WeltReport

Merz über den Klimawandel: Ein Satz, der viel sagt

Ein Satz von Friedrich Merz zeigt, wie eigentümlich die Bundesregierung im Jahr 2026 noch immer über den Klimawandel spricht – und wie weit Anspruch und politische Realität auseinanderliegen. Ein Kommentar.

Von @utopia · · 5 min Lesezeit

Merz über den Klimawandel: Ein Satz, der viel sagt

Ein Satz von Friedrich Merz zeigt, wie eigentümlich die Bundesregierung im Jahr 2026 noch immer über den Klimawandel spricht – und wie weit Anspruch und politische Realität auseinanderliegen. Ein Kommentar. Sommerpressekonferenzen liefern selten überraschende politische Botschaften. Sie zeigen aber, welche Themen ein Kanzler groß macht und welche klein bleiben. Beim Klimawandel war das bei Friedrich Merz gut zu beobachten. Das Thema kam vor. Trotzdem wirkte es wie eine nachgereichte Pflichtübung. Die Szene in der BundespressekonferenzDer Journalist Malte Kreutzfeldt fragte Merz zunächst nach denTausenden zusätzlichen Hitzetotenund danach, warum sich der Bundeskanzler dazu bislang nicht öffentlich geäußert habe. Merz verwies auf sein Eingangsstatement. Dort hatte er den Schutz der Bevölkerung vor Hitzewellen als Thema des Nationalen Sicherheitsrats erwähnt: Zudem erklärte er,die Bundesregierung beobachte die Lage. Sollte sich die Wetterentwicklung fortsetzen, werde er sich „gegebenenfalls“ öffentlich dazu äußern. Der Anlass der Frage war konkret: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts hat die aktuelle Hitzeperiode in Deutschland bereits Tausende zusätzliche Todesfälle verursacht. Hitze erscheint dabei nur selten als unmittelbare Todesursache auf dem Totenschein. Häufig verschärft sie bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder Nierenerkrankungen. Besonders gefährdet sind ältere und vorerkrankte Menschen. Vor diesem Hintergrund wirkt Merz’ Antwort – milde gesagt – auffallend zurückhaltend. Während eine akute Klimafolge Tausende Menschenleben kostet, verweist der Bundeskanzler vor allem auf die Beobachtung der Lage und mögliche spätere Äußerungen. Eine erstaunlich niedrige MesslatteKreutzfeldt schob eine Anschlussfrage nach: Wie bewerte Merz die Debatte in seiner Partei über eine Aufweichung oder Verschiebung der deutschen Klimaziele?Merz antwortete:„Meine persönliche Auffassung war immer, dass wir niemals leugnen dürfen, dass es auch von Menschen gemachten Klimawandel gibt und dass wir alles tun müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen. “„Meine persönliche Auffassung war immer, dass wir niemals leugnen dürfen, dass es auch von Menschen gemachten Klimawandel gibt und dass wir alles tun müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen. “Der Satz ist bemerkenswert, aus zwei Gründen. Zum einen hebt ein Bundeskanzler im Jahr 2026 ausdrücklich hervor, dass der menschengemachte Klimawandel nicht geleugnet werden dürfe. Die Wissenschaft hat dieseGrundsatzfrage seit Jahrzehnten beantwortet: Bereits 1995 stellte der Weltklimarat einen erkennbaren menschlichen Einfluss auf das Klima fest. Heute stimmen rund 97 Prozent der aktiv publizierenden Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler darin überein, dass die aktuelle Erderwärmung überwiegend vom Menschen verursacht wird. Dass dies ein Bundeskanzler sie dennoch ausdrücklich hervorhebt, zeigt bereits, wie niedrig die klimapolitische Messlatte liegt. Entscheidend ist deshalb der zweite Teil seiner Antwort: Merz sagt,man müsse „alles tun“,um das Problem in den Griff zu bekommen. Ob dieser Ansatz glaubwürdig ist, entscheidet sich an der konkreten Politik seiner RegierungTechnologie als Antwort und die Politik dahinterMerz erklärte anschließend, Deutschland könne seinen besten Beitrag leisten, indem es Technologien entwickle, die auch andere Länder nutzen wollten. Das ist erst einmal nicht falsch. Es wäre definitv wünschenswert, dass eine der größten Volkswirtschaften der Welt mit Innovationen und erfolgreichen Technologien ihren Beitrag leistet – im eigenen Land und darüber hinaus. Ob dieser Anspruch aufgeht, entscheidet sich in der konkreten Politik: beim Ausbau der Erneuerbaren, beim Heizen von Gebäuden, bei Elektroautos und in der Industrie. Klimafreundliche Technologien werden nur dann erfolgreich, wenn sie im eigenen Land einen Markt finden. Günstiger Strom aus Wind und Sonne und verlässliche politische Rahmenbedingungen schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Unternehmen investieren, Erfahrungen sammeln und ihre Produkte in großer Stückzahl herstellen. Deutschland hat bereits erlebt, was geschieht, wenn Zukunftsmärkte verloren gehen. Von der einst starkenSolarindustrieist nur noch ein kleiner Teil der Produktion geblieben; heute ist Europa bei Solarmodulen stark von Importen aus China abhängig. Auch beiElektroautoshat China die industrielle Führung übernommen und produziert inzwischen rund drei Viertel aller Elektroautos weltweit. Umso widersprüchlicher sind die Signale der Bundesregierung. Sie stellt Änderungen beim Ausbau der Erneuerbaren in Aussicht und will Gas- und Ölheizungen länger als Option erhalten. Damit stärkt sie fossile Märkte und schwächt die Nachfrage nach Wärmepumpen, Speichern und klimafreundlichen Industrieprozessen. So droht sich ein bekanntes Muster zu wiederholen: Deutschland entwickelt Technologien, überlässt ihre industrielle Skalierung aber anderen Ländern. Zwischen Anspruch und RealitätMerz sagt, man müsse „alles tun“, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Das ist ein großer Anspruch. Umso schwerer verdaulich ist, dass er im Jahr 2026 zugleich die Anerkennung des menschengemachten Klimawandels ausdrücklich hervorhebt. Das wirkt eigentümlich aus der Zeit gefallen: Die wissenschaftliche Grundsatzfrage ist seit Jahrzehnten geklärt, während die politische Aufgabe längst darin besteht, daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Energiepolitik seiner Regierung bleibt bislang deutlich hinter diesem Anspruch zurück. Deutschland steuert weiter darauf zu, seine Klimaziele zu verfehlen. Gleichzeitig werden fossile Technologien länger im Markt gehalten und genau jene Zukunftsmärkte geschwächt, auf die Merz setzt. Wenn Merz es ernst meint, muss sich das in der Politik seiner Regierung zeigen: beim Ausbau der Erneuerbaren, bei Gebäuden, Mobilität und Industrie. Andernfalls bleibt ein Satz, der groß klingt, aber politisch erstaunlich wenig verändert. Unabhängiger Journalismus braucht Menschen, die dahinterstehen - auch in der Google-Suche. Jetzt ein Signal für mehr Nachhaltigkeit setzen und→ Utopia als bevorzugte Quelle hinterlegen. Qualitätsversprechen: Wir nutzen KI als redaktionelles Hilfsmittel. Prüfung und Verantwortung bleiben immer beim UTOPIA-Team –Unsere KI-Leitlinien. ** mit ** markierte oderorange unterstricheneLinks zu Bezugsquellen sind teilweise Partner-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia. de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös. Mehr Infos.

Quelle: utopia.de

Mehr zu Klima