Radio Afrika TV – Zentralafrikas überlappende bewaffnete AkteurInnen
Im zentralen Afrika wird das Unterscheiden zwischen denen, deren Pflicht es ist, für Sicherheit zu sorgen, und denen, die Verbrechen und Konflikte anheizen, schwieriger. Das Integrieren lokaler Milizen und Bürgerwehren in formale Sicherheitsstrukturen verankert auf Zwang basierende Praktiken in staatlichen Institutionen, verkompliziert Verantwortlichkeit, verwischt Trennlinien und fördert AkteurInnen, die ein Interesse an Instabilität haben.

Foto: nach Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden bewaffneten Gruppen brennt es in N’délé, Zentralafrikanische Republik[1]* * *Artikel Titilope F Ajayi/Institut für Sicherheitsstudien/ISS,kurze Einleitung und Übersetzung Günther LanierOuagadougou 5. 8. 2026[2]* * *Der Artikel zum zentralen Afrika, den ich Ihnen heute in deutscher Übersetzung präsentiere, ist von Dr. Titilope F Ajayi, Senior-Forscherin am ISS-Observatorium für Zentralafrika am renommierten Institute of Security Studies (ISS)[3]. Der Artikel wurde im englischen Original am 17. Juli 2026 auf ISS Today veröffentlicht. Hier der link zum Originalartikel:https://issafrica. org/iss-today/central-africa-s-shifting-alliances-between-armies-and-armed-groups. Ich danke ISS und Titilope F Ajayi für die umstandslos erteilte Erlaubnis, den Artikel zu übersetzen. Dr. Ajayi hat ihr PhD in Internationalen Angelegenheiten an der Universität von Ghana/Legon erworben. Sie bezeichnet sich als Prakademikerin, also Gelehrte und Praktikerin. Sie arbeitet dort, wo sich Gender, Konflikte, Frieden, Sicherheit, Governance und politische Ordnung überschneiden. Sie hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung in politischer Analyse, zivilgesellschaftlicher Praxis und akademischer Forschung. Vor ISS hat sie unter anderem auch für ODI Global und International Crisis Group gearbeitet. Publiziert hat sie – neben einem Buch bei Routledge[4]– insbesondere bei Kujenga Amani, Institute for Security Studies, Search for Common Ground, Africa Is A Country, ACCORD, African Feminism und Nonprofit Quarterly[5]. Hier ihr anregender Artikel zur gewaltfördernden Unübersichtlichkeit des vielfältigen und vermischten Bemühens um “Sicherheit“, der zweifellos über den Südsudan, die Zentralafrikanische Republik, den Osten Kongo-Kinshasas und die Länder des Tschadsee-Beckens hinaus relevant und bedenkenswert ist:* * *Wechselnde Beziehungen zwischen Armeen und bewaffneten Gruppen im zentralen AfrikaStaatliche Sicherheitskräfte, Milizen und Selbstschutzgruppen überlagern sich zunehmend – das macht Unsicherheit profitabler und Konflikte schwerer lösbarAutor: Titilope F AjayiEnglisches Original veröffentlicht auf ISS Today am 17. 7. 2026https://issafrica. org/iss-today/central-africa-s-shifting-alliances-between-armies-and-armed-groupsFoto: zwei Männner der FPRC in N‘délé am 29. April 2020 – die auf der Gegenseite heißen RPRC[6]Im zentralen Afrika wird das Unterscheiden zwischen denen, deren Pflicht es ist, für Sicherheit zu sorgen, und denen, die Verbrechen und Konflikte anheizen, schwieriger. Die Unfähigkeit staatlicherseits, Sicherheit zu gewährleisten, fördert Allianzen zwischen Milizen, gemeinschaftsbasierten Kräften und nationalen Armeen, was den Umgang mit den Konflikten verkompliziert. Entlang der Korridore, die Tschad, Kamerun und Zentralafrikanische Republik verbinden, haben mit der Sicherheit betraute AmtsträgerInnen Verbindungen zu Kidnappings für Lösegeld, Viehdiebstahl und Menschenhandel[7]. Des Wartens auf staatlichen Schutz müde tschadische Gemeinschaften haben