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Wissenschaft: Wer rettet diese Bibliothek?

An einem verschneiten Dienstag im Jänner 1875 feierten die Gäste im Palais Rasumofsky ordentlich. Die kaiserliche Familie war gekommen, der Unterrichtsminister erwies seine Ehre, auch der Wiener Bürgermeister. . .

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Wissenschaft: Wer rettet diese Bibliothek?

An einem verschneiten Dienstag im Jänner 1875 feierten die Gäste im Palais Rasumofsky ordentlich. Die kaiserliche Familie war gekommen, der Unterrichtsminister erwies seine Ehre, auch der Wiener Bürgermeister ließ sich das besondere Jubiläum nicht entgehen: 25 Jahre zuvor war die kaiserlich-königliche Geologische Reichsanstalt ins Leben gerufen worden – höchstpersönlich von Franz Joseph I. Die Geologen des Kaiserreichs waren stolz auf die Anstalt, besonders auf die Bibliothek. Sie umfasse, sagte der damalige Direktor Franz Ritter von Hauer, rund 8000 Werke mit etwa 20. 000 einzelnen Bänden und Heften. Weil die geologische Bibliothek immer größer und bedeutender werde, erfordere sie auch mehr Arbeit und Geld. Aber er sei, versicherte von Hauer, frohen Mutes und voller Vertrauen. Mehr als 150 Jahrenach dem Festakt steht die größte erdwissenschaftliche Bibliothek der Republik vor dem Aus. „Aus Effizienzgründen wird die verpflichtende Führung einer vollwertigen Bibliothek gestrichen“, heißt es in einem Gesetzesentwurf. Das Wissenschaftsministerium argumentiert, dass der Großteil der Literatur heute ohnehin online verfügbar sei. Ein Lesesaal? Nicht nötig. Ausgebildete Bibliothekare? Wozu? Eine „Bücher- und Schriftensammlung“, das soll laut Entwurf die Zukunft sein, tut’s auch. Viele sehen das anders. Gerade unter Bibliothekaren regt sich enormer Widerstand. Mit einer vollwertigen Bibliothek seien wissenschaftliche Qualität und professionelle Standards verbunden: Die Katalogisierung von Büchern und Karten zum Beispiel, das geregelte Nutzungs- und Entlehnsystem oder das professionelle Langzeitarchiv. Und jede Bibliothek besitzt qualifiziertes Personal. Eine „Bücher- und Schriftensammlung“ hingegen sei ein Spielzeug für Privatiers oder gar „Dilettantismus“, wie die Leitung der Uni-Wien-Bibliothek den Gesetzesentwurf kommentiert. Auch Fachexperten wollen die Änderung nicht so einfach hinnehmen. Das Nationalkomitee für Geowissenschaften sieht einen „Schritt zurück“. Selbst das Naturhistorische Museum holt weit aus: Der Wegfall der Bibliothekspflicht würde den Wissenschaftsstandort Österreich schädigen, sagt Generaldirektorin Katrin Vohland zumFalter. „Es wird unsere Arbeit im Museum extrem erschweren, wenn es keine vollwertige erdwissenschaftliche Fachbibliothek mehr gibt. “Warum will das Wissenschaftsministerium überhaupt eine Bibliothek zu einer Büchersammlung degradieren? Könnte das einen Präzedenzfall bedeuten, der früher oder später mehr Bibliotheken betreffen wird? Und: Kann man das Vorhaben noch stoppen?Die umkämpfte Bibliothek befindet sich heute im dritten Bezirk, in der Neulinggasse 38. Es ist ein kleiner, lichtdurchfluteter Raum, in dem Geschichte mit vielen Farben erzählt wird. Dunkelblau steht etwa für grauen bis schwarzen Kalk, Hellrosa für bunten Sandstein und Grau für Hornfels. Auf geologischen Landkarten zeigen die Farben, welche Gesteine und Böden an der Erdoberfläche liegen. Und dazu gibt es noch die passenden Bücher. In den Regalen stehen „Knaurs Großer Weltatlas“ oder die geowissenschaftlichen Untersuchungen der Thermalwasservorkommen von Bad Kleinkirchheim. Insgesamt 50. 000 geologische Karten, 280. 