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Herausforderung | Europa im Taschenbuch

Der Oxforder Historiker und Publizist hat sein wissenschaftliches Lebensthema Europa in einer großen „persönlichen Geschichte“ erzählt und aktualisiert: wissenschaftlich fundiert und in intensiven, selbst erlebten Szenen vorgetragen.

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Herausforderung | Europa im Taschenbuch

Der Oxforder Historiker und Publizist hat sein wissenschaftliches LebensthemaEuropain einer großen „persönlichen Geschichte“ erzählt und aktualisiert: wissenschaftlich fundiert und in intensiven, selbst erlebten Szenen vorgetragen. Garton Ash (geboren 1955)hat nach dem Ende des „dreißigjährigen Krieges“ (1914–45)das Nachkriegseuropa von früh an beständig bereist und bringt das Drama des wieder aufstrebenden, aber geteilten und vereinigten Kontinents im dreißigjährigen Frieden von 1989bis zum Ukrainekrieg 2022den Lesern und Leserinnen produktiv in Erinnerung: zur rechten Zeit. Um die Produktivität des „Erinnerungsmotors“ zu erfassen, zitiert er einen seiner Helden, den verfolgten Juden und späteren polnischen Außenminister und Europa-Abgeordneten Bronislav Geremek, mit der Maxime: „Wir waren an einem schlimmen Ort. Wir wollen an einen besseren Ort, und dieser Ort heißt Europa. “ Das gequälte und zusammenwachsende Europa hat dem reisenden, Tagebuch führenden und gut vernetzten britischen Beobachter das Gefühl gegeben, „im Ausland zuhause zu sein“ und Gorbatschows Diktum vom „gemeinsamen Haus“ mit Anschauung und Leben zu füllen. Garton Ash verfolgt die Lebenslinien des Kontinents in dieser neuen Taschenbuchausgabe von der Landung der Alliierten in der Normandie 1944durch die Phasen der Teilung und des Kalten Krieges (1961–1969), die wirtschaftliche Blüte (1980–1989)bis zum Mauerfall und in die „Nachmauerwelt“ (1990–2007), sowie die Phase des „Taumelns“ in der Euro-, Brexit-, Pandemie- und Klimakrise bis zum Ukrainekrieg 2022. In allen Phasen standen dem Briten auch die verschlossenen oder in Konflikte verstrickten Bezirke offen: Gespräche mit Bürgern vor Ort sowie viele, zum Teil freundschaftliche Kontakte mit maßgeblichen politischen Akteuren verschafften ihm die Möglichkeit, akute Szenarien aufzuzeichnen. Das Buch lebt nicht nur von Akten und Archiven, sondern vor allem von erlebten Begegnungen. Dabei spielen als Gewährsleute die Freunde B. Geremek, Václav Havel, Tony Blair und Ralph Dahrendorf, dazu die Gesprächspartner Gorbatschow, Clinton und Kohl die Hauptrollen. Von besonderem Interesse ist seine Darstellung und Bewertung der beiden jüngsten Jahrzehnte unter dem Einfluss der altneuen Imperien, des digitalen Finanzkapitalismus und der Nationalpopulismen und des neuen Faschismus. Garton Ash spricht von der „Hybris“ der Europäischen Union und des neoliberalen Kapitalismus, sich als ein Modell für die Welt zu verstehen: „Ein hypertropher, nicht nachhaltiger Finanzsektor stürzte die gesamte Wirtschaft des westlichen liberal-demokratischen Finanzkapitalismus in die Krise“ und erzeugte „ein Ausmaß an Ungleichheit, wie es der Westen seit hundert Jahren nicht mehr erlebt hatte“. Angesichts der Zerstörung des Weltklimas, eines neuen Eisernen Vorhangs gegen den Süden und von nationalistischen Konflikten bis hin zu den Kriegen in der Ukraine und dem Nahen Osten scheint die Welt in den 2020er-Jahren „eher dem Europa des späten 19. Jahrhunderts zu ähneln, voller misstrauischer, sich gegenseitig bekämpfender Großmächte, die den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachten. In zunehmendem Maße werden nichtwestliche Mächte das Sagen haben. “ Die Europäische Union wird in dieser Konstellation von ökonomischen, kulturellen und ethnischen Spannungen näher zusammenrücken und sicherheitspolitisch unabhängiger werden müssen. Prognosen verbittet sich Garton Ash; die vergangenen Jahrzehnte „machen selbst aus den klügsten Prognostikern Narren“. Für die Selbstbehauptung des demokratischen Europas zwischen den hochgerüsteten Imperien bietet er keine greifbaren politischen Rezepte, aber eine moralische Empfehlung: Im Blick auf ein zukunftsfähiges Europa plädiert er für einen „konstruktiven Pessimismus“ und setzt gegen „einen Pessimismus des Verstandes einen Optimismus des Willens“ (Antonio Gramsci). „Gerade weil wir wissen, dass Europa chronisch dazu neigt, in seine alten Fehler zurückzufallen, schätzen wir jede europäische Struktur des Rechts, der Zusammenarbeit und der friedlichen Konfliktlösung. “Die Hoffnung darauf ist, wie er meint, ein Rezept für mentale Stärke. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. “–Dieses Buch hält dem zaudernden Europa den Spiegel seiner jüngsten Geschichte vor Augen; es ist eine Herausforderung.

Quelle: zeitzeichen.net

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