Zweitgeborene sind weniger erfolgreich – wegen ihrer Gesundheit
Geburtsreihenfolge-EffektZweitgeborene sind weniger erfolgreich – wegen ihrer Gesundheit© Ground Picture / Shutterstock22. 06. 2026, 15:02 UhrDass Erstgeborene häufig erfolgreicher sind, ist nicht neu. Doch. . .

Geburtsreihenfolge-EffektZweitgeborene sind weniger erfolgreich – wegen ihrer Gesundheit© Ground Picture / Shutterstock22. 06. 2026, 15:02 UhrDass Erstgeborene häufig erfolgreicher sind, ist nicht neu. Doch eine aktuelle Studie liefert jetzt Zahlen und Gründe für diese These, die wirklich überraschen. Die Frage, ob die Geburtsreihenfolge wirklich Einfluss auf das spätere Leben hat, wurde viel untersucht. Die Antworten sind eindeutig:Ja, Erstgeborene sind in der Regel erfolgreicher als ihre jüngeren Geschwister. Sie verdienen im Durchschnitt mehr und erreichen höhere Bildungsabschlüsse. Bislang ging man davon aus, dass die Gründe dafür vor allem in der elterlichen Zuwendung liegen. Das stimmt auch. Erstgeborene haben ihre Eltern in den ersten Lebensjahren für sich allein. Auf ihre gesamte Kindheit gerechnet sind das etwa 2000-3000 Stunden Exklusivzeit, pro Altersjahr sind das einerStudiezufolge etwa 20 bis 25 Minuten mehr ungeteilte Zeit als nachfolgende Kinder im gleichen Alter bekommen. Nichtsdestotrotz ist das einer neuen Auswertung zur Folge aber nicht die ganze Wahrheit. Eine neueStudie, durchgeführt von einem internationalen Forschungsteam um die Ökonomin N. Meltem Daysal, identifizierte jetzt eine weitere, sehrüberraschende Ursache für die "Erfolgsunterschiede": Atemwegsinfekte im ersten Lebensjahr. Große Geschwister bringen die Viren nach HauseDie Forscherinnen und Forscher haben dänische Verwaltungsdaten – unter anderem Krankenhaus-, Steuer- und Bildungsregister – von Erst- und Zweitgeborenen ausgewertet, die zwischen 1980 und 2015 geboren wurden. Das Ergebnis ist eindeutig:Zweitgeborene werden in ihrem ersten Lebensjahr zwei- bis dreimal häufiger wegen schwerer Atemwegserkrankungen ins Krankenhaus eingeliefertals es ihre älteren Geschwister im selben Alter wurden. Das liege vor allem daran, dass das ältere Geschwisterkind in der Kita verschiedene Viren und Bakterien einsammelt und sie zu Hause dann an das Baby weitergibt, das noch kein ausgereiftes Immunsystem hat und sich mitten in einer sensiblen Phase der Lungen- und Gehirnentwicklung befindet. Dies könne Spuren hinterlassen, die noch Jahrzehnte später messbar sind. Geschwister: Warum das Zusammenwachsen manchmal etwas dauert01:18 minInvestiere heute in dein MorgenDer ETF‑Kurs der BRIGITTE Academy: verständlich, flexibel und elterntauglich – für finanzielle Gelassenheit im Familienalltag. Mehr erfahrenInfekte können die Entwicklung beeinflussenAus der medizinischen Forschung ist bekannt,dass schwere Infektionen im Säuglingsalter die Gehirnentwicklung beeinträchtigen können. In dieser frühen Phase werden rund 85 Prozent der aufgenommenen Kalorien für das neuronale Wachstum verwendet. Eine schwere Erkrankung kann dazu führen, dass Energie stattdessen für die Immunabwehr verbraucht wird. Außerdem können Entzündungsprozesse die Hirnreifung direkt stören. Besonders kritisch sind dabei die ersten sechs Monate. Die Effekte waren noch deutlich stärker, wenn die Erkrankungen in diesem Zeitfenster auftraten. Wie ausschlaggebend sind diese Effekte wirklich?Die Studie sieht zwar einen Zusammenhang, denn Kinder, die im ersten Lebensjahr einer höheren Krankheitsbelastung ausgesetzt waren, verdienten als Erwachsene im Schnitt weniger, schlossen seltener ein Studium ab, litten im späteren Leben häufiger unter chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma und mussten öfter psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Doch bevor die Zahlen zu viel Gewicht bekommen, lohnt eine nüchterne Einordnung:Die Effekte sind statistisch signifikant, im Alltag aber klein. 0,8 Prozent weniger Lohn sind über eine Bevölkerung hinweg messbar – für eine einzelne Familie sagen sie so gut wie nichts aus. Auch die Bildungsunterschiede bewegen sich im Bereich von unter einem Prozentpunkt. Die Studie erklärt nicht alles. Selbst wenn man den Krankheitseffekt heraus rechnet, bleibt ein Einkommensnachteil für Zweitgeborene bestehen. Elterliche Aufmerksamkeit, Ressourcen und andere Faktoren spielen weiterhin eine Rolle. Die Studie selbst benennt das. Die Daten kommen aus Dänemark,einem Land mit umfassendem Gesundheitssystem, hoher Stillrate und großzügigem Elterngeld. Ob die Ergebnisse auf Deutschland oder andere Länder mit anderen Strukturen übertragbar sind, ist offen. Begrenzte Vergleichbarkeit:Die Studie vergleicht ausschließlich Erst- und Zweitgeborene innerhalb derselben Familie – keine Einzelkinder verschiedener Familien, keine größeren Geschwistergruppen. Die Studie liefert einen interessanten kausalen Baustein für ein komplexes Phänomen. Sie erklärt einen Teil des Geburtsreihenfolge-Effekts, aber eben nur einen Teil. Und sie gibt Hinweise darauf, wo gesellschaftliche Unterstützung für Familien mit kleinen Kindern wirksam ansetzen könnte, beispielsweise ein Elterngeld, das es den Familien ermöglicht, länger Elternzeit zu nehmen, um gegebenenfalls länger zu stillen. Dennlaut den Forschenden konnten 15 Monate Stillen den negativen Effekt einer höheren Krankheitsbelastung auf die Krankenhausaufenthalte im ersten Jahr vollständig ausgleichen, da Muttermilch Antikörper enthält, die Schutz bieten. Außerdem empfehlen sie Impfkampagnen gegenRSV. Seit 2023 gibt es erstmals Impfstoffe für Schwangere und Antikörpertherapien für Säuglinge. jbaELTERN#ThemenGesundheitstillen