Rentenreform: Jetzt packt ein Insider aus – „Die Politik war nicht ehrlich genug“
Die Rente Deutschland steht vor einer der größten Reformen der letzten Jahre. Die Bundesregierung hat bereitsangekündigt, die Reformvorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzen zu wollen. Entsprechend. . .

Die Rente Deutschland steht vor einer der größten Reformen der letzten Jahre. Die Bundesregierung hat bereitsangekündigt, die Reformvorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzen zu wollen. Entsprechend groß fällt das Echo aus: Während Befürworter sie für überfällig halten, warnen Kritiker vor längeren Arbeitszeiten, Leistungskürzungen und neuen Belastungen für Millionen Beschäftigte. Martin Werding ist Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und gehörte der Kommission an, die die 33 Reformvorschläge erarbeitet hat. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Werding, warum dieRentenkommissiondas Aus der Rente mit 63 empfiehlt, weshalb sie auf eine verpflichtende Kapitalrente setzt, warum Minijobs weitgehend abgeschafft werden sollen – und warum die Deutschen jetzt viel Geduld mitbringen müssen. „Falsche Logik“: Ökonom kritisiert deutsche RentenpolitikHerr Werding, die Rentenprobleme in Deutschland sind seit Jahrzehnten bekannt. Warum braucht es erst das Jahr 2026 und eine Rentenkommission, bis eine Reform dieser Größenordnung vorgeschlagen wird?Martin Werding:Man muss fair sein mit der deutschen Rentenpolitik. Der demografische Alterungsprozess, der jetzt richtig Schwung aufnimmt, ist tatsächlich schon seit rund 40 Jahren absehbar. Aber die Politik hat immer wieder reagiert. Ende der 80er-Jahre gab es eine wichtige Reform, die das Umlagesystem deutlich gestärkt und seine Finanzierbarkeit verbessert hat. Anfang der 2000er folgte eine Reihe weiterer Reformen – mit Korrekturen im klassischen Rentensystem und der ergänzenden Kapitaldeckung durch die Riester-Rente. Danach ist die Rentenpolitik allerdings außer Tritt geraten. Die Arbeitsmärkte entwickelten sich unerwartet gut, wir hatten Zuwanderung und dadurch schien der Problemdruck geringer. Dabei hätte man spätestens um das Jahr 2020 überlegen müssen, wie der nächste Reformschritt aussehen muss. Denn die Riester-Rente hat ihre Ziele nicht erreicht und der demografische Druck nimmt seit Mitte der 2020er-Jahre wieder massiv zu. Stattdessen wurden in wechselnden Koalitionen häufig Wahlgeschenke verteilt – nach dem Motto: „Du kriegst deins, ich kriege meins. “ Das ist eine falsche Logik gewesen. Deshalb habe ich schon lange gesagt: „Konzepte haben wir, was wir brauchen, ist Konsens. “ Genau das könnte das wichtigste Ergebnis dieser Kommission sein. Wir haben das Rad nicht neu erfunden – aber wir haben verschiedene Zahnräder so zusammengebaut, dass daraus ein Konzept entstanden ist, das es wert wäre, umgesetzt zu werden. Uwe Voelkner/bundesfotoZur PersonMartin Werding ist seit September 2022 Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und war Mitglied der Kommission, die die Vorschläge zur Rentenreform erarbeitet hat. Seit 2008 ist er Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Zuvor leitete Martin Werding ab 2000 den Forschungsbereich Sozialpolitik und Arbeitsmärkte am ifo Institut in München und blieb dort bis 2019. Seine Forschungsschwerpunkte sind Effekte des demografischen Wandels für die öffentlichen Finanzen, ferner Alterssicherung, Familienpolitik, Grundsicherung und weitere Zweige der Sozialpolitik sowie Bevölkerungsökonomie und Arbeitsmarktpolitik. Viele Deutsche haben den Eindruck, dass die Politik die Rentenprobleme jahrelang verdrängt hat. Zahlreiche Politiker haben ihren Wählern versprochen, das Rentenniveau stabil zu halten und