Russland und der versteckte Angriff auf Europa
Foto: AiArtgenerater - Freepik. comJahrelang blieben die Signale im Orbit unentdeckt: Neue Daten enthüllen nun, wie Russland die zivile Infrastruktur in Europa über das GPS-Band massiv bedroht. Russland und der. . .

Foto: AiArtgenerater - Freepik. comJahrelang blieben die Signale im Orbit unentdeckt: Neue Daten enthüllen nun, wie Russland die zivile Infrastruktur in Europa über das GPS-Band massiv bedroht. Russland und der versteckte Angriff auf EuropaDie verdeckten Operationen Russlands im Weltraum entwickeln sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die europäische Sicherheitsarchitektur. Im Visier steht dabei die weltweite Navigationsinfrastruktur, deren Verwundbarkeit im modernen Konfliktfall immer deutlicher zutage tritt. Während die zivile und militärische Welt untrennbar mit den Signalen aus dem Orbit verflochten ist, wächst im Hintergrund die Gefahr einer unsichtbaren Blockade. Experten warnen nun vor neuen technologischen Fähigkeiten, die weit über die bekannten Störungen am Boden hinausgehen. Die GPS-Sabotage aus dem WeltraumDana A. Goward, ehemaliger hochrangiger Beamter beim US-Küstenschutz und zuständig für die sichere Navigation auf hoher See, gründete nach seiner Pensionierung im Jahr 2013 in den USA eine NGO, die sich für die Sicherheit des GPS-Systems einsetzt. Im Oktober 2024 schrieb er einen Meinungsartikelin SpaceNews. Dort erörterte er die Möglichkeit, dass russische und chinesische Satelliten als Störsender im All benutzt werden könnten, um das GPS zu stören. Seit GPS-gestützte Navigation zivil wie militärisch zur Standardinfrastruktur geworden ist, haben sich zwei Methoden ihrer Sabotage etabliert. Jamming überlagert das schwache Satellitensignal mit Hochfrequenzrauschen auf derselben Trägerfrequenz und macht den Empfänger taub. Er empfängt keine Position und keine genaue Zeitangabe. Spoofing ist subtiler; der Angreifer sendet gefälschte GPS-Signale, die das Original imitieren, aber falsche Koordinaten liefern. Der Empfänger zeigt eine Position an, nur nicht die tatsächliche. Es wurden Fälle bekannt, in denen Schiffe laut ihren GPS-Signalen durch Wüsten fuhren. Als Russland im Frühjahr 2022 die Ukraine angriff, nahm die GPS-Interferenz über dem europäischen Raumdramatisch zu. Russland betreibt um seine Militäranlagen und im Raum Kaliningrad bodengestützte Jammer, primär um ukrainische Drohnen an ihrer GPS-Navigation zu hindern. Piloten auf Flügen über das Baltikum und die östliche EU-Peripherie berichten regelmäßig von Positionsfehlern. Beim Absturz einer Embraer E190 der Azerbaijan Airlines mit 67 Menschen an Bord am Weihnachtstag 2024 war das Jamming durch das russische Militär wohleine der Ursachen. Kurz nach der Veröffentlichung seines Artikels erhielt Goward eine E-Mail eines anonymen Forschers aus Großbritannien. Dieser schrieb, Goward solle sich bitte einen bestimmten Frequenzbereich des GPS-Bandes ansehen. Seiner Meinung nach könnten diese Interferenzen, die dort zu beobachten seien, nicht auf der Erde entstanden sein. Die Störungen lagen nicht im Zentrum des GPS-L1-Bands bei 1575,42 MHz, sondern versetzt bei 1577,5 MHz, knapp zwei Megahertz daneben. Durch diesen Offset waren sie über Jahre unsichtbar gemacht worden, denn die automatischen Filter klassifizierten sie nicht als bewusstes Signal, sondern als Rauschen. Erst mitdiesem Hinweisbegann Todd Humphreys vom Radionavigation Lab der University of Texas at Austin gemeinsam mit seinem Studenten Zach Clements, systematisch zu suchen. Sie durchkämmten Daten von 165 GPS-Referenzstationen weltweit, zurück bis 2019. Der Befund war subtil und zugleich verstörend konsistent: 75 Störereignisse, alle unter zehn Sekunden, fast ausschließlich an Wochentagen, konzentriert auf die europäischen Bürozeiten. Jahrelang blieb die Quelle unklar. Dann kam der Februar 2026. Russischer Frühwarnsatellit als Störsender enttarntGestützt auf Messdaten von 165 terrestrischen GPS-Referenzstationen identifizierten Humphreys und Clements insgesamt 75 Störereignisse mit demselben Fingerabdruck: unter zehn Sekunden Dauer, fast ausschließlich dienstags bis donnerstags und ohne erkennbare Korrelation mit atmosphärischen oder technischen Einflüssen. Mithilfe zusätzlicher Rohdaten aus Messstationen in Amsterdam und Trondheim rekonstruierten die Forscher bei einem Ereignis vom Februar die Position des Senders mit einer Genauigkeit von wenigen Metern. Als sie die errechnete Raumregion mit bekannten Satellitenbahnen abglichen, blieb nurein Kandidat übrig: Cosmos 2546, ein russischer Satellit des EKS-Frühwarnsystems (Edinaya Kosmicheskaya Sistema) im Molnija-Orbit. Offiziell als Raketenfrühwarnsystem deklariert, dienen die EKS-Satelliten der Detektion ballistischer