Pulitzer-Preis-Trägerin: „Die USA entstanden nicht im luftleeren Raum“
Frau DuVal, die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 in Philadelphia gilt als Gründungsmoment der Vereinigten Staaten. Was war aus historischer Sicht die eigentliche Bedeutung dieses. . .

Frau DuVal, die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 in Philadelphia gilt als Gründungsmoment der Vereinigten Staaten. Was war aus historischer Sicht die eigentliche Bedeutung dieses Akts?KATHLEEN DUVAL:Die Erklärung markiert den Punkt, an dem Protest und bewaffneter Widerstand in ein klar formuliertes politisches Ziel mündeten. Die Männer in Philadelphia sagten nicht mehr nur, was sie an der britischen Herrschaft ablehnten. Sie erklärten, dass sie einen unabhängigen Staat gründen wollten. Zugleich war das ein Akt der Selbstlegitimation. Die Delegierten wollten zeigen, dass sie das Recht hatten, im Namen ihrer Kolonien so weit zu gehen. Wenn man auf die längere Geschichte schaut, wirkt 1776 ja nicht wie ein Anfang aus dem Nichts. DUVAL:Genau. Menschen lebten seit Jahrtausenden auf dem amerikanischen Kontinent. Europäische Mächte waren seit dem frühen 16. Jahrhundert in Nordamerika präsent. Und auch die britischen Kolonien hatten bereits eine lange Geschichte hinter sich. Man darf nicht so tun, als hätte es damals schon so etwas wie ein einheitliches Amerika gegeben. Die Kolonien lagen im Wesentlichen an der Atlantikküste, und sie unterschieden sich erheblich voneinander. Worin lagen diese Unterschiede?DUVAL:In fast allem: in Wirtschaft, Religion, politischer Kultur, teilweise sogar in Sprache und Selbstverständnis. Sie fühlten sichGroßbritannienverbunden, hatten aber unterschiedliche Interessen und zum Teil erhebliche Vorbehalte gegeneinander. Das ist wichtig, weil oft so getan wird, als seien diese Kolonien von Anfang an einig gewesen. Wie stark spiegelt sich das in der Unabhängigkeitserklärung wider?DUVAL:Sehr stark. Die Erklärung ist einerseits eine Art Anklageschrift gegen König Georg III. Sie soll begründen, warum die Trennung von Großbritannien gerechtfertigt ist. Andererseits soll der Text mobilisieren. Es ging darum, ihn öffentlich zu verlesen und damit Menschen zu überzeugen, die noch keineswegs geschlossen hinter der Revolution standen. Deshalb enthält sie nicht nur konkrete Beschwerden, sondern auch große, prinzipielle Aussagen. Muss die Unabhängigkeitserklärung als Teil der größeren internationalen Ideengeschichte verstanden werden?DUVAL:Unbedingt. Die amerikanische Revolution war nie nur eine nationale Angelegenheit. Sie war in militärischer Hinsicht international, weil europäische Mächte und indigene Nationen in den Konflikt verwickelt waren. Und sie war ideengeschichtlich Teil eines transatlantischen Raums. Die Revolutionäre lasen Autoren der schottischen Aufklärung, französische Philosophen und dachten zugleich in Kategorien, die aus der britischen Verfassungstradition stammten. Die Vereinigten Staaten entstanden nicht im luftleeren Raum. Trotzdem hält sich bis heute die Vorstellung, in Amerika hätten sich die Ideale der Aufklärung einzigartig verwirklicht. DUVAL:Die amerikanische Revolution war die erste große Revolution dieses Zeitalters. Aber die Amerikaner handelten nicht als einzige Träger aufgeklärter Ideen. Auch die Briten sahen ihre Ordnung damals als Ergebnis politischer Entwicklung und Balance. Diese Geschichte ist also komplizierter, als es nationale Selbstbeschreibungen später gern darstellen. In Ihrem Buch „Independence Lost” zeigen Sie, dass die Unabhängigkeit der 13 Kolonien für viele andere Menschen einen Verlust an Freiheit bedeutete. Was meinen Sie damit?DUVAL:Am deutlichsten wird das bei den indigenen Nationen. 1776 beschränkten sich die britischen Kolonien weitgehend auf den Atlantikraum. Indigene Gesellschaften prägten und kontrollierten große Teile Nordamerikas. Mit der Entstehung und Expansion der Vereinigten Staaten gerieten diese Nationen massiv unter Druck. Die USA dehnten sich nach Westen aus, nahmen Land in Besitz, vertrieben Gemeinschaften und zerstörten in vielen Fällen ihre politische Unabhängigkeit. Für viele indigene Menschen bedeutete die Unabhängigkeit der USA daher weniger Freiheit, nicht mehr. Das widerspricht der klassischen amerikanischen Erzählung. DUVAL:Ja, aber Geschichte ist oft voller Widersprüche. Für manche Gruppen brachte die Revolution neue Möglichkeiten, für andere markierte sie den Beginn eines massiven Freiheitsverlustes. Deshalb sollte man vorsichtig sein mit einer allzu vereinfachten Darstellung. Gilt das auch für die Sklaverei?DUVAL:Ja, eindeutig. Auf der einen Seite lieferte die Rhetorik der Revolution neue Argumente gegen die Sklaverei. Sie versprach Freiheit, Gleichheit und Rechte für alle. Versklavte und freie Schwarze sowie Gegner der Sklaverei griffen das auf und machten auf die Heuchelei aufmerksam. Im Norden kam es in der Folge zu schrittweisen Abschaffungen. Im Süden bestand sie nicht nur fort, sondern wuchs und verfestigte sich auf Generationen. Frauen profitierten ebenfalls nicht automatisch?DUVAL:In manchen Regionen, die zuvor unter französischem, spanischem oder indigenem Recht standen, hatten Frauen weitergehende Rechte, etwa beim Eigentum oder in wirtschaftlichen Fragen. Mit der Ausdehnung der Vereinigten Staaten und des angloamerikanischen Rechts gingen solche Spielräume oft verloren. Präsident Trump inszeniert den Jahrestagmit Käfigkämpfen, Autorennen und „Freedom Trucks”. Was sagt das über den Zustand der amerikanischen Demokratie?DUVAL:Es gibt auf nationaler Ebene sehr laute und stark politisierte Inszenierungen. Aber das ist nicht die einzige Form, in der in den USA über die Revolution gesprochen wird. Im ganzen Land arbeiten lokale historische Gesellschaften, Museen, Lehrer und Wissenschaftler an sehr vielschichtigen Darstellungen. Zur PersonKathleen DuVal, 56, ist Geschichtsprofessorin an der University of North Carolina at Chapel Hill. Für ihr Buch „Native Nations“ erhielt die US-Amerikanerin im vergangenen Jahr unter anderem den Pulitzer-Preis für Geschichte. Kathleen DuVal sagt: „Für manche Gruppen brachte die Revolution neue Möglichkeiten, für andere markierte sie den Beginn eines massiven Freiheitsverlustes. “Foto: Sammlung DuVal