das Renteneintrittsalter nicht weiter anzuheben. Haben diese Versprechen letztlich dafür gesorgt, dass die Reform heute deutlich einschneidender ausfällt?Ja. Das Verschleppen der Probleme erhöht den Anpassungsdruck. Hätte man bereits in den 80er-Jahren begonnen, das Umlagesystem schrittweise durch Kapitaldeckung zu ergänzen, hätten wir die Veränderungen bis heute vermutlich kaum gespürt. Damals gab es sogar eine demografische Dividende. Weil weniger Kinder geboren wurden, mussten Staat und Gesellschaft weniger Geld für Bildung ausgeben. Diese frei werdenden Mittel hätte man in zusätzliche Altersvorsorge investieren können. Das ist nicht geschehen. Hinzu kommt, dass die Politik natürlich auch Angst vor den Wählern hat. Die Zahl der rentennahen und bereits verrenteten Menschen ist stark gestiegen. Das hat viele Politiker zögern lassen. Mein Eindruck ist: Wenn man die Probleme kleinredet, verfestigt man bestehende Besitzstände. Erklärt die Politik dagegen offen, wo die Probleme liegen und wie sie gelöst werden sollen, wächst auch die Bereitschaft der Menschen, notwendige Kompromisse zu akzeptieren. Also war die Politik nicht ehrlich genug?In den vergangenen Jahren war sie es definitiv nicht. Wenn ich mir die letzten Koalitionsverträge anschaue, stand dort immer wieder, dass das Renteneintrittsalter nach der Anhebung auf 67 Jahre nicht weiter steigen soll. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung aber weiter. Wie soll das funktionieren?Wenn die Menschen zwei, drei oder vier Jahre länger leben, wächst auch der finanzielle Druck im Rentensystem. Man muss außerdem fragen, was daran eigentlich gerecht ist. Warum sollte eine ältere Generation dauerhaft auf demselben Renteneintrittsalter und möglichst auch auf demselben Rentenniveau bestehen wie vor 30 Jahren – zulasten einer deutlich kleineren Generation von Beitragszahlern?Sozialstaat„Pillepalle bringt nichts“: Boomer verschieben Rentenreform auf 2090Rentenreform: Das sind die größten VeränderungenDie Kommission hat sich auf insgesamt 33 Empfehlungen verständigt. Über welche Vorschläge wurde intern am härtesten gestritten?Die schwierigsten Fragen waren genau die, an die sich auch die Politik bisher nicht herangetraut hat. Vor allem ging es um das Renteneintrittsalter, um Möglichkeiten des vorzeitigen Renteneintritts und um die Frage, welche Härtefälle es tatsächlich gibt. Dabei sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte kein Härtefallinstrument ist. Diese Regelung braucht es in dieser Form nicht. Angesichts desFachkräftemangelswirkt sie sogar kontraproduktiv. Gleichzeitig haben wir intensiv darüber diskutiert, wie Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder sehr niedrigen Rentenansprüchen besser geschützt werden können. Unser Ansatz lautet: Unrealistische Zusagen zurücknehmen, dafür aber die tatsächlichen Härtefälle gezielt absichern. Ein zweites großes Streitthema war die Lastenverteilung zwischen den Generationen. Wir halten es für sinnvoller, den gesetzlichen Rentenanpassungsmechanismus mit einem gestärkten Nachhaltigkeitsfaktor wieder wirken zu lassen und ihn durch dieKapitalrentezu ergänzen. Diese Bausteine gehören zusammen. Wem die zusätzlichen Beiträge für die Kapitalrente zu hoch erscheinen, sollte berücksichtigen, dass dadurch spätere Beitragssprünge begrenzt werden. Jeder muss an irgendeiner Stelle Belastungen tragen. Entscheidend ist, dass das Gesamtkonzept funktioniert. Genau die Arbeit, die wir uns gemacht haben, hat die Politik lange versäumt. Wenn man sich die Koalitionspakete von 2014, 2018 und zuletzt 2025 anschaut, wurde überhaupt nicht gefragt, ob das finanzierbar ist. Jede Partei durfte irgendeinen Wunsch äußern und der wurde dann