Der Iran-Krieg zeigt: Europa ist längst eine Mittelmacht geworden
StartseitePolitikStand:05. 08. 2026, 12:49 UhrKommentareUns auf Google folgenDer Iran-Krieg hat die Notwendigkeit eines Wandels in der Staatspsychologie unterstrichen. Eine Analyse von Foreign Policy. Es war ein. . .

StartseitePolitikStand:05. 08. 2026, 12:49 UhrKommentareUns auf Google folgenDer Iran-Krieg hat die Notwendigkeit eines Wandels in der Staatspsychologie unterstrichen. Eine Analyse von Foreign Policy. Es war ein ungewöhnliches Jahr für Mittelmächte. Spätestens seit Mark Carneys viel beachteter Davos-Rede, in der der kanadische Premierminister Mittelmächte zum Schulterschluss aufrief, stehen sie stärker im Zentrum der globalen Debatte. Der Iran-Krieg wirkte nun als harter Realitätstest. Kritiker wie Elbridge Colby wiesen die Idee einer eigenständigen „middle powers“-Strategie als teure Ablenkung zurück. Doch jenseits schlichter Erfolg-oder-Misserfolg-Erzählungen zeigt der Krieg vor allem eines: Mittelmächte haben Grenzen, aber sie bleiben unverzichtbare Akteure der internationalen Ordnung. Content-PartnerschaftDieser Artikel war zuerst im Magazin „ForeignPolicy. com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN. MEDIA-Portale zur Verfügung. Sie können die Architektur der Weltordnung nicht nach Belieben neu entwerfen. Aber sie können sicherheitspolitische Agenden, Prioritäten und politische Sprache verschieben — und genau das ist bereits ein bedeutender Beitrag. Entscheidend ist jedoch, dass sie diese Wirkung nur dann entfalten, wenn sie koordiniert handeln statt atomisiert aufzutreten. Giorgia Meloni, Ministerpräsidentin von Italien, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Donald Tusk, Ministerpräsident von Polen, Keir Starmer, Premierminister von Großbritannien und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. © picture alliance/dpa | Kay NietfeldGerade die Kriege im Iran, in der Ukraine und inGazamachen deutlich, dass Mittelmächte nur begrenzte Möglichkeiten haben, den Unilateralismus und Militarismus von Großmächten zu stoppen. Ihre Macht liegt also weniger in unmittelbarer Verhinderung als in Gestaltung, Vermittlung und kollektiver Gegenordnung. Mittelmächte, globale Ordnung und Sicherheitspolitik: Mehr Einfluss als Kritiker glaubenDer Krieg der Vereinigten Staaten gegen Iran hat zudem eine grundlegende Spannung schonungslos offengelegt: das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach strategischer Autonomie und der Abhängigkeit von Bündnissen. Für Golf-Mittelmächte wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate brachte die Allianz mit den USA nicht nur Schutz, sondern machte sie zugleich selbst zu Zielen iranischer Angriffe. Die Partnerschaft kostete sie also reale Sicherheit und Souveränität. Gleichzeitig verstärkte gerade dieser Krieg ihre Abhängigkeit von Washington. Denn je tiefer die Unsicherheit gegenüber Iran wurde, desto größer wurde kurzfristig das Bedürfnis nach zusätzlichen Sicherheitsgarantien und belastbaren Partnerschaften mit den Vereinigten Staaten. Die Lehre daraus ist klar: Mittelmächte müssen ihre Rüstungsindustrien ausbauen, ihre sicherheitspolitischen Beziehungen diversifizieren und ihre Verwundbarkeit gegenüber der Unberechenbarkeit eines einzelnen Schutzpatrons verringern. Die USA bleiben wichtig, erscheinen aber vielen Partnern zunehmend als zu volatil, um die einzige tragende Säule ihrer Sicherheitsarchitektur zu sein. Saudi-Arabien, VAE