Flugkörper und nuklearer Explosionen aus dem Weltraum. Das EKS-System umfasst aktuell sechs aktive Satelliten; Cosmos 2546 ist einer davon. Die Wahl des Molnija-Orbits ist nicht zufällig: Diese stark elliptische Umlaufbahn, die Russland seit den 1960er Jahren für Kommunikations- und Frühwarnsatelliten nutzt, lässt Cosmos 2546 für einen großen Teil seines Umlaufs über den hohen Breitengraden der Nordhalbkugel verweilen, mit direkter Sichtlinie auf Europa und Nordrussland gleichzeitig. Eine entscheidende Frage kann die Studie nicht beantworten, nämlich ob die Impulse der routinemäßigen Systemüberprüfung dienen oder ob Russland damit regelmäßig seine Fähigkeit erprobt, das GPS-Band nutzlos zu machen. Ramsey Faragher, Leiter des Königlichen Instituts für Navigation in London, fasst die sicherheitspolitische Implikation so zusammen: Ein Satellit in diesem Orbit sei in der Lage, einen ganzen Kontinent täglich zu blockieren. Russland selber wäre nicht betroffen, denn sein GLONASS operiert auf abweichenden Frequenzen und bleibt vollständig unberührt. Allerdings wäre auch das chinesische BeiDou-Satellitennavigationssystem betroffen, da es dieselbe Bandbreite wie GPS und das europäische Galileo-System benutzt. Ob Moskau bewusst in Kauf nimmt, dass sein engster strategischer Partner ebenfalls betroffen wird, oder ob es davon ausgeht, dass ein BeiDou-Ausfall für Peking ein weniger ernstes Ereignis wäre, lässt die Studie offen. China verfügt, wie Russland, über terrestrische Ersatzsysteme. Zivile Infrastruktur schutzlosEuropa ist praktisch vollständig vom GPS bzw. von Galileo abhängig. Als einziges europäisches Land baut Großbritannien derzeit ein eigenes landgestütztes Ersatzsystem auf, das bis 2030einsatzbereit sein soll. Die Bundeswehr testet seit letztem Jahr ein mobiles System, und Frankreich und die Niederlande sprechen über ein gemeinsames System. Im maritimen Bereich erarbeitet Deutschlandunter Federführung des DLRzusammen mit den Ostseeanreinerstaaten Polen, Estland, Finnland, Schweden und Norwegen ein Schiffsnavigationssystem, das dieses Jahr seinen präoperativen Dienst aufnehmen soll. Zusätzlich arbeitet die Telekom zusammen mit dem Netzbetreiber 50Hertz an einer glasfasergestützten Zeitübertragungsinfrastruktur, die unabhängig vom GPS operieren soll. Denn das GPS dient nicht nur der Navigation, sondern auch als Taktgeber für Synchronisationsprozesse in Stromnetzen, Bankensystemen und in der Telekommunikation. Ein Ausfall hätte katastrophale Konsequenzen: Die Stromnetze könnten nicht mehr in Echtzeit synchronisiert werden, was Blackouts zur Folge hätte, Rettungsdienste würden ineffektiv arbeiten, das Mobilfunknetz wäre gestört. Was ein landesweiter Blackout bedeutet, war letztes Jahr in Spanien zu beobachten. EineStudieim Auftrag der UK Space Agency geht davon aus, dass ein einziger Tag ohne funktionierendes GNSS-Signal einen Schaden von knapp 1,5 Milliarden Pfund in Großbritannien verursachen würde. Ein europaweites Jamming des GNSS wäre also nicht nur ein militärisches Problem, sondern würde alle Bereiche des täglichen Lebens umfassen. Und mit einer Quelle im Orbit statt auf dem Boden entfallen auch die klassischen Gegenmittel: Es gibt keine Anlagen, die sich mit einem Präzisionsangriff ausschalten ließen, womit Europa und die USA kein direktes Gegenmittel haben. Militärische Resilienz erfordert schnelle ErsatzsystemeOb die dokumentierten Impulse der routinemäßigen Überprüfung eines Frühwarnsystems dienen oder der Erprobung einer operativen Störfähigkeit, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht mit Sicherheit beantworten. Die strategische Konsequenz ist jedoch dieselbe: Russland hält sich offenbar die Option offen, die satellitengestützte Navigation über Europa großflächig zu beeinträchtigen. Darin liegt auch eine unbequeme Erinnerung an die sicherheitspolitischen Annahmen der vergangenen Jahrzehnte. Nach dem Ende des Kalten Krieges zog Europa eine Friedensdividende ein und baute zahlreiche militärische und zivile Resilienzen zurück. Dieser Vertrauensvorschuss beruhte auf der Erwartung, dass grundlegende Infrastrukturen nicht mehr zum Gegenstand geopolitischer Konfrontation werden würden. Die Entwicklungen der letzten Jahre, von Energieabhängigkeiten bis zu GPS-Störungen, zeigen, dass diese Erwartung nicht von allen Akteuren geteilt wurde. Für Europa lautet die entscheidende Frage daher nicht, ob Russland über eine solche Fähigkeit verfügt. Die Studie legt nahe, dass dies der Fall ist. Die entscheidende Frage ist, ob Europa seine Verwundbarkeit schneller reduziert, als potenzielle Gegner ihre Fähigkeiten ausbauen. Über den RedakteurDói EnnosonChina-ExperteDói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte. Kommentare lesen und schreiben, hier klicken