Bye, bye American Dream? Das Verhältnis der Linken zu den USA bleibt kompliziert
Liebe und Hass waren im Verhältnis zu Amerika immer gleich verteilt. Das galt für Linke in Ost wie West – nur unter umgekehrten Vorzeichen. Und jetzt? Georg Seeßlen schaut, wo wir an diesem 250. Geburtstag der USA stehen
Die Vereinigten Staaten von Amerika bedeuteten für Linke und Linksliberale in Europa immer eine absurde Mischung aus Hoffnung und Abscheu. Auf der einen Seite war es dieses Land der wenn nicht unbegrenzten, so doch jedenfalls ständig neu sich ergebenden Möglichkeiten, der Menschen, die sich immer wieder, durch alle Krisen und Abgründe hindurch, neu erfanden und eine resiliente Kultur erzeugt hatten, deren Freiheit keine Grenzen zu kennen schien: Mochten furchtbare Dinge geschehen, so gab es umgekehrt auch immer wieder mutige und kluge Leute, die sie aufdeckten und anprangerten. Nirgendwo auf der Welt war eine so harte Kritik an der eigenen Gesellschaft möglich; für jedesWatergate, so schien es, gab es auch integre Journalisten, die alles aufdeckten. Nirgendwo gab es dieses zärtliche Gefühl für Außenseiter und Verlierer, nirgendwo sonst schien Freiheit so greifbar als individuelle Erfahrung. Placeholder image-1Auf der anderen Seite war demKapitalismushier kaum eine soziale Leine angelegt, er konnte so gnadenlos und zynisch sein wie auf einem ikonischen Bild, wo Schlangen von hungernden Arbeitslosen vor einem riesigen Reklameschild mit einer fröhlichen weißen Familie stehen, die den „American Way of Life“ preist. Dieses Amerika, das aus Landraub und Genozid entstanden war, das sich aus direktem und indirektem Rassismus bildete und dessen Bewohner immer wieder kollektiven Hysterien von der Hexenjagd bis zum McCarthyismus anheimfielen und das nach einem großen gerechten einen vollkommen ungerechten und absurden Krieg in Vietnam führte, das sollte als politisches Vorbild, „Weltpolizist“ oder kulturelles Leuchtfeuer akzeptiert werden?Placeholder image-2So ging es hin und her zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Kennedy-Verehrung undNixon-Paranoia, zwischen den noch absurderen militärischen Abenteuern der Bushs und der großen „Yes, we can“-Hoffnung Obamas. !---- Parallax text ends here ----!Die Liebe und der Hass waren immer gleich verteilt, nur dass mal das eine und mal das andere mehr unterdrückt werden musste. Guter Jimi Hendrix, böse Wall Street; guter Philip Roth, böser militärisch-wirtschaftlich-technischer Komplex. Auch das Wort „Gegenkultur“ kam schließlich aus den USA, wo es immer möglich war, vielleicht wegen der Weite, vielleicht wegen der chaotisch-lebenden Städte, mit der Mainstream-Gesellschaft zu brechen. BRD und DDR verhielten sich da übrigens wieder mal typisch reziprok: Der offiziellen politischen Amerika-Freundlichkeit stand in der BRD ein informell verbreiteterAnti-Amerikanismusgegenüber; in der DDR stand der offiziellen politischen Amerika-Kritik eine informell verbreitete heimliche Amerika-Sehnsucht gegenüber. Die Schwierigkeiten, die man miteinander hatte, waren hier wie dort so unähnlich nicht. Die nie ganz zu unterdrückende Amerika-Sehnsucht in der DDR hatte sowohl politische wie kulturelle Deckphantasien ermöglicht. Da war auf der einen Seite der „Indianer“-Kult, mit seinen Vereinen, die Tipis aufstellten und Mocassins nähten, und mit dem sehnlich erwarteten „Indianer-Film“ zum Sommer, verlässlich mit Gojko Mitic als edler Wilder, athletisch und sexy. Dean Reed, der dissidente amerikanische Sänger und Schauspieler, als „roter Elvis“ etwas überschätzt, war demgegenüber eher der „nette Junge“ und damit idealer Vertreter von etwas, das man hier „das andere Amerika“ nannte. Dazu gehörte die Bürgerrechtsbewegung in den USA, mit der man sich offiziell wie individuell gern solidarisch zeigen wollte. Allerdings wurde diese Liebe nie erwidert; auch dem anderen Amerika schien die DDR zu unfrei – und zu spießig. Placeholder image-5Für eine Zeit durfte auchdie Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davisbewundert werden. Sie war schwarz, links und sah verdammt gut aus. 1972 und 73 trat sie auch leibhaftig in der DDR auf, schwer zu kontrollieren, zwischen Honecker-Empfang und Massenpublikum. Am Ende erwies sich auch diese Mythe der „schwarzen Schwester Angela“ als problematisch. Angela Davis durchbrach allein schon durch ihre Körperlichkeit, vor allem aber durch ihre Vorstellung von Freiheit das propagandistische Konzept. Die politische Wirklichkeit der DDR und das Ideal der sozialistischen Demokratie der amerikanischen Linken passten einfach nicht zusammen, am Ende verzweifelte auch Dean Reed an seiner Wahlheimat. Christa Wolf in Los AngelesUnd umgekehrt? Nach dem Ende der DDR reisteChrista Wolfin die USA und lebte eine Zeit lang in L. A. Ihr autobiographischer RomanStadt der Engelwurde wie ihr Erstaunen über Leichtlebigkeit und Konsum als Beweis für das Inkompatible zweier linker Lebensentwürfe. „You can get the girl out of the GDR, but you can’t get out the GDR out of the girl“ war das Fazit einer Rezension. Die Beziehung der BRD-Linken zur amerikanischen Linken stieß schon auf gewaltige Hürden bei Alltagskultur und politischer Philosophie; für die DDR-Linke schienen sie unüberwindbar. In der stalinistischen DNA vieler linker Gruppierungen in der BRD lag es begründet, dass man aus dem politischen Anti-Amerikanismus auch einen kulturellen Anti-Amerikanismus machte. War der abstrakte Expressionismus nicht eine Erfindung des CIA? War Hollywood nicht ein Propagandainstrument für den American Way of Life? Und machte nicht die Kulturindustrie made in USA aus jeder Idee, jeder Fantasie, jedem Gefühl eine Ware? Anyhow, auch der militanteste Neue Linke konnte nicht leugnen, dass es amerikanisches Kulturgut war, das ihn befreit, das ihn oder sie zu dem gemacht hatte, was man war. Ein Mensch, der sich frei genug fühlte, um für sich selber zu denken. Franklin D. Roosevelts vier FreiheitenPräsident Franklin D. Roosevelt hatte 1941, kurz vor dem Kriegseintritt der USA am Ende jenes Jahres, eine programmatische Rede gehalten. Darin bezeichnete er sein Amerika als das „Arsenal der Demokratie“. Und er nannte vier Freiheiten, für die zu kämpfen es sich lohnen würde: die Redefreiheit, die Religionsfreiheit sowie die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht. Mit diesem von der MAGA-Vorstellung aus gesehen „linksextremen“ Programm zog man in den Krieg, um die Welt vom Faschismus zu befreien. Das Arsenal der Demokratie sollte sich öffnen, was bedeuten konnte, dass man sich daraus Werkzeug und Material besorgen konnte und nicht in jeder Hinsicht ein System als Ganzes übernehmen musste. Und dass neben der Freiheit der Rede und der Religion auch die Freiheit von Not und nicht zuletzt die Freiheit von Angst in Aussicht stand, wäre in der Tat die ideale Handreichung für eine pragmatische Linke gewesen – für das, was man in den USA den „linken Flügel des Möglichen“ nennt. Etwas zwischen einer wirklich sozialen Demokratie und einem demokratischen Sozialismus. Es