Klimawandel: Zu Besuch im Wald der Zukunft
Der Kuckuck ist ein Vogel mit dem richtigen Timing. Mitte April kehrt er aus seinen Winterquartieren südlich des Äquators in Europas Wälder zurück. Damit kommt er gerade recht zur Brutsaison der anderen. . .

Der Kuckuck ist ein Vogel mit dem richtigen Timing. Mitte April kehrt er aus seinen Winterquartieren südlich des Äquators in Europas Wälder zurück. Damit kommt er gerade recht zur Brutsaison der anderen Vögel, legt das Weibchen seine Eier doch in fremde Nester – in einer möglichst frühen Phase, damit die Kuckucksjungen eine Chance haben, die Küken ihrer Wirtsvögel zu verdrängen. Doch der Frühling in Europa beginnt immer früher: Frühblüher wie Schneeglöckchen oder Kornelkirsche sind im Vergleich zu den 1970er-Jahren heute um mehr als eine Woche zeitiger dran. Sie locken die ersten Insekten und damit starten auch diejenigen Vögel, die hier überwintern, früher mit Nestbau und Brut. Schlechte Nachrichten für den Kuckuck: In einer wärmeren Welt kommt er häufiger zu spät. Das Beziehungsgeflecht im Wald ist sehr gut eingespielt. Was aber nun, wenn sich die Bedingungen rasant verändern?„Niemand würde sich denken, dass hier etwas nicht stimmt“, sagt David Keßler vom Bundesforschungszentrum für Wald, während der Bus 52B durch dichtes Grün kurvt. Gemeinsam mit dem Waldökologen Georg Gratzer von der Universität für Bodenkultur ist er auf dem Weg zur Jubiläumswarte am westlichen Stadtrand Wiens, mit Blick auf den Wienerwald. Österreichs Wälder bedecken ganze 48 Prozent des Bundesgebiets. Wenn mit ihnen etwas nicht stimmt, hat das Folgen. Deshalb wollen die beiden wissen: Womit plagen sich die Wälder schon heute? Wie kann die Zukunft des Lebensraums und Wirtschaftsfaktors Wald aussehen – und wie lässt sie sich beeinflussen?Das ist in erster Linieeine Frage der Zeit. Bei allen, die sich mit dem Wald befassen, ticken die Uhren anders. Anders als etwa Landwirte planen Forstbauern Jahrzehnte voraus. Bäume setzen sie nicht für sich selbst, sondern damit Kinder und Enkel einmal Holz ernten können. Bei der Jubiläumswarte angekommen, ruft der Kuckuck. Er sitzt wohl in einer der Eichen, die den Lagerplatz vor der Warte säumen. „Die sind gut 150 bis 200 Jahre alt“, schätzt Gratzer. Mit dem Rauschen ihrer Blätter im Wind, mit der Kühle ihres riesenhaften Schattens sind sie mehr als ein Holzvorrat. Menschen atmen – auch mit ihren Wirtschaftstätigkeiten – das Treibhausgas Kohlendioxid aus. Bäume atmen es ein und, im Gegenzug, Sauerstoff aus. Pflanzen schaffen also erst wirtliche Bedingungen auf diesem Planeten. Der Wienerwald tut das für Wien. „Beim Starkregen im Herbst 2024 nahmen die Waldböden im Einzugsgebiet des Wienflusses sehr viel Wasser auf“, sagt Gratzer. „Das hat eine katastrophale Überschwemmung verhindert. “ Im Sommer wirkt der Wienerwald noch dazu wie eine Klimaanlage: Bei großer Hitze fließt nachts kühle Luft aus den Wald- und Wiesengebieten in die niedriger gelegene Großstadt. „Grundsätzlich ist der Wald ein sehr resilientes Ökosystem“, so Gratzer, auch dem Klimawandel gegenüber. Aber nur, wenn er über eine gewisse Artenvielfalt verfügt. Auch das ist eine Fragedes Timings. Denn im Lauf ihres Lebens wachsen Wälder in drei Phasen: Im Jungwald gibt es viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten. In Phase zwei geht die ganz große Vielfalt zurück – jene Phase, in der in den meisten Wäldern Europas bereits Bäume „geerntet“, also gefällt werden. In Österreich hängen zehn Prozent der Wirtschaftsleistung an der Holz- und Forstwirtschaft. Dabei hätte ein Wald erst in seiner dritten Lebensphase, etwa ab einem Alter von 200 bis 400 Jahren, die höchste Artenvielfalt erreicht. „Je mehr Vielfalt es im Lebensraum gibt, umso bessere Anpassungschancen hat er auf eine ungewisse Zukunft“, sagt Gratzer. Und die Zukunft ist tatsächlich ungewiss. Zwar hat die internationale Klimaforschungs-Community das bisherige globale Worst-Case-Szenario gerade als nicht mehr plausibel erklärt. Aber in Österreich wirkt sich der Klimawandel derzeit besonders stark aus: 2015 erschienen die ersten Österreichischen Klimaszenarien, ÖKS15. Nun, zehn Jahre später, zeigt die Kurve der tatsächlich gemessenen Temperaturen deutlich steiler nach oben als in den modellierten Daten. Gewässer, Landwirtschaft, Wälder – alle Sektoren und Lebensräume spüren das schon heute. 