Bürgerwehren eingerichtet, die oftmals als erste auf Kidnappings und andere Verbrechen reagieren[8]. In der Zentralafrikanischen Republik operieren für lokalen Schutz ins Leben gerufene Milizen zunehmend an der Seite nationaler und alliierter Sicherheitskräfte. Zum Beispiel haben die Azandé Ani Kpi Gbé[9]sowohl mit den staatlichen Sicherheitskräften als auch mit der russischen Wagner-Gruppe zusammengearbeitet und haben dabei ihre eigenen Befehlsstrukturen und ihren Einfluss bewahrt. Das Verhältnis hat sich inzwischen verschlechtert, was zeigt, wie hybride Sicherheitsarrangements Veränderungen unterworfen sind. Im Osten Kongo-Kinshasas haben von der UNO sanktionierte Wazalendo-Milizen an der Seite staatlicher Truppen gegen die M23-Rebellion gekämpft. Allerdings werden sie zunehmend mit Menschenrechtsverletzungen[10], illegalen Steuern und unerlaubtem Ausbeuten natürlicher Ressourcen in Zusammenhang gebracht, was in Gemeinschaften und Teilen der Armee Skepsis laut werden ließ, was ihre Motive betrifft. Ähnliche Muster gibt es im Tschadsee-Becken, wo die Aktivitäten der Bürgerwehren von stillschweigender Unterstützung für den Staat bis zu offener Mobilisierung gegen Boko Haram reichen. Obwohl sie von manchen Regierungen Unterstützung erfahren, tun sich diese Gruppen schwer[11], gleichzeitig Vertrauen ihrer Gemeinschaft zu wahren, staatliche Aktionen mitzutragen und ein Kooptieren durch Boko Haram oder andere Milizen zu vermeiden. Im Südsudan haben anhaltende Konflikte und kriminelle Aktivitäten eine vielförmige Mischung von Bürgerwehren und Gemeinschaftsschutzgruppen geschaffen, darunter mit den staatlichen Autoritäten verbundene Gruppierungen, die Sudanesische Volksbefreiungsbewegung/-armee in Opposition[12]und lokale bewaffnete AkteurInnen, deren Prioritäten oft mehr lokal als national sind. Vorort-Forschungen des Instituts für Sicherheitsstudien/ISS haben gezeigt, dassmonyemiji(nach Alter geordnete soziale Gruppen) in althergebrachten Systemen lokalen Schutzes wurzeln. Andere, darunter Arrow Boys[13], Gelweng und White Army[14]sind als Gemeinschaftsverteidigungsgruppen hervorgetreten, haben aber Merkmale von den Staat bekämpfenden Rebellen und rivalisierenden ethnischen Schutzgruppen übernommen. Diese Dynamiken spiegeln äußeren und inneren Druck auf bewaffnete Gruppen wider, z. B. instrumentalisieren PolitikerInnen sie gegen die Regierung und RivalInnen. Bezeichnet der Staat solche Gruppen oft als RebellInnen, so besteht vor Ort ihre Reputation als SchützerInnen gemeinschaftlicher Ressourcen (Leute, Land, Ressourcen) fort, parallel[15]zu Gewalt, Raub und Missbrauch. Gleichermaßen verteidigen Fulani-JägerInnengruppen Gemeinschaften gegen Kidnappings und Viehdiebstahl, greifen aber auch andere bewaffnete Gruppen an, operieren derart zwischen Selbstverteidigung und Revolte. In den südsudanesischen Bundesstaaten Eastern Equatoria (Ostäquatoria) und Unity (Einheit) üben Gruppen, die von ISS befragte Personen als Milizen bezeichneten, mittlerweile Governance-Funktionen aus, erheben z. B. Steuern. Sie errichten auch illegale Kontrollposten, um den Personenverkehr zu kontrollieren und von der Bevölkerung Geld zu erpressen. Autorität üben traditionelle FührerInnen und lokale Powerbroker aus, ganze Landstriche werden ohne jegliche staatliche Kontrolle regiert. Loyalität herrscht oft gegenüber mächtigen Leuten[16], die an formellen Strukturen und Milizen beteiligt sind. Den ISS-ForscherInnen wurde berichtet, dass manche SoldatInnen Milizen nutzen, um mehr Zugang zu Ressourcen, Schutz und lokalem Einfluss zu erhalten als der Zentralstaat