Von Kaiserkurier bis Afrika-Missionar: Diese Menschen stecken hinter den Aichacher Straßennamen
Haben Sie sich beim Schlendern durch die Essiggasse oder bei der Fahrt durch die Martinstraße inAichachschon einmal gefragt, woher diese Orte eigentlich ihre Namen haben? Heute empfinden wir Straßenschilder. . .

Haben Sie sich beim Schlendern durch die Essiggasse oder bei der Fahrt durch die Martinstraße inAichachschon einmal gefragt, woher diese Orte eigentlich ihre Namen haben? Heute empfinden wir Straßenschilder als vollkommen selbstverständlich, doch das war nicht immer so: Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein trugen in Aichach nur die wenigsten Verkehrswege einen offiziellen Namen. Seit wann gibt es die heutigen Bezeichnungen und welche Geschichten verbergen sich dahinter?Diesen Fragen gingen bereits der ehemalige Aichacher Stadtarchivar Karl Christl und Heimatforscher Josef Gulden vor mehr als 20 Jahren auf den Grund. Ihr Ergebnis: Die meisten Straßennamen, die wir heute in Aichach kennen, sind auf eine Stadtratsentscheidung aus dem Jahr 1930 zurückzuführen. Der damalige Bürgermeister Robert Haselberger wollte der Stadt im Wittelsbacher Land mehr Identität verleihen. Zuvor unbenannte oder nur im Volksmund bezeichnete Wege sollten nun offiziell an verdiente Persönlichkeiten erinnern. Aus der Umgehungsstraße des Ortskerns etwa, die bisher nur als „Äußerer Promenadenweg“ bekannt war, wurde die Martinstraße. Namensgeber waren die Geschwister Martin– erfolgreiche Fotografen, die Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Tausend Mark für die Errichtung eines Aichacher Waisenhauses gespendet hatten. Die Martinstraße trägt seit 1930 den Namen einer erfolgreichen Fotografenfamilie. Foto: Sözden DönmezJakobiweg ehrt den früheren Aichacher StadtpfarrerAuch die Koppold- und die Krumpstraße verdanken ihre Namen dieser Stadtratsentscheidung. Die Koppoldstraße erinnert an den erfolgreichen Bürgermeister Julius Koppold, unter dem Aichach vor dem Ersten Weltkrieg einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Weniger bekannt ist dagegen der zweite Namensgeber Theodor Krump. Der Sohn eines venezianischen Kaufmanns wurde 1672 in Aichach geboren und trat als junger Mann in den Franziskanerorden ein. Später wirkte er als Missionar in Afrika. Seine dortigen Erlebnisse hielt er 1710 in einem Reisebericht fest, der über die Grenzen des Wittelsbacher Landes hinaus für Aufsehen sorgte. Die Koppoldstraße erinnert an einen erfolgreichen Bürgermeister vor dem Ersten Weltkrieg. Foto: Sözden DönmezEinem Geistlichen ist derJakobiweggewidmet: Arnold Jakobi wirkte von 1882 bis 1900 als Stadtpfarrer. Doch warum ist der Jakobiweg im Vergleich zu den bisher genannten Verkehrsrouten nur ein „Weg“ und keine Straße? Der Grund ist, dass die kurze Strecke bis in die Nachkriegszeit noch nicht zum regulären Straßennetz gehörte, wie Josef Gulden feststellte. Der schmale Weg konnte daher nur von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden. Der Jakobiweg ist nach einem früheren Aichacher Stadtpfarrer benannt. Foto: Sözden DönmezStraßennamen im historischen Zentrum sind Fenster in die Aichacher GeschichteWährend die Straßennamen außerhalb des historischen Stadtzentrums oft offiziell verliehen wurden, sind die Namen in der Altstadt organisch gewachsen. Sie funktionieren wie ein Fenster in die Vergangenheit und geben Hinweise darauf, wie die Verkehrswege früher genutzt wurden. In der Essiggasse verkauften Essigsieder ihre Produkte. Foto: Sözden DönmezIn der Essiggasse nahe dem Stadtplatz verkauften einst die örtlichen Essigsieder über Jahrhunderte hinweg ihr saures Produkt. Das Badgäßchen zwischen Stadtplatz und Polizeidienststelle wiederum beheimatete früher gleich zwei öffentliche Badehäuser, in denen man sich bereits im 16. Jahrhundert den Staub von der Haut wusch. Und wer heute durch die Botengasse schlendert,wandelt buchstäblich auf den Spuren der kaiserlichen Kuriere, die vor 500 Jahren die wichtigsten Nachrichten in die Welt hinaustrugen. Auch der heute etwas skurril wirkende Straßenname „Am Strudl“ geht ursprünglich bereits auf das Mittelalter zurück. Dort lief früher der Stadtbach entlang. Aichacher Bürger prägten die Namen des Straßenzugs „Am Schlößl“Am Schlößl residierte einst ein wohlhabender Bierbrauer. Foto: Sözden DönmezDass manche Straßennamen in Aichach auch durch die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger geprägt werden, zeigte Karl Christl am Beispiel des Straßenzugs „Am Schlößl“. Ursprünglich befand sich dort die Sommerresidenz eines wohlhabenden Bierbrauers. Aufgrund der großen und prunkvollen Fassade wirkte der Bau auf die Aichacher wie ein kleines Schloss.