Hausarzt warnt: „Wer an der Gesundheit spart, macht das Land krank"
StartseiteLokalesGöttingenGöttingenStand:13. 07. 2026, 16:29 UhrKommentareUns auf Google folgenGeduld gefragt: Die Warteschlangen vor Arztpraxen könnten mit der Einführung der angedachten Regelungen noch. . .

StartseiteLokalesGöttingenGöttingenStand:13. 07. 2026, 16:29 UhrKommentareUns auf Google folgenGeduld gefragt: Die Warteschlangen vor Arztpraxen könnten mit der Einführung der angedachten Regelungen noch deutlich länger ausfallen, als ohnehin schon. © Foto: Friedrich Stark/IMAGODie telefonische Krankschreibung wird abgeschafft. Hausarzt Dr. Thomas Stiller hält das für ein falsches Signal an Arbeitnehmer. Göttingen/Adelebsen – Die neue Regelung zur Krankschreibung, also die Abkehr von der telefonischen Krankschreibung, die Arztpraxen entlastete und vor hoch ansteckenden Patienten schützte, ist weiter umstritten. Auch laufen Petitionen dagegen. Wir sprachen mit dem Hausarzt Dr. Thomas Carl Stiller über Sinn und Unsinn der Regelung. Herr Stiller, Sie sind kommunalpolitisch für die FDP aktiv, vor allem aber als Hausarzt beruflich gefordert. Wie bewerten Sie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, beziehungsweise Änderung der Krankmeldepflicht an Tag eins der Erkrankung?Zunächst einmal: Die aktuelle Debatte über die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung geht am eigentlichen Problem vorbei. Wer glaubt, die deutsche Wirtschaft lasse sich über strengere Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ankurbeln, verkennt die Realität in unseren Arztpraxen. Wie sieht diese Realität konkret am Beispiel Ihrer Praxis aus?Als Hausarzt erlebe ich jeden Tag etwas anderes: Die überwältigende Mehrheit der Menschen kommt ohnehin persönlich in die Praxis. Die telefonische Krankschreibung war nie ein Massenphänomen. Sie war eine pragmatische Ausnahme – keine Einladung zum Missbrauch. Hat die telefonische Krankschreibung die Praxen entlastet? Wenn ja, wie hat sich das ausgewirkt?Sie unterliegt Regeln: Nur in der Praxis bekannte Patientinnen und Patienten können auf diesem Wege eine Krankschreibung erhalten. Patientinnen und Patienten mit frischen Infekten. Infektvermeidung für die Bevölkerung und Praxisteams sowie Bürokratieabbau waren in der Pandemie die Intention für die Telefon-AU. Hat die telefonische Krankschreibung zum Missbrauch animiert?Nein! Die meisten Menschen gehen äußerst verantwortungsvoll mit einer Krankschreibung um. Sie wissen, was Arbeit bedeutet. Viele machen sich eher Sorgen um ihren Arbeitsplatz, als dass sie leichtfertig zu Hause bleiben würden. Vertieft die geplante Änderung folglich die Kluft zwischen Politik und Bürgern, indem diesen Schlechtes unterstellt wird?Das sehe ich so. Diese Diskussion um die telefonische Krankschreibung und schärfere Regelungen zeigt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dieses Landes. Sie als Hausarzt, der seine Patientinnen und Patienten meist gut kennt, könnte sich aber auch getroffen fühlen, oder?Sie als Hausarzt, der seine Patientinnen und Patienten meist gut kennt, könnte sich aber auch getroffen fühlen, oder?Dieses Misstrauen trifft indirekt auch uns Ärztinnen und Ärzte. Denn jede Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist eine medizinische Entscheidung – keine Gefälligkeit und kein politisches Instrument. Wir stellen sie sorgfältig, verantwortungsvoll und nach klaren medizinischen Kriterien aus. Die Bundesregierung sollte auf den Goldstandard unseres Gesundheitswesens vertrauen: die Arzt-Patienten-Beziehung. Dort wird täglich verantwortungsvoll entschieden – individuell, medizinisch fundiert und im Interesse der Menschen. Dr. Thomas Carl Stiller, Hausarzt in Volpriehausen im Landkreis Northeim und Adelebsen im Landkkreis Göttingen © Foto: PrivatDie Bundesregierung will nun über eine straffere Regelung letztlich die Wirtschaft ankurbeln – könnte das nach hinten losgehen, wenn zum Beispiel Menschen mittelfristig kranker werden?Klar ist: Neue Hürden für kranke Menschen schaffen keine gesündere Bevölkerung und keinen stärkeren Wirtschaftsstandort. Sie schaffen mehr Bürokratie, mehr Misstrauen und mehr Belastung – für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Arztpraxen. Und: Gesundheit ist kein Spielball der Politik und keine Verhandlungsmasse für wirtschaftspolitische Symbolik. Gesundheit ist die Grundlage von Freiheit, Leistungsfähigkeit und wirtschaftlicher Stärke. Wer krank ist, kann weder produktiv arbeiten noch die Wirtschaft voranbringen. Glauben Sie, dass die Neuregelung von langem Bestand sein dürfte/könnte?Ich hoffe die Politik kommt zur Vernunft und sieht wieder klar die Fakten: Die Regierung sollte sich mehr auf unser gutes ambulantes Gesundheitssystem verlassen. Wirtschaft ist auch wie im Fußball Teamplay. Die Abwehr von Krankheiten und die Versorgung der Bevölkerung steht aktuell noch gut da und ist zudem auch noch ein wichtiger Arbeitgeber. Werden die geplanten Sparvorhaben in der ambulanten Medizin, dann trotz der massiven Proteste zum Gesetz, wird auch dieser gut funktionierende Bereich, der 97 Prozent aller Krankheitsberatungsanlässe bei lediglich 16 Prozent Kostenanteil abarbeitet, kaputt gehen. Dann ist der Schaden für die Wirtschaft und dieses Land wirklich groß: Wer an der Gesundheit spart, macht das Land krank. Dr. Thomas Stiller, geb. 12. 07. 1969 inGöttingen, machte nach dem Abitur und dem Wehrdienst ein Praktikum im Bereich Werbung, Marktforschung und Journalismus. Dann studierte er vier Semester Betriebswirtschaftslehre in Göttingen. Dann wechselte er ins Fach Humanmedizin in Göttingen. Stiller promovierte in der Biophysik (Themenfeld der Tumorzytogenetik und Strahlenbiologie). Es folgten klinische Tätigkeiten in den Bereichen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Onkologie, Thorax-, Unfall- und Allgemeinchirurgie, Neurologie und Neuropathologie. Er absolvierte eine Ausbildung zum Medizincontroller, Facharztweiterbildung für Allgemeinmedizin und Zusatzweiterbildungen für Notfallmedizin/Rettungsmedizin und Ernährungsmedizin. Seit 2006 ist er niedergelassen in eigener Praxis in Volpriehausen undAdelebsen. Stiller engagiert sich ehrenamtlich, berufspolitisch und kommunalpolitisch (FDP-Kreistagsmitglied). Er ist Mitbegründer des Bündnis für Familie Adelebsen, der Pflegeallianz Uslar und des Digitalen Dorfes Barterode. Hobbys: Fotografie, Kunst, Theater, Wandern und Radfahren