und strategische Autonomie: Die Kosten der Allianz mit den USADeshalb dürften die Golfstaaten verstärkt nach sicherheitspolitischen und rüstungsindustriellen Kooperationen mit anderen Ländern suchen, die keine direkte Konfrontation mit Washington provozieren. Dazu zählen etwa Pakistan, die Türkei, europäische Staaten wie Frankreich, Großbritannien und Italien, aber auch die Ukraine und Südkorea — allesamt Akteure, die selbst als Mittelmächte gelten können. Der Krieg offenbarte zugleich die Grenzen einzelstaatlicher Autonomie. Wenn mehrere Golfstaaten von Iran angegriffen werden, reichen nationale Reaktionen nicht mehr aus. Was nötig ist, sind stärker koordinierte, kollektive Antworten. Damit rückt der Golf-Kooperationsrat stärker in den Fokus als politisches und sicherheitspolitisches Vehikel gemeinsamer Handlungsfähigkeit. Eine bessere Abstimmung innerhalb des GCC könnte zu einem Sprungbrett für breitere regionale Kooperation werden. DieEuropäische Unionund ASEAN zeigen auf unterschiedliche Weise, dass regionale Formate Handlungsfähigkeit bündeln können — auch wenn ihre Erfolge nicht identisch ausfallen. GCC, regionale Kooperation und neue Sicherheitspartnerschaften: Mittelmächte müssen bündelnEine weitere zentrale Lehre des Krieges betrifft die unausweichliche Macht der Geografie. Politische Entscheidungsträger, die Geografie ignorieren, handeln auf eigenes Risiko. Gerade die Golfstaaten können gegenüber Iran niemals denselben politischen Ansatz verfolgen wie die Vereinigten Staaten oder Israel, weil ihre räumliche Verwundbarkeit viel unmittelbarer ist. Dieses Dilemma ist keineswegs auf den Nahen Osten beschränkt. Vergleichbare Muster gelten in Südostasien im Verhältnis zu China oder in Zentralasien im Verhältnis zu Russland. Für Mittelmächte verteuert geografische Nähe konflikthafte Beziehungen massiv. Das verändert strategische Kalküle, auch wenn politische Wünsche anders aussehen mögen. Zwar ist die Lage auf der Landkarte statisch, ihre politische Bedeutung jedoch nicht. Staaten können ihre Geografie neu denken, wirtschaftliche Routen umlenken und Verwundbarkeiten abbauen. Genau deshalb wird Geografie nicht nur als Schicksal erfahren, sondern auch als Gestaltungsaufgabe. Geografie, Iran und strategische Verwundbarkeit: Warum Nähe Mittelmächte prägtIndem Iran mit der Schließung der Straße von Hormus drohte oder sie als strategische Waffe einsetzte, gewann es kurzfristig enorme Hebelwirkung. Als weitere Mittelmacht konnte Teheran damit psychologischen und wirtschaftlichen Druck entfalten. Doch mittel- bis langfristig könnte sich diese Strategie gegen Iran wenden. Denn sobald andere Staaten beginnen, ihre Handels- und Energierouten umzuleiten, sinkt der relative strategische Wert von Hormus. Iran mag im psychologischen Krieg punktuell Vorteile erzielt haben, aber strategisch könnte es damit andere Akteure geradezu dazu antreiben, alternative Korridore und Verbindungen aufzubauen. Schon jetzt verleiht die Hormus-Krise Projekten wie der Hedschasbahn neue Dynamik. Ebenso zeigen neue Pipeline-Initiativen zwischen Irak und Syrien, dass die Region nach Wegen sucht, sich aus der Abhängigkeit von maritimen Engpässen zu lösen. Ähnliche Umleitungsstrategien dürften in Zukunft häufiger werden. Straße von Hormus, Hedschasbahn und neue Handelsrouten: Geografie wird neu gedachtDer Krieg hat außerdem die Gefahren einer Logik von Einflusssphären deutlich gemacht. Iran betrachtet den Golf