Goodall war weit mehr als eine Wissenschaftlerin. Sie war Pionierin, Aktivistin, Mutter, Ehefrau, Weltreisende und eine Frau, die sich bis ins hohe Alter nicht damit zufriedengab, dass andere ihre Arbeit bewunderten. Sie wollte, dass Menschen bewusst wird, dass sie etwas bewirken können – und dementsprechend handeln. Am 1. Oktober 2025 starb Jane Goodall im Alter von 91 Jahren während einer Vortragstour in Kalifornien. Sie war bis zuletzt unterwegs, um über Tiere, Natur und die Zukunft unseres Planeten zu sprechen. Rund 300 Tage im Jahr soll sie in ihren späteren Jahren auf Reisen gewesen sein. Ein ungewöhnliches Leben – und eines, das schon in ihrer Kindheit seinen Anfang nahm. Ein Mädchen mit einem ungewöhnlichen TraumJane Goodall wurde am 3. April 1934 in London als Valerie Jane Morris-Goodall geboren und wuchs in England auf. Ihr Vater Mortimer Herbert Morris-Goodall war Geschäftsmann und arbeitete unter anderem in der Automobilbranche; ihre Mutter Margaret Myfanwe Joseph, genannt Vanne, war Schriftstellerin. Die Eltern trennten sich später, und die Familie verfügte nicht über die finanziellen Mittel, Jane ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Ihre Kindheit fiel in eine bewegte Zeit: Der Zweite Weltkrieg prägte ihre frühen Jahre, und zugleich war die Gesellschaft noch stark von traditionellen Rollenbildern geprägt. Für Mädchen gab es klare Vorstellungen davon, wie ein „gutes“ Leben auszusehen hatte: eine solide Ausbildung, später eine Ehe, Kinder und ein möglichst sicheres Zuhause. Jane jedoch hatte andere Pläne. Schon als Kind war sie fasziniert von Tieren. Sie wollte wissen, wie sie leben, was sie tun und warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten. Eine berühmte Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt, wie sie sich einmal im Hühnerstall versteckte, weil sie unbedingt sehen wollte, wie ein Huhn ein Ei legt. Stundenlang suchte ihre Familie nach ihr. KI-GENERIERTIhre Mutter Vanne nahm diese ungewöhnliche Neugier ernst. Sie ermutigte ihre Tochter, an ihren Träumen festzuhalten – und zugleich dafür zu arbeiten. Diese Unterstützung sollte für Jane Goodalls späteres Leben von großer Bedeutung sein. Als Jane schließlich nach Afrika ging, begleitete ihre Mutter sie sogar zeitweise nach Gombe und lebte dort mit ihr im Forschungsgebiet. Sie half ihrer Tochter damit nicht nur praktisch, sondern gab ihr auch die Sicherheit, die eine junge Frau in einer so fremden und abgelegenen Umgebung brauchte. Aber Jane hatte davor weder das Geld für ein Studium noch die akademischen Voraussetzungen, die man damals für eine wissenschaftliche Karriere erwartete. Sie besuchte deshalb eine Sekretärinnenschule. Aber sie hatte Geduld. Und sie hatte einen Traum: Afrika. KI-GENERIERTAls junge Frau bekam sie schließlich die Einladung einer Freundin, nach Kenia zu kommen. Jane sparte das Geld für die Reise und machte sich auf den Weg. Während ihres Aufenthaltes begegnete sie dem berühmten Paläoanthropologen Louis Leakey. Er erkannte ihre besondere Begabung für die Beobachtung von Tieren und gab ihr eine Aufgabe, die ihr Leben verändern sollte: Sie sollte wilde Schimpansen erforschen. 