Gute Kirschernte trotz Klimawandel: Wie die Züchtung resistente Sorten findet
Dieses Jahr kann man bei den Kirschen in der Obsttheke ordentlich zulangen. Es ist ein guter Jahrgang, die Ernte liegt ein Fünftel über dem Zehnjahresschnitt, frohlockt das statistische Bundesamt. Das ist nicht selbstverständlich, zeigen allein die Einbußen durch den Spätfrost 2024. Ernteausfälle könnte es durch den Klimawandel künftig deutlich häufiger geben – nicht allein durch Frost. Die Züchtung ist aber nicht ganz unvorbereitet, wie Forschende in Dresden-Pillnitz zeigen.

AUDIO: Kirschen: Neue Sorten, damit die Ernte stabil bleibt (4 Min)Auf der Suche nach resistenten ObstsortenGut Kirschen essen. Möglichst auch in Zukunft!Stand: 11. 07. 2026 05:00 UhrDieses Jahr kann man bei den Kirschen in der Obsttheke ordentlich zulangen. Es ist ein guter Jahrgang, die Ernte liegt ein Fünftel über dem Zehnjahresschnitt,frohlockt das statistische Bundesamt. Das ist nicht selbstverständlich, zeigen allein die Einbußen durch den Spätfrost 2024. Ernteausfälle könnte es durch den Klimawandel künftig deutlich häufiger geben – nicht allein durch Frost. Die Züchtung ist aber nicht ganz unvorbereitet, wie Forschende in Dresden-Pillnitz zeigen. vonFlorian ZinnerDie Obst- und Kirschernte kann durch Trockenheit, Spätfröste und Schädlinge schnell zunichte gemacht werdenDas sind Faktoren, die durch den Klimawandel häufiger auftreten könnenAm Julius-Kühn-Institut sucht man derweil nach Sorten, die besser mit Spätfrösten oder anhaltender Dürre klarkommenDass nun Susan Schröpfer ausgerechnet in der Kirschzüchtung forscht, trifft sich hervorragend. Die betörende Steinfrucht ist nämlich ihr Lieblingsobst, von dem sie auch eine ganz genaue Vorstellung hat, wie es denn beschaffen sein muss: "Die muss groß sein. Die muss eine gute Festigkeit haben, eine gute Saftigkeit. Die Zucker-Säure-Balance muss stimmen. " In der Züchtung ist man wohl auch immer ein bisschen Connaisseur. "Die Kirsche ist, glaube ich, auch für viele das Schmankerl, weil es ja auch nicht so lang verfügbar ist. " Kennt man ja vom Spargel. Susan Schröpfer, Wissenschaftlerin am Julius-Kühn-Institut (JKI) in Dresden, ist die einzige direkt von der Bundesrepublik beauftragte Kirschzüchterin Deutschlands und bahnt sich gerade einen Weg durch eine Ansammlung ganz unterschiedlicher Süßkirschbäume – gepflanzt auf Gut Gamig, gelegen auf einer Anhöhe südöstlich der sächsischen Hauptstadt. Dieser Text erschien zuerst im ARD Klima-Update #252💌 Kostenlos: Abonnieren Sie das ARD Klima-Update und erfahren Sie, wie wir die Krise in den Griff bekommen – und nebenbei ein gutes Leben!hier abonnierenzur aktuellen AusgabeEs ist Mitte Juni und hier grad Sommer für den Seelenfrieden: ein Sonne-Wolken-Mix bei verträglichen Temperaturen, das obligatorische Grillengezirpe und die Kirschen tragen auch ganz ordentlich, wenn sie nicht eh schon abgeerntet sind. Sie haben Namen wie "PiSue 812", eine Sorte mit beachtlichen, festen Früchten. Eben solche, bei denen man im Supermarkt in der Kühlauslage ganz schlecht nein sagen kann. Früchte, die in diesen Tagen hier geerntet werden, sind aber eher fürs Labor als für den Magen bestimmt. Bei den Analysen notieren Schröpfer und ihr Team eine Vielzahl an Merkmalen – und sei es, wie leicht sich der Stiel lockert, denn die Deutschen mögen es, wenn er bis zum Verzehr dranbleibt. Über 500 Bäume von etwa hundert verschiedenen Genotypen stehen hier. Sie haben das Zeug zur Sorte, um irgendwann auch tatsächlich angebaut zu werden. Die Gesamtzahl der Süß- und Sauerkirsch-Genotypen am JKI ist mit etwa 5800 noch deutlich höher. 