000 Bücher, 3500 Zeitschriften, und mehr als 70. 000 frei zugängliche Dokumente umfasst die Bibliothek. Vieles stammt noch aus der Zeit der Monarchie – also von den Anfängen der Geologischen Reichsanstalt im 19. Jahrhundert. Heute wird die Bibliothek von der GeoSphere Austria betrieben, Österreichs wichtigster Forschungseinrichtung auf den Gebieten der Geologie, Geophysik, Meteorologie und Klimatologie. Entstanden ist sie 2023 aus einer Fusion zwischen der Geologischen Bundesanstalt (früher Reichsanstalt) und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und ist nun eine ausgegliederte Anstalt mit rund 500 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Einer davon ist Thomas Hofmann, ein großer Mann mit ernstem Blick. Hofmann ist Paläontologe und ausgebildeter Bibliotheks- und Informationsmanager. Seit 2008 leitet er die Abteilung Bibliothek, Verlag und Archiv der GeoSphere Austria. Eigentlich müsste Hofmann erklären können, warum sich hier alles ändern soll. Als Forscher weiß er, wie wichtig Artefakte sind, und als Bibliothekar, was es bedeuten kann, wenn aus einer professionellen Bibliothek eine lose Sammlung wird. Aber Hofmann sagt demFalternichts. Zumindest nicht öffentlich. Er darf nicht. Presseanfragen seien an die Pressestelle und Generaldirektion der GeoSphere zu richten, erklärt er. So sei es den Mitarbeitern kürzlich kommuniziert worden. Vor dem Besuch in der Neulinggasse 38 schickte derFaltereine Anfrage an die Pressestelle der GeoSphere Austria – die dann die Anfrage gleich an das Wissenschaftsministerium weiterleitete. Mit der Begründung: Von dort stammt ja auch der Gesetzesentwurf. Ausgerechnet dasWissenschaftsministerium. Das hat ohnehin ein paar harte Wochen hinter sich. Als die rote MinisterinEva-Maria Holzleitnerim Mai ankündigte, bei den Unis massiv zu sparen, hagelte es von allen Seiten Kritik und Appelle: Bloß keine Einschnitte bei Forschung und Wissenschaft! Holzleitner ruderte zurück und versprach ein „moderates“ Plus für die Unis. Muss also jetzt die GeoSphere-Bibliothek daran glauben? Ist sie das nächste Opfer des Sparkurses?„Bei den genannten Effizienzgründen geht es nicht in erster Linie um finanzielle Einsparungen, sondern um eine zeitgemäße und flexible Ausgestaltung des Betriebs“, sagt ein Sprecher von Ministerin Holzleitner zumFalter. Seine Argumentation versucht das Ressort mit Zahlen zu untermauern: Jährlich besuchen nur 30 bis 80 Menschen die Bibliothek, Tendenz sinkend. Es sei daher „nur legitim, dass die GeoSphere über alternative Konzepte zur Nutzung der Bestände nachdenken kann“. Im Rahmen „ihrer finanziellen Möglichkeiten“ könne die Anstalt ja weiterhin eine vollwertige Bibliothek führen. „Diese Entscheidung liegt künftig bei der Generaldirektion der GeoSphere selbst. “So ganz stimmt das nicht. Auch das Wissenschaftsministerium mischt hier mit. Alle drei Jahre entscheidet es über das Budget der GeoSphere Austria. Liegt einmal weniger Geld im Topf, so vermuten Kritiker, wird eine vollwertige Bibliothek, die dann sowieso nicht verpflichtend geführt werden muss, wohl als Erstes darunter leiden. Vor 150 Jahren war von einem solchen Leid noch nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: Als das Festbankett im Palais Rasumofsky zu Ende ging, versammelten sich alle Teilnehmer im Luxushotel Métropole. Chef-Geologe Franz Ritter von Hauer sprach einen Toast auf die kaiserliche Familie und die Wissenschaft aus. Der Abend, notierte das Protokoll penibel, „verlief in der heitersten Stimmung“.

Quelle: cms.falter.at

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