„Sehr glücklich”: Greta bekam drei Kinder von Leihmutter aus den USA
Kinder mit einer Leihmutter zu bekommen, wird gerade wegen Jens Spahn viel diskutiert. Greta Baumeister kennt diesen hoch emotionalen Weg aus eigener Erfahrung. Sie erzählt, wie sie, ihre Kinder und die. . .
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Kinder mit einer Leihmutter zu bekommen, wird gerade wegen Jens Spahn viel diskutiert. Greta Baumeister kennt diesen hoch emotionalen Weg aus eigener Erfahrung. Sie erzählt, wie sie, ihre Kinder und die Leihmutter sich dabei fühlen. Im Video: Spahn bekommt Kind von Leihmutter – in Deutschland verbotenIch habe unsere drei Kinder in die Welt gebracht, aber nicht auf die Welt. Leah hat uns dabei geholfen, unsere „Leihmutter“ aus den USA. Ich möchte unsere Geschichte erzählen, weil ich überzeugt bin,dass Leihmutterschaft ein Weg ist, den immer mehr Menschen gehen und gehen werden, weil es für viele die einzige Möglichkeit sein wird, eine Familie zu gründen. Dieser Beitrag ist ein Buchauszug aus dem Buch „Rethinking Motherhood“ und wurde von der Redaktion gekürzt. Als wir diesen Weg eingeschlagen haben, war ich ziemlich verzweifelt, wir hatten schon einiges probiert und viele Rückschläge eingesteckt. Eine Leihmutterschaft war mit vielen und großen Fragezeichen behaftet. Rückblickend sind wir sehr glücklich, auf diesem Weg unsere Kinder bekommen zu haben. „Euer Weg ist anders, aber nicht weniger wertvoll“Ich möchte aber betonen: Leihmutterschaft bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Partner und mit allen Beteiligten. Es ist nicht, wie es manchmal dargestellt wird, ein eventuell kostspieliger, aber einfacher Weg zum eigenen Kind. Es ist ein anderer Weg, und es wird immer ein anderer Weg bleiben, auch nach den neun Monaten Schwangerschaft. Ich möchte diese Geschichte auch insbesondere für unsere Kinder und alle Kinder erzählen, die nicht über den klassischen Weg zu ihren Eltern gekommen sind: Euer Weg ist anders, aber nicht weniger wertvoll. Er beruht auf einem großen und starken Wunsch eurer Eltern nach euch – und auf sehr viel Liebe. ANZEIGEANZEIGEBeim Thema Kinderkriegen hat fast jeder eine ziemlich klare Meinung. „Das sind die Karrierefrauen, die irgendwann merken, dass die biologische Uhr zu ticken anfängt, und dann diesen Weg gehen“, sagte eine Kollegin schmallippig, als ich ihr erzählte, dass wir ein Kind mithilfe einer Leihmutter bekommen. Andere glauben, wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt, dann ist sicher der Stress im Job schuld. Sie werfen uns Frauen vor, zu lange gewartet und lieber in die Karriere investiert zu haben, und verlangen, es mit den Kindern dann doch lieber bleiben zu lassen. Aber wie unsere Betreuerin bei der US-amerikanischen Leihmutteragentur in Anlehnung an das afrikanische Sprichwort „It takes a village to raise a child“ („Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“) sagte: „Sometimes it takes a team to have a child“ („Manchmal braucht es ein Team, um ein Kind zu bekommen“). Und in sehr vielen Fällen ist auch nicht die vermeintliche Karriere der Grund für einen solchen Weg. Einzige Option ist eine LeihmutterAls ich erfahren habe, dass ich keine Kinder austragen kann, war ich sechzehn Jahre alt. Mein Arzt meinte damals als Erster zu mir, dass Leihmutterschaft ein Weg zum eigenen Kind sein könne. Das war Ende der 1980er-Jahre. Ich weiß nicht, was mich damals mehr mitgenommen hat: Die Tatsache, dass ich in meinen Augen „nicht normal“ war, oder dass meine einzige Option, ein eigenes Kind zu bekommen, eine Leihmutter war. Das klang verboten und falsch. Ich hörte in meinem Inneren die Menschen in unserer Kleinstadt aufschreien: „Das gehört sich nicht!