Der Klimawandel ist real – nicht nur bei Hitze
Als dieser Text geschrieben wird hat es 19 Grad, ein grauer Vormittag, in der Nacht hat es geregnet, man braucht ein Jäckchen und ist, zugegeben, ein bisschen grummelig. Weil: So stellt man ihn sich halt auch. . .

Als dieser Text geschrieben wird hat es 19 Grad, ein grauer Vormittag, in der Nacht hat es geregnet, man braucht ein Jäckchen und ist, zugegeben, ein bisschen grummelig. Weil: So stellt man ihn sich halt auch nicht vor, den Sommer, der sich an diesem Juli-Morgen eher wie ein September anfühlt. Dass manvor zwei Wochen noch fürchterlich geschwitzt, nachts kaum ein Auge zugetan hat, das Einsteigen insAutosich anfühlte, als würde man die Tür zu einer finnischen Aufguss-Sauna öffnen, das alles ist recht schnell vergessen. Und genau das ist das Problem. Wenn es abkühlt, verdrängen wir, dass das Klima aus dem Gleichgewicht geraten istWenn es so unerträglich heiß ist wie zuletzt Ende Juni, dann merken die Menschen freilich, dass da was nicht stimmt. Der Klimawandelwird real, ist nicht mehr nur ein Wort, man spürt ihn hautnah am klitschnassen Körper. Wird es dann wieder kühler, verdrängt man, dass das Klima aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich die Wetter-Extreme häufen. Dieses Verdrängen ist eine Art Schutzmechanismus, für den es mehrere Erklärungsansätze gibt. Zum einen: Indem wir vor dem Offensichtlichen,nämlich der massiven Erderwärmung, die Augen schließen, schützen wir – vorübergehend – unsere Psyche. Deswegen meiden viele Menschen das Thema. Das weiß auch diePolitikund macht deswegen zuweilen, zum Beispiel im letzten Bundestagswahlkampf, einen zu großen Bogen darum, um die Wählerinnen und Wähler nicht mit der Nase auf etwas zu stoßen, das sie nicht hören wollen. 2024 war das bisher wärmste Jahr seit Beginn der WetteraufzeichnungenDas ist die eine Erklärung, eine andere: Es lebt sich einfach leichter, wenn man davon ausgeht, dass alles schon nicht so schlimm werden wird und man eh wenig ausrichten kann. Eine dritte: Wir gewöhnen uns ans Extreme. Was heute außergewöhnlich, gar historisch ist, ist irgendwann die Norm. Gluthitze? Hatten wir doch schon öfter. Nix Neues. Der Klimawandel droht dann irgendwann in der persönlichen Wahrnehmung nicht mehr so recht aufzufallen. Das alles ist nachvollziehbar, der Mensch hat in seiner Evolution gelernt, so zu denken, zu handeln. Aber dieses kollektive Wegsehen verhindert eben auch, dass diese existenzielle Bedrohung endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit angegangen wird. Denn die Fakten liegen ja auf dem Tisch: 2024 war global das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und Expertinnen und Experten zufolge ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass 2026 dieser Negativ-Rekord geknackt wird. Hinzu kommt: Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde. Davon zeugen immer mehr Wetter-Extreme wie Starkregen, Überflutungen, Dürren, Hitzewellen. Die Folgen des Klimawandels beunruhigen zwei Drittel der DeutschenAllerdings stehen die Deutschen höheren preislichen Belastungen durch eine stärkere CO₂-Besteuerung kritisch gegenüber und sehen beim Klimaschutz eher die Wirtschaft als die Konsumenten – also sich selbst – in der Pflicht. Zugespitzt: Soll die Industrie doch ihre Emissionen senken, ich will aber weiterhinmeinen Verbrenner fahren. So kann es allerdings nicht funktionieren. Es bedarf Anstrengungen – und Opfer – auf allen Seiten. Doch langsam scheint es zum Glück ein Umdenken zu geben. Im aktuellen „ARD-Deutschlandtrend“, der von Infratest dimap ermittelt wurde, zeigt sich: Die Folgen des Klimawandels beunruhigen zwei Drittel der Deutschen und damit mehr als zu Beginn des Vorjahres. Trotz vielfältiger Krisen kommt es daher für die Mehrheit nicht infrage, dem Thema Klimaschutz in der Politik weniger Priorität zukommen zu lassen. Aber zum Zeitpunkt der Befragung hatte es auch 35 Grad.