Hitze und Klimawandel: Wie bessere Kommunikation Leben retten kann
Hitze ist längst zur Gesundheitsgefahr geworden: Heiße Tage nehmen zu, die Zahl der Hitzetoten steigt drastisch. Viele Menschen wissen nicht, dass sie zur Risikogruppe gehören – oder wie Hitze Medikamente beeinflusst. Das HeatFuture Lab in Erfurt sensibilisiert für kommende Extremtemperaturen und erforscht, wie gute Kommunikation über Hitze und Klimawandel Leben schützen kann.

AUDIO: HeatFuture Lab in Erfurt (3 Min)Ausstellung in ErfurtHeatFuture Lab Thüringen: Wie ein Klimaprojekt vor gefährlicher Hitze schützen willStand: 08. 08. 2026 13:30 UhrHitze ist längst zur Gesundheitsgefahr geworden: Heiße Tage nehmen zu, die Zahl derHitzetoten steigt drastisch. Viele Menschen wissen nicht, dass sie zur Risikogruppe gehören – oder wie Hitze Medikamente beeinflusst. Das HeatFuture Lab in Erfurt sensibilisiert für kommende Extremtemperaturen und erforscht, wie gute Kommunikation über Hitze und Klimawandel Leben schützen kann. vonInka ZimmermannDer Sommer 2026 hat schon jetzt diverse Rekorde gebrochen: heiße Luft, heiße Gewässer, brennende Wälder. Die Anzahl der "heißen Tage" mit Temperaturen über 30 Grad wird in den kommenden Jahrzehnten noch zunehmen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeichnet sich, ebenso wie bundesweit, ein deutlicher Trend ab. Mit der Zahl der heißen Tage steigt auch die Zahl der hitzebedingten Todesfälle. Hitze40 Grad sind nicht normal! Aber vielleicht bald?Für die nächsten Tage werden auch in Mitteldeutschland über 40 Grad erwartet — so früh im Jahr ein Novum. Aber die Wetterdaten zeigen: Extreme Hitze war früher selten, heute nicht mehr. In Erfurt soll dasHeatFuture Lab in den kommenden Wochenweiter für das Thema Hitze sensibilisieren. Denn trotz spürbarer Hitze in diesem Sommer seien noch nicht alle Menschen über das Thema ausreichend informiert, erklärt Sara Pelull vom Institute for Planetary Health Behaviour an der Universität Erfurt: "Ich denke da zum Beispiel an meine Eltern. Die sind beide über 70, nehmen Medikamente und gehören damit zur Risikogruppe. Sie wissen aber gar nicht, dass sie dazugehören, und halten sich trotzdem gerne in der Mittagshitze auf. "Sarah Pelull ist Projekt- und Netzwerkkoordinatorin im Projekt HEATCOM. Sie hat das HeatFuture Lab mit auf die Beine gestellt. Nicht nur ältere Menschen, auch Menschen mit Über- oder Untergewicht, mit psychischen Erkrankungen oder Menschen, die intensiv Sport treiben, sind bei Hitze besonders gefährdet. Weil vielen Menschen möglicherweise gar nicht bewusst ist, dass sie gefährdet sind, soll das HeatFuture Lab in Erfurt darüber aufklären. Auch körperliche Symptome wie etwa Hitzekrämpfe können nicht alle Menschen direkt zuordnen. Wer Medikamente nimmt, sollte sich auf Hitzetage vorbereitenDamit es gar nicht erst zu Hitzschlag, Krämpfen oder Austrocknung kommt, müsste die Bevölkerung eigentlich bereits im Vorfeld einer Hitzewelle ausreichend informiert werden. Am besten geschehe das über die Medien, also Fernsehen und Radio, erklärt Dominik Daube. Er forscht ebenfalls am Institute for Planetary Health Behaviour dazu, wie Kommunikation über Hitze gelingen kann. Auch auf Social Media könne man Menschen über Hitze informieren. "Wichtig ist aber auch, dass Menschen sich darüber im Klaren sind, dass das Thema Hitze sie direkt betrifft", erklärt Daube. Sonst erreichen die Meldungen nicht die nötige Aufmerksamkeit. Forscher Dominik Daube arbeitet als Postdoc im Projekt HEATCOM. Während die meisten Menschen wissen, dass man bei Hitze viel trinken soll und besser im Schatten bleibt, dürfte den wenigsten klar sein, dass diverse Medikamente unterschiedlich wirken, wenn es sehr heiß wird. "Es wäre vorab ganz wichtig, dass man das Gespräch mit einem Arzt sucht", erklärt Daube. Dazu komme, dass viele Medikamente temperatursensibel seien. "Wenn ich diese Medikamente bei 40 Grad in der Dachgeschosswohnung lagere, verlieren sie gegebenenfalls ihre Wirkung. " Sarah Pelull ergänzt, "dass viele Menschen zwar wissen, dass sie trinken sollten oder UV-Schutz verwenden sollten, aber sie vergessen auch schlichtweg, das dann auch umzusetzen. "Organisatoren wollen auch Daten sammelnFür die vielen heißen Tage, die uns etwa im Jahr 2050 erwarten, sind