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Beschaffen wir das Richtige? Was Europa bei Aufrüstung lernen sollte

In nur 40 Tagen verschossen die USA und Israel gegen den Iran rund 13. 000 Ziele – und leerten dabei ihre Raketenlager schneller, als die Industrie sie auffüllen kann. Rüstet Europa nach dem Muster, das sich im Iran-Krieg nicht bewährte?

Von @derfreitag · · 5 min Lesezeit

Beschaffen wir das Richtige? Was Europa bei Aufrüstung lernen sollte

Die Operationen „Roaring Lion“ (Brüllender Löwe)und „Epic Fury“(Epische Wut) gegen den Iran begannen am 28. Februar und dauerten zunächst 40 Tage. Wer die analysiert, sollte dies mit der Frage verbinden, welche Lehren daraus gezogen werden. Etwa in Europa, das sich durchforcierte Aufrüstungauf einen Krieg vorbereitet. Wie passt die dabei verfolgte Orientierung zum Kriegsverlauf zwischen den USA/Israel und Iran?Anfang April zeichnet sich eine Kriegswende abIn diesen 40 Tagen wurden aus der Luft bei 13. 600 Einsätzen rund 13. 000 iranische Ziele angegriffen, ohne dass es zu nennenswerten Bodenkämpfen kam. Damit haben die USA und Israel die Option einer maximalistischen Wirkung von Luftstreitkräften einem Realitätscheck unterzogen. Die Erwartung war, auf diese Weise ein Regionalregime zu stürzen, was misslungen ist. Dass man allein durch Kriegsführung aus der Luft einen Regimewechsel auslösen könnte – diese Erwartung nährten Erfahrungen, wie sie 2011 in Libyen beim Sturz Muammar al-Gaddafis oder im Januar 2026 mit der Operation „Absolute Resolve“ gegen Venezuela gemacht wurden. Doch schon die erste Waffenruhe vom 8. April spiegelte eine Rücknahme dieser Ambitionen. Rein militärisch gesehen war die Kampagne bis dahin kein Fehlschlag. Man kam zu einer exemplarischen Beherrschung des iranischen Luftraumes, doch die klassische Luftkriegstheorie wurde beiseitegeschoben. Stattdessen stützte man sich auf die strategische Kultur Israels, die bevorzugt Personal auf Top-Ebene eliminieren will. Sie betrachtet dies als Priorität gegenüber dem Ausschalten militärischer Fähigkeiten. Bei der Zielauswahl stützt man sich auf nachrichtendienstliche Quellen und die Weiterentwicklung der eigenen Luftwaffe seit demLibanonkrieg2006. Dies erlaubt eine „industrialisierte“, dynamische Zielbekämpfung und durch künstliche Intelligenz (KI) gestützte Kill Chains (Tötungsketten), ausgelöst durch die große Reichweite von Kampfjets und ihre durch Radar geführten Luft-Luft-Raketen. Iran konnte seine Kommandostruktur stabilisierenDiese Agenda stieß auf eineiranische Gegenstrategie: das seit 2005 zielstrebig aufgebaute Konzept der „Mosaik-Verteidigung“, das den anfänglichen Schock auffing. Es wurde möglich, die durch das gezielte Töten führender Militärs in Mitleidenschaft gezogene Kommandostruktur zu stabilisieren. Entscheidend dafür war eine horizontale Eskalation durch Angriffe auf US-Stützpunkte und den Einsatz regionaler Alliierter wie der jemenitischen Huthi. Die USA und Israel mussten sich anpassen, indem sie vom anvisierten Umsturz in Teheran zu einem so nicht vorgesehenen Abnutzungskrieg übergingen, der im ursprünglichen strategischen Tableau vermutlich nirgends verzeichnet war. Priorität hatte nun das Auslösen wirtschaftlicher Schäden durch militärische Maßnahmen, wie das der Iran durch seineBlockade der Straße von Hormusvormachte. Die US-Regierung musste erkennen, dass die Führung in Teheran notfalls um den Preis einer globalen Depression ihr politisches Überleben sichern würde. Was den Amerikanern darüber hinaus zu schaffen machte, war eine neue „Mathematik der Kriegsführung“. Der politische und militärische Apparat rühmte sich zwar, jene 13. 