WM 2026 unter Extremhitze: Wie der Klimawandel den Fußball verändert
Die WM 2026 läuft unter extremer Hitze – ein direktes Zeichen des Klimawandels. Rund 26 von 104 Spielen erreichen kritische Hitzestresswerte. Fans und Personal sind besonders gefährdet.

Hitze, Trinkpausen, lange Reisewege: Die Fußball-WM zeigt, wie der Klimawandel das Spiel verändert – und warum das Turnier selbst nachhaltiger werden muss. 22. 06. 20265 MinutenDieKlima- und Umwelt-Kolumneerscheint alle zwei Wochen - kritisch, nahbar, lösungsorientiert! Hier schreiben Elena Matera und Lisbeth Schröder im Wechsel. Fußballinteressiert mich eigentlich wenig. Eine Weltmeisterschaft hat trotzdem etwas, dem ich mich nur schwer entziehen kann. Ich mag die Freude der Fans, die für die unterschiedlichsten Länder fiebern, ich tippe mit Kolleg:innen Ergebnisse und liege dieses Mal gar nicht so schlecht. Und ich fiebere vor allem mit den Staaten mit, die in den Prognosen oft unterschätzt werden. An dieser WM gibt es natürlich auch wieder viel zu kritisieren: die Kommerzialisierung, die Bedingungen rund um das Turnier, die nationalistischen Gefühle, die sie verstärken kann. Und doch bleibt diese WM-Stimmung etwas Besonderes. WM 2026 unter ExtremhitzeBei dieser Weltmeisterschaft fällt mir aber etwas auf, das mir vorher nie so aufgefallen ist: Es wirkt extrem heiß. So heiß, dass man dieHitzequasi durch den Bildschirm spüren kann. Fans glänzen vor Schweiß, Spieler kippen sich Wasser über den Kopf, es gibt regelmäßige Trinkpausen und beim Training stehen Ventilatoren, damit sich die Spieler abkühlen können. Laut einer aktuellen Analyse der internationalen ForschungsinitiativeWorld Weather Attribution (WWA)ist die Hitze bei dieser WM nicht einfach Pech mit dem Wetter. Die Forschenden sehen einen Zusammenhang mit demmenschengemachten Klimawandel, durch den es weltweit immer heißer und feuchter wird. Wann Hitze zum Risiko wirdDafür hat sich die WWA die sogenannte Wet Bulb Globe Temperature (WBGT) angesehen, eine Art Hitzestresswert. Er misst nicht nur die Lufttemperatur, sondern auch Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind - also das, was der Körper wirklich aushalten muss. Denn 30 Grad im Schatten sind etwas anderes als 30 Grad in praller Sonne bei hoher Luftfeuchtigkeit. Verdunstet der Schweiß schlechter, wird die Abkühlung schwieriger. Das Herz muss dann stärker arbeiten, der Kreislauf leidet, Konzentration und Leistungsfähigkeit können sinken. Bei rund 26 der 104 Spiele erwartet die WWA mindestens 26 Grad WBGT. Ab diesem Wert empfiehlt die internationaleSpielergewerkschaftKühlpausen, ab 28 Grad sogar, das Spiel zu verschieben. Die offiziellen WM-Regeln greifen aber erst deutlich später. Zwischen medizinischer Vorsicht und Turnierbetrieb klafft also eine Lücke. Vom Sofa aus sieht so eine Partie bei Hitze bereits anstrengend aus. Auf dem Platz ist sie aber eine Belastung fürKreislauf, Muskeln und Konzentration. Und die Spieler sind dabei noch die bestgeschützten Menschen im Stadion: trainiert, vorbereitet, medizinisch betreut. Auch Fans und Mitarbeitende sind betroffenAuf den Rängen sieht das schon anders aus. Dort sitzen auch Kinder,ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, die ganz besonders unter der Hitze leiden. Fans stehen in Schlangen, laufen durch aufgeheizte Städte und