Macht Trump die USA stärker oder schwächer? Was uns das Iran-Abkommen lehrt
Die USA haben einen Krieg in Nahost geführt und sind an Grenzen gestoßen. Seitdem ist vom amerikanischen Niedergang die Rede. Aber was, wenn der Abstieg in Wahrheit ein Neustart ist? Über ein Land, das sich vom Imperialismus verabschiedet
Die USA haben einen Krieg in Nahost geführt und sind an Grenzen gestoßen. Seitdem ist vom amerikanischen Niedergang die Rede. Aber was, wenn der Abstieg in Wahrheit ein Neustart ist? Über ein Land, das sich vom Imperialismus verabschiedetVon18. 06. 2026Donald Trump ist kein Denker, hat aber einen Riecher. Hilft den USA das?Foto: Kena Betancur/AFP/Getty ImagesWieder hören wir: Jetzt sei es aber wirklich so weit mit dem „American Decline“. Mit ihrem Angriffskrieg gegen den Iran seien dieUSAan ihre Grenzen geraten. Das mag schon sein. Aber vielleicht ist das gerade gut für sie. Zumindest dann, wenn man aus Fehlern lernt und die verbleibenden Möglichkeiten erkennt und nutzt. In Vietnam erlebten die USA ein militärisches wie moralisches Desaster, das nicht geringer war als ihr gegenwärtiges Abenteuer im Nahen und Mittleren Osten. Auch der Rückzug aus Afghanistan war blamabel. In jedem dieser Fälle sah man ein Zeichen ihres unaufhaltsamen Niedergangs. Aber in Vietnam rechnet man inzwischen anders: Mit den USA hatte man fünfzehn Jahre Ärger, mit China zweitausend. Man ist inzwischen mit den Nordamerikanern eher befreundet, große Teile der Jugend schwärmen von ihnen. Der Philosoph Günther Anders, ein Aktivist gegen den Krieg Kennedys, McNamaras und Johnsons in Südostasien, konnte sich danach über deren Niederlage nicht so recht freuen. Die USA hätten sie locker weggesteckt. Was wir gerade beobachten, istvielleicht nur der Übergangvon einer ungünstigen Machtposition in eine bessere. Erleben wir gerade wieder einen „Imperial Overstretch“?Schon vor Jahrzehnten diagnostizierte der britische Historiker Paul Kennedy die Gefahr des „Imperial Overstretch“, der Überdehnung großer Mächte. Beispiele gibt es genug: das Osmanische, das Zaren- und das Habsburgerreich. Lange vorher erhob der Nazi-Jurist Carl Schmitt, getrieben vom Wunsch nach ungehemmtem Schalten und Walten Deutschlands in Europa, den historischen Befund zu einer Norm: Er dekretierte ein „Interventionsverbot raumfremder Mächte“. Donald Trump ist kein Denker, hat aber einen Riecher. Er betreibt einen Isolationismus, der die USA aus der schwächenden Überdehnung zu neuer Stärke führen könnte. Es ist wahr, dass die USA einst, nach ihrem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, vom aufkommenden europäischen Imperialismus beneidet wurden. Sie brauchten keine Kolonien, um Überschüsse an Waren und Kapital loszuwerden. Man konnte sie im eigenen, riesigen Nationalstaat absetzen. Dort gab’s auch die Rohstoffe, die Europas Mächte ihren Kolonien raubten. Den USA genügten ihr gewaltiges Staatsgebiet zwischen Atlantik und Pazifik und die Monroe-Doktrin von 1823. Das darin – lange vor Schmitt – formulierte Zutrittsverbot sicherte Lateinamerika und Kanada als Einflusszonen. Das war eine mächtige Basis. Von ihr aus machten die USA im 20. Jahrhundert zunächst in Europa ihren Vorteil geltend und dann Weltpolitik. Doch irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten erwies sich das als Falle, aus der der große Steuermann Trump jetzt wieder herausführen könnte. Der Imperialismus ist die Seuche aller GroßmächteEr drangsaliert den amerikanischen Doppelkontinentim Geist der Monroe-Doktrin äußerst brutal, verfügt über die Rohstoffe, ließ den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro kidnappen wie schon 1989 George Bush senior Panamas Machthaber Manuel Noriega. Erhat die Macht für einen Regimewechsel auf Kuba. Zu seinen Ressourcen zählen der fortdauernde Braindrain zugunsten der USA, an dem ICE und Xenophobie nichts ändern, die Stellung des Dollar und die uneinholbare militärische Stärke. Die USA bleiben eine Großmacht, aber zu geringeren Kosten und mit kleineren Risiken. Gegenüber Europa und Asien reicht eine Gleichgewichtspolitik nach Art des British Empire im 19. Jahrhundert: Eine feindliche Gegenküste ist nicht akzeptabel. Doch von der EU droht sie nicht. Dies und die erhoffte Neutralisierung Russlands erlaubt die Fokussierung auf die Konfrontation mit China. Sie hat mit dem angeblichen Abstieg der USA nichts, aber mit dem Imperialismus alles zu tun: Er ist die Seuche aller um Absatz- und Einflussgebiete konkurrierenden und sich belauernden Großmächte, nicht nur der USA. Hier ähnelt das brandgefährliche Heute der Lage kurz vor 1914. Auch diese entstand nicht aus einem Abstieg des verblassenden Empire. Aber die Konzentration auf die unangefochtene Macht in Gesamtamerika und der dadurch gegebene Einfluss im sonstigen „Westen“ könnten den USA eine Verhaltenssouveränität verschaffen, mit der vielleicht sogarirgendwann ein Ausgleich mit Chinamöglich wird. Ein heilsamer Teilrückzug, der nicht widerrufen werden wirdWomit wir zu tun haben, ist also der notgedrungene, wohl aber heilsame Teilrückzug der USA, eine Art Frontbegradigung. Rhetorik und Manieren Trumps täuschen darüber hinweg. Falls erseine Amtszeit nicht zu Ende führenkönnen sollte, wird dennoch nichts mehr so sein wie zuvor. Seine Nachfolger werden seine Wende nicht rückgängig machen können und wollen. Was bleibt, istHäme am Katzentisch. Der deutsche Bundespräsident wünscht Trump zum 80. Geburtstag Weisheit: das verdeckte Feixen von Subalternen. Auf der Suche nach neuen großen Brüdern setzen sie auf den globalen Süden. Doch der holt auch gegen Europa auf. Beachtenswerter als der Abstieg der USA ist als Zukunftsgefahr die Rolle und Ambition Deutschlands in der heraufziehenden imperialistischen Weltordnung. Solange es noch keine militärische Großmacht ist, plustert es sich moralisch auf. Wehe,wenn das einmal nicht mehr nötig ist. Zur Heuchelei gehört, den „Imperialismus“ nur mit den USA zu verbinden. Das Reden am Stammtisch über diese lenkt vom Hauptfeind im eigenen Land ab.