2025 befand Österreich sich etwa auf dem Temperaturniveau, das laut Projektionen erst 2050 oder später hätte eintreten dürfen. Die Forschenden sagen heute, die Klimamodelle aus 2015 haben die Entwicklung unterschätzt. Sie arbeiten nun an deren Aktualisierung. Eine von ihnen istTheresaSchellander-Gorgas von Geosphere Austria. Als Grund für die unterschätzten Temperaturen macht sie einerseits – und das ist etwas paradox – eine Verbesserung aus: Eine geringere Luftverschmutzung in Europa habe die Temperatur schneller ansteigen lassen. Schmutzpartikel, auch Aerosole genannt, verschleierten über Jahrzehnte hinweg das wahre Ausmaß der Klimaveränderung. Andererseits müsse man bei der Interpretation der Daten die so genannte Klimavariabilität berücksichtigen, sagt Schellander-Gorgas. Diese bezieht sich auf den für die Klimaforschung relevanten Durchrechnungszeitraum von 30 Jahren. Nun waren die vergangenen zehn Jahre zwar extrem warm – gleich acht der Sommer seit 2015 schaffen es in die Top Ten der heißesten in Österreich seit 1767. Doch: „Ob diese Entwicklung anhält oder sich abschwächt, kann ich nicht vorhersagen“, sagt Schellander-Gorgas. Österreich könnte stärker betroffen sein, weil etwa weniger Schnee- und Eisbedeckung das Sonnenlicht schwächer reflektieren. „Zudem erwärmen sich Landmassen wie Europa generell rascher als der Ozean“, so die Wissenschaftlerin. Auf der Jubiläumswarte pfeift einem der Wind um die Ohren. Georg Gratzer blickt hinab und macht an ein paar großen Buchen in der Nähe Schäden wohl aus dem heißen Sommer 2024 aus. Einzelne Äste ragen kahl aus den Kronen, näher am Stamm sind sie noch grün. Manche Bäume heimischer Arten tragen von anhaltenden Hitzephasen Trockenschäden davon oder sterben überhaupt ab. Das beginnt schonbei ihrer Keimung. Durch sie verjüngt sich ein Wald ständig selbst. Doch das ist schwieriger geworden: Früher war der Boden im April und Mai gut vom langsam schmelzenden Schnee durchfeuchtet – beste Keimbedingungen. In der Form von Regen, wie der Winterniederschlag nun verstärkt fällt, fließt er hingegen schneller ab. „Kurze Trockenphasen im Frühling reichen und die Bäumchen sterben ab“, so Gratzer. Selbst bei von Menschenhand gepflanzten Setzlingen gehen 50 bis 90 Prozent ein. Eine Bewässerung aufgeforsteter Jungbäume sei „in diesen Mengen nicht machbar“. Beim Aufforsten blickt man deshalb bereits in andere Erdteile, sagt David Keßler. Er modelliert anhand von Klimaszenarien die Standortbedingungen für Österreichs Wälder der Zukunft. In ihnen könnten Baumarten wie Flaumeiche oder Atlaszeder stehen. Sie wachsen in wärmeren Regionen Europas, in Vorderasien oder Nordafrika. Dort herrschen heute Temperaturen, mit denen Forscher für unsere Breiten in Zukunft rechnen. Allerdings: „Bei Sommertemperaturen wie in Neapel, gleichzeitig aber weiterhin kalten Wintern und Spätfrösten, gibt es nur wenige vergleichbare Regionen“, so Keßler. Die Auswahl geeigneter Baumarten sei deshalb oft begrenzt. Im schlimmsten Fall könnten sich durchgehende Wälder in Ostösterreich deutlich auflockern und sich nach und nach zur Waldsteppe entwickeln. An der Vorbereitung auf solche dürren Jahre forscht Georg Gratzer. Dafür braucht es etwa ausreichend Saatgut auch heimischer trockenheitstoleranter Baumarten