ins Gesetz geschrieben. So geht es nicht. Wirtschaftsweiser Martin Werding war Mitglied der Rentenkommissoin und meint: „Die Arbeit, die wir uns gemacht haben, hat die Politik lange versäumt. “© Andreas Varnhorn/bundesfotoWenn Sie die 33 Empfehlungen auf drei zentrale Reformen reduzieren müssten: Welche Vorschläge sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten?Man muss sich zunächst die Ursachen der demografischen Alterung klarmachen. Entscheidend sind die seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenzahlen und die steigende Lebenserwartung. Erstens müssen die Menschen – soweit gesundheitlich möglich – länger arbeiten. Deshalb empfehlen wir, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln und gleichzeitig Härtefallregelungen für gesundheitlich eingeschränkte Menschen vorzusehen. Zweitens braucht Deutschland eine verpflichtende ergänzende Kapitaldeckung. Ein Umlagesystem allein kann die Folgen dauerhaft niedriger Geburtenzahlen nicht ausgleichen. Die Idee ist nicht neu. Neu ist ihre Verbindlichkeit. Freiwillige Modelle wie die Riester-Rente schließen die Versorgungslücken nicht. Der dritte wichtige Baustein ist die demografische Dämpfung der gesetzlichen Rentenanpassung. Sie schafft den finanziellen Spielraum, damit jüngere Generationen zusätzlich für ihre eigene Altersvorsorge sparen können. Ihr Geld verschwindet nicht im Umlagesystem, sondern wird zurückgelegt und angelegt. Die Beschäftigten bekommen daraus später mit einer deutlich höheren Verlässlichkeit ihre eigene zusätzliche Rente. Für Arbeitgeber bedeutet das zwar zunächst höhere Kosten. Gleichzeitig gewinnen sie Planungssicherheit, weil die Rentenbeiträge in den nächsten 15 bis 20 Jahren nicht immer weiter steigen. Gerade für Investitions- und Standortentscheidungen ist das ein wichtiger Vorteil. Sicherlich kommt das in einem wirtschaftlich schwierigen Moment. Aber wenn wir die Entwicklung dadurch dauerhaft verstetigen können, wäre das eine wichtige Verbesserung. Rente mit 63 vor dem Aus: Muss das wirklich sein?Das geplante Aus für die Rente mit 63 gehört zu den umstrittensten Vorschlägen der Kommission. Millionen Beschäftigte haben ihre Lebensplanung auf diese Regelung ausgerichtet. Warum halten Sie diesen Schritt trotzdem für notwendig?Er passt überhaupt nicht zu unseren demografischen Realitäten. Die Menschen, die heute abschlagsfrei früher in Rente gehen, fehlen dem Arbeitsmarkt und belasten das Rentensystem stärker, als es das Rentenrecht eigentlich vorsieht. Es ist im Grunde ein Bonus für Menschen, bei denen sich die Frage stellt: „Wofür brauchen sie diesen Bonus?“Die lange Versicherungszeit zeigt ja gerade, dass diese Menschen im Erwerbsleben vergleichsweise gut zurechtgekommen sind. Die Daten zeigen außerdem, dass sie im Durchschnitt höhere Einkommen, höhere Renten und auch eine überdurchschnittlich gute Gesundheit haben. Sie können auch künftig vorzeitig in Rente gehen. Sie haben weiterhin Wahlfreiheit – müssen dann aber Abschläge in Kauf nehmen. Genau darum geht es: Sie sollen wie alle anderen entscheiden, wann sie in Rente gehen möchten – früher mit Abschlägen oder später ohne. Die bisherigen Regeln schaffen dagegen einen starken Anreiz, sofort in Rente zu gehen. Weiterzuarbeiten lohnt sich kaum. Da kann auch kein Arbeitgeber gegenhalten und sagen: „Wir brauchen Sie hier noch. “Außerdem ist der Begriff „Abschlag“ eigentlich irreführend. Das klingt nach einer Strafaktion. Tatsächlich handelt es sich um einen versicherungsmathematischen Umrechnungsfaktor. Wer früher in Rente geht, bezieht seine Rente länger. Deshalb wird der monatliche Anspruch entsprechend angepasst. Am Ende bekommt jeder genau die Rente, die er sich erarbeitet hat – aber eben nicht auf Kosten anderer. RentenreformExklusive Rentenstatistik: Altersarmut in Ostdeutschland steigt sprunghaft anKritiker entgegnen, dass viele Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen schon heute Schwierigkeiten haben, bis zur regulären Rente durchzuhalten. Wird die Reform damit nicht zum Problem für diejenigen, die ohnehin die härtesten Jobs haben?Das hängt entscheidend davon ab, wie die Härtefallregelungen ausgestaltet werden. Genau deshalb haben wir empfohlen, hier sehr genau hinzuschauen. Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen geraten heute oft in eine Zwickmühle. Für eine Erwerbsminderungsrente reicht es noch nicht, gleichzeitig finden sie auf dem Arbeitsmarkt häufig keine Stelle mehr. Für diese Fälle brauchen wir bessere Lösungen – etwa durch Reha-Maßnahmen und individuelle Gesundheitsprüfungen. Was wir dagegen nicht für richtig halten, sind pauschale Sonderregelungen für einzelne Berufsgruppen. Erstens kennt die Rentenversicherung die Berufe der Versicherten gar nicht. Zweitens zeigen internationale Erfahrungen, dass solche Regelungen schnell ausufern. Sobald man dieses Feld eröffnet, erklärt nahezu jede Berufsgruppe, sie sei besonders belastet. Am Ende setzen sich oft nicht die stärksten Argumente durch, sondern die stärksten Interessenvertretungen. Deshalb halten wir individuelle Gesundheitsprüfungen für den besseren Weg. Also sind die Sorgen übertrieben?Man muss ehrlich sagen: Die Realität auf dem Arbeitsmarkt sieht heute anders aus, als häufig behauptet wird. Die Erwerbsbeteiligung der über 55- und über 60-Jährigen ist in den vergangenen zwanzig Jahren massiv gestiegen. Die Menschen arbeiten heute tatsächlich länger. Zu behaupten, das sei grundsätzlich nicht möglich, beschreibt die Realität der meisten Beschäftigten nicht. Natürlich gibt es Härtefälle. Über die sollten wir diskutieren. Aber nicht über pauschale Regelungen, nach denen jeder, der einmal körperlich gearbeitet hat, automatisch früher in Rente gehen kann. Wenn man das falsch macht, öffnet man ein Scheunentor, durch das sehr viele gehen würden. Macht man die Regeln dagegen zu streng, lässt man Menschen nach einem langen Erwerbsleben in Arbeitslosigkeit oder ins Bürgergeld fallen. Das wäre ebenfalls kein würdiges Ende eines Erwerbslebens. In Zukunft werden die Deutschen voraussichtlich länger arbeiten müssen. Laut Ökonom Martin Werding ist ein höheres Renteneintrittsalter alternativlos. © Sergey Pakulin/imagoWie sollen diese Härtefallregelungen konkret aussehen?Wir haben bewusst keinen fertigen Gesetzentwurf vorgelegt, sondern Kriterien formuliert. Zunächst sollte man die jüngsten Änderungen bei der Erwerbsminderungsrente sorgfältig evaluieren. Auf dieser Grundlage könnte man sich vorstellen, in den letzten zwei Jahren vor Erreichen der Regelaltersgrenze bei einer individuellen Gesundheitsprüfung weiterhin einen abschlagsfreien Rentenzugang zu ermöglichen. Ähnlich verhält es sich mit der Höhe der Abschläge. Auch dort haben wir keinen festen Wert vorgeschlagen. Sie müssen versicherungsmathematisch korrekt sein und gleichzeitig verfassungsrechtlichen Anforderungen genügen. Meine Erwartung ist, dass sie moderat angehoben werden könnten – allerdings ohne dramatische Auswirkungen. Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: die Orientierung an einer steigenden Regelaltersgrenze und ein entsprechend späterer frühestmöglicher Renteneintritt. Davon hängt der Erfolg der Reform deutlich stärker ab als von der exakten Höhe der Abschläge. Neue Kapitalrente könnte 770 Euro zusätzlich bringenDie Kapitalrente gilt als Herzstück Ihrer Reform. Warum hat sich die Kommission für verpflichtende zusätzliche Beiträge entschieden – und nicht für freiwillige Modelle?Weil genau das bislang fehlt. Zwar gibt es bereits ergänzende Altersvorsorge – etwa dieBetriebsrenten. Rechnet man weitere Formen wie Immobilien oder private Vorsorge hinzu, haben deutlich über 80 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten irgendeine Form zusätzlicher Altersvorsorge. Es bleibt aber eine erhebliche Gruppe ohne jede ergänzende Vorsorge. Das sind überdurchschnittlich häufig Geringverdiener, Beschäftigte in kleinen Unternehmen oder Menschen mit geringem Finanzwissen. Genau dort sehen wir die größten Versorgungslücken. Wir wissen außerdem nicht, wie gut viele bestehende Vorsorgeprodukte tatsächlich sind. Manche Beschäftigte wissen nicht einmal, dass sie überhaupt eine Betriebsrente haben oder welche Leistungen sie daraus später erhalten. Aber wir wissen, dass es Vorsorgelücken gibt. Und genau die schließen wir mit Verbindlichkeit. Auch im internationalen Vergleich fehlt Deutschland ein solcher Baustein. Die OECD schaut vor allem auf verbindliche Altersvorsorge. Und da steht Deutschland nicht besonders gut da. Unser umlagefinanziertes Rentensystem gerät durch den demografischen Wandel zunehmend unter Druck. Darüber hinaus gibt es bislang keine flächendeckende kapitalgedeckte Vorsorge. Genau das korrigieren wir jetzt. Können Sie anhand einer Beispielrechnung erklären, welche zusätzliche Rente durch die Kapitalrente möglich wäre?Die Modellrechnungen zeigen, dass ein Durchschnittsverdiener nach 45 Beitragsjahren durchaus auf rund 770 Euro zusätzliche Monatsrente kommen kann. Entscheidend sind dabei zwei Faktoren: die Dauer der Ansparphase und die Rendite. Die volle Wirkung entfaltet sich erst nach 40 oder 45 Jahren. Über sehr lange Zeiträume ergeben sich bei einer überwiegend aktienbasierten Anlage robuste Renditen. Wichtig ist allerdings ein sogenanntes Lebenszyklusmodell: Je näher der Renteneintritt rückt, desto stärker wird das Vermögen aus Aktien in sicherere Anlagen umgeschichtet. In Ländern wie den Niederlanden gehört dieses Wissen längst zum Allgemeinwissen. In Deutschland gilt die Vorstellung, dass man mit Aktien langfristig vergleichsweise risikoarm Altersvorsorge betreiben kann, dagegen immer noch als fortgeschrittenes Finanzwissen. Die Beitragszahler entscheiden aber doch nicht selbst, in welche Aktien investiert wird?Nein. Wir stellen uns einen öffentlich organisierten Standardfonds vor – für alle, die sich nicht selbst entscheiden möchten. Dieser Fonds sollte breit über Länder und Branchen streuen und professionell verwaltet werden. Experte warnt vor politischem Einfluss auf KapitalrenteWie lässt sich sicherstellen, dass der Staat keinen Einfluss auf die Geldanlage nimmt?Das Fondsmanagement sollte möglichst unabhängig vom Staat organisiert sein. Wir wollen gerade nicht, dass die Politik vorgibt, welche Unternehmen oder Branchen gekauft werden sollen. Entscheidend muss die bestmögliche Rendite für die Versicherten sein. Gleichzeitig könnte es – ähnlich wie in Schweden – eine begrenzte Zahl privater Anbieter geben, die vergleichbare Produkte anbieten. Das schafft Wettbewerb und setzt alle Anbieter unter Kostendruck. Die Rentenkommission schlägt eine neue Kapitalrente in Deutschland vor. Durch sie können Rentner im Schnitt mit 770 Euro pro Monat mehr rechnen, heißt es. © Fernando Gutierrez-Juarez/dpaBesteht trotzdem die Gefahr, dass der Staat irgendwann auf das Geld zugreift oder politische Vorgaben für die Geldanlage macht?Dass der Staat die Guthaben zur Finanzierung von Haushaltslöchern nutzt, halte ich für wenig wahrscheinlich. Uns schwebt ein System mit individuellen Konten vor. Jeder kann jederzeit nachvollziehen, wie hoch sein angespartes Vermögen ist. Größer ist