WeltReport

Editorial: Klimawandel und okuläre Gesundheit ‒ Auswirkungen von Hitze, Trockenheit und Umweltfaktoren

Prof. Uwe Pleyer von der Augenklinik der Charité – Universitätsmedizin Berlin berichtet an dieser Stelle regelmäßig über aktuelle ophthalmologische Themen. Dieses Mal im Fokus, aus aktuellem Anlass:. . .

Von @BiermannMedizin · · 5 min Lesezeit

Editorial: Klimawandel und okuläre Gesundheit ‒ Auswirkungen von Hitze, Trockenheit und Umweltfaktoren

Prof. Uwe Pleyer von der Augenklinik der Charité – Universitätsmedizin Berlin berichtet an dieser Stelle regelmäßig über aktuelle ophthalmologische Themen. Dieses Mal im Fokus, aus aktuellem Anlass: Klimawandel, hohe Temperaturen, Hitzewellen‒und deren Auswirkungen auf die Gesundheit des Auges. Möglicherweise leiden auch Sie gerade unter den aktuellen und künftig wohl noch häufigeren Hitzeperioden? Der Klimawandel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Treiber erhöhter Morbidität entwickelt und auch das Auge ist einbezogen. Extreme Hitze, zunehmende Trockenheit, Luftverschmutzung und veränderte Umweltbedingungen beeinflussen unter anderem die Augenoberfläche auf verschiedene Weise: Die Verdunstung beschleunigt sich, die Osmolarität steigt, Entzündungsprozesse nehmen zu und die Homöostase des Tränenfilms kippt schneller und häufiger. Das Trockene Auge (DED) wird damit zunehmend zu einer Problematik, die nicht nur durch individuelle Faktoren, sondern auch durch globale Umweltbedingungen moduliert wird. Auswirkungen auf Tränenfilm und Trockenes AugeDie Datenlage hierzu ist inzwischen robust. Kürzlich ist eine Reihe von Publikationen erschienen, die Hinweise darauf bieten. Luftschadstoffe wie PM2,5, PM10, Ozon und Stickoxide destabilisieren den Tränenfilm, fördern oxidative Stressreaktionen und erhöhen zudem auch die Anfälligkeit für mikrobielle Infektionen. In einer großen Kohortenstudie aus den USA verschlechterten sich DED‑Symptome an Tagen mit erhöhtem Ozon signifikant, während in Indien PM10‑Belastungen mit einer DED‑Prävalenz von über 30 Prozent korrelierten. Eine Metaanalyse aus China zeigte, dass pro 10 µg/m³ PM2,5die Odds für DED‑Symptome um 13 Prozent steigen. Gleichzeitig führt Hitze zu einer beschleunigten Tränenfilmverdunstung, und niedrige Luftfeuchtigkeit reduziert die Tränenfilmstabilität um bis zu 30 Prozent. Wind verstärkt diese Effekte zusätzlich und transportiert zugleich potenziell pathogene Partikel. Einfluss des Klimawandels auf infektiöse AugenerkrankungenDabei zeigt die aktuelle Literatur zudem, dass der Klimawandel nicht nur die nicht infektiösen, sondern auch die infektiösen Augenerkrankungen beeinflusst. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und Extremwetterereignisse verändern die Ökologie von Erregern und Vektoren. Die jüngste narrative Übersichtsarbeit vonTong et al. zeigt, dass Niederschlag, Temperatur und Luftfeuchtigkeit die Inzidenz von okulären Infektionen zum Teil drastisch modulieren. Für die okuläre Toxoplasmose besteht in Kolumbien eine hohe Korrelation zwischen jährlicher Niederschlagsmenge und OT‑Inzidenz (r=0,84), während in Argentinien pro zusätzlichem Millimeter Regen ein um zwei Prozent höheres Risiko für Reaktivierungen beschrieben wurde. Feuchte Böden und kontaminiertes Wasser begünstigen die Persistenz und Verbreitung vonToxoplasma-gondii‑Oozysten, die über Staub, Aerosole oder Wasser aufgenommen werden können. Auch bakterielle und mykotische Infektionen reagieren sensibel auf klimatische Veränderungen. Leptospirose‑assoziierte Konjunktivitiden und Uveitiden treten nach Überschwemmungen gehäuft auf. Pilzkeratitiden nehmen in heißen, feuchten Regionen deutlich zu: In Südindien