Größtes LNG-Containerschiff nimmt Asien-Europa-Dienst auf
Der strategische Vorstoß Europas, den Seeverkehr zu stärken, hat am Donnerstag neuen Schwung bekommen: Die französische Reederei CMA CGM hat die CMA CGM Notre Dame eingeweiht, das weltweit größte. . .

Der strategische Vorstoß Europas, den Seeverkehr zu stärken, hat am Donnerstag neuen Schwung bekommen: Die französische Reederei CMA CGM hat die CMA CGM Notre Dame eingeweiht, das weltweit größte Containerschiff mit LNG-Antrieb und das erste einer neuen Flotte, die auf der wichtigsten Asien-Europa-Route des Unternehmens fahren wird. Mit fast 400 Metern Länge, also etwa vier Fußballfeldern, dominiert die CMA CGM Notre Dame das Hafenbecken von Le Havre. Auf dem Deck türmen sich Containerstapel, beladen mit allem von Sportschuhen bis zu Autos. Das Schiff bereitet sich darauf vor, auf einer der meistbefahrenen Handelsrouten der Welt in Dienst zu gehen. Das mehr als 62 Meter breite Schiff kann bis zu 24. 000 Container transportieren. Es fährt mit verflüssigtem Erdgas (LNG) und ist damit weltweit das größte Containerschiff, das diesen Treibstoff nutzt. Nach dem Erstanlauf in Le Havre soll das Schiff am Montag nach Asien auslaufen. Auf dem Weg macht es Station in Rotterdam, Hamburg, Antwerpen, Tanger Med, Port Klang, Singapur, Yantian, Schanghai und Ningbo, bevor es nach Europa zurückkehrt. Die Rundreise dauert etwas mehr als 100 Tage. Auf dem Weg nach Asien transportiert es Chemikalien, Lebensmittel, Wein und Spirituosen, Pharmazeutika, Industriemaschinen und Luxusgüter. Auf der Rückfahrt nach Europa bringt es Elektronik, Kleidung, Haushaltsgeräte und eine breite Palette an Konsumgütern. Je nach Ladung kann der Wert der Fracht an Bord 2,5 bis 3 Milliarden Euro erreichen. Die CMA CGM Notre Dame ist das erste von zehn ultra-großen Containerschiffen, die unter französischer Flagge fahren sollen. Die übrigen Schwesterschiffe sollen zwischen 2026 und Januar 2028 ausgeliefert werden. Nach Angaben von CMA CGM ist der Ausbau der Kapazitäten auf der Asien-Europa-Route für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Europas entscheidend. Die jüngsten geopolitischen Krisen hätten die Verwundbarkeit des Welthandels offengelegt. „Es besteht ein reales Risiko, dass die Freiheit der Schifffahrt auch in anderen großen, für den Welthandel zentralen Meerengen in Frage gestellt wird. Für Frankreich, dessen Wohlstand stark vom internationalen Austausch abhängt, ist das eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit“, sagte CMA-CGM-Vorstandschef Rodolphe Saadé bei der Einweihung. Technik an BordIm Vergleich zu herkömmlichem Schweröl verursacht LNG rund 20 bis 25 Prozent weniger Kohlendioxidemissionen, lässt Schwefeloxide nahezu vollständig verschwinden, senkt Stickoxide um bis zu 85 Prozent und reduziert Feinstaub um etwa 95 Prozent. LNG ist jedoch nicht unumstritten. Es kann zu sogenanntem Methanschlupf kommen, bei dem unverbranntes Methan in die Atmosphäre entweicht und einen Teil des Klimavorteils wieder zunichtemacht. Der 80. 000 PS starke Motor des Schiffes ist zudem so ausgelegt, dass er künftig auch mit Bio-LNG und synthetischem E-LNG betrieben werden kann, sobald diese Kraftstoffe wirtschaftlich verfügbar sind. Nach Angaben Saadés verfügt das Schiff über eines der „effizientesten Erdgas-Antriebssysteme auf dem Markt und unterstützt damit unser Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden“. CMA CGM hat sich verpflichtet, bis 2050 Netto-Null bei den CO2-Emissionen zu erreichen. Der Druck auf die Schifffahrt, zu dekarbonisieren, nimmt zu. Für Schiffe, die EU-Häfen anlaufen, darunter die CMA CGM Notre Dame, legt die EU-Verordnung „FuelEU Maritime“ schrittweise strengere Grenzwerte für die Treibhausgasintensität der an Bord genutzten Energie fest. Bis 2050 soll sie um 80 Prozent sinken. Das Schiff nutzt außerdem umfassend künstliche Intelligenz. Dadurch lassen sich die Route in Echtzeit anpassen, der Energieverbrauch optimieren und die Umweltbilanz verbessern. In der gesamten Flotte hilft KI nach Unternehmensangaben, pro Jahr rund 600. 000 Tonnen CO2 einzusparen. Dafür erstellt CMA CGM digitale Zwillinge der Schiffe, simuliert komplette Routen und wählt die kraftstoffsparendsten Optionen aus. Seeverkehr wird für Europa zur strategischen FrageDie jüngsten geopolitischen Krisen, darunter der Iran-Krieg, haben erneut gezeigt, dass rund 80 Prozent des Welthandelsvolumens über See abgewickelt werden. Werden Schifffahrtsrouten gestört, geraten Lieferketten ins Stocken, die Industrie fährt ihre Produktion zurück, die Inflation zieht an und Arbeitsplätze geraten unter Druck. Im März 2026 hat die Europäische Union zwei Strategien verabschiedet, um einen Sektor zu stärken, der für Handel, Wachstum, Sicherheit und Verteidigung der EU als zentral gilt: die EU-Hafenstrategie und die industrielle Seeverkehrsstrategie. Sie sollen strategische Häfen als Energie-, Logistik- und Sicherheitsdrehscheiben ausbauen, die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten erhöhen, die Energiewende und die Digitalisierung unterstützen und den europäischen Schiffbau sowie die Meerestechnikindustrie stärken. „Wenn der Welthandel ein Rückgrat hat, dann ist es der Seeverkehr. Die europäischen Häfen schlagen rund 75 Prozent des Außenhandels der EU um, und die maritime Wirtschaft Europas sichert etwa 4,5 Millionen Arbeitsplätze“, sagte der EU-Kommissar für nachhaltigen Verkehr und Tourismus, Apostolos Tzitzikostas, in einer Grundsatzrede auf der von der Weltbank organisierten Konferenz „Transforming Transportation 2026“. Zwar wurde die CMA CGM Notre Dame in China gebaut, allerdings mit dem Know-how des französischen Konzerns. Sie fährt unter französischer Flagge, eine Entscheidung, mit der das Unternehmen Frankreichs maritime Tradition stärken will. Zur Einweihung kamen Frankreichs First Lady Brigitte Macron und die Patin des Schiffs, Delphine Arnault, Tochter des LVMH-Milliardärs Bernard Arnault und Vorstandsvorsitzende von Christian Dior Couture. Arnault lobte die Entscheidung von CMA CGM, „dieses Schiff unter französischer Flagge fahren zu lassen. In einem immer stärker umkämpften internationalen Umfeld zeigt diese Entscheidung eine starke Überzeugung: Frankreich muss weiterhin zu den großen Seemächten der Welt gehören. “