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Kommt der KI-Blockzwang? Der digitale Kalte Krieg zwischen den USA und China

US-technologie oder chinesische? Washington fordert von Ländern ein klares Bekenntnis (Bild: CHIEW/ Shutterstock. com ) Zwei Mächte, zwei Systeme – und kein Platz mehr für Neutrale. Der Kampf um die. . .

Von Marcel Kunzmann · · 7 min Lesezeit

Kommt der KI-Blockzwang? Der digitale Kalte Krieg zwischen den USA und China

US-technologie oder chinesische? Washington fordert von Ländern ein klares Bekenntnis(Bild: CHIEW/Shutterstock. com)Zwei Mächte, zwei Systeme – und kein Platz mehr für Neutrale. Der Kampf um die KI-Vorherrschaft spaltet die Welt. Wer zieht dabei den Kürzeren?Die Botschaft aus Washington ist unmissverständlich: Wer mit uns ist, kann nicht auch mit ihnen sein. In einem internen Entwurf eines Briefes des US-Außenministeriums, denReuterseinsehen konnte, richtet sich die US-Regierung an 35 Unterzeichner eines sogenannten "AI Opportunity Statement" – darunter Mitglieder der US-Initiative Pax Silica – und fordert sie auf, sich "bewusst zu entscheiden". Der Ton ist diplomatisch, die Botschaft ist es nicht: Wer Pax Silica unterzeichnet, darf nicht gleichzeitig Mitglied in Chinas konkurrierender "World Artificial Intelligence Cooperation Organization" (Waico) sein. Das Ende digitaler Neutralität ist erklärt. Kasachstan ist bislang das einzige Land, das beiden Initiativen angehört. Und genau deshalb hat es in Washington Alarm ausgelöst. Das Land verfügt über bedeutende Reserven an kritischen Rohstoffen, die für die KI-Infrastruktur benötigt werden – und ist damit ein begehrter Partner in einem Wettlauf, bei dem es um wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung geht. "Teil von allem zu sein bedeutet, Teil von nichts zu sein", heißt es in dem Briefentwurf. Pax Silica sei "keine bloße Mitgliedschaft, sondern ein Bekenntnis". Pax Silica: Der Bau technologischer SchutzwälleDie US-Initiative Pax Silica wurde Ende 2025ins Leben gerufenmit dem erklärten Ziel, Lieferketten für KI-Modelle, Halbleiter und kritische Rohstoffe abzusichern und "koerzive Abhängigkeiten" – gemeint ist vor allem die Abhängigkeit von China – zu reduzieren. Rund 24 Staaten haben sich bislang angeschlossen, darunter Japan, Australien und Südkorea. Im Juni trat die Europäische Kommission im Namen aller 27 EU-Mitgliedstaaten bei. Damit hat Washington einen erheblichen Teil der westlich orientierten Welt hinter sich versammelt. China reagierte im Juli mit der Gründung vonWaico, das auf der Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz in Shanghai vorgestellt wurde. 29 Staaten traten zunächst bei, inzwischen sind es 38 – überwiegend Länder des Globalen Südens. Peking betont, Waico sei darauf ausgerichtet, KI "zum Wohl aller" zu fördern, und insbesondere Entwicklungsländern Zugang zu offenen KI-Modellen und Infrastruktur zu verschaffen und nicht nur einige wenige große Tech-Firmen zu begünstigen. Sun Chenghao, Senior Fellow am Centre for International Security and Strategy der Tsinghua-Universität,sagtegegenüber derSouth China Morning Post, die beiden Organisationen seien auf unterschiedliche Bereiche fokussiert und "nicht von Natur aus gegensätzlich". Gleichzeitig warnte er, dass die "wettbewerbliche" Dynamik zwischen den beiden Rahmenwerken zunehmend an Gewicht gewinnen könnte, wenn KI-Governance, Industriepolitik und nationale Sicherheit miteinander verflochten würden. Dies könnte dazu führen, dass der US-geführte Block "externe Beschränkungen" gegenüber Waico-Mitgliedern verhänge. Huang