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Das Ende der russischen Zurückhaltung und die neue große Strategie der USA

„Die Eliten haben sich selbst eine Geschichte erzählt, die sie jetzt glauben. “ So fasst Professor John Mearsheimer, der wohl einflussreichste realistische Denker der internationalen Politik [. . . ]

Von Dr. Peter F. Mayer · · 11 min Lesezeit

Das Ende der russischen Zurückhaltung und die neue große Strategie der USA

Zum Inhalt springenMenü„Die Eliten haben sich selbst eine Geschichte erzählt, die sie jetzt glauben. “ So fasst Professor John Mearsheimer, der wohl einflussreichste realistische Denker der internationalen Politik unserer Zeit, das fundamentale Problem westlicher Außenpolitik zusammen. Prof. John Mearsheimer erörtert, wie Russland und die NATO die Eskalationsleiter weiter hinaufsteigen; die Täuschungsmanöver, mit denen der Krieg der Öffentlichkeit verkauft wird; und wie die USA eine neue Gesamtstrategie entwickeln müssen, um ihre Außenpolitik an die neuen Realitäten anzupassen. Prof. Mearsheimer ist Professor am Institut für Politikwissenschaft der University of Chicago. Im Gespräch mit Prof. Glenn Diesen, Universität Süd-Norwegen, seziert er die Entwicklungen in der Ukraine, den Krieg gegen den Iran und die daraus resultierende amerikanische Großstrategie. Der massive russische Luftschlag auf Kiew: Repressalie oder Strategie?In der Nacht vor dem Gespräch erlebte Kiew nach Aussage von Bürgermeister Klitschko den schwersten Bombenangriff des gesamten Krieges. Die westlichen Medien interpretierten dies unisono als Vergeltung für die ukrainischen Drohnenangriffe auf russisches Territorium. Mearsheimer widerspricht dieser Deutung fundamental:„Wenn man hört, die Russen werden jetzt hart durchgreifen, denkt man vielleicht an eine klassische Bestrafungskampagne gegen die Zivilbevölkerung. Aber genau das ist nicht passiert. Die Russen haben militärisch-industrielle Ziele angegriffen und nicht vorsätzlich Zivilisten getötet. “Laut demKyiv Independentstarben 20 Menschen — eine Tragödie ohne Frage, aber bei einem Angriff mit rund 500 Raketen und Drohnen, so Mearsheimer, kaum das Ergebnis einer gezielten Kampagne gegen Zivilisten. Wäre das Ziel ein Massaker an der Bevölkerung gewesen, hätte Russland dies mit seinem Arsenal mühelos bewerkstelligen können. Dass es nicht geschah, spricht Bände. Der entscheidende Punkt: Dies war kein neues Eskalationsniveau, sondern die Fortsetzung einer bekannten russischen Doktrin — Angriffe auf strategische Infrastruktur, nicht auf Wohngebiete. Die mediale Rahmung als „Vergeltung“ dient, so Mearsheimer, vor allem dem innenpolitischen Narrativ des Kremls — und ironischerweise auch dem westlichen Bedürfnis, Russland als irrationalen Aggressor darzustellen. Die NATO-Beteiligung: Vom offenen Geheimnis zur offenen PolitikWas lange als „Verschwörungstheorie“ galt — die direkte NATO-Beteiligung an Angriffen auf russisches Territorium — wird zunehmend offen zugegeben. Diesen verweist auf einen bemerkenswerten Vorfall: Zwei russische Prankster brachten den Berater des estnischen Präsidenten dazu, freimütig über die estnische Rolle bei der Zielkoordinierung für Angriffe auf St. Petersburg zu sprechen. Die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa bezeichnete dies als Beweis für estnische Beteiligung an terroristischen Angriffen auf Russland. Mearsheimer hält fest:„Es besteht kein Zweifel, dass die NATO tief involviert ist. Das