„Methode Daddy ist am Ende“: Trump trollt die NATO beim Gipfel – was Europa nun tun kann
kurierverlag-dePolitikErst eine Show nach Putins Geschmack, dann NATO-„Liebe“: Europa muss reden – ohne TrumpStand:09. 07. 2026, 13:11 UhrKommentareErst der Eklat, dann „Liebe“: Donald Trump scheint die NATO zu. . .

kurierverlag-dePolitikErst eine Show nach Putins Geschmack, dann NATO-„Liebe“: Europa muss reden – ohne TrumpStand:09. 07. 2026, 13:11 UhrKommentareErst der Eklat, dann „Liebe“: Donald Trump scheint die NATO zu trollen – Europa muss wohl auf der Hut bleiben. Eine kommentierende Analyse zum Gipfel. „Das Ergebnis übertrifft alle meine Erwartungen“, sagtFriedrich Merz (CDU) am Donnerstagmorgen in seiner Regierungserklärungüber denNATO-Gipfel. Nun weiß man nicht so genau, was sich der Bundeskanzler insgeheim vom Treffen in Ankara erwartet hatte. Vielleicht gehörten Donald Trumps Drohungen ja dazu. Die vielleicht beste Nachricht hatteMerzsich aber ohnehin für den Auftritt im Bundestag aufgespart: Die USA haben am Rande des Gipfels eingewilligt, Deutschland Tomahawk-Raketen zu verkaufen – die sie allerdings vor einiger Zeit noch selbst hier stationieren wollten. Womöglich beruhigt die Gemüter auch, dass Trump zum Ende der Tage in Ankaranoch „ganz viel Liebe“ für die NATO in sich entdeckte. Augen zu und durch? Möglicherweise ein Motto für Friedrich Merz beim nächsten NATO-Gipfel mit Donald Trump © Montage: Kay Nietfeld/Emrah Gurel/picture alliance/dpa/APDas mit den Tomahawk dürfteWladimir Putinnicht gefallen: Bisher kann Russland theoretisch europäische Hauptstädte wie Warschau, Kopenhagen und Berlin mit weitreichenden Waffen treffen – das russische Hinterland samt Moskau ist für Europas NATO-Staaten hingegen außer Reichweite, ein unangenehmes Ungleichgewicht. In der Türkei hatte Trump zunächst allerdings eine Show geliefert, wie sie den Kreml verzückt: Die Europäer, Kanada und NATO-Generalsekretär Mark Rutte hatten alles getan, um den US-Präsidenten zu bauchpinseln. Und der? Drohte auf offener Bühne, einem Partner (Dänemark) einen Teil dessen Territoriums zu entreißen (Grönland) und den Handel mit einem anderen (Spanien) komplett einzustellen. Was wegen der Handelshoheit der EU so isoliert gar nicht möglich ist. „Alle für einen, einer gegen alle“, schien das Motto zu lauten. Die große, böse Frage über dem NATO-Gipfel: Würde dieser US-Präsident im Ernstfall solche, in seinen Augen offenbar sehr nichtsnutzigen, Partner verteidigen?„Die Methode ‚Daddy‘ ist am Ende“: Europa muss trotz NATO-Happy-End Schlüsse ziehenMysteriöserweise klang Trump hinter verschlossenen Türen offenbar ganz anders – wesentlich entspannter, zugewandter. „Wir wollen bei euch bleiben“, sagt der US-Präsident Berichten zufolge. Das Phänomen ist nicht komplett neu: Auch Außenminister Marco Rubio oder Vize J. D. Vance hätten, so hieß es, auf ihre bedrohlich wirkenden Reden bei den jüngsten Münchner Sicherheitskonferenzen sehr sachliche Gespräche abseits der Bühne folgen lassen. Hätte Europa „etwas Selbstvertrauen“, würde es nicht „auf jeden dummen Kommentar“ reagieren, sagte der litauische AußenpolitikerŽygimantas Pavilionis unserer Redaktion vor einiger Zeit. Die Lage sei „nicht so schlimm, wie es klingt“. Außenpolitik ist für Trumps eben auch Innenpolitik. Und das Auftreten als „mad man“ hält Partner ja bislang offensichtlich auf Linie. Positiv betrachtet: Die meisten Provokationen haben die Europäer gelassen aufgenommen – wenngleich sich Dänemarks Regierungschefin Mette Fredriksen genötigt sah, zu betonen, dass man Grönland natürlich verteidigen würde. Das obligatorische Gipfel-Kommuniqué liest sich aus europäischer Sicht gar nicht so schlecht. Es finden sich ein paar hochwillkommene Sätze. Etwa, dass man am „eisernen Bekenntnis zu unserer kollektiven Verteidigung unter NATO-Artikel 5“ festhalte: „Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. “ Allerdings ist Papier geduldiger als Trump – und ein anderer erhoffter Passus schaffte es nicht einmal ins