Klimawandel, Kriege, Brände: Wie sich Aktivisten auf den Kollaps vorbereiten
VonTheresa Martus, Korrespondentin Bundespolitik09. 08. 2026, 19:13 UhrBevorzuge uns auf GoogleKI-Stimme. InfoAm Ende der Welt ist es friedlich. Die Sonne scheint, der Wind streicht durch die Bäume, die um die. . .

VonTheresa Martus, Korrespondentin Bundespolitik09. 08. 2026, 19:13 UhrBevorzuge uns auf GoogleKI-Stimme. InfoAm Ende der Welt ist es friedlich. Die Sonne scheint, der Wind streicht durch die Bäume, die um die kleine Wiese herumstehen, ein aufgespanntes Stoffsegel spendet ein bisschen Schatten. Das „Ende der Welt“, erklärt Gerriet, ist der inoffizielle Name der kleinen Lichtung. Und gleichzeitig ist es das Programm. Denn genau darum geht es an diesem Wochenende in Nordbrandenburg: das Ende der Welt, wie wir sie kennen – und das, was danach kommen könnte. Gerriet, in Strohhut und pinkem Overall, ist eine von rund 30 Personen, die als Kernteam das „Kollaps-Camp“ organisiert haben. Rund 800 Menschen kommen dafür auf dem Gelände eines ehemaligen Stasi-Erholungsheims an der Grenze von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammen, um sich vorzubereiten auf den Zusammenbruch von eigentlich allem. „Wir wollen den Kollaps nicht, wir haben keinen Bock auf Krisen und Katastrophen“, sagt Gerriet. Aber in einer Welt, in der es von denen immer mehr gebe, müsse man sich klar werden, wo man steht – und sehen, wie man Einfluss nehmen könne. Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletterhier. Das Camp schließt an an eine aktivistische Strömung, die vor allem aus der Klimabewegung hervorgegangen ist. Immer mehr Extremwetter, immer mehr Katastrophen, ökologische und gesellschaftliche Systeme, die unter wachsendem Druck stehen: InDeutschland, aber auch international gibt es Menschen, die glauben, dass das früher oder später dazu führen wird, dass die Strukturen des Alltags zusammenbrechen. Darauf wollen sie vorbereitet sein. Die EU will 2050 klimaneutral sein? Dafür gibt es nur desillusioniertes LachenEiner der ersten Workshops des viertägigen Camps trägt den Titel „Für den Kollaps planen: Auf welche Katastrophen müssen wir uns vorbereiten?“. Rund 60 Menschen haben sich dafür in einem der großen Stoffzelte im Camp versammelt. Manche sehen aus, als läge die Schulzeit noch nicht weit hinter ihnen, andere haben graue Haare. Eine Hand voll trägt T-Shirts oder Armbänder, die nahelegen, dass sie sich auch außerhalb des Camps fürKlimaschutzoder antifaschistisch engagieren. Sie sollen Szenarien erarbeiten: Was heißt denn Kollaps eigentlich genau? Wie könnte Deutschland aussehen im Jahr 2050? „Das ist das Jahr, in dem die EU offiziell noch vorhat, klimaneutral zu sein“, sagt Workshop-Leiter Patrick, und erntet ein paar desillusionierte Lacher. In Grüppchen sitzen sie im Gras unter dem Zeltdach und überlegen, welche Faktoren wichtig werden für das Leben Mitte des Jahrhunderts. Ernteertrag, Wasserversorgung und Temperatur schreiben die Teilnehmenden auf. Aber auch Dinge wie Freiheitsrechte, Eigentum und Waffenbesitz. Daraus sollen die Gruppen dann Vorstellungen entwickeln, die sie für plausibel halten. In einem Workshop werden Szenarien für Deutschland im Jahr 2050 erarbeitet. Bild: © FUNKE Foto Services | Reto KlarDie Ergebnisse sind düster. Ein Team glaubt, dass zunehmende Ressourcenknappheit zu ziviler Unruhe und wachsender Gewalt führen wird. Ein anderes erwartet Rationierungen von lebenswichtigen Gütern. Eine dritte Gruppe rechnet mit einer Militärdiktatur. Noch das optimistischste Szenario ist eines, in dem autonome Dörfer sich selbst versorgen. Trotz der finsteren Erwartungen ist die Stimmung nicht gedrückt. Im Gegenteil: Darüber gesprochen zu haben, was sie für die Zukunft erwartet, habe sehr gutgetan, sagt eine Teilnehmerin. „Dann fühle ich mich nicht so verrückt. “Nicht allein sein mit dem Wissen um das, was da kommen könnte, nicht allein sein mit der Angst – darum geht es vielen hier. Auch Anastasia, die ebenfalls im Workshop saß, ist deswegen zum Camp gekommen. Die 26-Jährige, an deren Ohrringen kleine Sterne baumeln, hat ihr Lehramtsstudium gerade abgeschlossen. Doch sie zweifelt am Sinn dessen, wofür sie studiert hat. „Es ist schwierig, Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, an die ich selbst nicht glaube. “Es ist