000 Ziele getroffen zu haben, abstrahierte jedoch von den anfallenden Kosten. Für den Haushalt des US-Verteidigungsministeriums waren das 40 Milliarden Dollar zusätzlich, von denen 26 Milliarden auf den Munitionsverbrauch entfielen. Hinzu kamen zehn Milliarden für Schäden auf den Stützpunkten der Golfregion, die auf iranische Angriffe zurückgingen. Das Pentagon verlangte vom US-Kongress einenNachtragshaushaltvon 80 Milliarden Dollar – in etwa die Größenordnung der durch den Krieg gestiegenen privaten Treibstoffkosten in den USA. Der Munitionsverbrauch resultierte zu einem knappen Drittel (7,5 Milliarden) aus Angriffsoperationen, zu gut zwei Dritteln (18,5 Milliarden) aus Verteidigungshandlungen. Dieses Verhältnis sagt einiges darüber, wie sehr die US-Streitkräfte in die Defensive gerieten. Für Angriffsplattformen wie Flugzeugträger und Militärbasen, sofern sie einen Krieg vor fernen Küsten führen sollten, war das fatal. Sie verfügten nicht über das „passende Gelände“ zum Selbstschutz und waren allein auf durch Raketen gestützte Abwehrsysteme angewiesen. Letztlich wehrten die US-Truppen mit Abfangraketen im Wert von mehreren Millionen Dollar billige Massenprodukte wie Drohnen ab, die einen Stückpreis von maximal 40. 000 Dollar haben. In ihrer Not nutzten sie also Waffen, die eigentlich für einen sparsamen Einsatz gegen hochwertige Ziele, gegen moderne Kampfflugzeuge und ballistische Raketen gedacht waren. Die Arsenale leeren sich schneller als gedachtEin solcher Kriegsverlauf hat notgedrungendie US-Arsenale geleertund gezeigt, wie gering der Raketen-Vorrat tatsächlich ist. Die US-Armee hat am Golf schätzungsweise 150 ihrer THAAD-Abfangraketen verschossen, von denen sie insgesamt nur 190 bis 290 besaß. Bei einem Soll von 2. 330 Stück sank der Bestand an Patriot-Raketen auf 1. 060 bis 1. 430. Jede Rakete kostet 3,9 Millionen Dollar. Nicht viel besser sieht es bei SM-3-Abfangraketen aus, bei denen die Pflichtquote von 410 mittlerweile ebenfalls deutlich unterschritten wird. Wer Ersatz schaffen will, muss pro Stück 28,7 Millionen Dollar schultern. Die USA haben ihre Bestände an präzisionsgelenkter Munition und modernen Marschflugkörpern somit weitgehend aufgebraucht – ein zentrales Ergebnis dieses Krieges. Dies zu korrigieren und zu gewohnten Fähigkeit der Kriegsführung zurückzukehren, obliegt dem US-Haushalt und der US-Rüstungsindustrie. Der aber fehlt es schlicht an Kapazität zum schnellen Produktionszuwachs, um den hohen Verbrauch zu ersetzen. All das zeigt: Die USA sahen sich durch den Kriegsverlauf genötigt, ihre Potenziale konzeptwidrig einzusetzen, gleichsam in der Not zu verschleudern, was zu prekärer Knappheit führte. Daraus folgt, wenn die USA wegen einer „politisch labilen Heimatfront“ die Kriegsführung auf Schläge aus der Luft beschränken, übersteigt das auf Dauer ihre Möglichkeiten. Wollten sie nach dem Iran-Muster vor der Küste Chinas agieren, müsste Peking um eine mehrmonatige Waffenruhe ersucht werden, um die leeren Regale der Army wieder aufzufüllen. „Beschaffen wir das Richtige?“, sollte sich Europa fragenBekanntlich werden in Deutschland gerade in atemberaubender Geschwindigkeit Gelder für Rüstungsgüter ausgegeben. Dabei wird nicht groß gefragt, ob der Bedarf am Kriegsbild von gestern oder dem von morgen ausgerichtet ist. Das Verteidigungsministerium hat von der Politik und Öffentlichkeit gleichsam einen Blankoscheck erhalten, das zu tun, was man für angemessen hält. Wer fragt, dem wird geantwortet: Wir erfüllen mit unserer Rüstung NATO-Anforderungen. Doch Experten wissen: Dies basiert auf einem Kriegsbild, das in US-Militärkreisen höchstens bis 2022 en vogue war. Der für den Rüstungsetat mit zuständigeSPD-Bundestagsabgeordnete Andreas Schwarzhat seine diesbezüglichen Sorgen in einem DLF-Interview am 21. Juli nach einem Besuch der Ukraine mit ihrer Drohnen-gestützten Kriegsführung zum Ausdruck gebracht. Er sagte u. a. : „Im Moment muss man alles auf den Prüfstand stellen … Macht das alles noch Sinn, … vor allem wenn es Entwicklungsprojekte sind, die zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre dauern sollen? Beschaffen wir das Richtige?“Jochen Luhmannist Senior Expert des Wuppertal-Instituts

Quelle: freitag.de

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