kam aber anders. Der linke Flügel des MöglichenEinerseits starb Roosevelt im April 1945, und andererseits gab es in Europa im Allgemeinen und im bald zweigeteilten Deutschland keine gemeinsame Plattform, auf der das Angebot eines demokratischen Sozialismus oder eines sozial begrenzten Kapitalismus hätte diskutiert werden können. Für die einen galt nur ein Sozialismus nach sowjetischer Art als rein, für die anderen war im amerikanischen Modell der Demokratie zu viel Wirtschaftsliberalismus auch in der Kultur, um das angestrebte Ziel der Überwindung von Entfremdung zu erreichen. Von der offen reaktionären Haltung gegenüber der „Besatzung“ mit Coca Cola und Mickey Spillane ganz zu schweigen. Von Anbeginn an gab es einen politischen und einen kulturellen Anti-Amerikanismus und umgekehrt auch eine unscharfe Trennung von beidem: Amerikanische (Pop-)Kultur: Ja; amerikanische („imperialistische“) Politik: Nein. Placeholder image-3Der Höhepunkt dieses Schisma war erreicht, als Studentinnen und Studenten, die mit amerikanischer Musik, amerikanischen Filmen und amerikanischer Literatur Wahrnehmen und Denken gelernt hatten, vor die Amerika-Häuser marschierten und US-Fahnen verbrannten. !---- Parallax text ends here ----!Der Krieg in Vietnam vereinte die amerikanische und die europäische Linke allerdings nur an der Oberfläche. Auch die amerikanische Linke selber schien zerrissen zwischen sehr europäischer Theorie und sehr amerikanischem Graswurzel-Reflex. Wenn es etwas gab, worauf sich vielleicht noch alle hätten einigen können, die nicht in ideologischer Verblendung oder Sektierertum versanken, dann waren es die vier Freiheiten des Roosevelt-Versprechens und die ständige Öffnung eines Arsenals der Demokratie. Die MAGA-Regierung hat ganz offen und anscheinend ohne wirksamen Widerstand alles verraten, was Franklin D. Roosevelt für die Amerikaner und für den Rest der Welt versprochen hat. Die Freiheit der Rede wird massiv eingeschränkt durch eine Mischung aus Besitzverhältnissen und politischer Zensur; die Religionsfreiheit wird durch den politischen Einfluss militanter Christen und die Politisierung der Religion infrage gestellt, eine Freiheit von Not ist in einem Land, in dem es Billionäre und Millionen von Elenden gibt, nicht einmal mehr vorstellbar, und von einer Freiheit von Furcht lässt sich nicht erstseit dem Wüten von ICEnicht mehr träumen. Aus dem einstigen Arsenal der Demokratie ist nichts mehr zu holen. Ist Amerika so verloren, dass nicht einmal Bruce Springsteen es retten kann?Der neue Boykott-AntiamerikanismusEs gibt einen neuen Boykott-Antiamerikanismus, der aus der Cancel- und Trigger-Kultur entsteht, die ihrerseits aus den USA stammt. Das Amerikanische wird als „toxisch“ betrachtet, gekränkte Liebe, verlorene Hoffnungen mögen dabei mitspielen. Der einst so geliebten amerikanischen Pop-Kultur wird nun zutiefst misstraut: War nicht sie es, die einen Donald Trump erst möglich gemacht hat? Muss der Demokratie-Verrat nicht mit einem Kulturkampf beantwortet werden?Aber in dieser Situation ist nicht nur die Frage, wie sich die europäische Linke zu den USA verhält, sondern wie sich die Linke in den USA verhält. Wie in Europa,in Deutschland deutlich, ist sie als politische Kraft gewachsen in der letzten Zeit, sie hatneue Hoffnungsträgerhervorgebracht, Frauen, People of Color, Leute, die vor dem Gebrauch von Worten wie „Sozialismus“ und „Faschismus“ nicht zurückschrecken. Diese Linke hat einen Platz – der besagte Flügel des Möglichen – in einem