WeltReport

Airbnb in Europa: Wenn Wohnraum verdrängt wird | WZ • Wiener Zeitung

Mit knapp einer Milliarde Übernachtungen jährlich ist die Anzahl an Buchungen über Airbnb und Co. in Europa so beliebt wie noch nie zu vor. Doch wo die Ferienwohnungen entstehen, verlieren vor allem junge Menschen an Wohnraum.

· 5 min Lesezeit

Airbnb in Europa: Wenn Wohnraum verdrängt wird | WZ • Wiener Zeitung

Wo früher jemand dauerhaft wohnte, steht heute ein Schlüsseltresor neben der Eingangstür. Alle paar Tage reisen neue Gäste an, bleiben ein Wochenende oder eine Woche und ziehen wieder weiter. Kurzzeitvermietungen gehören längst zum Stadtbild vieler europäischer Metropolen – auch in Wien. Für dich interessant:Strenge Kammer(prüfung)Jede Minute werden auf dem europäischen Markt für Kurzzeitvermietungen durchschnittlich 162 Übernachtungen über Airbnb, Booking und die Expedia Group gebucht. Das entspricht europaweit rund 2,61 Millionen Übernachtungen täglich und beinahe einer Milliarde pro Jahr. Der sogenannte Plattformtourismus ist aktuell so beliebt wie noch nie zu vor. Doch der Trend hat eine Kehrseite. Denn wo Ferienwohnungen entstehen, verschwindet Wohnraum für die lokale Bevölkerung. Wien befindet sich europaweit auf Platz sieben der beliebtesten Reiseziele auf Plattformen wie Airbnb – und die Folgen sind spürbar. Auf 1. 000 Wiener:innen entfielen 2025 mehr als 3. 500 Übernachtungen durch die Online-Plattformen – im Salzburger Pinzgau und Pongau waren es sogar 21. 000. Wenn Wohnraum für junge Menschen knapp wirdGemessen an der Bevölkerungszahl zählt Wien zu den am stärksten wachsenden Städten Europas. Besonders junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren, die studieren, erwerbstätig werden oder auch junge Paare, die eine Familie gründen wollen, zählen laut Statistik Austria zur Hauptgruppe der Wohnungssuchenden. Wenn nun die Anzahl an Übernachtungen der Plattformtourist:innen nicht signifikant abnimmt – wie im Falle Wiens – verliert die Bundeshauptstadt damit weiterhin Wohnraum, den die lokale Bevölkerung dringend braucht. Vereinfacht ausgedrückt: je mehr Menschen ihre Ferienunterkunft auf Airbnb buchen, desto schwieriger wird es für junge Menschen, eine Wohnung zu finden. Im Juli 2024 führte Wien deshalb strengere Vorgaben für Kurzzeitvermietungen ein: Wohnungen dürfen seither höchstens 90 Tage pro Jahr touristisch vermietet werden. Für Ausnahmen ist die Zustimmung aller Wohnungseigentümer:innen im Haus erforderlich. Zudem gilt in Wohnzonen – also in jenen Bereichen, in denen Wohnungen in ihrem Bestand geschützt sind – eine Obergrenze von 20 Prozent dauerhaft kurzzeitvermieteter Wohnungen pro Haus. Viel Wirkung zeigen die Maßnahmen aktuell noch nicht: Zwar sank die Anzahl an Übernachtungen, die in Wien auf den Online-Plattformen gebucht wurden, von 6,1 Millionen im Jahr 2024 auf 5,8 Millionen im Jahr 2025, doch im Dezember letzten Jahres erreichte der Wert ein Rekordhoch von knapp 700. 000 Übernachtungen in nur einem Monat. Europaweiter BoomDie Grafik zu Wien zeigt einen Trend, der sich in ganz Europa abzeichnet. Nach dem Einbruch durch die Corona-Pandemie hat der Markt für Kurzzeitvermietungen nochmal richtig zugelegt. Allein zwischen 2024 und 2025 stieg die Zahl der gebuchten Übernachtungen in der EU sowie den EFTA-Staaten (Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz) um weitere 11,4 Prozent. Zwar verlangsamt sich das Wachstum des Plattformtourismus allmählich, doch die Anzahl an Buchungen über Airbnb, Booking