G7-Kommuniqué vom 17. Juni erklärt, man werde die Unterstützung für die Langstrecken-Bombenkampagne der Ukraine gegen Russland beschleunigen. “Die G7-Staaten kündigten nach ihrem Gipfel in Frankreich nicht nur eine Intensivierung der Drohnenkriegs-Unterstützung an, sondern auch eine Verschärfung des wirtschaftlichen Drucks auf Russland. Mearsheimers Kommentar dazu:„Falls irgendjemand im Kreml noch Zweifel an den Zielen der Europäer und Amerikaner hatte — sie hätten nach diesem Gipfel ausgeräumt sein müssen. “Noch beunruhigender: Trump selbst, so wird aus dem Umfeld des Treffens berichtet, zeigte sich beeindruckt von den ukrainischen Operationen und ermutigte Selenskyj zu noch kühnerem Vorgehen. Die USA, so Mearsheimer, scheinen sich derzeit stärker zu engagieren als in den Monaten zuvor. Die Karaganow-Frage: Wann schlägt Russland gegen NATO-Territorium zurück?Sergei Karaganow, einer der einflussreichsten außenpolitischen Denker Russlands, hat wiederholt gefordert, Russland müsse europäisches Territorium angreifen — zunächst konventionell, und wenn das nicht abschrecke, nuklear. Mearsheimer analysiert, warum dieser Schritt bisher ausgeblieben ist:Erstens: Die Russen können die Drohnenangriffe derzeit einigermaßen parieren. Solange der Schaden absorbierbar bleibt, sinkt der Anreiz für eine Eskalation gegen NATO-Territorium. Zweitens — und entscheidend: Die Lage auf dem Schlachtfeld. Hier wird Mearsheimer deutlich:„Wenn man der westlichen Rhetorik glaubt, sind die Russen auf dem Schlachtfeld festgefahren, erleiden massive Verluste und verlieren womöglich sogar. Dann könnte die Karaganow-Politik Sinn ergeben. Aber genau das passiert nicht. Die Russen machen tatsächlich gute Fortschritte. Es ist eine Dampfwalze, die sich langsam, aber stetig bewegt. “Die Russen stehen kurz davor, den gesamten Donbass zu kontrollieren. In einem Abnutzungskrieg, wo die Russen vorrücken und gleichzeitig die Drohnenangriffe einigermaßen abwehren können, besteht für Moskau schlicht kein Anreiz, das Risiko eines direkten NATO-Krieges einzugehen. Doch Diesen bringt den entscheidenden Punkt: Genau deshalb ist die westliche Rhetorik der „Schmerzintensivierung“ so gefährlich. Wenn die G7-Staaten die Drohnenkampagne massiv ausweiten, könnte der Punkt erreicht werden, an dem die Schmerzgrenze überschritten wird — und dann bleibt Moskau aus seiner Sicht nur der direkte Schlag gegen die „Puppenspieler“ in der NATO. Die große Lüge der VerlustzahlenMearsheimer widmet sich dann einem Thema, das den intellektuellen Bankrott der westlichen Kriegsberichterstattung offenlegt: den angeblichen Verlustzahlen. DieNew York Timesberichtete unter Berufung auf eine CSIS-Studie von etwa450. 000 gefallenen Russengegenüber125. 000–150. 000 gefallenen Ukrainern— ein Verhältnis von 3:1 zugunsten der Ukraine. Mearsheimers Analyse:„Das ist schlicht unglaublich. Das kann nicht stimmen. Der Haupttöter auf dem Schlachtfeld ist die Artillerie — und die Russen hatten während des größten Teils des Krieges mindestens eine 5:1-, wenn nicht 7:1- oder 10:1-Überlegenheit bei der Artillerie. “Dazu kommen die russischen Gleitbomben, von denen die Ukraine praktisch keine besitzt. Und entgegen der westlichen Darstellung, die Ukraine sei stets in der Defensive, erinnert Mearsheimer an die gescheiterten ukrainischen Offensiven: Kursk, die „Blitzkrieg“-Offensive vom Juni 2023, die Gegenangriffe in Cherson und Charkiw 2022. Die Ukraine war während großer Teile des Krieges selbst in der Offensive — mit den dafür typischen, höheren Verlusten. Mearsheimers Schätzung:„Ich denke, wir werden feststellen, dass die Ukrainer etwa eine Million Mann verloren haben — gefallen, nicht verwundet. Die Behauptung von 150. 