aus meiner Sicht die Gefahr, dass politische Wünsche Einfluss auf die Anlagestrategie nehmen. Nachhaltigkeitskriterien kann man berücksichtigen. Aber der Staat sollte nicht versuchen, bestimmte Branchen oder Unternehmen zu stützen. ObAutomobilindustrie, Windkraft oder Infrastruktur – darüber sollte nicht die Politik entscheiden, sondern ein unabhängiges Fondsmanagement. Genau diese Unabhängigkeit ist entscheidend für das Vertrauen in eine verpflichtende Kapitalrente. Mit dem geplanten Ende der bisherigen Minijobs stellt die Kommission eines der verbreitetsten Arbeitsmodelle in Deutschland infrage. Rund 6,8 Millionen Menschen arbeiten derzeit in einem Minijob. Der Einzelhandel warnt vor dem Verlust Hunderttausender Jobs, die Gastronomie spricht sogar von einer „Katastrophe“. Warum hält die Kommission diesen Schritt trotzdem für notwendig?Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass hier zum Teil Ängste geschürt werden. Man muss sich klarmachen, was sich tatsächlich ändert. Wir schaffen im Grunde nur die Einkommensgrenze ab, an der heute der Übergang vom Minijob in reguläre Beschäftigung stattfindet. Genau diese Grenze gilt in der Arbeitsmarktforschung seit vielen Jahren als problematisch, weil sie Erwerbsanreize verzerrt. Viele Menschen bleiben genau an dieser Grenze hängen, obwohl der Übergang in reguläre Beschäftigung gar nicht so nachteilig wäre. Kleine Teilzeitjobs bleiben selbstverständlich weiterhin möglich. Neu ist lediglich, dass Beschäftigte regulär Sozialversicherungsbeiträge zahlen und dadurch auch Ansprüche erwerben – etwa in der Rentenversicherung. Für Minijobs zahlen die Arbeitgeber ja auch Abgaben von gut 30 Prozent. Sind die Sorgen also übertrieben?Ich glaube, viele Betroffene befürchten, ihr Job könne künftig gar nicht mehr existieren. Das stimmt nicht. Und ich habe den Eindruck, dass Arbeitgeberverbände diese Sorgen teilweise noch verstärken, obwohl sie wissen müssten, dass es sich nicht um einen radikalen Einschnitt handelt. Im Sachverständigenrat Wirtschaft fordern wir seit Jahren konsistent die Abschaffung dieser Sonderregeln, weil Minijobs als dauerhafte Beschäftigungsform keine gute Idee sind. Sie behindern bessere Erwerbsanreize – vor allem für Zweit- und Zusatzverdiener. Für Rentner ändert sich dagegen kaum etwas. Sie können problemlos weiterarbeiten und profitieren sogar davon, weil sie zusätzliche Rentenansprüche erwerben können. Auch bei Studierenden sehe ich Lösungen. Dort müsste man vor allem die Regeln der studentischen Krankenversicherung anpassen. Im Alltag erleben wir heute oft eine absurde Situation: Wenn der Stundenlohn studentischer Hilfskräfte steigt, kommen sie zu mir und sagen: „Senken wir lieber die Stundenzahl, sonst überschreite ich die Minijob-Grenze. “ Das zeigt doch, dass mit diesem System etwas nicht stimmt. RenteRente: Warum auf Experten hören, wenn die Politik schon alles weiß?!„Man darf diese Reform nicht auseinanderreißen“Die Bundesregierung hat angekündigt, die Vorschläge der Kommission vollständig umsetzen zu wollen. Gleichzeitig vertreten Union und SPD in vielen rentenpolitischen Fragen unterschiedliche Positionen. Wie optimistisch sind Sie, dass die Reform am Ende wirklich kommt?Dass BundeskanzlerFriedrich Merzund ArbeitsministerinBärbel Basdie Reform gemeinsam angekündigt haben, ist zunächst einmal ein wichtiges Signal. Natürlich gibt es Kritik – und das ist bei einem solchen Kompromiss auch völlig normal. Wenn am Ende alle hundertprozentig zufrieden wären, hätte die Kommission ihren Job wahrscheinlich nicht gemacht. Entscheidend ist jetzt, dass die großen strategischen Zusammenhänge erhalten bleiben. Man darf diese Reform nicht auseinanderreißen. Die höheren Beiträge