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Handwerk statt Studium: Die Lehre erobert die USA

College-Absolventen finden in den Vereinigten Staaten keinen Job. Gut ausgebildete Handwerker werden hingegen immer stärker gefragt. Um den Bedarf zu decken, investieren die USA nun massiv in den. . .

Von Paul Maier · · 5 min Lesezeit

Handwerk statt Studium: Die Lehre erobert die USA

Es sind harte Zeiten für Berufseinsteiger in den USA. Unzählige College-Absolventen finden nach ihrem Studium keinen Job. Viele stellen sich daher überhaupt die Frage, ob sich eine Universität noch auszahlt. „Angesichts der Lebenserhaltungskosten realisieren viele Menschen, dass wir nicht vier Jahre lang herumsitzen und in die Schule gehen können“, sagt etwa LaDonna Glass zur „New York Times“. Sie entschied sich nach der Schule gegen das College und für eine Lehre als Elektrotechnikerin. Ein Musterfall in Zeiten schwindender Perspektiven für Akademiker und eines wachsenden Bedarfs an handwerklichen Fachkräften. College-Absolventen haben es in den Vereinigten Staaten derzeit tatsächlich nicht leicht. Laut der New Yorker Federal Reserve Bank hat die Arbeitslosenrate unter Absolventinnen zwischen 22 und 27 Jahren zuletzt stark zugenommen. Ende 2025 stieg sie auf 5,6 Prozent und überholte damit die allgemeine Arbeitslosigkeit von 4,2 Prozent. Mehr als 40 Prozent der Akademiker haben zudem in Berufen gearbeitet, für die kein Studium benötigt wird. Auf einer Jobmesse in Los Angeles informiert dieser Flyer über die Vorzüge einer Baulehre. APA / AFP / Patrick T. Fallon„Handwerk hat goldenen Boden“Gleichzeitig suchen Industriebetriebe händeringend nach gut ausgebildeten Fachkräften. „Handwerk hat goldenen Boden. Dieses Sprichwort ist heute wahrer denn je“, sagt Martin Leber, Geschäftsführer von Inteco PTI. Der Stahlwerkausrüster in Atlanta ist eine Tochter der steirischen Inteco-Gruppe. „Ein ausgebildeter Schlosser kann mit Überstunden auf ein Jahresgehalt von 80. 000 bis 100. 000 US-Dollar kommen. Das ist für viele Akademiker kaum erreichbar. “Die Lehre ist in den Vereinigten Staaten noch ein neues, wenig bekanntes Modell. Leber bildet seine Mitarbeiter daher, so wie in der US-Industrie üblich, selbst im Betrieb aus. „Das hat den Nachteil, dass man qualifizierte Fachkräfte nicht unmittelbar bekommt. “ Neuen Arbeitern ein Handwerk beizubringen, dauere bis zu drei Jahre. „Dafür hat man als Arbeitgeber völlige Freiheit darüber, wie man die Ausbildungszeit gestaltet und entlohnt. In Österreich ist man in ein strenges Korsett mit rechtlichen Verpflichtungen geschnürt. “ Wenn jemand nicht in den Betrieb passt, könne man die Person auch leichter wieder loswerden. Trump will eine Million LehrlingeIn den USA gebe es eine echte Ausbildungslücke, sagt Lukas Zitz, stellvertretender österreichischer Wirtschaftsdelegierter in New York: „Firmen haben entweder auf Akademiker mit hohen Gehaltsvorstellungen zurückgegriffen oder auf Menschen mit ein paar Wochen Ausbildung ‚on the job‘, oft ohne Vorkenntnisse. Lehrlinge als ‚Mittelbau‘ dazwischen gab es bislang kaum. “ Jetzt herrsche aber großer Bedarf nach ihnen. Die fortschreitende Automatisierung durch Künstliche Intelligenz und Co. erfordere immer mehr Menschen, die selbst komplexe Entscheidungen treffen können. „Diese Lücke ist für die USA ein echter Wettbewerbsnachteil“, so Zitz zur „Presse“. Die Regierung Trump will per Dekret die Gesamtzahl der aktiven Lehrlinge mit verschiedenen Förderprogrammen auf eine Million steigern. Ein einheitliches Lehrmodell wie in Österreich