schwierig, Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, an die ich selbst nicht glaube. Anastasia, Besucherin des Kollaps-CampsNahrungsmittelknappheiten, Wassermangel, Fluten: Die Prognosen für das, was derKlimawandelauslösen wird, halten sie nachts wach, sagt sie. Von der Idee, einmal eigene Kinder zu haben, habe sie sich deshalb schon verabschiedet. Von einem eigenen Haus, irgendwann, träumt sie immer noch. Aber geht das noch? Jedenfalls nicht neben einem Wald, wegen Waldbränden, sagt Anastasia. Und auch nicht in einem Gebiet, das überflutet werden kann. Auch interessantTherese und Gerriet gehören zu dem Team, das das Camp organisiert hat. Bild: © FUNKE Foto Services | Reto KlarEs sind Gedanken, die sie erst vor Kurzem mit einer Freundin geteilt hat. Auf dem Camp will sie sich mit anderen austauschen, denen es genauso geht. „Ich möchte einen Rahmen, in dem ich mich damit aktiv beschäftigen kann, ohne allein zu sein“, sagt Anastasia. Und sie hofft, dass sie nach den vier Tagen in Brandenburg ein präziseres Gefühl dafür haben wird, auf was sie sich wirklich vorbereiten muss. Die Kollaps-Bewegung ist auch eine Reaktion darauf, dass Klimaschutz als politisches Thema in Deutschland immer weiter in den Hintergrund zu rücken scheint – und das, während die Folgen des Klimawandels auch hier eskalieren. Die Bewegung ist auch eine Antwort auf die schwindende Relevanz von KlimaschutzAm selben Tag, an dem das Camp offiziell startet, korrigiert das RKI seine Schätzung nach oben, wie viele Menschen in Deutschland die Hitzewelle im Juni das Leben gekostet hat:fast 12. 000statt wie bisher angenommen 10. 000. Als Reaktion auf dashistorische Niedrigwasserin den Flüssen trifft sich der Verkehrsminister mit Verbänden und Wirtschaftsvertretern – und kündigt an, dass manche LKW künftig auch sonntags fahren sollen. Vor dem Bundeskanzleramt demonstriert Fridays for Future für mehr Hitzeschutz, es kommen einige Hundert Leute. Auch Therese, eine der Organisatorinnen des Camps, war lange bei FFF. Sie hat Demos organisiert, Interviews gegeben, viel Zeit in die Bewegung gesteckt. Doch irgendwann habe sich das nicht mehr sinnvoll angefühlt. „Wie soll ich was bewegen, indem ich an eine Regierung appelliere, die das gar nicht interessiert?“Man müsse sich eingestehen, sagt sie jetzt, dass 1,5 Grad „vorbei ist“. 2015 hatte sich die Welt im Pariser Klimaabkommen vorgenommen, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Auch FFF hatte sich lange hinter diesem Ziel versammelt. Inzwischen gilt es als nicht mehr haltbar. „Ein Stück weit“, sagt Therese, „ist der Zug abgefahren, und jetzt braucht es mehr und anderes als das, was FFF zu bieten hat. “Manche Teilnehmer sehen aus, als läge die Schule nicht weit hinter ihnen, andere haben graue Haare. Bild: © FUNKE Foto Services | Reto KlarWas es jetzt braucht, glauben die Camper, ist Vorbereitung auf den Ernstfall. Auf dem Programm stehen neben theoretischen Überlegungen, Vernetzung und Workshops zum Umgang mit den eigenen Gefühlen in der Klimakrise deshalb auch handfeste Angebote. Wer möchte, kann hier lernen, wie man über dezentrale Funkplattformen kommuniziert, starke Blutungen stoppt oder Saatgut lagert und nutzt. Aber auch Selbstverteidigung und Pfefferspray-Training werden angeboten. Es geht ihnen nicht um Bunker und KonservendosenPreppen (von englisch to prepare, sich vorbereiten) habe ein „Imageproblem“, sagt Gerriet. „Bei Preppen denken viele an Konservendosen, anBunker, an Waffenlager. “ Aber darum gehe es nicht. Solidarisches Preppen, wie sie es hier üben wollen, ziele vor allem auf soziale Fähigkeiten. Auf emotionale Widerstandsfähigkeit in Extremsituationen, und darauf, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn es nötig ist. Es gehe darum, wieder handlungsfähig zu werden – nicht zu erstarren in der Angst. Auch interessantUnd dabei brauche es so vieles, sagt Gerriet, „dass alle irgendwo anfangen können“. Schon ein Szenario einmal durchdacht zu haben, helfe, wenn was Ähnliches passiert. „Der nächste Schritt ist, praktische Dinge zu Hause zu haben. Ein bisschen Wasser, ein Radio, genug Lebensmittel, dass man im Katastrophenfall teilen kann, anstatt selbst Hilfe zu brauchen. “Denn der nächste Ernstfall wird kommen. Und aus den „unvermeidlichen Katastrophen“, sagt Therese, wollen sie „die bestmöglichen Katastrophen machen. “