26 Jahre alt, allein im Wald1960 beginnt Jane Goodall ihre Arbeit in Gombe. Sie ist 26 Jahre alt und betritt eine Welt, die für eine junge Frau aus England kaum weiter von ihrem bisherigen Leben entfernt sein könnte. Sie erreicht schließlich das Gebiet am Ufer des Tanganjikasees. Die Schimpansen sind scheu. Sie fliehen zunächst vor ihr. Goodall muss lernen, Geduld zu haben. Sie beobachtet, wartet und kommt immer wieder. Nach und nach akzeptieren die Tiere ihre Anwesenheit. Einer der Schimpansen erhält den Namen David Greybeard. Und auch darin liegt bereits eine kleine Revolution. Jane Goodall sieht in den Tieren nicht nur Forschungsobjekte, sondern Individuen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Beziehungen. Dann macht sie eine Beobachtung, die die Wissenschaft nachhaltig verändert: Ein Schimpanse benutzt einen zurechtgebogenen Grashalm, um Termiten aus einem Termitenhügel zu holen. Herstellung und Gebrauch von Werkzeug galten lange als Fähigkeiten, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Goodalls Beobachtung stellte diese Vorstellung infrage. Schimpansen können Werkzeuge verwenden und sogar herstellen. Sie lernen voneinander. Sie pflegen soziale Beziehungen. Sie zeigen unterschiedliche Charaktere. Und Goodall beobachtete außerdem, dass Schimpansen Fleisch fressen und gemeinsam Jagd auf andere Tiere machen können. Die Grenze zwischen Mensch und Tier wird dadurch nicht aufgehoben. Aber sie wird deutlich komplizierter. Jane Goodall hat damit nicht nur die Primatenforschung verändert. Sie hat uns gezwungen, über uns selbst nachzudenken. KI-GENERIERTEine der „Trimates“Louis Leakey war von Goodalls Arbeit so überzeugt, dass er weitere Frauen für die Erforschung großer Menschenaffen unterstützte. Mit der Schimpansenforscherin Jane Goodall, der Gorillaforscherin Dian Fossey und der Orang-Utan-Forscherin Birutė Galdikas entstanden die legendären „Trimates“. Alle drei Frauen arbeiteten über lange Zeit direkt im Lebensraum ihrer Tiere. Sie wurden zu Wegbereiterinnen einer neuen Art der Primatenforschung und zu Vorbildern für Generationen von Wissenschaftlerinnen. KI-GENERIERTJane Goodall wurde dabei zur bekanntesten der drei. Doch auch sie musste sich ihren Platz erst erkämpfen. Als attraktive junge Frau wurde sie nicht immer nur als Wissenschaftlerin wahrgenommen. Es gab sexistische Kommentare und Bemerkungen darüber, dass sie ihren Erfolg womöglich ihren „hübschen Beinen“ verdanke. Goodall reagierte darauf nicht mit Rückzug, sie forschte weiter. Und ihre ruhige Art bedeutete keineswegs, dass sie sich alles gefallen ließ. Sie war sanft, aber nicht schwach. Im Gegenteil: Wenn sie von etwas überzeugt war, konnte sie ausgesprochen energisch und beharrlich sein, was ihr letztendlich Erfolg bescherte und sie weltberühmt machte. Die Frau hinter der ForscherinAuch das Privatleben der berühmten Wissenschaftlerin war alles andere als geradlinig. Sie heiratete den niederländischen Tierfilmer Hugo van Lawick, den sie während ihrer Arbeit in Afrika kennengelernt hatte. Gemeinsam bekamen sie einen Sohn, Hugo Eric Louis van Lawick, den alle Grub nannten. Doch die Ehe zerbrach nach einigen Jahren. Für Goodall war die Mutterschaft eine Herausforderung, die sich nicht einfach mit ihrem Leben als Forscherin und später als Aktivistin verbinden ließ. Sie war häufig unterwegs, und ihr Sohn musste mit einer Mutter leben, die zwar weltberühmt war, aber nicht jeden Abend zu Hause sein konnte. KI-GENERIERTSpäter heiratete Jane Goodall erneut, den tansanischen Politiker und Naturschützer Derek Bryceson. Doch auch diese Ehe war nur von kurzer Dauer, denn wenige Jahre später starb ihr zweiter Mann. Hinter der öffentlichen Figur der unermüdlichen Wissenschaftlerin und Aktivistin stand also eine Frau, die wie viele andere Menschen mit Liebe, Verlust, Trennung und schwierigen Entscheidungen umgehen musste. Gerade das macht ihre Geschichte aber so interessant. Jane Goodall war keine