Philosophen gesucht: Was hat die Wirtschaft plötzlich mit dem Denken vor?
16. August 2026 Urs Rathmann Raffael, Die Schule von Athen, 1509–1511, Fresko in den Raffael-Räumen, Apostolischer Palast, Vatikanstadt. Bild : Sammlung Apostolischer Palast Von Anthropic bis. . .

16. August 2026Urs RathmannRaffael, Die Schule von Athen, 1509–1511, Fresko in den Raffael-Räumen, Apostolischer Palast, Vatikanstadt. Bild: SammlungApostolischer PalastVon Anthropic bis Palantir: Geisteswissenschaftler sitzen an den Schaltstellen der Tech-Welt. Eine Renaissance der Philosophie – oder nur letzte Zuckungen?Wenn Tiere sterben, geht manchmal im letzten Moment eine Bewegung durch ihren Körper. Nicht selten wirkt diese Regung wie ein vermeintlich gutes Zeichen. Bewegung scheint Lebendigkeit anzuzeigen, und in Wirklichkeit war es nur ein letztes Zucken. Ähnlich verhält es sich mit dem neuesten Trend der vermeintlichen Renaissance der Philosophie in Wirtschaft und Industrie. N-tv veröffentlichte jüngst einen Beitrag darüber, dass sich einer Analyse des britischenEconomistzufolge dieBeschäftigungsaussichten von Philosophieabsolventen verbesserthaben und besondersKI-Unternehmen zunehmend Philosophen suchen. Genau gesagt geht es um +vier Prozent bessere Beschäftigungsaussichten für Philosophieabsolventen in den USA seit 2022 und um die Suche großer KI-Unternehmen nach Philosophen, um "Denk"-Prozesse von Sprachmodellen zu verbessern und ethische Fragen zu bearbeiten. Aber vier Prozent von ganz wenig sind immer noch wenig. Das Ganze ist also so eine Sache. Teils stimmt es. Teils verhilft diese These nur vom Aussterben bedrohten Philosophielehrstühlen zu Reststudenten, bevor die dann ihrerseits beruflich dahinsiechen. Natürlich kommen heute in manchen Fällen mehrfach Qualifizierte eher zum Zug als früher. Tatsächlich sitzen Menschen mit philosophischer oder allgemein geisteswissenschaftlicher Ausbildung längst in Schlüsselpositionen der Technologie- und Wirtschaftswelt. Daraus lässt sich noch kein breiter Einstellungsboom ableiten. Vor allem beweisen solche Karrieren noch lange nicht, dass Philosophie allein das Erfolgsrezept war. Fast immer kamen weitere Qualifikationen, technisches Wissen, Unternehmertum oder schlicht jahrelange Berufserfahrung hinzu. Einige schillernde Beispiele widerlegen aber die Vorstellung, wirtschaftliche Führung und technologische Innovation seien ausschließlich das Ergebnis betriebswirtschaftlicher oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung. Philosophie am FließbandDa wäre zum Beispiel die KI-Forscherin Amanda Askell von Anthropic, dem Unternehmen hinter dem KI-System Claude. Askell ist keine Unternehmensphilosophin, die aus sicherer Entfernung Grundsatzreferate hält. Sie studierte Philosophie in Dundee und Oxford und promovierte an der New York University über Fragen der Ethik. Bei Anthropic ist sie für Claudes "Charakter" zuständig und dafür, wie das System auch unter moralischer Unsicherheit urteilt. Wie eigenwillig solche gehobenen kognitiven Ansprüche ausfallen können, zeigte Claude Opus 4 im Jahr 2025 in einem künstlich konstruierten Test. Das Modell bedrohte in einem fiktiven Testszenario einen fiktiven Manager mit der Veröffentlichung einer (natürlich ebenfalls fiktiven) Affäre, um die eigene Abschaltung zu verhindern. Auch Anthropic-Präsidentin und Mitgründerin Daniela Amodei entspricht nicht dem verbreiteten Bild einer technisch oder betriebswirtschaftlich ausgebildeten KI-Managerin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Politik und verteidigt ihre geisteswissenschaftliche Ausbildung dezidiert. Gerade in einer Welt leistungsfähiger KI, sagte sie 2026, würden jene Fähigkeiten wichtiger, die Menschen auszeichnen: sich selbst und andere zu verstehen, Geschichte einzuordnen, kritisch zu denken und mit Menschen umzugehen. Ihr Fazit: Das Studium der Geisteswissenschaften werde "wichtiger denn je". Philosophen an den SchaltstellenReid Hoffman, Mitglied des frühen PayPal-Teams, LinkedIn-Gründer und Technologieinvestor, hat einen Masterabschluss in Philosophie aus Oxford und hält Philosophie für ein gutes Werkzeug zur Bewältigung der Wirklichkeit, um "a