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Eine Zahl zeigt, wer den Klimawandel vorantreibt – Oxfam hat sie veröffentlicht

Während die einen im Flieger sitzen, sterben andere den Hitzetod – eine bekannte Ungerechtigkeit. Doch eine Oxfam-Studie zeigt nun konkret, wie ungleich Arm und Reich zum Klimawandel beitragen. Wer sie kennt, blickt anders auf die Weltlage

Von @derfreitag · · 6 min Lesezeit

Eine Zahl zeigt, wer den Klimawandel vorantreibt – Oxfam hat sie veröffentlicht

In diesen Tagen läuft uns wieder der Schweiß von der Stirn. In Berlin sind es 32 Grad im Schatten, in Hamburg 34, in München 33. In vielen deutschen Städten sieht es nicht anders aus. Ja, es ist sehr heiß. Und nein, diese neue Art der Hitzewellen gab es nicht schon immer. Wir werden uns aber an sie gewöhnen müssen. Und das wird schweißtreibend. Dabei unterscheidet die Hitze nicht zwischen Menschen, oder? Dermenschengemachte Klimawandeltrifft alle gleich? Zumindest physikalisch laufen die Schweißperlen gleichermaßen über unsere Gesichter. Ob jemand viel verdient oder wenig Geld zur Verfügung hat: Sonnencreme brauchen wir alle. Vor der Hitze sind eben alle gleich. Aber stimmt das? Wohl kaum. 11. 900 Hitzetote: Warum Armut über Leben und Tod entscheidetFür das Verständnis der gesellschaftlichen Folgen der Erderwärmung wird die soziale Kategorie Klasse neben CO₂, Wasserknappheit und Luftfeuchtigkeit eine immer wichtigere Kategorie werden. Einkommen, Vermögen, Beruf und damit der Wohnort entscheiden zunehmend darüber, wie sich ein und dieselbe Erderwärmung künftig anfühlt. Der Klimawandel bringt uns nicht alle gleichermaßen zum Schmelzen. Wer im Dachgeschoss wohnt, auf dem Bau arbeitet, keinen Park vor der Tür und keine Klimaanlage auf dem Dach hat, erlebt dieselben 38 Grad anders als Menschen mit kühler Neubauwohnung, Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit oder Ferienhaus auf dem Land. Zumindest können die einen sich den großen Sonnenschirm leisten, das Eis, den Sprung ins kühlende Freibadbecken. Laut Robert Koch-Institut sind in diesem Jahr 2026 während der Hitzewellen bis zu 11. 900 Menschen gestorben. Außer in Fällen wie einem Hitzschlag führt die Hitzeeinwirkung nicht unmittelbar zum Tod. In den meisten Fällen ist es eine Kombination aus Hitze und Vorerkrankungen. Corona-Vergleich: Wie Hitze arme Stadtteile härter trifftDennoch zeigt die Statistik bereits ein eindrückliches Bild:Hitze ist verdammt tödlich, wenn wir nicht auf alle Menschen aufpassen. Seriös ableiten lässt sich der sozioökonomische Status – also ob die verstorbene Person nun arm oder reich war – aus den Zahlen laut RKI nicht. Auf dem Totenschein wird Vermögen logischerweise nicht erfasst. Dennoch gilt: Die großen Krisen dieser Welt treffen zunächst immer die Ärmsten. Das ist nicht neu. Schon in der Corona-Pandemie zeigte sich in armutsbetroffenen Stadtteilen eine höhere Infektionsrate mit dem tödlichen Virus und damit wohl auch eine höhere Sterblichkeitsrate. Zu Beginn der Pandemie war dies allerdings nicht immer so. In Hamburg zum Beispiel hatten zunächst einkommensstarke Stadtteile eine höhere Corona-Inzidenz. Das Virus konnte sich vor allem durch die Hamburger Skiferien und Reisen rasant ausbreiten und drang erst zu einem späteren Zeitpunkt in die ärmeren Stadtteile vor. Dort wohnen statistisch gesehen mehr Menschen auf engem Raum auf weniger Fläche. Das war der perfekte Nährboden für die ersten Corona-Wellen. Bei den aktuellen Hitzewellen lassen sich ähnliche Parallelen beobachten. Denn Hitze macht Ungleichheit sichtbar. Sie wird zur Wärmebildkamera einer Gesellschaft. Und zeigt, wo Armut, schlechte Infrastruktur und prekäre Lebenslagen bestehen, und sie verstärkt all das noch. Betonviertel gegen Grünflächen: Wo sich Hitze stautViele Menschen auf engem Raum, viel Beton, schlechte Bausubstanz: Genau dort kann sich extreme Hitze über Tage stauen. Wohnviertel mit mehr Bäumen und mehr Grünflächen, kleinen Gärten, gepflegten Parks oder schattigen