makellose Ikone, sondern ein Mensch, eine Frau, die ihren Weg suchte und dabei auch einen Preis für ihre Entscheidungen bezahlte. Vom Wald in die WeltKI-GENERIERTMit der Zeit verändert sich ihr Leben erneut. Goodall erkennt zunehmend, dass es nicht genügt, Schimpansen zu erforschen, wenn gleichzeitig ihre Lebensräume zerstört werden. Aus der Wissenschaftlerin wird eine Aktivistin. Sie gründet das Jane Goodall Institute und setzt sich weltweit für den Schutz von Schimpansen, anderer Tiere und ihrer Lebensräume ein. Auch die Forschung in Gombe wird langfristig weitergeführt. Aus ihrer ursprünglichen Feldarbeit entsteht ein Forschungszentrum, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie tansanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Schimpansenpopulation und ihr Ökosystem untersuchen. Goodalls Arbeit beschränkt sich damit nicht auf ihre eigenen Beobachtungen: Sie schafft Strukturen, die Forschung und Naturschutz über Generationen hinweg ermöglichen. Eine weitere Herzensangelegenheit wird Roots & Shoots. Das 1991 entstandene Jugendprogramm ermutigt junge Menschen, selbst Projekte für Menschen, Tiere und die Umwelt zu entwickeln. Aus einer kleinen Gruppe tansanischer Schülerinnen und Schüler ist inzwischen ein internationales Netzwerk geworden, das in zahlreichen Ländern aktiv ist. Die Grundidee ist einfach: Junge Menschen sollen nicht darauf warten, dass andere die Welt verändern, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Auch ihre persönliche Lebensweise verändert sich. Goodall wird zunächst Vegetarierin und später Veganerin. Dabei verbindet sie Ernährung mit der Frage, welche Folgen unser Lebensstil für Tiere und Umwelt hat. Gleichzeitig bleibt sie ein Mensch mit Humor, der auch über sich selbst lachen kann. Ihre Botschaft lautet nicht: Ich habe die perfekte Lösung. Sie lautet eher: Wir alle treffen jeden Tag Entscheidungen. Und wir können versuchen, bessere zu treffen. Der Doktortitel ohne StudiumEine der ungewöhnlichsten Episoden ihrer Karriere beginnt ausgerechnet mit einem Problem, das sie eigentlich längst überwunden hatte: ihrer fehlenden akademischen Ausbildung. Louis Leakey war überzeugt, dass Goodall einen Doktortitel brauchte, wenn ihre Forschung von der akademischen Welt ernst genommen werden sollte. Er half ihr deshalb, einen Platz im Doktoratsprogramm der Universität Cambridge zu bekommen. Goodall gehörte damit zu den sehr wenigen Menschen, die in Cambridge ohne vorherigen Universitätsabschluss zu einem Promotionsstudium zugelassen wurden. Sie promovierte schließlich in Ethologie, also der Verhaltensforschung, und erhielt ihren Doktor. Doch auch in Cambridge passte sie sich nicht einfach den Erwartungen an. Wissenschaftler hatten damals klare Vorstellungen davon, wie man Tiere wissenschaftlich zu beobachten hatte. Individuelle Namen und die Beschreibung von Persönlichkeiten galten vielen Forschern als zu menschlich und damit unwissenschaftlich. Goodall widersprach. Sie hatte die Tiere nicht nur beobachtet, sie hatte sie kennengelernt – und sie war überzeugt, dass ihre Individualität ein Teil dessen war, was man wissenschaftlich verstehen musste. Dass ausgerechnet eine junge Frau ohne Universitätsabschluss diese Vorstellungen infrage stellte, war für die damalige Wissenschaft nicht selbstverständlich. Im Laufe ihres Lebens erhielt Jane Goodall unzählige Auszeichnungen. Sie wurde unter anderem zur Dame Commander of the Order of the British Empire ernannt, erhielt den Kyoto Prize und wurde 2002 zur UN-Friedensbotschafterin ernannt. Kurz vor ihrem