000 ist absurd. “Der Vergleich mit Vietnam drängt sich auf. Damals wurdenBody Countssystematisch gefälscht, um der Öffentlichkeit Erfolge vorzugaukeln. Der Unterschied heute: In Vietnam wussten die Eliten, dass sie logen. Heute, so Mearsheimer,glaubensie ihre eigenen Propagandazahlen. Der Iran-Krieg: Eine strategische Katastrophe mit AnsageDas Gespräch befasst sich auch mit dem Iran — und Mearsheimers Analyse ist ebenso klar wie niederschmetternd:„Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen. Wir werden ihn verlieren. Der Iran wird aus diesem Krieg deutlich mächtiger hervorgehen, als er am 27. Februar war. Und Amerikas Position am Golf wird massiv geschwächt sein. “Die Chronologie, die Mearsheimer skizziert: Vom 28. Februar bis 8. April führten die USA einen Luftkrieg. Als dieser scheiterte — die iranische Infrastruktur erwies sich als erstaunlich resilient, die US-Munitionsbestände schwanden dramatisch — ging man am 13. April zu einer Blockade über. Am 17. Juni wurde dasMemorandum of Understandingunterzeichnet. Eine Bodenoffensive fand zu keinem Zeitpunkt statt. Die beiden verbleibenden US-Ziele: die Straße von Hormus offen halten und ein Nuklearabkommen erreichen. Ersteres ist halbwegs gelungen — auch weil der Iran ein Eigeninteresse am Ölexport hat. Zweiteres steht noch aus, und hier liegt das Problem. Mearsheimer erklärt die iranische Verhandlungsposition:„Die Iraner waren klug genug, die Nuklearfrage ans Ende der Verhandlungen zu stellen. Hätten sie sie zusammen mit der Straßen-Frage verhandelt, hätten sie jetzt keine Hebelwirkung mehr. Ihre gesamte Verhandlungsmacht liegt jetzt in der Nuklearfrage. “Und die Iraner haben wirtschaftliche Forderungen: 300 Milliarden Dollar Reparationen, Freigabe aller eingefrorenen Vermögenswerte (über 100 Milliarden Dollar), nahezu vollständige Sanktionsaufhebung — und eine Art „Mautgebühr“ für die Straße von Hormus. Mearsheimer stellt die Frage:„Können Sie sich wirklich vorstellen, dass die USA bei all diesen Punkten nachgeben? Ein Land mit 93 Millionen Menschen, dessen Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, das den Persischen Golf dominiert und die Straße von Hormus kontrolliert — das wäre ein massiv gestärkter Iran. “Die Alternative: Kein Nuklearabkommen. Und dann? Der Iran hat die Fähigkeit, in kurzer Zeit eine Bombe zu bauen. Israel würde dies kaum hinnehmen. Das Eskalationspotenzial ist gewaltig. Amerikas Großstrategie: Alles, überall, gleichzeitig — bis zum KollapsDer abschließende Teil des Gesprächs widmet sich der großen Frage: Was ist eigentlich die amerikanische Großstrategie im multipolaren Zeitalter?Mearsheimers Antwort ist eine Kartografie der amerikanischen Überdehnung:Westliche Hemisphäre:Trump hat die Monroe-Doktrin auf Steroiden wiederbelebt. Venezuela — „Ich leite jetzt Venezuela“, so Trump wörtlich nach Maduros Kidnapping, „das venezolanische Öl ist amerikanisches Öl. “ Dazu Grönland, der Panama-Kanal, Kanada als 51. Bundesstaat. Europa/Ukraine:Statt des erwarteten Rückzugs deutet sich unter Trump eine Re-Intensivierung des Engagements an. Persischer Golf:Ein Großkonflikt mit dem Iran, der die US-Position in der Region fundamental erschüttert. Ostasien:China bleibt der „Pacing Threat“ des Pentagons — die militärische Planungsgröße Nummer eins. Mearsheimers Fazit ist ein einziges Wort:Priorisierung. Oder besser gesagt: deren völlige Abwesenheit. „Die Vereinigten Staaten laborieren immer noch unter der Illusion, sie könnten überall gleichzeitig alles machen. Das ist auf Dauer nicht durchhaltbar. “Zwei Faktoren machen diese Strategie endgültig unhaltbar:Erstens: Die Staatsverschuldung. Diesen verweist aufusdebtclock. org— Zahlen, die selbst für Nicht-Amerikaner deprimierend sind. Mearsheimer kommentiert trocken: „Irgendwann werden die Hühner zum Stall zurückkommen. “Zweitens: Die erodierte industrielle Basis. Der Iran-Krieg musste nach 40 Tagen abgebrochen werden, weil die Munition ausging. Tomahawks, Patriots, THAAD, luftgestützte Präzisionsbomben — die Arsenale sind erschöpft. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. „Wenn man sich anschaut, was der Ukraine-Krieg uns gelehrt hat — dass moderne Kriege Monate dauern und enorme Materialschlachten sind — und dann betrachtet, wie lange es dauern wird, unsere vom Iran-Krieg geleerten Bestände wieder aufzufüllen: Das ist aus sicherheitspolitischer Sicht wirklich beängstigend. “Die Wahrheit als erstes Opfer — und der einzige AuswegMearsheimer kehrt immer wieder zu einem zentralen Thema zurück: Die westlichen Eliten glauben ihre eigene Propaganda. Anders als in Vietnam, wo Johnson und Westmoreland wussten, dass sie logen, haben sich die Entscheidungsträger heute in einem Narrativ eingerichtet, das sie für Realität halten. „Diese Geschichte wird so lange erzählt, dass sie sie jetzt glauben. Putin ist der leibhaftige Teufel, Russland hat grandiose Ambitionen, der Krieg mit Russland ist unvermeidlich. All das ist lächerlich — aber es wird geglaubt. “Die Konsequenz dieser kollektiven Selbsttäuschung: Nur die militärische Realität auf dem Schlachtfeld kann sie durchbrechen. Mearsheimer:„Das Einzige, was diese törichten Vorstellungen zerstreuen wird, ist ein russischer Sieg auf dem Schlachtfeld. Wenn die Russen den Donbass, Saporischschja und Cherson einnehmen und dann auf weitere Oblaste vorrücken — dann wird es unmöglich, dieses Narrativ aufrechtzuerhalten. “Bis dahin bleibt die westliche Öffentlichkeit gefangen in einer Propagandablase, in der Russland gleichzeitig kurz vor dem Kollaps stehtundeine existenzielle Bedrohung darstellt, die Ukraine gleichzeitig gewinntundendlose Unterstützung braucht, und der Iran gleichzeitig ein Papiertigerundeine atomare Bedrohung ist. Dass diese Widersprüche im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert werden, ist kein Zufall. Es ist das Produkt eines Jahrzehnte perfektionierten Propagandaapparats, der — wie Mearsheimer festhält — „viel ausgefeilter ist als zu Vietnam-Zeiten. “Die Frage ist nur, ob die strategische Realität schneller zuschlägt als die narrative Immunabwehr des Westens. Die Zeichen stehen auf Sturm. Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten umUnterstützung. Folge TKP aufTelegramoderGETTRundabonniere unseren Newsletter. Ukraine startet Wettbewerb zur Entwicklung humanoider Roboter-Soldaten„Die Ukraine wird Teil der NATO“ – Ein Versprechen, das den Krieg verlängertUkrainekrieg vor der Eskalation mit Belarus?Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Das Ende der russischen Zurückhaltung und die neue große Strategie der USA5. 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Quelle: tkp.at

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