Ping, stellvertretender Direktor des Qianhai-Thinktanks Institute of International Affairs und Assistenzdekan an der Chinesischen Universität Hongkong (Shenzhen), sagte, Chinas Ziel sei "keine Gegeninitiative zu Pax Silica, sondern eine inklusive internationale KI-Organisation unter dem UN-System". Er fügte hinzu: "Solange die USA uns nicht ausschließen, sind wir stets bereit, sie willkommen zu heißen. "Doch genau das tut Washington nun: ausschließen. Der Briefentwurf des Außenministeriums macht deutlich, dass parallele Mitgliedschaften nicht toleriert werden. Ein namentlich nicht genannter US-Regierungsvertreter, der gegenüberReutersunter der Bedingung der Anonymität sprach, formulierte es so: "Es ist schwer vorstellbar, wie ein Land glaubwürdig als vertrauenswürdiger Partner in einem Technologie-Ökosystem positioniert sein kann, während es gleichzeitig einer Initiative beitritt, die von China entworfen wurde, um eine konkurrierende Vision für KI voranzutreiben. "Apple im geopolitischen Dienst: Wenn Konzerne zur Außenpolitik werdenWas auf der Ebene der Staaten als diplomatischer Druck erscheint, zeigt sich auf Unternehmensebene noch deutlicher. DasWall Street Journalberichtete, dass die Trump-Administration Apple aufgefordert hat, keine Speicherchips von chinesischen Herstellern zu beziehen. US-Handelsminister Howard Lutnick erklärte demnach, er habe Apple persönlich mitgeteilt, dass die Regierung dagegen sei, dass große US-Unternehmen Speicherchips aus China beziehen. Konkret geht es um Chips der Unternehmen ChangXin Memory Technologies (CXMT) und Yangtze Memory Technologies (YMTC), die Apple laut mit der Sache vertrauten Personen für mögliche Verwendung in Geräten getestet hat, die in China verkauft werden sollen. Der Hintergrund: Ein durch die KI-Nachfrage ausgelöster Engpass bei Speicherchips hat die Preise in die Höhe getrieben und Apple sowie andere Elektronikhersteller dazu veranlasst, Produktpreise zu erhöhen. Apples Chief Operating Officer Sabih Khan bestätigte gegenüber demWall Street Journalnicht, dass das Unternehmen chinesische Chips teste. Er erklärte jedoch, die Dimension des Engpasses zwinge Apple, alle verfügbaren Optionen zu prüfen – einschließlich der Unterstützung bestehender Lieferanten beim Ausbau der US-Produktion. US-Recht schreibt vor, dass amerikanische Unternehmen Lizenzen benötigen, bevor sie Produktinformationen mit CXMT oder YMTC teilen – Informationen, die für die Herstellung maßgeschneiderter Chips notwendig wären. Standardkomponenten können hingegen weiterhin bezogen werden. Micron Technology, ein US-amerikanischer Speicherchiphersteller, hat die Regierung lautWall Street Journalaufgefordert, Apple den Einsatz chinesischer Chips zu untersagen. Das Unternehmen argumentiert, solche Käufe würden die inländische Fertigung schädigen und den Zielen Washingtons beim Rückverlagern der Halbleiterproduktion in die USA widersprechen. Senatoren aus Bundesstaaten, in denen Speicherchiphersteller Produktionskapazitäten ausbauen wollen, schrieben im Juli an Apple-Chef Tim Cook und forderten ihn auf, nicht mit den chinesischen Zulieferern zusammenzuarbeiten. Apple ist in dieser Konstellation kein freier Akteur mehr. Washington hat bereits Vereinbarungen mit Intel zur Fertigung bestimmter Apple-Chips sowie Zusagen für die Inlandsproduktion von Displayglas für iPhone und Apple Watch gesichert. Die Mac-Mini-Montage in Texas wurde ausgebaut. Dennoch bleibt der Großteil der Apple-Lieferkette in Asien verankert, während die Produktion von iPhones zunehmend nach Indien verlagert wird – ein