Tod erhielt sie eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der Vereinigten Staaten: die Presidential Medal of Freedom. Sie wurde ihr im Jänner 2025 verliehen. Doch trotz dieser Ehrungen, Abenteuer in Afrika und der vielen Reisen um die Welt blieb ihre Beziehung zu England bestehen. Dort war ihre Familie und dort hatten die prägenden Jahre ihres Lebens stattgefunden. England war ihre Heimat, Afrika war ihre Lebensaufgabe. Hoffnung statt ResignationKI-GENERIERTMit zunehmendem Alter wird Jane Goodall immer weniger zur Forscherin im klassischen Sinne und immer mehr zur Botschafterin für die Natur und die Tiere. Sie reist um die Welt, spricht vor Jugendlichen, Politikern und Wissenschaftlern, gibt Interviews und hält Vorträge. Rund 300 Tage im Jahr unterwegs zu sein ist selbst für einen jüngeren Menschen anstrengend. Goodall aber macht weiter, als viele andere längst in den Ruhestand gegangen wären. Ihre zentrale Botschaft ist Hoffnung. Nicht die naive Hoffnung, dass sich die Probleme der Welt von selbst lösen werden. Goodall weiß sehr genau, wie ernst die Lage ist: Lebensräume verschwinden, Arten sind bedroht, der Klimawandel verändert Ökosysteme. Aber sie weigert sich, daraus den Schluss zu ziehen, dass ohnehin alles verloren sei. Jane Goodall hat den Schimpansen eine Stimme gegeben, indem sie uns zwang, sie genauer anzusehen. Sie hat Frauen gezeigt, dass wissenschaftliche Pionierarbeit nicht Männern vorbehalten ist. Sie hat als Mutter und Ehefrau ein Leben geführt, das nicht frei von Widersprüchen war. Und sie hat als Aktivistin bis zuletzt versucht, aus Wissen Verantwortung entstehen zu lassen. Als sie am 1. Oktober 2025 starb, war sie 91 Jahre alt. Sie starb nicht im Ruhestand, sondern während einer Reise, auf der sie zu Menschen sprechen und mit ihnen in Kontakt kommen wollte. Jane Goodall war eine Frau, die als Mädchen von Afrika träumte, als junge Forscherin im Wald saß und wartete, bis die Schimpansen sie akzeptierten – und die später die meiste Zeit über unterwegs war, um Menschen davon zu überzeugen, dass wir alle noch lernen können. Dass wir genauer hinsehen können. Und dass es nie zu spät ist, etwas zu verändern. QUELLEN FÜR DIESEN ARTIKEL UND WEITERFÜHRENDE INFORMATIONENInternetquellenUniversity of Cambridge. Informationen und Beiträge zu Jane Goodall. www. cam. ac. ukCambridge, University of Cambridge – Department of Zoology. „Jane Goodall 1934–2025. “ 3. Oktober 2025. www. zoo. cam. ac. ukJane Goodall Institute,www. janegoodall. orgUnited Nations,www. un. orgZeitungen, Zeitschriften und NachrichtenagenturenAssociated Press. „What to know about the life and legacy of chimpanzee researcher and wildlife advocate Jane Goodall. “ 1. Oktober 2025. www. apnews. comNational Geographic. Beiträge über Jane Goodall und ihre Forschung. www. nationalgeographic. comReuters. „Wildlife advocate and primate expert Jane Goodall dies at 91. “ 1. Oktober 2025. www. reuters. comThe Washington Post. „Jane Goodall, primatologist and friend to chimpanzees, dies at 91. “ 1. Oktober 2025. www. washingtonpost. comBücherGoodall, Jane. In the Shadow of Man. Boston: Houghton Mifflin, 1971. Goodall, Jane. The Chimpanzees of Gombe: Patterns of Behavior. Cambridge, Mass. : The Belknap Press of Harvard University Press, 1986. Goodall, Jane; Abrams, Douglas; Hudson, Gail. The Book of Hope: A Survival Guide for Trying Times. New York: Celadon Books, 2021. Peterson, Dale. Jane Goodall: The Woman Who Redefined Man. Boston: Houghton Mifflin, 2006. www. dalepetersonauthor. comALLE BILDER KI-GENERIERT