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News | Features | A Brand New Queer Cinema? - Homonormatives Kino aus den USA

„Das Einzige, was für mich zählt, ist Gerechtigkeit für die Frau, die ich liebe. “ Gewiss wurde dieser mit Pathos aufgeladene Satz – in zahlreichen Variationen – schon oft in Hollywood-Produktionen gesagt. Man. . .

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News | Features | A Brand New Queer Cinema? - Homonormatives Kino aus den USA

„Das Einzige, was für mich zählt, ist Gerechtigkeit für die Frau, die ich liebe. “ Gewiss wurde dieser mit Pathos aufgeladene Satz – in zahlreichen Variationen – schon oft in Hollywood-Produktionen gesagt. Man kann ihn sich gut aus den Mündern von Harrison Ford, Richard Gere, Kevin Costner, Ryan Gosling oder Channing Tatum vorstellen. InFreeheldwird er hingegen von Julianne Moore formuliert. Der Film erzählt – beruhend auf einer wahren Begebenheit – von einem David-gegen-Goliath-Kampf sowie einer lesbischen Liebe. Dabei kommen all jene dramaturgischen und inszenatorischen Mittel zum Einsatz, die sich im US-Melodram etabliert haben. Aber ist die Integration des Nicht-Heterosexuellen in klassisch heterosexuell grundierte filmische Formen als Fortschritt zu werten?Sowohl in Deutschland als auch international wirdFreeheldvon der Filmkritik eher verhalten aufgenommen. Der Stoff, dem sich bereits im Jahre 2007 ein gleichnamiger dokumentarischer 40-Minüter widmete, wird als relevant erachtet – dessen Umsetzung allerdings als schwach empfunden: „shockingly trite“ (erschreckend abgedroschen), urteilt etwa derGuardian;Indiewiresieht den Film auf eine „tired formula“ (müde Formel) reduziert. Hierzulande wird das Werk beispielsweise als „jeglicher Poesie [beraubt]“ (SPON) und „holzschnittartig“ (kino-zeit) bezeichnet. Eigentlich müssteFreeheldein Film sein, der zornig macht, indem er sein Publikum an der Erschütterung teilhaben lässt, mit der sich seine beiden Protagonistinnen konfrontiert sehen: Als die seit über zwei Dekaden als Polizistin in New Jersey tätige Laurel Hester (Julianne Moore) im Jahre 2005 erfährt, dass sie Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium hat, beantragt sie, dass ihre Rentenansprüche im Falle ihres Todes auf Stacie Andree (Ellen Page) übergehen, mit welcher sie eine eingetragene Partnerschaft führt und sich ein Leben mit Haus und Hund aufgebaut hat. Doch der Antrag wird vom Gemeinderat, bestehend aus fünf weißen, heterosexuellen Männern, abgelehnt. (Bild ausFreeheldvon Peter Sollett; Copyright: Lionsgate)Der Kampf gegen Ungerechtigkeit gehört seit jeher zu den Plots, denen sich (nicht allein) das US-Kino mit Vorliebe widmet. Damit aus einem Film mit derartigem Handlungsgerüst mehr als ein Trivialwerk wird, bedarf es Figuren, die als Persönlichkeiten, als Charaktere erkennbar werden – nicht zuletzt mithilfe einer (Bild-)Sprache, die statt auf Althergebrachtes auf die Besonderheiten der Geschichte und ihrer Beteiligten setzt. InFreeheld– geschrieben von Ron Nyswaner, inszeniert von Peter Sollett – wurde dies jedoch überwiegend nicht verwirklicht und wahrscheinlich sogar bewusst verhindert: Ohne den Titel des Films zu nennen, sprach sich Drehbuchautor Nyswaner im November 2015 während einer Preisverleihung in Los Angeles gegen die konservative Vorgehensweise der Produzent_innen bei einem seiner jüngsten Projekte aus. Aus Angst habe man dort die Ecken und Kanten der lesbischen Protagonistinnen geglättet und das Frauenpaar ‚normalisiert‘. Zur LGBT-Community (Lesbian,Gay,Bisexual,Transgender) sagte Nyswaner: „We must resist the tendency to be de-gayed. “ Seine Intention, LGBT-Figuren nicht um ihre Eigenheiten zu bringen, nur um sie so zu vermeintlich ‚geeigneteren‘ Hollywood-Held_innen zu machen, ist keineswegs neu: Schon zu Beginn der 1990er Jahre präsentierten Vertreter_innen desNew Queer Cinemawie Todd Haynes, Gus Van Sant, Tom Kalin oder Gregg Araki herausfordernde, von Wut durchdrungene Werke, deren Protagonist_innen ganz dezidiert nicht (im Sinne einer möglichst leichten Eingliederung) der Norm angepasst wurden. Dass nun, über 20 Jahre später, noch immer eine Homonormativität zentraler Figuren, wie Nyswaner sie kritisch beschreibt, vonseiten der Produzent_innen als nötig angesehen wird, ist ärgerlich – und erschreckend. Ein noch extremeres Beispiel für die Anpassung queerer Hauptfiguren an heteronormative Sehgewohnheiten ist Roland Emmerichscoming-of-age-FilmStonewall, der im November 2015 in den deutschen Kinos anlief. Das Reifedrama thematisiert den Aufstand, der sich Ende Juni 1969 in der Christopher Street in New York ereignete, als die Polizei eine Razzia in der LGBT-BarStonewall Innvornahm. Im Mittelpunkt der von Jon Robin Baitz verfassten Story steht der fiktive, weiße, jungeCis-MannDanny (Jeremy Irvine), der seine heimatliche Kleinstadt verlässt und in der Großstadt landet, nachdem er beim sexuellen Kontakt mit einem Mitschüler ‚ertappt‘ und von seinem