Flüchtlingszahlen in Europa stagnieren erstmals – doch die Gründe sind anders, als oft angenommen
kurierverlag-dePolitikStand:25. 06. 2026, 06:13 UhrKommentareErstmals seit zehn Jahren wächst die Zahl der Geflüchteten nicht. Eine Studie zeigt: Die Gründe sind vielschichtiger, als Politiker glauben machen. . .

kurierverlag-dePolitikStand:25. 06. 2026, 06:13 UhrKommentareErstmals seit zehn Jahren wächst die Zahl der Geflüchteten nicht. Eine Studie zeigt: Die Gründe sind vielschichtiger, als Politiker glauben machen wollen. Berlin – Erstmals seit über zehn Jahren hat sich die Zahl der Geflüchteten und Asylsuchenden in der Europäischen Union und in Großbritannien stabilisiert. Zuvor hatte es mehr als ein Jahrzehnt lang kontinuierlich deutliche Anstiege gegeben. Das ist das Ergebnis einer Studie des privaten Wirtschaftsforschungsinstituts Rockwool Foundation (RF) Berlin, die auf Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) und Eurostat beruht. Mit der Politik von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat der Rückgang der Asylbewerberzahlen nichts zu tun, sagen Experten. © picture alliance/Daniel BockwoldtDemnach lag im Jahr 2025 die Gesamtzahl der Geflüchteten und Asylsuchenden bei 9,59 Millionen – und veränderte sich gegenüber dem Vorjahr fast nicht mehr (9,58 Millionen). Die Autorinnen und Autoren des Berichts sprechen von einer „deutlichen Wende gegenüber den rasanten Zuwächsen“, die es nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine gegeben hatte. Derweil sinkt auch die Zahl der Asylanträge: 2025 gab es 770. 000 – im Jahr 2023 waren es noch 1,1 Millionen. Zahl der Asylbewerber stagniert – Experten: Hat nichts mit Dobrindt zu tunIn Deutschland interpretierte zuletzt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die sinkenden Zahlen als Teil der aus Sicht der schwarz-roten Koalition eingeläuteten sogenannten Migrationswende. Die Bundesregierung fährt seit einem Jahr eine restriktive Migrationspolitik mit umfassenden Grenzkontrollen. Derweilzweifeln Experten daran, dass die deutschen Grenzkontrollenüberhaupt etwas am Migrationsgeschehen geändert haben. Franck Düvell, Leitender Wissenschaftler am Institut für Migrationsforschung der Uni Osnabrück etwa, sagte jüngst im Gespräch mit unserer Redaktion: „AlexanderDobrindt schmückt sich mit fremden Federn. “ Dass die illegale Migration und die Zahl an Asylanträgen zurückgegangen seien, spiegle lediglich wider, was sich an denEU-Außengrenzen verändert habe: Denn schon dort kommen deutlich weniger Menschen an als in den Jahren zuvor. „Das hat nichts mit deutscher Politik zu tun“, so der Experte. „Der Rückgang in Deutschland lässt sich weitgehend durch Einbürgerung und Integration erklären, während sich die Zahlen in Polen aufgrund eines Stillstands bei der Zuwanderung stabilisiert haben“, sagte Christian Dustmann, Direktor von RF Berlin und Professor für Wirtschaftswissenschaften am University College in London. Diese Beispiele zeigten, dass Veränderungen bei den Geflüchtetenzahlen nicht einfach als Veränderungen bei den Ein- oder Ausreisen interpretiert werden dürften. Denn: „Viele Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, leben weiterhin hier. Sie erscheinen jedoch nicht mehr in der Flüchtlingsstatistik, weil sie inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben“, erklärt Dustmann. Im Jahr 2025 etwa wurden in Deutschland mehr als 65. 000 Syrerinnen und Syrer sowie fast 14. 000 Irakerinnen und Iraker eingebürgert. Die Zahl der freiwilligen Rückkehrer war dagegen vergleichsweise gering. Geflüchtete in Europa: Große Unterschiede zwischen den LändernInsgesamt sei die Phase desraschen Wachstums der Geflüchtetenbevölkerungin Europa am Ende, sagte Tommaso Frattini, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Mailand und stellvertretender Direktor vom Migrationsforschungszentrum der RF Berlin: „Die Flüchtlingszahlen sind zwar nach wie vor historisch hoch, aber die Kräfte, die sie beeinflussen, verändern sich. “ Derweil gebe es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. So verzeichnete etwa Italien einen deutlichen Rückgang bei der Zahl der Geflüchtetenum 17,9 Prozent. In Frankreich, Spanien und in Großbritannien gab es aber weiterhin einen Anstieg. Insgesamt ging in ganz Europa die Zahl neuer Asylanträge im Jahre 2025 um fast 18 Prozent zurück. Der stärkste Rückgang war bei Syrerinnen und Syrern nach dem Sturz der Assad-Diktatur zu beobachten – danach gab es über 70 Prozent weniger syrische Asylanträge. Die Prognose der Expertinnen und Experten: Die Größe der sogenannten Flüchtlingsbevölkerung in Europa werde zunehmend durch Einbürgerungen, Statusänderungen, Rückführungen und Verwaltungsprozesse geprägt sein – und weniger durch große neue Zuströme. Dabei wird allerdings auch die Entwicklung imUkraine-Kriegentscheidend sein, denn Ukrainerinnen und Ukrainer machen fast die Hälfte aller Geflüchteten und Asylsuchenden in der EU aus. Die Autoren des Berichts warnen allerdings vor neuen potenziellen Wellen angesichts der weltweiten angespannten Sicherheitslage: „Die größte Unsicherheit bleibt jedoch geopolitischer Natur: Ein neuer großer Konflikt in der Nähe Europas könnte die derzeitige Stabilisierung schnell umkehren. “(Quellen: RF Berlin, Bericht: „The Refugee Population in Europe in 2025: A Decade of Growth Comes to a Halt”, Franck Düvell, eigene Recherchen)