Wo Klein Afrika zur Zielgeraden wird: Der Ironman 70. 3 in Brandenburg
Ein Sonntagmorgen im September: Esregnet auf den Dämeritzsee. Rund 3000 Menschen stehen am Ufer einer Kleinstadt, die an einem gewöhnlichen Sonntag vermutlich nicht einmal 3000 Fußgänger auf der Straße hat. . . .

Ein Sonntagmorgen im September: Esregnet auf den Dämeritzsee. Rund 3000 Menschen stehen am Ufer einer Kleinstadt, die an einem gewöhnlichen Sonntag vermutlich nicht einmal 3000 Fußgänger auf der Straße hat. Sie kommen aus mehr als 70 Ländern – Trinidad und Tobago, Island, Japan, Indien. Und sie alle haben sich ein Ziel gesetzt, das die meisten Erkneraner vermutlich für eine Strafe halten würden: Sie werden 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren, 21 Kilometer Laufen. Freiwillig. Und bezahlt. Was hier unter dem Markennamen Ironman 70. 3 abläuft, ist die halbe Distanz eines Formats, das 1978 auf Hawaii aus einer Kneipendiskussion entstand: US-Navy-Offizier John Collins stritt bei einer Siegerehrung darüber, wer der fittere Sportler sei – Schwimmer oder Läufer –, und schlug vor, drei bestehende Wettkämpfe der Insel O’ahu einfach zusammenzulegen. Am 18. Februar 1978 gingen 15 Männer an den Start, zwölf kamen ins Ziel. Sieger wurde der Taxifahrer Gordon Haller in 11:46 Stunden. „Wer als Erster fertig ist, den nennen wir Ironman“, soll Collins gesagt haben. Der Mythos war geboren – lange bevor irgendjemand an Erkner dachte. Die kürzere Variante kam erst 2001 hinzu, zunächst als „Half Ironman“. 2005 taufte der Veranstalter sie in „Ironman 70. 3“ um, benannt nach der Gesamtstrecke von 70,3 Meilen beziehungsweise 113 Kilometern – vermutlich auch deshalb, weil sich „halb“ im Marketing schlechter macht als eine mysteriöse Zahl. Heute vergibt der Ausrichter, die World Triathlon Corporation, die Marke weltweit an mehr als hundert Rennen pro Saison, von Dubai bis Taupō inNeuseeland. Erkner ist seit 2022 eines davon – gemeinsam mit Dresden und dem kroatischen Poreč gehörte es zu den Neuzugängen jenes Jahrgangs. Der Startschuss fällt. Im Dämeritzsee wird es eng. Und Erkner, diese charmante Kleinstadt am östlichen Rand des Berliner Speckgürtels, tief im Brandenburger Wald gelegen, ist zum vierten Mal Gastgeber des Ironman 70. 3 Berlin-Brandenburg. „Gastgeber“ ist dabei eine freundliche Untertreibung für das, was passiert, wenn ein globaler Sportkonzern eine Kommune für ein Wochenende in Beschlag nimmt. Wo Grünheide jubeltWas diesen Ironman von anderen Austragungsorten unterscheidet, lässt sich nicht in Streckenprofilen messen. Es zeigt sich in den Details am Straßenrand. Bereits beim Schwimmwettbewerb stehen begeisterte Zuschauer auf SUPs und Flößen im See, um die Triathleten lautstark anzufeuern. Auf der Radstrecke dröhnt der Jubel durch Grünheide und am ovalen Kreisel in Erkner. Und während des Halbmarathons passiert etwas, das in keinem Veranstaltungskonzept steht: Die Erkneraner sitzen vor ihren Gartenzäunen in den Ortsteilen Neuseeland und Klein Afrika, grillen, geben Getränke aus, versorgen die Helfer mit Kuchen und bejubeln wildfremde Menschen aus aller Welt, die schwitzend an ihren Vorgärten vorbeitaumeln. Barfuß durch den Sand, Hüpfburg statt HalfpipeDer Ironman ist längst mehr als ein Rennen. Am Samstag vor dem Hauptwettkampf starten drei kürzere Distanzen: der 5i50 Erkner Triathlon, der 4:18:4 Triathlon und die Ironkids. 