waren während der Monsunmonate bis zu 34 Prozent aller mikrobiellen Keratitiden mykotisch. Virale Erkrankungen wie HSV‑ und HZO‑Keratitis zeigen temperatur‑ und UV‑abhängige Reaktivierungsmuster. Für Herpes zoster ophthalmicus wurde berichtet, dass die Inzidenz pro 1 °C Temperaturanstieg um knapp drei Prozent zunimmt, vermutlich durch UV‑induzierte Immunsuppression. Selbst Wind spielt eine Rolle: Er kannT. -gondii‑haltige Staubpartikel, Pilzsporen oder Insektenbestandteile über weite Strecken transportieren und so das Risiko für Infektionen erhöhen. Erhöhte Mortalität bei HitzewellenDie Daten und Hinweise von WHO, derEuropäischen Beobachtungsstelle für Klima und Gesundheit (Climate-ADAPT)und desRKIweisen auf eine deutliche Übersterblichkeit insbesondere bei Hitzewellen hin. Der„Lancet Countdown Latin America Report“belegt die Situation mit konkreten Zahlen. Die Region verzeichnete einen Anstieg hitzebedingter Mortalität um 140 Prozent, eine 54 Prozent höhere Übertragungswahrscheinlichkeit für Dengue und eine deutliche Zunahme klimatischer Extremereignisse. In den Jahren 2013 bis 2022 waren Säuglinge 248 Prozent und ältere Menschen 271 Prozent mehr Hitzewellentagen ausgesetzt als in den 1990er‑Jahren. Gleichzeitig stieg die Zahl der Stunden mit moderatem bis hohem Hitzestress um bis zu 256 Stunden pro Person und Jahr. Diese Veränderungen betreffen nicht nur die Allgemeingesundheit, sondern schlagen sich zunehmend auch in der Ophthalmologie nieder – sei es durch hitzebedingte Exazerbationen von DED, vermehrte vektorübertragene Infektionen mit okulären Manifestationen oder durch Infekt-assoziierte Keratitiden. Risiken für retino-vaskuläre EreignisseWeniger klar belegt sind die Risiken für retino-vaskuläre Ereignisse. Hitze, Dehydratation und Hämokonzentration erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre und damit möglicherweise auch für retinale Gefäßkomplikationen. Die Kombination aus Flüssigkeitsverlust, prothrombotischer Aktivierung und Kreislaufinstabilität schafft Bedingungen, die retinale Gefäßverschlüsse begünstigen können. Physiologische Studien zeigen, dass Hitzeexposition die zerebrale und okuläre Perfusion messbar reduziert. Epidemiologische Daten belegen, dass während Hitzeepisoden vermehrt venöse und arterielle thrombotische Ereignisse auftreten. Besonders gefährdet sind hier ältere Menschen, Patientinnen und Patienten mit Hypertonie, Diabetes, Migräne sowie Personen mit eingeschränkter Flüssigkeitsaufnahme. Auch Kinder rücken zunehmend in den Fokus: Sie gelten systemisch als besonders hitzesensibel, verlieren schneller Flüssigkeit und kompensieren Dehydratation schlechter. Notwendige Reaktion in der ZukunftFür die kommenden Jahre wird es entscheidend sein, klimatische Belastungsfaktoren systematisch in Diagnostik, Beratung und Therapie einzubeziehen. Dazu gehören eine stärkere Berücksichtigung von Hitze‑ und Luftqualitätsdaten im klinischen Alltag sowie präventive Empfehlungen für besonders vulnerable Gruppen. Gleichzeitig braucht es mehr Forschung zu den langfristigen Auswirkungen von Hitzestress auf Tränenfilm, Infektionsrisiken und okuläre Perfusion. Wir werden diese Entwicklungen weiterhin kritisch begleiten und Sie dabei unterstützen, wissenschaftliche Evidenz in praktikable klinische Entscheidungen zu übersetzen. Und falls Sie in den kommenden Wochen eine Auszeit planen: Wir hoffen, dass Sie diese ohne allzu große Hitze genießen können — und dass Ihre Augen ebenso gut durch den Sommer kommen wie Sie selbst. IhrUwe PleyerLesen Sie hier Prof. Pleyers Editorial aus Mai:Von Pollen, Pollution bis Proteom: Warum die Träne mehr verraten kann als das Auge

Quelle: ool.de

Mehr zu Klima