Vorbereitung und Anpassung dementsprechend essenziell. Im HeatFuture Lab sollen die Besucher ein Gefühl für die Hitze bekommen, die uns erwartet, etwa in einer Sounddusche. Dort hören die Besucher Geräusche, die bewusst oder unterbewusst mit Hitze in Verbindung gebracht werden, etwa das Zirpen von Zikaden. Anschließend geht es aber auch darum, zu zeigen, wie Begrünung und andere Anpassungsmaßnahmen die Hitze in den Städten künftig mildern könnten. BerlinHitzeschutz: Wie Singapur dem Klimawandel begegnetDie Hitze wächst in vielen Regionen weltweit. Stadtregierungen müssen reagieren, um die Bevölkerung zu schützen. Berlin will zum Beispiel 5. 000 Bäume pflanzen. Über solche Zahlen können sie in Singapur wohl nur lächeln. ARD-Korrespondentin Anna Lou Beckmann schildert ihre Eindrücke. Für die Organisatoren ist die Ausstellung aber auch eine Gelegenheit, Forschungsdaten zu sammeln. "Für uns ist spannend, überhaupt zu sehen, wie Hitze wahrgenommen wird", sagt Pelull. Die Besucher können dazu an mehreren Stationen Angaben machen, die Daten sollen anschließend in einem Policy-Briefing veröffentlicht werden. Bessere Kommunikation könnte die Zahl der Hitzetoten reduzierenDaube und Pelull arbeiten auch wissenschaftlich zum Thema Hitze und Hitzekommunikation. In einer Studie, die kürzlich im Journal nature health erschienen ist, kommen die beiden mit ihren Co-Autoren zu dem Ergebnis, dass Hitze zwar eine wachsende Gesundheitsgefahr in Europa darstellt, die bestehenden Kommunikationsmaßnahmen darüber aber wenig getestet, selten evaluiert und zwischen den einzelnen Ländern in Europa schlecht koordiniert sind. Eine bessere Kommunikation über Hitze könnte künftig entscheidend dazu beitragen, die Zahl der Hitzetoten zu reduzieren. Denn diese Zahl nimmt ebenfalls zu: Von rund 5. 000 Toten durch die Hitzewelle Ende Juni ging das Robert Koch-Institut zunächst aus. Neue Zahlen zeigen: Die Zahl der Toten liegt wohlfast doppelt so hoch. Insgesamt schätzt das RKI, dass bis zum 26. Juli 2026 11. 900 hitzebedingte Sterbefälle zu verzeichnen sind. Das ist mehr als in jedem einzelnen Gesamtjahr seit 2016. Auswertung auch für Sachsen, Sachsen-Anhalt und ThüringenRKI korrigiert Todeszahlen nach Juni-Hitze deutlich nach obenDie Zahl der in Folge der großen Hitze in der letzten Juni-Woche ist deutlich höher als angenommen. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass 9. 600 Menschen zwischen dem 22. und 28. Juni hitzebedingt verstarben. Die Forschenden am Institute for Planetary Health Behaviour in Erfurt befassen sich nicht nur mit Hitze, sondern auch mit anderen Folgen des Klimawandels, die die Bevölkerung und die Gesundheit der Menschen betreffen. "Wir schauen uns beispielsweise auch an, wie Klimaschutzmaßnahmen von der Gesellschaft akzeptiert werden und was es braucht, um die Menschen da kommunikationstechnisch mitzunehmen", erklärt Sarah Pelull. Klimaschutzmaßnahmen müssen besser kommuniziert werdenDie Kommunikation von Klimaschutzmaßnahmen könnte beispielsweise deutlich besser greifen, wenn deren Effektivität besser erklärt würde, findet Pelull. "Was wir herausgefunden haben, ist, dass Menschen solche Maßnahmen besser akzeptieren, wenn sie verstehen, warum sie nötig sind und was sie für einen positiven Effekt haben. " Auch, dass die Maßnahmen fair für alle Teile der Bevölkerung sein müssen, werde häufig nicht beachtet. Dennoch betonen sowohl Sarah Pelull als auch Dominik Daube: Das politische Interesse an einer besseren Kommunikation von Hitzegefahren und den Veränderungen, die mit dem Klimawandel entstehen, sei aktuell hoch. Sowohl auf Bundes- und Landesebene, als auch in den Kommunen bestehe mittlerweile ein guter Austausch dazu. Das HeatFuture Lab in der Defensionskaserne auf dem Erfurter Petersbergist an den kommenden Wochenenden geöffnet. Öffnungszeiten:07. 08. – 09. 08. 13–20 Uhr14. 08. – 16. 08. 13–20 Uhr21. 08. – 23. 08. 13–20 UhrDer Eintritt ist frei. Defensionskaserne auf dem Erfurter Petersberg. Städtetag fordert Milliarden für Hitzeschutz"Klimaanpassung ist kein 'nice to have'"Hitzewellen belasten Körper, Psyche, Infrastruktur - umso mehr in Städten, in denen es kaum Möglichkeit zur Abkühlung gibt. Dem müsse man mit Investitionen entgegenwirken, fordert der Deutsche Städtetag.