bieten kann. Waffen zirkulieren in Netzwerken, welche lokale AkteurInnen mit offiziellen Sicherheitsverantwortlichen verbinden und die Grenzen zwischen formeller und informeller Macht verwischen. Des Weiteren erfuhr ISS, dass manche nichtstaatliche AkteurInnen besser bewaffnet und mächtiger sind als staatliche Sicherheitskräfte. Die Zusammenarbeit zwischen offiziellen Sicherheitskräften und bewaffneten Gruppen reicht von Ad hoc-Allianzen zu dauerhafteren obgleich ungewissen Partnerschaften. In Ost-Kongo-Kinshasas ist die Wazalendo unter staatlichen Fittichen zu einem beständigen Partner der nationalen Streitkräfte gegen die M23 geworden, nicht aus Loyalität, sondern um einem überlegenen Feind entgegenzutreten und zu vermeiden, als Rivalen angesehen zu werden. Für die Armee bedeutet das Extra-Personal, Ortskenntnis, Zugang zum Einsatzgebiet – auch wenn manchen Gruppen Übergriffe nachgewiesen worden sind. In der Zentralafrikanischen Republik hat die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Kräften, ihren Alliierten und Milizen es Letzteren ermöglicht, ihre operationelle Reichweite auszudehnen[17], während sie gleichzeitig ihre lokale Autonomie wahrten. Ökonomische Anreize stützen Abmachungen zur Sicherheit. Im Osten Kongo-Kinshasas sorgt Kontrolle über Abbaustätten, Transportrouten und Holzproduktion für Einkommen auch für diejenigen, die bei der Extraktion der Ressourcen für Sicherheit sorgen. Im Kongo-Kinshasa-Zentralafrikanische Republik-Südsudan-Dreiländereck schaffen Kidnappings und grenzüberschreitender Handel Systeme, wo sich Schutz, Zwang und Profit überlagern. Diese Muster haben Unsicherheit auf dreifache Weise umgestaltet. Erstens schaffen sie fruchtbaren Boden für Gewalt und Ausbeutung ohne Rechenschaftspflicht. Im Osten Kongo-Kinshasas und in der Zentralafrikanischen Republik sind Milizen, die an der Seite staatlicher Kräfte und ihrer Alliierten operieren, mit Erpressungen an Kontrollposten und Gewalt gegen ZivilistInnen[18]in Verbindung gebracht worden. Im Südsudan geschieht ähnlicher Missbrauch, wobei ZivilistInnen oft nicht unterscheiden können, wer verantwortlich ist, und daher nicht wissen, wo Abhilfe verlangt werden könnte. Zweitens vermehren Sicherheitsallianzen die Konflikt-AkteurInnen. Im Osten Kongo-Kinshasas hat die Zusammenarbeit zwischen Armee und Milizen staatliche Autorität nicht konsolidiert, sondern die Wirkweite multipler AkteurInnen innerhalb der betroffenen Gebiete ausgedehnt. Drittens ist da die Kriminalisierung der Sicherheit. In der Zentralafrikanischen Republik mehren mit Bergbau und illegalem grenzüberschreitenden Handel verbundene Konfliktökonomien[19]die Gewalt. In Kongo-Kinshasas Dreiländereck mit der Zentralafrikanischen Republik und dem Südsudan binden ähnliche Dynamiken das Bereitstellen von Sicherheit ans Extrahieren von Ressourcen und an verbotenen Handel. Während AkteurInnen Teile solcher Systeme werden, wird Unsicherheit wirtschaftlich selbsttragend. Im Umgang hiermit muss Politik fixe Kategorien hinter sich lassen und sich darauf konzentrieren, wer was tut. Wo AkteurInnen ähnliche Rollen spielen, ist das Verstehen, wie sie operieren, wichtiger als wie sie klassifiziert werden. Lokale Milizen und Bürgerwehren in formale Sicherheitsstrukturen zu integrieren, bietet keine einfache Lösung. Während es möglicherweise die Reichweite des Staates erweitert, kann es auf Zwang zurückgreifende Praktiken in staatlichen Institutionen verankern[20], was Verantwortlichkeit verkompliziert, Trennlinien verwischt und potenziell AkteurInnen fördert, die ein Interesse an Instabilität