🍒 Wussten Sie, dass …… die Süßkirsche eigentlich Vogelkirsche heißt, die Sauerkirsche aber Sauerkirsche? Die Vögel stecken auch im lateinischen Namen der süßen Kirschenart: Prunus avium. Von ihrer Wildvariante sind die Zuchtformen Knorpelkirsche und Herzkirsche abgeleitet. Von denen wiederum gibt es zahlreiche Sorten. Obstbau: Eine Berg- und TalfahrtFür die Zukunft ist allerdings nicht nur entscheidend, ob ein Baum Früchtchen hervorbringen kann, die mit knackfrischer Üppigkeit und guter Stielfestigkeit glänzen, sondern ob er es überhaupt tut oder angesichts Trockenstress, klimawandelbedingtem Schädlings- und Pilzbefall oder Spätfrösten klein beigibt (die Blüte einer Süßkirsche übersteht eine halbe Stunde lang nur eine Tiefsttemperatur von minus 1,7 Grad). Möglicherweise fehlt, wie teilweise schon jetzt im Süden, auch irgendwann der winterliche Kältereiz, den Obstbäume ebenfalls zum Blühen brauchen. Der Spätfrost-bedingte Schaden im Obstbau belief sich etwa 2024 auf hunderte Millionen Euro allein in Deutschland, mit Ausfällen bei Obst und Wein bis zu hundert Prozent. 2017 waren es europaweit über drei Milliarden Euro Schaden. Das Arglistige an diesen Spätfrösten ist, dass sie der Klimawandel noch arglistiger macht, weil sie nach wie vor auftreten können, die Obstblüte aber schon deutlich früher einsetzt. Während auf Gut Gamig, einer Ausweichfläche der Kirschzüchtung am JKI, in diesem Jahr noch alles gut ging, hat es ausgerechnet den Hauptstandort am Julius-Kühn-Institut unten im pittoresken Elbtal ordentlich erwischt – bis hin zum Totalausfall der Ernte. Kälte fließt eben am Hang ins Tal. Dr. Susan SchröpferFür die Frostforschung braucht es Spätfröste – und PersonalManche zeigen sich aber dahingehend standhaft: "Wir haben dieses Jahr eine Sorte beobachtet, die hat tatsächlich noch relativ viele intakte Blüten gehabt und auch dieses Jahr einen Fruchtertrag", erzählt Susan Schröpfer. Die Sorte PiSu 1489 soll nun angemeldet werden. "Die hat immer gut getragen. Und dieses Jahr können wir es auch wirklich mit Daten hinterlegen. " Denn eine Toleranz gegenüber Spätfrösten lässt sich nur dann messen, wenn solche auch eintreten – und, wie in diesem Jahr, genau dann auch genügend Personal für Datenerhebung zur Verfügung steht: "Da gehört beispielsweise dazu, dass man an den Baum geht und hundert Blüten auszählt und von diesen hundert Blüten bestimmt, ob der Stempel noch intakt ist oder nicht. " Und das bei hunderten Genotypen. Es geht runter, ins Tal, dort, wo der Spätfrost zugeschlagen hatte. Auf dem Gelände des Julius-Kühn-Instituts steht Stefanie Reim vor einem Versuchsaufbau im Folientunnel. Junge Kirschbäume haben eine Art verkabelte Haarspange im Blatt klemmen. "Das ist ein Kapazitätssensor