Gesellschaftsmodell, das nicht gerade sozialistisch, aber doch verhältnismäßig sozial codiert ist: Die „Great Society“, die einst Lyndon B. Johnson proklamierte und der mit jeweiligen Abstrichen die demokratischen Präsidenten folgten: Eine bezahlbare Gesundheitssicherung für alle, einen Green Deal für die Abwehr der allerschlimmsten Umwelt- und Klimakatastrophen, eine regelbasierte Welthandelsgemeinschaft unter US-Garantien, Basisrechte für Mieter und Arbeitnehmer, Selbstbestimmungsrecht der Frauen, nicht zuletzt die Garantien der beiden ersten Roosevelt’schen Freiheiten. Die Great Society sollte Armut, Rassismus und Ungleichheit überwinden. Und sie sollte, wie der Name es ausdrückt, ein großes gesellschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl gegen die allfälligen Spaltungen ausbilden. Placeholder image-4Seit Johnsons diesbezüglichen Gesetzespaketen hatte das Programm, so ehrgeizig wie Roosevelts Versprechen, zwei entschiedene Gegner: Die konservative, christliche und provinzielle Basis, die die Partei der Republikaner immer weiter nach rechts drängte, und die wirtschaftliche Elite, die im „Neoliberalismus“ eine neue „wissenschaftliche“ Unterstützung für ihre Interessen fand und die mit der Digitalisierung und der Entindustrialisierung einen enormen Machtzuwachs erlebte. Und die Idee der Great Society hatte einen weiteren Gegner, dessen Probleme uns seltsam vertraut vorkommen: die heillos zerstrittene und sich untereinander blockierende Linke. Michael Harrington, Begründer der Democratic Socialists of America (DSA), erklärte es während der vorletzten Wahlkampagne: „Wenn man daran glaubt, dass das eigene Land zu demokratischem Sozialismus fähig ist, muss man zwei Dinge tun: Erstens muss man eine große Liebe für und ein starkes Vertrauen in dieses Land haben. Man muss die Würde und Humanität der Menschen spüren, die trotz der Ungerechtigkeiten des Systems in diesem Land überleben und wachsen. Und zweitens muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich die soziale Vision, für die man sich engagiert, niemals in der eigenen Lebenszeit verwirklichen wird. “Die USA sind nicht Trump, und Trump ist nicht die USAFreilich bleibt von beidem für die Linke kaum viel übrig. Wie an die Vernunft und an die Moral der Leute glauben, wenn sie einen Präsidenten wie Donald Trump und seine Entourage unterstützen? Und wie sollte man sich in Geduld üben, wenn eine Regierung jeden Tag neuerlich Grundlagen der Demokratie unddes Weltfriedensattackiert? Und wie, von Europa aus gesehen, mit einem Land und seinen Menschen umgehen, dessen oberster Repräsentant keine vulgäre Beleidigung und keinen Erpressungsversuch auslässt?Die USA sind nicht Trump, und Trump ist nicht die USA. Dass man allerdings Kultur, Gesellschaft, Politik und Ökonomie einfach voneinander trennen könnte, wäre auch zu einfach. Die europäische wie die amerikanische Linke kommt um ein paar schmerzhafte Kritik- (und Selbstkritik‑)Prozesse nicht herum. Dazu bedarf es allerdings keines trivialen Anti-Amerikanismus, sondern der Suche nach neuen Verbindungen und Allianzen. Die Fragen, mit denen die amerikanische Linke konfrontiert ist, sind denen, die sich der europäischen Linken stellen, sehr ähnlich. Eine linke Kraft des Möglichen muss sich hier wie dort zwischen Radikalismus und Opportunismus durchsetzen. Vielleicht gerade, weil „Amerika“ nicht mehr der große Bruder ist, der uns beschützt und auch ein bisschen bevormundet, wird es möglich, einander neu zu sehen. Auf Augenhöhe, wie man so sagt.