Čeferin gegen Infantino: Der Fußball-Gegenentwurf aus Europa
Bei der WM tritt der Machtkampf zwischen Fifa und Uefa offen zutage. Es ist auch ein persönliches Duell: Zwei Männer ringen um die Richtung des Weltfußballs – und blicken schon auf die EM 2028.
Nicht nur Gastgeber Donald Trumpist der bisher große Abwesendein den Stadien der Fußball-WM. Denn obwohl von den acht Nationen im Viertelfinale sechs aus Europa kommen, ist Aleksander Čeferin, der Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa, noch nicht in Nordamerika aufgetaucht. Das heißt, ähnlich wie bei Trump, aber keineswegs, dass er dieser Tage still gewesen wäre. Čeferin, 58, hat die WM genutzt und seine Uefa klarer denn je als Gegenpol zum Weltverband Fifa und dessen Präsidenten Gianni Infantino, 56, positioniert. Der Burgfrieden ist also gebrochen und der Machtkampf der beiden Männer um die Fußballwelt auf die große Bühne zurückgekehrt. Glaubt man der Uefa, steht gerade die Integrität des Fußballs auf dem Spiel. So bezeichneten die Europäer dieFifa-Entscheidung, die Sperre des US-Teamspielers Folarin Balogun – offenbar nach Intervention von Trump – aufzuheben. Eine rote Linie sei überschritten worden. „Die Uefa ist fassungslos angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung. “ Čeferin, dessen Karriere als Sportanwalt in Ljubljana begann, beschert der Fall jedenfalls Rückenwind für seine Oppositionsrolle innerhalb des Weltverbands und die bevorstehende Europameisterschaft 2028, die vor allem ein Gegenentwurf werden soll zu Infantinos laufender XXL-WM. Das letzte Bollwerk gegen den XXL-FußballDenn bei dieser Endrunde tritt ein schon lang schwelender Konflikt immer offener zutage. Noch vor dem deutlichen Uefa-Statement gab es gegenseitige Spitzen. Erst als die Uefa just jenen somalischen WM-Schiedsrichter zum Spielleiter des Uefa Super Cups (12. August in Salzburg) ernannte, der von den US-Behörden an der Einreise gehindert worden und dabei ohne Unterstützung von Infantino geblieben war. Dann, indem sich kleinere Verbände wie Kap Verde oder DR Kongo medienwirksam über auf den ersten Blick abfällige Aussagen von Čeferin in slowenischen Lokalmedien über „uninteressante Spiele“ bei der aufgeblähten WM echauffierten. Dahinter liegen allerdings große Strukturkonflikte, die sich vor allem um eine Frage drehen: Wer bestimmt den Rhythmus des Fußballs?Infantinos Prestigeprojekt der Fifa-Klub-WM, erstmals ausgetragen im Vorjahr in den USA, war der Uefa seit jeher ein Dorn im Auge. Dass er sie für die nächste Auflage 2029 von 32 auf 48 Teams erweitern will, goss weiter Öl ins Feuer. Denn die Fifa will damit einen Teil des lukrativen Klubfußballs an sich reißen – ein Geschäft, das der Uefa allein durch die prestigeträchtige Champions League pro Saison fast fünf Milliarden Euro einbringt, Tendenz stark steigend. Gemeinsam beim EM-Finale 2021 im Wembley Stadion. ImagoDamit einher geht die Kalenderdebatte. Die Fifa will immer mehr und größere Turniere, die Uefa lieber Stars in Topform für ihre eigenen europäischen Wettbewerbe, die sonst verwässert werden könnten. An seiner Seite weiß Čeferin die EU-Institutionen mit ihrem politischen Leitbild des „European Sports Model“. Nur zu gern rückt die Uefa als oberster Verfechter der dort verankerten Grundprinzipien wie offene Wettbewerbe, Solidarität und soziale Funktion des Sports aus – Europas Fußballverband als Bewahrer gegen eine immer weiter expandierende Fifa. So zog die Uefa vor einigen Jahren alle Register, um das Infantino-Vorhaben zu stoppen, die WM nicht nur alle vier, sondern alle zwei Jahre auszutragen. Gemeinsam mit den südamerikanischen Verbänden drohte Čeferin mit Boykott. Inzwischen wird der Machtkampf zwischen Zürich (Sitz der Fifa) und Nyon (Uefa) auch durchaus persönlich ausgetragen – obwohl die Uefa ihren früheren Generalsekretär Infantino bei dessen Wahl zum Fifa-Präsidenten vor zehn Jahren unterstützt hatte. „Mittlerweile arbeiten wir zusammen. Auch wenn wir kaum miteinander kommunizieren“, erklärte Čeferin einmal. Uefa-Kongress mit Infantino und Čeferin. Reuters / Zorana JevticAls Infantino beim Fifa-Kongress im Vorjahr in Paraguay die Delegierten stundenlang warten ließ, weil er mit US-Präsident Trump in den Nahen Osten gereist war, verließ Čeferin mit den Europäern aus Protest gegen die „privaten politischen Interessen“ des Fifa-Chefs den Saal. Beim Fifa-Kongress heuer in Vancouver fehlte er überhaupt. Und Infantinos umstrittenen Fifa-Friedenspreis an Trump bezeichnete Čeferin vor dieser WM als „peinlich“ und betonte, dass er im Vorfeld weder in seiner Funktion als Fifa-Vizepräsident noch als Fifa-Ratsmitglied in Kenntnis gesetzt worden sei. Auf derselben Seite kämpften beide zuletzt nur, als plötzlich das Projekt einer europäischen Super League die Fußballwelt aus den Angeln heben wollte. Doch dabei ging es um kommerzielle Interessen: Die Uefa wollte ihre Champions League schützen, und die Fifa fürchtete eine weitere Machtstruktur der Topklubs außerhalb ihrer Einflusssphäre. Ein gemeinsamer Feind also, aber das gegenseitige Misstrauen blieb. Und die nächsten Streitpunkte warten schon. Etwa die Spielkalender nach 2030 und dabei vor allem der Termin der WM 2034 in Saudiarabien, der wie schon 2022 in Katar in den Wintermonaten stattfinden und damit die europäischen Ligen unterbrechen könnte. Euro 2028: Die Uefa setzt zum Konter anSowohl Čeferin als auch Infantino sind bis 2027 in ihren Ämtern gewählt. Der Uefa-Chef kündigte eigentlich an, nicht mehr antreten zu wollen. Nach einer Statutenänderung dürfte er aber und zuletzt ließ er sich eine Kandidatur offen. Fifa-Chef Infantino will sich im nächsten Jahr bis 2031 wiederwählen lassen, die Mehrheit ist ihm Stand heute gewiss. Gut möglich also, dass es bei der Europameisterschaft 2028 zum Gipfeltreffen kommt – ein Turnier, das schon jetzt nur als Gegenbild zu den ausufernden WM-Plänen Infantinos verstanden werde kann. Die Teilnehmerzahl bleibt bei 24 Teams, die Wege in den Gastgebernationen Großbritannien und Irland sind kurz, die Spielorte voller Fußballgeschichte, die Fankulturen voller Tradition. Die Uefa stellte klar, dass es keine Trinkpausen wie bei der WM geben wird, dass 40 Prozent aller Tickets in den günstigsten Kategorien (ab etwa 30 Euro) verkauft werden und dass es kein „Dynamic Pricing“ geben wird. All das aber nicht etwa, weil die Uefa weniger finanzielle Ambitionen hätte. Mehr Fußball ja – aber eben unter europäischer Kontrolle. Mehr dazu