Abschlusspapier. Deutsche Fachleute sehen mittlerweile Bedarf für ein Treffen der Europäer ohne den wankelmütigen Trump. Zumal Wladimir Putin das Schauspiel um das einst stolze NATO-Bündnis genau verfolgen dürfte. „Die Methode ‚Daddy‘ ist am Ende“, urteilte Verteidigungsexperte Nico Lange schon am Mittwochnachmittag in einem Social-Media-Post – ein Seitenhieb auf Generalsekretär Mark Ruttes Schmeichel-Strategie: „Eigentlich bräuchte es ein ‚NATO-ohne-USA‘-Treffen, um offen darüber zu reden, was wir jetzt machen angesichts der akuten Bedrohungen. “ Seine Berufskollegin Jana Puglierin äußerte sich imGespräch mit unserer Redaktion schon vor dem Gipfel ähnlich. Die Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations hatte mit zwei Kollegen im Juni ein Papier vorgelegt, das einen Weg zu „europäischer Verteidigung“ aufzeigte – unter anderem über neue Kommandostrukturen für „regionale Koalitionen“ im NATO-Mantel. Dahinter steht die Frage, wie Europa vorgehen könnte, wenn die USA im Verteidigungsfall abwinken würden. Bei EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius sei das gut angekommen, sagte Puglierin. Aus dem Nordatlantikbündnis habe man auch andere Signale erhalten – nämlich, dass man dieses Thema in der NATO nicht ansprechen könne. Die Debatte müsse wohl in Europas Hauptstädten stattfinden, folgerte Pulgierin. Putin weiß um Trumps Politik: „So zu tun, als sei dem nicht so, ist etwas müßig“Ob das passieren wird, bleibt vorerst abzuwarten. Offiziell sah etwa Außenminister Johann Wadephul (CDU) die NATO „stärker als je zuvor“, wie er in den „Tagesthemen“ sagte – „irritierender Bemerkungen“ Trumps zum Trotz. Abwegig scheint das Szenario aber nicht, vermutlich steckt auch in Europas Reaktionen auf den Gipfel etwas Show. Zuletzt sickertebereits ein Krisentreffen unter hoher Geheimhaltungsstufe durch. Die Sorge, dass Putins Russland einen Vorstoß für mehr europäische Eigenständigkeit im NATO-Kommando als Schwäche des Bündnisses lesen könnte, versteht Puglierin zwar. Sie sieht die Lage aber anders: Man könne das als „Stärkung der regionalen Komponenten“ betrachten. Und der Kreml habe ohnehin sehr genau verstanden, dass Trump eine „andere Politik“ gegenüber Russland verfolgt: „So zu tun, als sei dem nicht so, ist insofern ein bisschen müßig. “Das gilt wohl trotz des augenscheinlichen Happyends in Ankara. „Unsere Geschlossenheit, Solidarität und kollektive Stärke bleiben die Basis von Frieden, Sicherheit und Wohlstand“, heißt es in der Abschluss-Erklärung. Man könnte das aber beinahe als verklausulierte Warnung vor Rissen im Fundament von Frieden, Sicherheit und Wohlstand lesen – jedenfalls was die USA angeht. Ein Effekt von Trumps Possen bleibt unterdessen real: Europa hat die Ausgaben für den eigenen Schutz stark hochgefahren. Eine „europäischere NATO“ nennt Merz das. Der Schritt zu einer notfalls „europäischen NATO“ fehlt eben (noch): Expertensehen gravierende Lücken, müsste Europa ohne die USA handeln. Und so lange bleibt Erpressungspotenzial für Trump. Bleibt die letzte vielsagende Leerstelle im Abschlusspapier. Europa hatte zuletzt China ungewohnt scharf attackiert, wegen dessen „beharrlicher“ Unterstützung für Putins Russland. Zu Zeiten Joe Bidens hatte die NATO Peking ebenfalls gerügt. „Seit Trump ist das verschwunden“, sagt Puglierin. Das hat sich auch diesmal nicht direkt geändert, das Abschlusspapier erwähnt China nicht namentlich – wenngleich etwa Aylin Matlé von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in einem Posting auf die enthaltene Wendung „strategische Konkurrenz“ verwies. Das Papier werde „etwas über die Beziehung zwischen China und USA“, erklärte Puglierin vor dem Gipfel; Trump sei wohl eher auf einen „Deal“ aus. Indirekt dürfte das Detail aber auch etwas über die Lage zwischen Europa und USA sagen: Spuren von „einer gegen alle“ finden sich auch im Fall China. (Quellen: Jana Puglierin, Nico Lange und Aylin Matlé via LinkedIn, NATO-Abschlusspapier, dpa, Tagesthemen, eigene Recherchen)