fehlt aber bisher. „Derzeit gibt es einen Fleckerlteppich an Lösungen, vom Silicon Valley bis zur Industrie im Mittleren Westen je nach Bundesstaaten und ihrer wirtschaftlichen Lage. “ Verschiedene Staaten versuchen, der Industrie mit „Apprenticeship“-Programmen entgegenzukommen. Österreichische InvestitionEin anschauliches Beispiel dafür lieferte zuletzt ein Unternehmen aus Österreich: Der steirische Kosmetikkonzern Ringana wird seinen ersten US-Standort in der Industriestadt Roanoke etablieren. In den kommenden fünf Jahren will das Unternehmen hier 85 Mio. US-Dollar investieren und 435 neue Jobs schaffen. Roanoke liegt im Bundesstaat Virginia. Gouverneurin Abigail Spanberger nutzte die Ansiedelung von Ringana, um Lehrlingsprogramme in der Region hervorzuheben: „Mit unseren starken Lehrlings- und Weiterbildungsprogrammen bietet Virginia das ideale Umfeld für Unternehmen, um in den Vereinigten Staaten zu wachsen und erfolgreich zu sein. “Gouverneurin Abigail Spanberger nutzt die Ringana-Ansiedlung, um auf die Lehrprogramme in Virginia aufmerksam zu machen. Reuters / Mike KropfUm den enormen Fachkräftebedarf zu decken, ringen die Bundesstaaten mit verschiedenen Mitteln um junge Menschen. In South Carolina gibt es dafür zum Beispiel eigene Community Colleges, die eine ähnliche Funktion erfüllen wie Berufsschulen in Österreich. Sie orientieren sich stark am Markt und legen ihren Fokus auf Mangelberufe. Die Betriebsansiedlungsagentur in Alabama geht sogar gezielt auf Unternehmen zu und bietet maßgeschneiderte Ausbildungsprogramme an, die sich an den Personalanforderungen der Firma statt an einem festgelegten Curriculum ausrichten. Fehlende Firmenkultur„Diese Lehrmodelle dauern meistens ein bis eineinhalb Jahre“, sagt Mario Derntl, Experte für Lehrlingsausbildung. Eine starke Bindung an den Arbeitgeber wie in Österreich, wo Lehrlinge drei bis vier Jahre lang in einem Unternehmen bleiben, gebe es in den Vereinigten Staaten kaum. „Die Fluktuation in Fertigungswerken ist hoch. Neue Mitarbeiter bleiben teilweise nur für wenige Tage, bevor sie wieder gehen. Eine Firmenkultur wie bei uns kennen die Amerikaner nicht“, sagt Derntl. Martin Leber gelingt es bisher, trotz des Fachkräftemangels genügend Mitarbeiter zu finden. Die Community Colleges hält er für eine gute Idee, deren Entwicklung man aber noch genau beobachten müsse. Die Lehre in den USA hat jedenfalls noch einen weiten Weg vor sich: Um verhältnismäßig mit den führenden OECD-Ländern gleichzuziehen, bräuchten die USA rund 4,3 Millionen Lehrlinge, im föderalen System haben sie derzeit aktiv 680. 000. „Die große Herausforderung in den USA ist, das Modell Lehre bekannter zu machen. Betriebe brauchen Leute und wissen oft nicht, wo sie anfangen sollen“, sagt Zitz. Zudem sei die Lehre als Karriereweg im Vergleich zur Universität kaum bekannt. Mit Image-Problemen hat auch die Lehre in Österreich zu kämpfen. Allerdings beginnen hier rund 37 Prozent eines Jahrgangs der 15-Jährigen eine Lehre, verhältnismäßig um ein Vielfaches mehr als in den USA. Doch die Zahlen gehen seit Jahrzehnten zurück: 1980 waren in Österreich rund 194. 000 Lehrlinge tätig, 2010 waren es knapp 130. 000. Im Vorjahr 2025 waren es nur noch ungefähr 103. 000. Mario Derntl wünscht sich daher ein gesellschaftliches Umdenken: „Unsere Berufsausbildung mit Lehre und HTL ist ein großes Asset, das wir gerade verlieren. In vielen Köpfen herrscht noch immer das Bild, dass die eigenen Kinder studieren müssen. “

Quelle: tennistv.com

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