sowohl implizit als auch explizit als seinen Einflussraum und versucht, die Regeln in dieser Region neu zu schreiben. Für die GCC-Staaten hätte das gravierende sicherheitspolitische, wirtschaftliche und normative Folgen. Wenn Mittelmächte selbst beginnen, Einflusssphärenpolitik zu betreiben, fördert das meist nicht Stabilität, sondern regionale Fragmentierung, Gegenbalancierung und zusätzliche externe Eingriffe. Das Ergebnis ist weniger regionale Autonomie, nicht mehr. Dabei geht es nie nur um Geopolitik im engen Sinn. Einflusssphären bringen fast immer auch normative Neuordnungen mit sich: Der Hegemon versucht, seine politische Ordnung, seine Regeln und seine Wertvorstellungen mit auszudehnen. Für kleinere und mittlere Mächte bedeutet das einen weiteren Verlust an Eigenständigkeit. Einflusssphären, Iran und regionale Fragmentierung: Die unterschätzte Gefahr für MittelmächteEine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Krieg ist daher die zentrale Rolle von Mittelmächten in Diplomatie, Vermittlung und Friedensstiftung. Für kleine und mittlere Mächte sind internationales Recht und Normen keine bloßen Idealvorstellungen oder Luxusgüter, sondern oft essenzielle Schutzinstrumente. Gerade deshalb fällt die Abwesenheit europäischer Mittelmächte in den diplomatischen Bemühungen um den Iran-Krieg besonders auf — ebenso wie zuvor in Gaza und in der Ukraine. Die Verschiebung der Vermittlungslandschaft wird damit zu einem Mikrokosmos einer größeren globalen Neuordnung: Westliche Akteure und multilaterale Organisationen ziehen sich zurück, während neue Vermittler aufsteigen. Genf, einst Symbol und Zentrum internationaler Diplomatie, spielt in der aktuellen Vermittlungspraxis kaum noch die zentrale Rolle früherer Jahrzehnte. Diese symbolische Verschiebung sagt viel über die neue Weltlage aus. Diplomatie, Genf und Friedensstiftung: Warum europäische Mittelmächte fehlenAktiv an einer diplomatischen Lösung des Iran-Kriegs arbeiteten stattdessen nicht-westliche Akteure wie Pakistan, die Türkei, Katar und Oman. Dass gerade diese Staaten in die Lücke stoßen, während europäische Mächte kaum sichtbar waren, ist geopolitisch hoch aufschlussreich. Das ist besonders bemerkenswert, weil die E3 — Großbritannien, Frankreich und Deutschland — 2003 selbst die diplomatische Initiative zur Lösung der iranischen Nuklearfrage ergriffen hatten. Diese Bemühungen führten 2015 zum Joint Comprehensive Plan of Action, einem der sichtbarsten Erfolge europäischer Diplomatie. Umso auffälliger ist nun das Ausbleiben vergleichbarer europäischer Initiative. Wer diese Lücke schließen will, muss die Debatte über Mittelmächte neu rahmen. Vor allem Europa muss lernen, Mittelmacht-Kooperation nicht als Abstieg, sondern als realistische und produktive Form von Handlungsfähigkeit zu begreifen. E3, JCPOA und neue Vermittler: Europas diplomatische Lücke wird sichtbarDamit rückt ein oft unterschätzter Faktor in den Vordergrund: Staatspsychologie. Staaten haben, ähnlich wie Individuen, mentale Selbstbilder, Statusvorstellungen und emotionale Routinen. Diese prägen ihr Verhalten oft stärker, als strategische Analysen zugeben. Für viele europäische Länder bedeutet die Anerkennung der eigenen Rolle als Mittelmacht eine psychologisch schwierige Anpassung. In postkolonialen oder postimperialen Gesellschaften kann der Übergang von hegemonialen Selbstbildern zu kooperativen Mittelmacht-Identitäten als Statusverlust erlebt werden. Im