Vater verstoßen wurde. Bereits der erste Trailer zuStonewalllöste in LGBT-Kreisen Proteste aus und führte zu einer Online-Petition, die zum Boykott des Films aufrief: Als „the newest whitewashed version of queer history“ (die neuste weißgewaschene Version queerer Geschichte) wurde das Emmerich-Werk abgelehnt – insbesondere aufgrund der Fokussierung auf Danny, welcher darin den ersten Backstein durch ein Fenster der polizeilich eingenommenen LGBT-Bar wirft und damit die historischen Unruhen maßgeblich in Gang setzt. Ebenso stieß Emmerichs Erklärungsversuch hierfür aufheftige Kritik: In Testvorführungen habe er gemerkt, dass Danny „a very easy in“ (eine sehr leichte Einstiegsfigur) für das heterosexuelle Publikum sei; „Danny’s very straight-acting“, er trete sehr ‚hetero‘ auf. Dieses Vorgehen führt zu einer befremdlichen Umkehrung in der Rezeption von Hollywood-Produktionen: Während einst – in einer Zeit, in der Queerness nicht offen in Filmen gezeigt werden durfte – ein queeres Publikum die entstandenen Werke ‚gegen den Strich lesen‘ konnte (und so etwa in einer Außenseiterstudie wie… denn sie wissen nicht, was sie tunaus dem Jahre 1955 queere Subtexte zu entdecken vermochte), kann heute die heterosexuelle Zuschauerschaft die Queerness eines Films dank ‚zugänglicher‘ Hauptfiguren wie Danny nahezu gänzlich ausblenden. Charaktere, die sich dieser Homonormativität widersetzen, werden inStonewallan den Rand gedrängt und dienen lediglich als schrille Hintergrundkulisse für die stereotype Entwicklungsmär des weißenstraight-acting-Helden. Letztlich ging Emmerichs Kalkül allerdings nicht auf;Stonewallerwies sich alsfinanzieller Misserfolg. (Bild ausStonewallvon Roland Emmerich; Copyright: Warner Bros. )Auch die Transgender-DramenThe Danish GirlundAlle Farben des Lebenswurden im Hinblick auf ihre Protagonist_innen und deren Besetzung ausgiebig diskutiert. Es ist durchaus vorstellbar, dass Eddie Redmayne, der die Trans-Frau Lili Elbe inThe Danish Girlverkörpert, und Elle Fanning, die den juvenilen Trans-Mann Ray inAlle Farben des Lebensspielt, im Casting-Prozess mit ihren Interpretationen so sehr überzeugen konnten, dass sie jeweils als beste Rollenwahl erschienen; beide haben unzweifelhaft Talent. Dennoch müssen sich die Macher_innen der beiden Werke die Frage gefallen lassen, ob die Besetzung eines Trans-Frauenparts mit einem Cis-Mann beziehungsweise eines Trans-Männerparts mit einer Cis-Frau nicht ziemlich mutlos ist und sie damit nicht (ob gewollt oder ungewollt) eine künstlerische Aussage darüber treffen, wie sie Trans-Menschen sehen. Für eine Kontroverse sorgte vor allem ein Interview mit Gaby Dellal, der Regisseurin und Story-Entwicklerin vonAlle Farben des Lebens: „She’s just a girl who is being herself and is chasing the opportunity to start hormone treatment“ – sie sei einfach ein Mädchen, einfach sie selbst und strebe nach der Möglichkeit, eine Hormonbehandlung zu beginnen –, sagte Dellal über ihre adoleszente Hauptfigur Ray. Einen Trans-Jungen für die Rolle zu nehmen sei deshalb keine Option für sie gewesen. Insbesondere die Verwendung weiblicher Pronomina für eine Figur, die sich selbst als junger Mann identifiziert, wurde der Filmemacherin von Journalist_innen und Leser_innen zumVorwurfgemacht. In Tom HoopersThe Danish Girl– dessen Drehbuch von Lucinda Coxon (auf Basis des RomansDas dänische Mädchenvon David Ebershoff) stammt – lässt sich eine Anpassung an heteronormative Vorstellungen zudem daran erkennen, dass sich der Film weniger für gender- und queerpolitische Fragen interessiert, sondern vielmehr für die Beziehung zwischen Einar Wegener/Lili Elbe und Gerda Wegener (Alicia Vikander): eine tragische Liebe, die in berückend schöne, aber überwiegend konventionelle Bilder gefasst wird. (Bild ausAlle Farben des Lebensvon Gaby Dellal; Copyright: Tobis)Dass man mit den Mitteln des klassischen Melodrams entschieden subversiver umgehen kann, demonstriert Todd Haynes inCarol. Die von Phyllis Nagy geschriebene Adaption des Patricia-Highsmith-RomansSalz und sein Preiserzählt die Liebesgeschichte zwischen der verheirateten Carol Aird (Cate Blanchett) und der jüngeren Therese Belivet (Rooney Mara) im New York der 1950er Jahre. Haynes hat sich – wie schon inDem Himmel so fern(2002) – offenkundig von den Versiertesten und Klügsten des melodramatischen Fachs inspirieren lassen: Ähnlich wie Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder kontrastiert er die dem Genre inhärente Künstlichkeit mit komplex-eigensinnig gezeichneten Hauptfiguren sowie Bildern und Worten der Wahrhaftigkeit, die im artifiziellen Umfeld eine umso größere Wucht entfalten. (Bild ausCarolvon Todd Haynes; Copyright: DCM Film Distribution)Das Herkömmliche zu hinterfragen und die Grenzen der Filmsprache zu überschreiten – darum sollte es imQueer Cinemagehen; nicht um eine Angleichung an die kinematografische (Hetero-)Norm.

Quelle: kino-zeit.de

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