Innenhöfen kühlen dagegen umso schneller ab. Es liegt also auf der Hand und ist wissenschaftlich bestätigt, dass Hitze ungleich verteilt ist. Der Klimawandel mit seinen Hitzewellen trifft Menschen folglich ungleich hart. Anfang der 2000er wurde ein Instrument entwickelt, das diese ungleiche Verteilung beim Klimawandel insgesamt infrage stellte: der sogenannte ökologische Fußabdruck. Mit ihm konnten einzelne Personen berechnen, für wie viel CO₂ und Treibhausgas sie individuell verantwortlich sind. Pauschal mag es richtig sein, dass Menschen im globalen Norden allein durch ihren Lebensstil eine größere Umweltbelastung verursachen als Menschen im globalen Süden. Jedoch war der ökologische Fußabdruck vielmehr ein geschicktes PR-Instrument. Eine mehrere Millionen US-Dollar teure Kampagne sollte die Ursachen des Klimawandels individualisieren. Mit dieser Werbekampagne konnte geschickt die Aufmerksamkeit vom massivenCO₂-Fußabdruck der Ölkonzerneauf den kleinen Mann, die kleine Frau gelenkt werden. Der Trick geht auf. Flugscham, individuelles Wassersparen, gratis Schuldgefühle für alle, die sich kein E-Auto und kein Lastenrad leisten können. Oxfam-Studie: 298 Tonnen CO₂ der Reichsten, 0,2 der ÄrmstenDabei zeigen Studien seit Jahren, dass wohlhabende Menschen überproportional viele Emissionen verursachen. Menschen mit geringem Einkommen bekommen die Folgen dagegen oft umso stärker zu spüren. Wenn Klimapolitik nur als CO₂-Problem verstanden wird, übersehen wir die übergeordnete Verteilungsfrage. EineOxfam-Studiezeigt nun: Die reichsten 0,1 Prozent verbrauchen 298 Tonnen CO₂ pro Person und Jahr, die ärmsten zehn Prozent im Vergleich 0,2 Tonnen. Während es also immer wieder zuextremer Hitzekommt, wird einmal mehr deutlich: Klima lässt sich nur im Zusammenhang mit Armut und extremem Reichtum denken. Und auch wenn der Vergleich ziemlich plump sein mag: Der reichere Teil der Bevölkerung kann sich im Zweifel in den Flieger setzen und der Hitze entfliehen – der ärmere Teil spürt die Hitze dafür vor allem in den Großstädten um ein Vielfaches stärker. Denn armutsbetroffene Menschen erkranken belegbar schneller und haben eine kürzere Lebenserwartung. Insbesondere Hitze kann bei Menschen mit Vorerkrankungen dann auch einen schnelleren Hitzetod begünstigen. Sie leben eben oft in Wohnungen, die für die kommenden Hitzewellen nicht ausreichend gerüstet sind. Doch wie kann es gelingen, dass die Klimadebatte wieder für alle attraktiv wird– und nicht nur für jene mit teurem E-Auto, Lastenrad und BahnCard 100? Wenn wir Menschen für den Kampf gegen die Klimakrise zurückgewinnen wollen, müssen wir aufhören, diese nur als Umweltproblem zu erzählen. Wir müssen sie als das begreifen, was sie längst ist: die große soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Ist der österreichische „Klimabonus“ ein Vorbild?Denn wer sich die Folgen des Klimawandels nicht leisten kann, beginnt zwangsläufig, ihn grundsätzlich infragezustellen. Viel wichtiger wäre es daher, die Klimakrise weg von einem abstrakten Zukunftsproblem hin zu einer konkreten Gegenwartsfrage zu erzählen. In Österreich wurde genau deshalb bis 2024 ein sogenannter Klimabonus ausgezahlt. Bis zu 290 Euro als staatliche Zahlung. Denn obwohl nachweislich die Wohlhabenden mehr zum menschengemachten Klimawandel beitragen, sind es eben immer öfter armutsbetroffene Menschen, für die Hitze zur tödlichen Bedrohung wird. Eine extreme Ungleichverteilung sorgt langfristig für eine Überhitzung der Gesellschaft. Die eigentliche Geschichte der Klimakrise ist schon lange keine ökologische mehr, sondern eine soziale. Denn Hitze kann physikalisch niemanden diskriminieren, gesellschaftlich aber sehr wohl. Manuel Biallasist vielfach ausgezeichneter Autor und Journalist. Aufgewachsen ist er in Armut. Biallas beschäftigt sich in seiner Arbeit vor allem mit Klasse und sozialer Herkunft. Er lebt und arbeitet derzeit in Hamburg

Quelle: freitag.de

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