900 Teilnehmer schnuppern Triathlon-Luft. 850 Freiwillige und die Macht des VereinslebensWas den Ironman in Erkner wirklich trägt, sind nicht die Athleten aus 70 Nationen. Es sind die knapp 850 freiwilligen Helfer, ohne die das Ganze schlicht nicht stattfinden würde. Sie kommen aus Vereinen, Schulen, Feuerwehren und Initiativen der Region – von der Löcknitz-Grundschule über die Freiwilligen Feuerwehren aus Erkner, Neu Zittau, Hartmannsdorf, Spreenhagen und Freienbrink bis zur Jugendfeuerwehr Woltersdorf. Die Erkneraner Woltersdorfer KarnevalGemeinschaft ist dabei, der Grünheider Carneval Klub 1968, der Schneckenverein Mönchwinkel, der FV Erkner 1920, der SV 1919 Woltersdorf. Die Liste liest sich wie ein Who’s Who des brandenburgischen Vereinswesens – und zugleich wie ein Beweis dafür, dass es dieses Vereinswesen noch gibt, allen Abgesängen zum Trotz. CSDTugay Sarac im Interview zum CSD-Terror: „Wir brauchen eine Brandmauer zu Islamisten“Das Engagement zahlt sich aus, im wörtlichen Sinne. Allein seit 2022 konnten 119. 000 Euro an Vereine, Schulklassen, Feuerwehren und gemeinnützige Organisationen ausgeschüttet werden. In einer Region, in der jeder Euro im Vereinshaushalt zählt, ist das kein symbolischer Betrag. Es ist der Unterschied zwischen neuen Trikots und alten, zwischen einer funktionierenden Jugendarbeit und einer, die am Geld scheitert. Gesperrte Straßen, offene FragenNatürlich bringt eine Veranstaltung dieser Größenordnung auch Reibung mit sich. Straßensperrungen, Parkplatzprobleme, Toilettenstandorte – die üblichen Begleiterscheinungen, wenn sich eine Kleinstadt in eine Sportarena verwandelt. Die Stadtverwaltung betont, dass alle Hinweise, Anregungen und Bedenken in Auswertungsrunden einfließen. Man arbeite mit Behörden und Einsatzkräften daran, die Belastungen für Anwohner möglichst gering zu halten: frühzeitige Straßenöffnungen, Bürgerinformationen, eine telefonische Hotline, angepasste Verkehrsführungen. Ob das jeden überzeugt, der an einem Septembersonntag nicht aus seiner Einfahrt kommt, sei dahingestellt. Aber es ist zumindest der erkennbare Versuch, den Spagat zwischen internationalem Sportevent und kommunalem Alltag zu schaffen – ein Spagat, der in einer Stadt wie Erkner naturgemäß etwas weiter ausfällt als in Hamburg oder Frankfurt. Dass die Hinweise nicht „unter den Teppich gekehrt“ werden, wie die Stadtverwaltung eigens betont, ist eine jener Formulierungen, die durch ihre bloße Existenz verraten, dass jemand genau das befürchtet hat. Jahrgang 1947 und kein bisschen müdePünktlich zu den ersten Zieleinläufen scheint die Sonne über dem Sportzentrum. Gewinner bei den Männern wird Felix Berger aus Berlin, schnellste Frau Marie Hauer aus Rostock. Und dann gibt es da noch eine Zahl, die mehr erzählt als jede Siegerzeit: Die älteste Starterin im 70. 3-Feld wurde im Jahr 1947 geboren. Eine Frau, die älter ist als die Bundesrepublik, älter als die DDR, älter als so ziemlich alles, was in Erkner an Infrastruktur steht – und die trotzdem 1,9 Kilometer schwimmt, 90 Kilometer Rad fährt und einen Halbmarathon läuft. BildungBildungskrise in Deutschland: Warum Schüler immer schlechter werdenIm September 2026 wird Erkner erneut rund 3000 Athleten aus mehr als 70 Nationen empfangen. Die Streckenführung und die damit verbundenen Sperrungen sollen noch bekannt gegeben werden. Die Gartenzaunbesitzer in Neuseeland und KleinAfrikadürften ihre Grills schon mal vorsorglich entstauben. Denn in Erkner hat man begriffen, was anderswo noch diskutiert wird: dass eine Kleinstadt nicht groß sein muss, um Großes zu leisten. Man braucht dafür 850 Freiwillige, einen See, ein paar gesperrte Straßen, einen Schneckenverein – und Nachbarn, die wildfremden Menschen Kuchen über den Zaun reichen. Freiwillig. Lesen Sie mehr zum Thema