Prozess, der den geopolitischen Erwartungen Washingtons nur teilweise entspricht. Die Gefahren einer gespaltenen KI-GovernanceDer Konflikt zwischen Pax Silica und Waico ist nicht nur ein Streit um Marktanteile oder Rohstoffzugang. Er berührt eine grundlegendere Frage: Wer legt die Regeln für eine Technologie fest, die autonom hacken, militärische Entscheidungen unterstützen und ganze Wirtschaftssektoren umstrukturieren kann?Chinesische KI-Modelle mit offenem Quellcode wie DeepSeek und Kimi haben in kurzer Zeit erhebliche Fortschritte gegenüber proprietären US-Systemen wie denen von OpenAI und Anthropic gemacht und durch niedrige Preise große Marken bei den Token-Anteilen im westlichen Markt übernommen. Peking wiederum erwägt lautReuters, den Zugang zu einigen seiner führenden KI-Modelle für das Ausland einzuschränken – ein Zeichen dafür, dass auch China den Technologiebereich zunehmend als sicherheitspolitisches Terrain begreift. Wenn zwei konkurrierende Blöcke jeweils eigene Sicherheitsstandards, Bewertungsverfahren und Governance-Strukturen für KI entwickeln, wird die Etablierung gemeinsamer globaler Mindeststandards für Risikotechnologien strukturell erschwert. Sun Chenghao schlug gegenüber derSouth China Morning Postvor, Waico könnte ein grenzüberschreitendes KI-Sicherheitstestnetzwerk aufbauen und bei der Modellbewertung, Vorfallmeldung und Sicherheitsstandards kooperieren. Doch solche Vorschläge setzen voraus, dass beide Seiten überhaupt noch miteinander reden. Die Zwickmühle der strategischen AutonomieFür Europa und die Mittelmächte des Globalen Südens ist die Lage besonders widersprüchlich. Die EU ist Pax Silica beigetreten, obwohl sie offiziell das Konzept der "strategischen Autonomie" verfolgt – also die Fähigkeit, unabhängig von einzelnen Großmächten zu handeln. Italien schickte zwar einen offiziellen Vertreter zur KI-Konferenz in Shanghai, trat Waico jedoch nicht bei und unterzeichnete stattdessen zwei Wochen später Pax Silica. Sun Chenghao erklärte gegenüber derSouth China Morning Post, dies zeige, wie sehr US-Verbündete durch "Allianzbeziehungen, Technologielieferketten und Innenpolitik" eingeschränkt seien. Das größte Risiko für Waico bestehe darin, als "China-Block" wahrgenommen zu werden: "Sobald dieser Eindruck entsteht, werden viele mittlere Länder befürchten, dass ein Beitritt geopolitische Kosten nach sich zieht, selbst wenn sie mit der Entwicklungsorientierung einverstanden sind. "Huang Ping schlug vor, Waico solle keine Ausschlussklauseln einführen, damit Länder keine Seite wählen müssten, und Pax-Silica-Mitgliedern die Teilnahme als Beobachter ermöglichen. "Die Hürde sollte niedrig genug sein, damit der Beitritt zu Waico etwas wird, das Länder nicht gegenüber den USA erklären müssen", sagte er. Zudem solle Waico es Unternehmen – nicht Regierungen – überlassen, die konkreten Projekte umzusetzen: "Regierungen bauen die Bühne, Unternehmen spielen das Stück. "Doch Washington lässt genau diesen Spielraum nicht zu. Der Briefentwurf des Außenministeriums macht deutlich: Wer das AI Opportunity Statement unterzeichnet hat, soll sich nicht gleichzeitig in "doppelten Initiativen" engagieren, "deren Erwartungen mit unseren eigenen in Konflikt stehen". China wird dabei nicht namentlich genannt – aber gemeint ist es. Der digitale Kalte Krieg ist damit nicht mehr Metapher, sondern institutionelle Realität. Zwei Blöcke, zwei Regelwerke, zwei Infrastrukturen – und dazwischen Staaten und Konzerne, denen die Wahl abgenommen wird.

Quelle: telepolis.de

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