globalen Süden wirkt dieselbe Entwicklung häufig umgekehrt. Dort bedeutet der Aufstieg zur Mittelmacht oft mehr Handlungsspielraum, mehr Aktivismus und mehr Status. Diese unterschiedliche psychologische Ausgangslage erklärt, warum Mittelmächte im globalen Norden und Süden die gleiche Weltordnung so verschieden wahrnehmen. Zum Autor:Galip Dalayist Senior Research Fellow bei Chatham House und Co-Direktor des Global Orders Programms an der Oxford University. Staatspsychologie, Europa und Statusverlust: Warum Mittelmächte sich neu denken müssenEuropäische Mittelmächte neigen zudem dazu, Akteure aus dem globalen Süden in bereits von ihnen entworfene Plattformen und Regelwerke einzuladen. Für viele Staaten des Südens ist dieses Format jedoch zunehmend unerquicklich, weil es Hierarchie fortschreibt statt echte Gleichrangigkeit zu ermöglichen. Hinter diesem europäischen Reflex steht oft die Überzeugung, man verfüge über besonders ausgereifte Normen, Regulierungsmodelle und Standards. Diese normative Selbstgewissheit soll bewahrt und exportiert werden. Doch aus Sicht vieler Partner im globalen Süden wirkt das weniger universal als bevormundend. In einer Welt, die sich eher in Richtung „Multi-Ordering“ als bloßer Multipolarität bewegt, reicht Standardexport nicht mehr aus. Gemeinsame globale Normen und Regeln können nur dann tragfähig sein, wenn sie gemeinsam geschaffen und nicht einseitig übertragen werden. Globaler Süden, europäische Normen und Multi-Ordering: Kooperation statt HierarchieAuch in der Wahrnehmung der Zukunft zeigt sich eine tiefe Asymmetrie. Viele Mittelmächte im globalen Norden blicken mit Sorge und Unsicherheit auf die neue Weltlage. Dagegen sehen viele Staaten im globalen Süden in Großmachtrivalität und Multipolarität eher Chancen als Bedrohungen. Für sie bedeutet das Vorhandensein mehrerer Machtzentren größere Flexibilität, mehr Möglichkeiten zum Hedging und Balancing und mehr Raum, die internationale Politik aktiv zu beeinflussen. Auch wenn die Welt weiterhin asymmetrisch bleibt, erscheint Multipolarität vielen dieser Staaten als einziger realistischer Weg zu mehr Handlungsfähigkeit und Autonomie. Diese Perspektive erklärt, warum die Entwestlichung oder besser Globalisierung der Ordnung aus Sicht vieler Mittelmächte des Südens nicht nach Chaos klingt, sondern nach Öffnung. Genau darin liegt ein zentrales Missverständnis zwischen Nord und Süd. Multipolarität, Hoffnung und Handlungsfähigkeit: Warum der globale Süden anders blicktWas nun gebraucht wird, ist eine interregionale, themenbezogene Zusammenarbeit zwischen Mittelmächten des globalen Südens und des globalen Nordens. Solche Kooperation sollte sich auf konkrete Felder konzentrieren: Ernährungssicherheit, Rüstungskontrolle, Friedensstiftung, Klima,KI, globale Gesundheit sowie die Verteidigung des internationalen Rechts und bestehender Normen. Mittelmächte können die Welt nicht im Alleingang neu ordnen. Aber sie können entscheidend dazu beitragen, Kriege zu beenden, Regeln zu stabilisieren und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Ihre Aufgabe ist nicht hegemonial, sondern verbindend. Dafür müssen sie einen Kurs einschlagen, der zugleich demütig und ambitioniert ist. Vor allem europäische Mittelmächte müssen dafür eine neue politische Psychologie annehmen — eine, die nicht vom Verlust alter Größe ausgeht, sondern von der Chance, in einer unübersichtlichen Welt durch Kooperation neue Wirksamkeit zu gewinnen.