wie Eiche oder Weißtanne. Das in hoher Qualität zu bekommen ist dabei gar nicht so einfach. Am Fußweg durch die Steinhofgründe – von der Jubiläumswarte zurück nach Hütteldorf – entdeckt er einige Tannen. „Sie keimen viel schlechter als noch vor ein paar Jahrzehnten“, sagt Gratzer. Die Blüten einer Tanne sind ihre Zapfen, jeder Baum trägt davon männliche und weibliche. Bestäubt werden sie durch den Wind, der die männlichen Pollen von dem einen Baum zu den weiblichen Zapfen des anderen trägt. Nun stehen die Tannen mittlerweile recht vereinzelt und haben oft gar keinen Bestäubungspartner in der Nähe – außer sich selbst. Die Folge sind höhere Inzuchtraten, so Gratzer, das Erbgut ist ident oder nah verwandt. Österreich sollte daher seine Saatgutplantagen ausbauen, Waldbestände, bei denen auf die genetische Durchmischung geachtet wird. „Derzeit lagern wir Saatgut in Bayern, weil bei uns die Kapazitäten fehlen. “ Das müsse sich ändern, im Sinne einer Vorsorge für den österreichischen Wald. Die besten Samen kommen übrigens von Tannen, die 150 Jahre oder älter sind – und mittlerweile selten. Dabei haben sie einiges zu bieten: Unterschlupf für höhlenbrütende Vögel, Lebensräume für Insekten oder Pilze. Fürs Erhalten solcher „Veteranenbäume“ in Wirtschaftswäldern gibt es sogar Förderungen. Auch völlig naturbelassene Wälder wie den Rothwald in den niederösterreichisch-steirischen Kalkalpen bräuchte es mehr, sagt Gratzer – als Reservoirs der Artenvielfalt. Aber selbst ein forstwirtschaftlich genutzter Mischwald speichert mehr CO2 und Wasser im Boden als eine reine Monokultur. Und „Schädlinge“ können sich nicht so schnell ausbreiten: Borkenkäfer, die durch Hitzestress geschwächte Bäume viel eher befallen, müssen den nächsten passenden Wirtsbaum erst finden, während sie sonst direkt von Stamm zu Stamm wandern. Eines ist also klar:Artenvielfalt steigert die Resilienz der Wälder gegenüber veränderten Bedingungen, also auch gegenüber höheren Temperaturen. Artenschutz und Klimaschutz könnten so gemeinsam gelingen, lautet Gratzers Argument. Wenn aus der Fichten-Monokultur nun ein Mischwald aus verschiedenen Laub- und Nadelbäumen werden soll, ist das aber kein einmaliger Eingriff, sondern ein fortlaufender Prozess: Immer wieder müssen Experten und Expertinnen die Baumarten neu anpassen, je nach Entwicklung der Temperaturen und des Wasserhaushalts. Dabei hilft Forstwirten eine digitale Landkarte zur „dynamischen Waldtypisierung“, die ihnen Veränderungen an ihrem Standort innerhalb der nächsten 80 Jahre anzeigt. Österreich begibt sich nämlich zunehmend in einen Risikobereich. Den aktuellen, trockensten Frühling der Messgeschichte bekommen nicht mehr nur die Setzlinge im Wald zu spüren, sondern auch die Stromerzeuger des Landes – und damit früher oder später auch seine Bürger und Bürgerinnen. Schon 2025 lieferten die heimischen Flüsse aufgrund niedriger Pegel deutlich weniger Strom aus Wasserkraft, auf die Österreich sich seit Jahrzehnten maßgeblich verlässt. Geht es nach den derzeit moderaten Szenarien, könnten wir in den Wäldern der Zukunft mehr Maroni klauben, weil Edelkastanien unter wärmeren Bedingungen besser wachsen, so Keßler. In heftigeren Szenarien – bei Sommertemperaturen ähnlich jenen in Neapel – können unsere heutigen Wälder nur noch bedingt Städte kühlen und vor Hochwasser schützen. Wer im Wald, wo die Uhren anders ticken, mit der Anpassung wartet, kommt damit womöglich zu spät. Je früher man beginnt, desto größer bleibt der Handlungsspielraum. Es ist also wie beim Kuckuck: Alles eine Frage des Timings. 48 Prozentdes österreichischen Bundesgebietes sind von Wäldern bedeckt200 bis 400Jahrealt müssen Bäume werden, damit sie am meisten Artenvielfalt ermöglichen2025herrschtenin Österreich Temperaturen, die eigentlich frühestens für 2050 vorhergesagt waren