Aufrüstung statt Industrie: Wiederholt Deutschland den Fehler der USA?
Bild : Shutterstock. com Während Washington nach 9/11 seine Prioritäten verschob, entwickelte sich China zur industriellen Großmacht. Deutschlands Aufrüstung wirft unbequeme Fragen auf. Die Anschläge vom. . .

Bild: Shutterstock. comWährend Washington nach 9/11 seine Prioritäten verschob, entwickelte sich China zur industriellen Großmacht. Deutschlands Aufrüstung wirft unbequeme Fragen auf. Die Anschläge vom 11. September 2001 markierten nicht nur eine außenpolitische Zäsur für die USA. Washington konzentrierte in den folgenden Jahren enorme politische, finanzielle und technologische Ressourcen auf den "Krieg gegen den Terror". Es folgten umfangreiche und verlustreiche Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak, die letztlich zum Scheitern verurteilt waren und im Falle des Iraks eine schiitisch geprägte Regierung mit engen Verbindungen zum Iran an die Macht brachten. Im Falle von Afghanistan mussten die westlichen Verbündeten das Land in einer Form verlassen, die an das Ende des Vietnamkriegs erinnerte. Während die USA in Afghanistan und im Irak kämpften, begann China seinen Aufstieg zur industriellen Großmacht. Militärische Wende der USA, Chinas industrielle ChanceChinas industrieller Aufstieg begann allerdings nicht erst mit dem 11. September. Produktionsverlagerungen nach Asien waren bereits zuvor im Gang, und mit Chinas WTO-Beitritt Ende 2001 beschleunigte sich die Integration des Landes in die Weltwirtschaft. Die US-amerikanischen Kriege verursachten Chinas Aufstieg also nicht. Sie banden jedoch über zwei Jahrzehnte politische Aufmerksamkeit und enorme staatliche Ressourcen, während China seine industrielle Basis systematisch ausbaute. China nutzte also die Chancen, die sich aus der industriepolitischen Neuorientierung der USA ergaben. Während Washington seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Sicherheit und Rüstung richtete, gewann China als Produktionsstandort weiter an Bedeutung. Mit einer Fertigungsverlagerung nach China suchten viele Hersteller einerseits günstigere Produktionskosten und hofften andererseits auf einen besseren Zugang zu einem der weltweit größten Märkte. Die anfänglichen Kostenvorteile durch niedrigere Umweltstandards sind inzwischen jedoch verschwunden. Die These lautet nicht, dass die US-amerikanischen Kriege Chinas Aufstieg verursacht hätten. Sie banden jedoch über zwei Jahrzehnte politische Aufmerksamkeit und enorme staatliche Ressourcen, während China seine industrielle Basis systematisch ausbaute. Deutsche Unternehmen folgen nach ChinaAuch deutsche Unternehmen haben inzwischen China entdeckt. Tausende deutsche Unternehmen, von großen Konzernen bis zu kleinen Betrieben, produzieren inzwischen selbst in China, was mit dem Wegfall der Verpflichtung zu Joint Ventures in vielen Bereichen deutlich erleichtert wurde oder haben Aufträge an chinesische Partnerunternehmen vergeben und lassen in China fertigen. Allein dieDIHKverzeichnet rund 5. 200 deutsche Firmen vor Ort in China, die dort meist direkt sowohl für den lokalen Markt als auch den Export produzieren. Besonders stark vertreten sind die Autoindustrie, die Chemie und der Maschinenbau. Eine Produktion in China kann günstiger sein, wegen enormer Skaleneffekte und eng vernetzter Lieferketten. Mit der Zeit verloren die niedrigen Lohnkosten an Bedeutung. Dafür wurden Infrastruktur, Logistik und Lieferketten immer leistungsfähiger. Schließlich wanderten auch produktionsnahe Entwicklungsabteilungen nach China. In einigen Branchen kamen staatliche Subventionen hinzu. Washington will die Industrie zurückholenNach der Abwanderung vieler US-amerikanischen Produktionen in den Fernen Osten bemühen sich die US-Regierungen seit geraumer Zeit, Produktionen wieder in die USA zurückzuverlagern. Das gelang zuletzt jedoch nur bei hoch automatisierten Fertigungslinien wie bei einem Werk von Sharp, bei welchen viele subventionierte Arbeitsplätze von Robotern besetzt wurden. Die Versuche, beispielsweise Apple zu einer Fertigung in den USA zu nötigen, waren wenig erfolgreich, weil die benötigten Arbeitskräfte am Markt nicht aufzutreiben waren. Inzwischen wurde die Fertigung desMac Proweltweit eingestellt. Mit der Zeit wurden diese Roboter jedoch immer flexibler und kürzlich wurde der Import humanoider Roboter in die USA verboten. Dass auch Staubsauger- und Rasenmähermotor unter dieses Verbot fallen, ist dabei nur ein Randaspekt. China ist längst mehr als eine verlängerte WerkbankDie Versuche der westlichen Industriestaaten, verlorene industrielle Kapazitäten durch Zölle, Subventionen und andere Schutzmaßnahmen zurückzugewinnen, zeigen bislang nur begrenzte Wirkung. So greifen heute sowohlUS-amerikanischeals aucheuropäischePharmaunternehmen auf chinesische Forschungsergebnisse und Grundstoffproduktion zurück. Und selbst in der Automobilindustrie werden immer mehr Entwicklungen und Produktionen für den Weltmarkt aus Europa und den USAnach Chinaverlagert. Wie stark China den weltweiten Automobilmarkt inzwischen prägt, zeigt auch das Beispiel der Volkswagen-Marke Skoda, die für den Škoda Peaq auf eine weiterentwickelte Version des MEB-Baukastens zurückgreift, die der Volkswagen-Konzern zuvor speziell für den chinesischen Markt entwickelt hatte. Wiederholt Deutschland den amerikanischen Fehler?Hier stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Deutschland mit seiner angestrebten Aufrüstung den gleichen Weg wie die USA gehen will. Schon jetzt ist man bestrebt, vorhandene Fertigungskapazitäten eher auf eineRüstungsproduktion umzustellen,als die zivile Produktion weiterzuentwickeln. So dreht sich die Diskussion über eine Rüstungsproduktion im Volkswagen Werk Osnabrück nach dem Auslaufen der Cabrio-Produktion um die Um-Nutzung für militärische Zwecke, wobei über den Bau von Militärfahrzeugen oder Komponenten für Luftabwehrsysteme nachgedacht wird. Deutlich weiter ist die Umwidmung beim früheren Schienenfahrzeugwerk von Alstom, ehemals Bombardier in Görlitz. Die Übernahme des Werks durch den Rüstungskonzern KNDS wird das Produktportfolio komplett ändern und von zuletzt 700 Jobs werden wohl 120 wegfallen. Die Heidelberger Druckmaschinen, deren Stammgeschäft unter der Digitalisierung leidet, will in Brandenburg/Havel künftig in einem Joint Venture mit dem US-israelischen Rüstungskonzern Ondas künftig Drohnenabfangsysteme produzieren. Damit stellt sich eine Frage, die über einzelne Fabriken hinausgeht: Was geschieht mit einer Volkswirtschaft, wenn staatliche Milliarden und industrielle Kapazitäten zunehmend in die Rüstung fließen, während zivile Schlüsselindustrien unter Druck geraten?Die US-amerikanische Entwicklung nach 2001 liefert zumindest einen Grund, diese Verschiebung genauer zu betrachten.