suchen Schatten. Dazu kommen Verkäufer:innen, Reinigungskräfte und Sicherheitspersonal. Selbst klimatisierte Stadien lösen dieses Problem nur teilweise. Sie helfen ja nicht auf dem Weg zum Stadion, nicht auf Fanmeilen, nicht beim Public Viewing. Früher fragte man vor großen Spielen: Wer hält dem Druck stand? Heute muss man zusätzlich fragen: Wer hält die Temperatur aus? Wie viele Trinkpausen braucht ein Spiel? Wie viel Schatten braucht ein Fan-Fest? Und wer entscheidet eigentlich, ob überhaupt gespielt wird?Die FIFA reagiert bei dieser WM immerhin mit Trinkpausen von jeweils drei Minuten pro Halbzeit. Während dieser kurzen Unterbrechungen können die TV-Sender aber auch Werbung zeigen. Solche Werbeblöcke sind im US-Sport, zum Beispiel beim American Football, üblich und bringen sehr viel Geld ein. Dass diese Pausen ausgerechnet bei einer WM kommen, die auch in den USA ausgetragen wird, lässt zumindest fragen, ob hier wirklich nur die Gesundheit der Spieler zählt. Was bedeutet das für die Zukunft der WM?Sicher ist: Eine Sommer-WM in heißen Regionen bleibt ein Risiko. Bei sportlichen Großereignissen wie der WM oder Olympia mussten bereits in den vergangenen Jahren immer wieder Zuschauer:innen, Helfer:innen oder Sportler:innen wegen Kreislaufproblemen oder Dehydrierung medizinisch behandelt werden. Man kann das Risiko aber senken. Spiele könnten zum Beispiel in kühlere Tageszeiten gelegt werden. Es braucht mehr Schatten, mehr Wasserstellen, klare Notfallpläne und kühlere Rückzugsräume. Und dann ist da noch die größere Planung. Diese WM läuft in drei Ländern: in den USA, Kanada und Mexiko, mit 16 Spielorten und mehreren Zeitzonen. Das ist spektakulär, macht aber vieles komplizierter: lange Reisen, viel Belastung, ständige Anpassung. Und nachhaltig ist das schon gar nicht. Womöglich wird die diesjährige WM sogar eines der klimaschädlichsten Turnieren der Fußballgeschichte. Wie die WM nachhaltiger werden kannKomplett nachhaltig wird eine WM kaum je sein, etwas nachhaltiger aber schon. Hartmut Stahl vom Öko-Institut nennt gegenüber dem Science Media Center den Verkehr das große Sorgenkind solcher Großveranstaltungen. Nachhaltiger hieße zum Beispiel: bestehende Stadien statt Neubauten, bessere ÖPNV-Anbindung, Kombitickets, Sonderzüge, insgesamt kürzere Wege und Spielpläne, die Reisen vermeiden, statt sie zu erzwingen. Fußball erreicht Milliarden Menschen. Würde die FIFA zeigen, dass sich ein solches internationales Turnier fairer, nachhaltiger und hitzefester organisiert lässt, wäre das ein Signal: Man kann Nationen zusammenbringen und gemeinsam ein feiern, ohne die Realität auszublenden. Ich werde in den kommenden Wochen jedenfalls weiter mittippen und ich werde mich wahrscheinlich freuen, wenn mein Ergebnis stimmt. Aber ich werde dabei nicht nur auf den Ball schauen, sondern auch auf die Trinkpausen, die fehlenden Schattenplätze und die erschöpften Gesichter. Die Klimakrise verändert die Bedingungen des Spiels. Das zeigt diese WM sehr deutlich. Aber ich denke mir, dass vielleicht darin genau eine Chance liegt: dass Klimaschutz im Fußball endlich ernster genommen wird. Nicht als Imagefrage, sondern als Voraussetzung dafür, dass große Turniere auch in Zukunft sicher stattfinden können. Entdecken Sie die weiteren Ausgaben derkonstruktiven Klima- und Umwelt-Kolumne!