oder die Expedia Group wächst weiterhin deutlich schneller als die Zahl der Übernachtungen in klassischen Unterkünften. Wie die Eurostat-Daten zeigen, steigen zwar die Buchungen in Hotels und auf Campingplätzen, dieser Anstieg fällt jedoch wesentlich geringer aus als bei den Online-Plattformen. Coolcation und Hitzeflucht: Urlaubssaison verändert sichWas die Daten ebenfalls zeigen, ist, dass es für die südlichsten Urlaubsziele im Sommer langsam zu heiß wird. Nordische Länder und Länder mit kühlerem Meerzugang – wie etwa die polnische Ostseeküste – ziehen mittlerweile immer mehr Plattformtouristen an. Reiseziele wie Sizilien, Kreta oder die Balearen bleiben zwar im Sommer weiterhin beliebt, jedoch verzeichnen sie gleichzeitig immer mehr Übernachtungen außerhalb der traditionellen Hauptsaison – insbesondere der April wird beliebter. „Die mittel- und nordeuropäischen Regionen werden voraussichtlich für ganzjährige touristische Aktivitäten attraktiver werden. Umgekehrt wird für 52 europäische Regionen in den südlicheren Ländern ein Rückgang der Touristenzahlen erwartet. “ Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsbericht der EU darüber, wie der Klimawandel die Tourismusnachfrage verändern wird. Im nordnorwegischen Tromsø ist das bereits Realität. Unser norwegisches Partnermedium im Rahmen des Urban Journalism Network, iTromsø, wertete die Steuerdaten der 80. 000 Einwohner:innen große Stadt aus und kam zum Ergebnis, dass die Einnahmen aus Airbnb in den letzten vier Jahren um fast 500 Prozent stiegen, während sich die Anzahl der Kurzzeitmietwohnungen verdreifachte. Ein so großer Anstieg, dass die Stadtverwaltung derzeit Verdachtsfälle illegaler Kurzzeitmietwohnungen untersuchen muss. Europaweiter Kampf gegen AirbnbTromsø ist damit kein Einzelfall. Der Kampf gegen Airbnb wird mittlerweile in vielen europäischen Städten geführt. Denn wie eingangs erwähnt, gerät der Wohnungsmarkt dort, wo der Plattformtourismus besonders stark wächst, zunehmend unter Druck. Deshalb verschärfen viele Städte ihre Regeln für Kurzzeitvermietungen. Wie im Extremfall Barcelona: Die katalonische Stadt mit 1,6 Millionen Einwohner:innen verzeichnet jährlich mehr als zehnmal so viele Tourist:innen. Zu viel für die lokale Bevölkerung und vor allem für den heimischen Wohnungsmarkt. Als Reaktion will die Stadtregierung deshalb bis November 2028 sämtliche Airbnbs abschaffen. Aktuell zeigen die Daten jedoch, dass sich der Anstieg an Übernachtungen zwar verlangsamt, aber noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Besser funktionieren die Maßnahmen in Amsterdam. Die niederländische Hauptstadt verabschiedete 2019 ein Gesetz, das Gastgeber:innen verpflichtet, ihre Immobilien zu registrieren. Darüber hinaus begrenzte der Stadtrat die Anzahl der Nächte, an denen eine Wohnung vermietet werden darf, von 60 auf 30 Nächte pro Jahr. Heute zeigen die Ergebnisse Wirkung: In Amsterdam fiel die Anzahl an Kurzzeitvermietungen von 2,2 Millionen im Jahr 2019 auf unter einer Million im Jahr 2025. Maßnahmen, auf die Wien aktuell nur hoffen kann. Immerhin kündigte das Büro von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) kürzlich an, noch heuer eine Registrierungspflicht für Airbnb-Wohnungen einführen zu wollen. Dieses Projekt wurde vomUrban Journalism Networkund seinen Partnern koordiniert. Recherche: Gaby KhazalovaGrafiken: Bene Brandhofer, David MeidingerKoordination der Datenvisualisierung: Hendrik Lehmann

Quelle: oesterreich.at

Mehr zu Europa