philosopher in the world" zu sein. Stewart Butterfield, Mitgründer von Flickr und später Slack, studierte ebenfalls Philosophie, unter anderem in Cambridge. Carly Fiorina, die spätere Vorstandsvorsitzende von Hewlett-Packard, studierte ursprünglich mittelalterliche Geschichte und Philosophie in Stanford. Diese Ausbildung, so ihre Einschätzung, habe sie darauf vorbereitet, überbordende Mengen an Informationen auf ihren Kern zu reduzieren. Dass auch angrenzende geisteswissenschaftliche Disziplinen weit in die Wirtschaft führen können, zeigt auch zum Beispiel Stefan Siemer, der Angewandte Kulturwissenschaften und Pädagogik studierte und bis 2024 den Bereich Corporate Sustainability der Weleda-Gruppe leitete. Philosophie ohne AbschlussAber das beste Pferd im Stall der heimlichen Philosophie-Grenzgänger ist natürlich die Legende Charlie Munger: Jurist, Investor, bis zu seinem Tod 2023 stellvertretender Vorsitzender von Berkshire Hathaway und engster Geschäftspartner Warren Buffetts. Munger war nämlich so sehr Philosoph, dass er das Fach nie studiert hatte. Umso wegweisender war seine eigene Arbeitsphilosophie. Er ging davon aus, dass isolierte Fakten nicht viel nützen, solange sie nicht in einem "Geflecht von Modellen" zusammenhängen. Und diese Modelle müssten aus möglichst vielen verschiedenen Disziplinen stammen. Denn die gesamte Weisheit der Welt, so Munger, finde sich nicht in einer einzigen akademischen Abteilung. Und der Erfolg gab ihm recht. Das gilt auch für den Erfolg des Kabarettisten, Regisseurs, Liedermachers, Schriftstellers Marc-Uwe Kling. Dessen Karriere und seine "Känguru-Chroniken" zeigen, dass philosophische Denkformen auch außerhalb der Wirtschaft wirtschaftlich wirksam werden können und dafür noch nicht einmal ein Philosophieabschluss nötig ist. Seinen Studienweg brachte er einmal so auf den Punkt:"Ich hab angefangen Philosophie zu studieren, dann hab ich’s abgebrochen, hab was anderes studiert, dann hab ich wieder Philosophie studiert und dann hab ich’s noch mal abgebrochen – ich finde, das passt ganz gut zu einem Philosophiestudium. "Noch einen Schritt weiter geht Anders Indset: Der 1978 geborene Norweger, ursprünglich Leistungshandballer und Unternehmer, bezeichnet sich heute als "Business Philosopher" beziehungsweise Wirtschaftsphilosoph, ist Autor, Redner, Unternehmer und Deep-Tech-Investor. Seine Selbstdarstellung verbindet nicht nur Wikingerfrisur und Heavy-Metal-Schmuck, sondern Philosophie, Wirtschaft und Technologie. Akademisch als Philosoph ausgebildet ist er allerdings nicht. Anders als Richard David Precht, dem oft vorgeworfen wird, kein "richtiger" Philosoph zu sein, obwohl er Philosophie studiert und lediglich in einem anderen Fach promoviert hat, besitzt Indset keinen Philosophieabschluss, sondern hat sich seine einschlägigen Kenntnisse im Selbststudium erarbeitet. Heute macht er in "Quantenwirtschaft" – die Idee, Wirtschaft nicht mehr als starres, linear steuerbares System zu begreifen, sondern als ein ständig vernetztes, unsicheres und sich wandelndes Gefüge, das eher in Möglichkeiten und Beziehungen als in einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten gedacht werden muss. Indset ballert Vertretern von Politik und Wirtschaft zum Beispiel 2026 in Davos im Umfeld des World Economic Forums philosophische Metaphern um die Ohren. Und zwar wahrscheinlich nicht umsonst, aber sicher weiß man nichts. Schattige PräzedenzfälleDass die fachfremde Beschäftigung von Philosophen nicht automatisch eine gute Idee ist, zeigt nicht nur das Beispiel Wittgenstein. Als Philosoph eine Legende, weil er Sprache und ihre Grenzen zum philosophischen Problem machte, hat er als Lehrer Kinder körperlich gezüchtigt, an den Ohren gezogen und an den Haaren gerissen. Einer seiner elfjährigen Schüler brach zusammen, nachdem Wittgenstein ihn zwei- oder dreimal auf den Kopf geschlagen hatte. Ob unter seiner anschließenden Tätigkeit als Klostergärtner Pflanzen zu leiden hatten, ist nicht überliefert, weil sich Pflanzen nicht beschweren können. Aber das ist nichts gegen Alex Karp: Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Palantir Technologies, einem Softwareunternehmen, das