sind für Arbeitnehmer und Arbeitgeber eine bittere Pille. Gleichzeitig finanzieren sie aber die Kapitalrente und sorgen dafür, dass die Belastung langfristig stabilisiert werden kann. Wer jetzt sagt: „Die zwei Prozentpunkte zusätzlicher Beiträge nutzen wir lieber, um das Rentenniveau im Umlagesystem noch ein paar Jahre länger bei 48 Prozent zu halten“, würde die Reform komplett demontieren. Auch die längere Erwerbstätigkeit gehört zwingend dazu. Sie entlastet das Umlagesystem und verhindert, dass die Beiträge immer weiter steigen. Über einzelne Punkte kann man sicher noch diskutieren. Die Minijobs sind für die Rentenfinanzen beispielsweise nicht entscheidend. Andere Vorschläge – etwa die Einbeziehung von Abgeordneten in die gesetzlicheRentenversicherung– haben vor allem Symbolcharakter. Finanzielle Effekte sind dort gering. Aber sie stärken das Vertrauen, weil die Politik dann über ein System entscheidet, von dem sie selbst betroffen ist. Wenn dieses Reformpaket weitgehend ungerupft umgesetzt wird, wäre das wirklich eine gute Nachricht. Werding hofft, dass die Bundesregierung die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzt – und warnt davor, die Reform auseinanderzureißen. © Kay Nietfeld/dpaWas passiert, wenn die Reform nur teilweise umgesetzt oder erneut verschoben wird?Das hängt natürlich davon ab, welche Teile wegfallen. Gerade weil die Reform als Gesamtkonzept angelegt ist, können einzelne Änderungen neue und meist ungünstige Wirkungen erzeugen. Eine weitere Verschiebung wäre allerdings eindeutig die schlechteste Lösung. Dann steigt der Problemdruck weiter – für Jung und Alt gleichermaßen. Außerdem bliebe die Unsicherheit bestehen. Solange niemand weiß, wie sich die gesetzliche Rente entwickelt, fehlt auch die Grundlage für Entscheidungen über betriebliche oder private Altersvorsorge. Droht Deutschland in zehn Jahren die nächste Reform?In der deutschen Medienlandschaft ist bereits von einem „großen Wurf“ oder auch dem „besten Plan seit Jahren“ die Rede. Hand aufs Herz: Ist die gesetzliche Rente mit dieser Reform langfristig wirklich gesichert – oder braucht Deutschland in zehn oder fünfzehn Jahren schon die nächste große Rentenreform?Ob es dann wieder eine große Reform braucht, weiß ich nicht. Aber wir sollten Rentenpolitik grundsätzlich in solchen Zeiträumen weiterentwickeln – also alle zehn bis 15 Jahre. Ende der 80er- und Anfang der 2000er-Jahre ist das gelungen. Danach hat die Politik den Alterungsschub der Babyboomer aus dem Blick verloren und stattdessen Geschenke verteilt. Unsere Berechnungen reichen bis 2050. Der große Alterungsschub wird bis dahin zwar weitgehend abgeschlossen sein. Die demografischen Belastungen bleiben aber hoch. Deshalb wird man sich um das Jahr 2040 erneut anschauen müssen, wie sich die Kapitalrente entwickelt hat und ob weiterer Anpassungsbedarf besteht. Es wäre allerdings unrealistisch zu glauben, man könne heute schon alle Regeln bis 2060 festlegen. RenteNeue Rentenpflicht: Warum manche Witwen am Ende schlechter dastehen könntenWenn Sie den Deutschen heute nur eine unbequeme Wahrheit über die Zukunft der Rente mitgeben könnten – welche wäre das?Dass wir jetzt ein wenig Geduld brauchen. Wir haben endlich verstanden, dass eine rein umlagefinanzierte Altersvorsorge angesichts des demografischen Wandels nicht mehr ausreicht. Die Korrektur kommt spät. Deshalb braucht das neue System Zeit, bis es seine volle Wirkung entfaltet. Langfristig kann das Sicherungsniveau dadurch wieder höher werden als in den vergangenen 15 oder 20 Jahren. Aber das passiert nicht von heute auf morgen. Die Rahmenbedingungen stimmen – nur fliegt das System eben erst mit einem gewissen Anlauf. Lesen Sie mehr zum Thema