und der misst die Transpiration des Blattes", erklärt Reim, während sie die ausgelesenen Daten auf ihrem Tablet zeigt. Anhand dessen, wie stark ein Blatt Feuchtigkeit abgibt, zeigt sich, ob die Pflanze unter Trockenstress steht. Ein Teil der Kirschen muss hier ordentlich Trockenstress aushalten. Kirschen im TrockenstressStefanie Reims Augenmerk liegt auf der Pflanzenunterlage, also dem Stamm und den Wurzeln,auf den im Obstbau im Zuge der Vermehrung das Sorten-Teilstück gesetzt wird. Die Unterlage ist besonders interessant, "weil sie ja die Wurzel hat und die Wurzel das Wasser aus dem Boden aufnimmt. " Stefanie Reim hat allerdings erstaunt, dass nicht nur die Unterlage für die Trockentoleranz eines Obstbaums maßgeblich zu sein scheint, sondern eben die Kombination aus Unterlage und Sorte. "Diese Ergebnisse können für den Züchter interessant sein – das ist vielleicht ein guter Kreuzungspartner, dass halt eine trockentolerantere Sorte rauskommen könnte. "Dr. Stefanie ReimsErforschung und Züchtung resistenter Sorten ist schon seit etlichen Jahren ein Thema am JKI, erklärt Susan Schröpfer. "Ich denke, dass die Krankheitsresistenzen und auch die Toleranz gegenüber abiotischen Faktoren immer bedeutender werden. " Sprich: Resistenz gegenüber klimawandelbegünstigtem Schädlings- und Pilzbefall und dem "neuen Wetter" selbst. Susan Schröpfer dreht sich um und zeigt auf eine Fläche, auf der kommerziell Äpfel angebaut werden. Viel erinnert dort nicht mehr an Obstbäume im Frühsommer, Totalausfall. "Das ist eine Schmetterlingsraupe gewesen, die sich massiv hier eingenistet hat und die ganzen Bäume kahl gefressen hat. "Wenn sich ein Bauer für eine neue Sorte entscheidet, dann ist das eine Entscheidung, die er jahrelang tragen muss. Dr. Susan SchröpferWo bleiben die resistenten Sorten?Resistente Sorten gibt’s allerdings nicht von der Stange. Zum einen ist die Züchtung einer neuen Sorte ein Prozess über viele Jahre, auch wenn moderne Genomeditierung das künftig beschleunigen könnte. Außerdem nützt es nichts, wenn eine Sorte mit Widerstandsfähigkeit glänzt, aber zu wenig Ertrag bringt (oder halt der Stiel zu leicht abgeht) – weil ihr Anbau dann nicht wirtschaftlich ist. Es braucht also mindestens einen Kompromiss. "Wenn sich ein Bauer für eine neue Sorte entscheidet, dann ist das eine Entscheidung, die er jahrelang tragen muss. "Immerhin können sich Landwirtinnen und Landwirte auf die Erfahrungen des gartenbaulichen Versuchswesens der Länder berufen. In Rheinland-Pfalz wird etwa seit Jahresbeginn getestet, welche Sortenneuheiten aus Dresden-Pillnitz sich für den Obstanbau im Südwesten der Republik lohnen könnten. Für zehn Jahre ist der Versuch angelegt, was die Dimension um neue Sorten noch einmal unterstreicht. Unter den neun Testkandidatentummelt sich auch eine gewisse "PiSue 1489". Vor Spätfrösten sind Kirschblüten schließlich auch im warmen Südwesten nicht sicher. KlimaARD Klima-Update und alles zum KlimawandelHaben Sie mit dem ARD Klima-Update bei Klima-Fragen immer die Nase vorn – kostenfrei und wöchentlich! Hitze, Dürre und Extremwetter werden häufiger. Wie schaffen wir die Jahrtausendkrise – und uns ein gutes Leben?