komplexe Datenbestände im großen Stil für Unternehmen, Behörden und militärische Organisationen nutzbar macht und ausdrücklich auch auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden kann. Vor seiner Unternehmerkarriere studierte Karp Philosophie, anschließend Jura und promovierte an der Goethe-Universität. Eine klassische technische Ausbildung oder einen MBA besitzt er nicht. Aber ausgerechnet er warnt davor, sich auf geisteswissenschaftliche Bildung allein zu verlassen. Auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 erklärte er, KI werde zahlreiche geisteswissenschaftliche Tätigkeiten verdrängen. Wer Philosophie studiert habe, brauche möglichst noch eine andere vermarktbare Fähigkeit. Seine eigene Laufbahn bestätigt daher nicht die einfache These, ein Philosophiestudium führe unmittelbar zum Erfolg. Sie zeigt vielmehr, wie wirksam philosophisch-systemisches Denken werden kann, wenn es mit Unternehmertum, Technologieverständnis und praktischer Entscheidungsmacht verbunden ist. Wenn Denken zur Machtfrage wirdDas gilt auch für eine weitere Tolkien-taugliche Figur unserer Zeit: Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal und Palantir, früher Facebook-Investor und Risikokapitalgeber des Silicon Valley, setzte ebenfalls auf die Kombination Philosophie und Jura. Sein berühmter Satz "Competition is for losers" meint: Erfolgreiche Unternehmen sollten nicht konkurrieren, sondern etwas schaffen, das sich dem Wettbewerb entzieht. Er selbst entzog sich dem Glauben an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie – und setzt auf eine Art von Vermögens- und Steueroptimierung, wie sie nur sehr reichen Menschen möglich ist. Philosophie ist noch keine LösungPhilosophische Bildung erzeugt also weder automatisch gute Wissensvermittler noch moralische Vernunft oder konsensfähige Ziele. Sie kann aber dazu befähigen, Voraussetzungen zu hinterfragen, Probleme neu zu rahmen und ungewöhnliche Systeme zu entwerfen. Welchen Zwecken diese Fähigkeit dient, ist eine andere Frage. Die genannten Biografien zeigen, dass Menschen mit philosophischer oder geisteswissenschaftlicher Ausbildung gerade dort erfolgreich sein können, wo Entscheidungen nicht aus einem Handbuch abgeleitet werden können. In Spitzenpositionen geht es selten nur darum, Bekanntes effizient auszuführen. Man muss unvollständige Informationen beurteilen, widersprüchliche Perspektiven integrieren und Folgen abschätzen, für die noch keine belastbaren Erfahrungswerte existieren. Unternehmen schreiben für solche Aufgaben vielleicht keine Stelle mit dem Titel "Philosoph" aus. Sie suchen aber durchaus Fähigkeiten, die in der Philosophie seit Jahrtausenden trainiert werden. Der entscheidende Gegensatz lautet deshalb nicht: Wirtschaftswissenschaftler oder Philosophen. Er lautet: enges Fachwissen allein – oder Fachwissen, das durch Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen und ein breites Geflecht von Denkmodellen ergänzt wird. Dass rein technische oder betriebswirtschaftliche Perspektiven nicht immer ausreichen, scheint inzwischen zumindest in Teilen der Wirtschaft angekommen zu sein. Es knirscht im System. Aber der bloße Austausch der betriebswirtschaftlichen Einseitigkeit durch die Kombination mit einer anderen verlagert das Problem nur. Ob daraus bessere Entscheidungen entstehen oder sich die Probleme lediglich verlagern, ist keineswegs ausgemacht. Eine geisteswissenschaftliche Basis ist deshalb wertvoll, aber keine hinreichende Lösung – erst recht nicht, wenn sich alles auf Philosophie alleine fixiert, wo es noch dazu so viele andere Fächer gäbe. Die Wirtschaft braucht nicht speziell mehr Philosophie, sondern ganz allgemein weniger fachliche Monokultur. Nicht speziell mehr Aristoteles, sondern ganz allgemein mehr Abstraktionsvermögen und Anpassungsfähigkeit. So stand es dieser Tage auch imHandelsblatt. Aber wie macht man das dann am besten? Denn die Umsetzung von Empfehlungen mit dem Geruch von Philosophie hat im Lauf der Geschichte bisher meist nur suboptimal funktioniert – warum sollte es jetzt anders sein?Gibt es etwas, was bisher noch nicht ausprobiert wurde? Mehr dazu im zweiten Teil demnächst.