Wehrdienstreform: „Der Feind wartet nicht, bis sich die Politik geeinigt hat“
Beim Betreten der Wohnung dringt laute Musik durch eine Box. Am Boden des Ganges liegt verstreutes Gewand, auf den Wänden Graffiti, es riecht nach Rauch. „Links in den Raum!“, hallt es von draußen. Als die. . .

Beim Betreten der Wohnung dringt laute Musik durch eine Box. Am Boden des Ganges liegt verstreutes Gewand, auf den Wänden Graffiti, es riecht nach Rauch. „Links in den Raum!“, hallt es von draußen. Als die Tür aufgeht, wartet das Gegenüber bereits mit einem Gewehr. Drei Schüsse fallen, Raum neutralisiert, ab in den nächsten. Kein Licht, dichter Rauch, Möbel verstellen den Weg. Gesichert. Doch dann wird ein Angreifer hinter der nächsten Tür übersehen – und alles ist vorbei. Zumindest die Übung. Denn die erstürmte Wohnung ist ein ehemaliges Sanitätsgebäude, die Angreifer sind Attrappen, in Sturmgewehr und Pistole sind Farbpatronen und die Person im Einsatz wird gerade ausgebildet. Hier, am Truppenübungsplatz Bruckneudorf im Burgenland, probt das Bundesheer den Ernstfall. Rund 500 Personen pro Jahr wird gezeigt, wie man Häuser stürmt, sich von Felswänden abseilt, mit dem Pinzgauer über staubige Waldstraßen brettert und Zugwaggons sichert. Ein beträchtlicher Teil absolviert die Übungen im Zuge des Grundwehrdienstes, der nach sechs Monaten vorbei ist. Inwieweit sich diese Zeitspanne in naher Zukunft ändern könnte, beschäftigt die Politik im gut 45 Kilometer entfernten Wien seit bald einem Jahr. Seit Jänner wird um Lösung gerungenSeit die Wehrdienstkommission im Jänner empfohlen hatte, für eine volle Einsatzbereitschaft des mobilgemachten Heeres den Grundwehrdienst auf insgesamt zehn Monate zu verlängern, wird in der Dreierkoalition um eine politische Lösung gerungen. Während sich Bundeskanzler Christian Stocker und seine ÖVP-Parteikollegin und Verteidigungsministerin Klaudia Tanner stets für das „Österreich Plus“-Modell der Kommission ausgesprochen hatten, stieß dieses in den Reihen von SPÖ und Neos auf Ablehnung. Die Pinken schlugen ein Freiwilligenmodell vor, welches der Vorsitzende der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, als „völlig inakzeptabel“ bezeichnete. Die SPÖ brachte die zuletzt eingeschlafene Debatte mit einem eigenen Modell wieder in Fahrt: „6+2“, also sechs Monate Grundwehrdienst und zwei Monate verpflichtende Milizübungen. Die Begeisterung bei ÖVP und Kommission war endenwollend, nun zeigt sich ausgerechnet Bundeskanzler Stocker offen für ein zumindest ähnliches Modell: 6+3. Damit orientiert sich Stocker am Stufenmodel, das die Wehrdienstkommission als zweite Möglichkeit empfohlen hatte. Dieses sieht eine zweimonatige, geblockte Truppenübung innerhalb von 18 Monaten nach dem Grundwehrdienst vor. Im Anschluss wären insgesamt 40 Tage Milizübungen zu absolvieren. Nachteil: Das Modell käme den Staat teuer. Eine Einigung ist, hört man aus den Parteien, damit weiter nicht in Sicht, auch zu einer von Stocker vorgeschlagenen Verlängerung des Zivildienstes auf 12 Monate gibt es keinen Konsens. Sollte keine Einigung über den Sommer gelingen, hält der Kanzler weiterhin an seiner Idee einer Volksbefragung fest. Pläne in der Schublade für den AngriffFür Fragen bleibt im abgedunkelten Raum am Truppenübungsplatz Bruckneudorf an diesem Vormittag keine Zeit. Hinter einem aufgebauten Schützengraben muss mit Sturmgewehren ein auf eine gigantische Leinwand projiziertes Dorf gesichert werden, von dem aus „der Feind“ das Feuer eröffnet hat. Das Geräusch von über die Köpfe der Übenden zischenden Raketen erfüllt den Raum, ihr Aufschlag in unmittelbarer Nähe wird durch eine Vibration am Plattformboden imitiert. Die Übungswaffen sind mit Lasern ausgestattet, deren Schüsse das Programm dahinter erfasst. Was nach Spaß klingt, könnte bitterer Ernst werden, zeigt man sich in Bruckneudorf überzeugt. Aufgrund der Nähe zu Wien sowie der ungarischen und slowakischen Grenze agiert der Standort als zentraler Versorgungsposten für den gesamten Osten. Für den Fall, dass Österreich irgendwann angegriffen wird, wäre der Truppenübungsplatz wohl bald als attraktives Ziel im Visier. Entsprechende Pläne für ein solches Szenario habe man bereits seit Jahren in der Schublade, wird an diesem Nachmittag versichert. Dass die Koalition in Sachen Wehrpflicht dagegen weiterhin keinen gemeinsamen Plan vorlegen kann, sorgt bei einem hier tätigen Bundesheerler, der seinen Namen nicht öffentlich nennen will, für Unverständnis. „Wenn wir wirklich langfristig das Land verteidigen sollen, brauchen wir neben dem Gerät auch Leute, die dafür ordentlich ausgebildet werden. Der Feind wird nicht warten, bis sich unsere Politik einmal geeinigt hat. “