haben. Politische Verantwortliche stehen vor schwierigen Entscheidungen. Informelle bewaffnete Gruppen auszuschließen, kann Sicherheitsvakuen erzeugen, insbesondere dort, wo sie den offiziellen Sicherheitskräften überlegen sind. Aber sich unkritisch mit solchen Gruppen einzulassen, birgt das Risiko in sich, schädliche Praktiken zu verfestigen. Wirksame Maßnahmen sollten auf der lokalen Ebene Schutz und Verantwortlichkeit verbessern. Das kann vermehrte operationelle und materielle Unterstützung für Bürgerwehren inkludieren und ein Verstärken der Bewusstheit der Gemeinschaften, was die Rolle dieser Bürgerwehren betrifft. Solche Verlegenheitslösungen könnten als Ergänzung fungieren für ein langfristiges Arbeiten an der Verbesserung schwacher staatlicher Sicherheit und Governance – sie sind es ja, die Gemeinschaften dazu bringen, sich auf nichtstaatliche bewaffnete Gruppen zu verlassen. * * *25 Tage vor dem Titelfoto: es brennt in N’délé nach Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen[21]* * *Endnoten:[1]N’délé liegt ca. 650 km nordnordöstlich von Bangui. Foto Moïse Banafio/CorbeauNews 29. 4. 2020, https://commons. wikimedia. org/wiki/File:Burnt_market_in_Ndele. jpg. Fotoauswahl (auch für die folgenden Fotos): GL – für das im ISS-Artikel verwendete Foto habe ich die Rechte nicht. [2]Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren![3]Sitz der NPO ist Pretoria/Südafrika, dazu gibt es Regionalbüros in Addis-Abeba/Äthiopien, Dakar/Senegal und Nairobi/Kenia. Vor 35 Jahren gegründet – kurz vor dem endgültigen Ende der Apartheid –, ist ISS heute ein panafrikanisches Forschungsinstitut. Zu ISS siehe https://en. wikipedia. org/wiki/Institute_for_Security_Studies. [4]Titilope F Ajayi,Globalised Resistance and the Bring Back Our Girls Movement: New Dimensions of Transnational Activism, London (Routledge) 2025. [5]Informationen von https://kujenga-amani. ssrc. org/author/dr-titilope-f-ajayi/. [6]Foto Moïse Banafio/CorbeauNews https://commons. wikimedia. org/wiki/File:FPRC_rebels_in_Ndele. jpg. [7]Siehe https://globalinitiative. net/analysis/human-smuggling-trafficking-ecosystems-north-africa-sahel-2023/. [8]S. https://www. theguardian. com/world/article/2024/jul/16/kidnappings-surge-triangle-of-death-chad-cameroon-central-african-republic-security. [9]S. https://www. crisisgroup. org/rpt/africa/central-african-republic/319-centrafrique-les-zande-tirailles-entre-armee-milice-et-troupes-russes. [10]S. https://main. un. org/securitycouncil/en/sanctions/1533. [11]S. https://issafrica. org/iss-today/vigilance-committees-dilemma-in-the-fight-against-boko-haram. [12]Anm. GL: Im Original “Sudan People’s Liberation Movement/Army-in-Opposition”, die Partei/Miliz Riek Machars. [13]Pfeil-Buben. [14]Weiße Armee. [15]S. https://researchportal. port. ac. uk/en/publications/protection-or-predation-understanding-the-behavior-of-community-c/. [16]S. https://www. smallarmssurvey. org/resource/country-old-men-state-nuer-white-armies-south-sudan. [17]Siehe https://www. crisisgroup. org/rpt/africa/central-african-republic/319-centrafrique-les-zande-tirailles-entre-armee-milice-et-troupes-russes. [18]S. https://www. thenewhumanitarian. org/news-feature/2024/08/13/ticking-time-bomb-dr-congo-turns-abusive-militias-fight-m23-rebels. [19]S. https://www. globalr2p. org/countries/central-african-republic/. [20]S. https://issafrica. org/iss-today/south-sudan-s-sexual-violence-crisis-more-than-a-wartime-phenomenon. [21]Foto Moïse Banafio/CorbeauNews 4. 3. 2020, https://commons. wikimedia. org/wiki/File:N%27D%C3%A9l%C3%A9_burning_after_clashes. jpg.