“ Auch heute noch klingt der Begriff Leihmutter – trotz unserer eigenen positiven Erfahrungen – für mich schrecklich. Man leiht sich eine Mutter – und was dann? Wer leiht sie sich von wem? Gibt man sie danach wieder zurück? Elternschaft und Mutterschaft sind hohe Güter in unserem Wertesystem. Sehr intim und in höchstem Maße persönlich – wie kann man das leihen? Ich hätte viel darum gegeben, unsere Kinder selbst austragen zu können. Aber Mutter sein istso viel mehr als eine Schwangerschaft. Es bedeutet, ein Kind auf seinem Weg zu begleiten, es zu trösten, gemeinsam zu lachen, gemeinsam zu streiten, sich zu versöhnen. „Leihmutter“ ist der falsche BegriffMutter sein heißt, rechtliche und soziale Verantwortung zu übernehmen, im Zweifel alles andere dem Kindeswohl unterzuordnen. Seit der Geburt unserer Kinder habe ich mich in jeder Sekunde als ihre einzige und unbedingte Mutter gefühlt. Der Begriff der Leihmutter ist für mich daher semantisch falsch. Ich bevorzuge den englischen Begriff Surrogate (übersetzt: Stellvertreterin). Keine Surrogate, mit der wir uns unterhalten haben, hatte zu irgendeinem Zeitpunkt den Wunsch verspürt, eine Mutterrolle zu übernehmen oder auch nur eine engere Beziehung zu dem ausgetragenen Kind aufrechtzuerhalten, geschweige denn wollte sie Rechte eingeräumt bekommen. Im Gegenteil, sie haben das Kind als ihnen für die Schwangerschaft anvertraut empfunden. Die Beziehung zu Leah, der Leihmutter unserer drei Kinder, bestand und besteht auch eher zwischen ihr und uns als zwischen ihr und unseren Kindern. Als ich während unseres Aufenthalts in den USA zwei andere Surrogates befragte, ob es für sie schwer war, die Kinder nach der Geburt abzugeben, lachten sie, und eine der beiden meinte: „Oh no, Gosh, I have my own five boys at home, I am so happy I can sleep through my nights now … !“ („Oh nein, meine Güte, ich habe meine eigenen fünf Jungs zu Hause, ich bin so froh, dass ich jetzt meine Nächte durchschlafen kann … !“)Viele denken beim Thema Leihmutterschaft, jemand würde einer Frau ihr langersehntes Baby wegnehmen. Aber es ist nicht das eigene Baby, und es ist auch nicht langersehnt. Zumindest bei allen Agenturen, mit denen wir Berührungspunkte hatten, durfte der ausgetragene Embryo nicht von der Leihmutter kommen. Er kommt von den Wunscheltern und, falls das nicht möglich ist, gegebenenfalls von einer Eizellspenderin oder einem Samenspender, aber es werden eben nicht die Eizellen beziehungsweise Blastozysten der Tragemutter eingesetzt. Sie ist also nicht die biologische Mutter des ausgetragenen Kindes. Der Gedanke, etwas Gutes tun zu wollenAlle Leihmütter mussten zudem bei den von uns angefragten Agenturen eigene Kinder gehabt haben, um auch den letzten Zweifel auszuräumen, dass ein irgendwie gearteter Kinderwunsch im Raum steht. „Warum macht eine Frau so etwas dann, ein Kind für eine andere Frau austragen?“, haben mich Freunde immer wieder gefragt, meist etwas ungläubig. Und ja, ich habe mich das anfangs auch selbst gefragt. Aber je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigt und mit Beteiligten gesprochen haben, desto weniger wurden die Fragen. Bei allen Surrogates, die wir kennengelernt haben, stand der Gedanke, etwas Gutes tun zu wollen, im Mittelpunkt. Dass man damit auch etwas Geld dazuverdienen kann, war sicherlich ein interessanter Nebenaspekt. Eine Surrogate erzählte mir, dass ihre Schwester keine Kinder bekommen konnte und sie darunter sehr gelitten habe. Weil sie selbst einfache Schwangerschaften gehabt hatte, kam bei ihr der Gedanke auf, ein Kind für jemand anderen auszutragen. Unsere Surrogate Leah wurde von einer Freundin angesprochen und fand den Gedanken, sich etwas Geld für ihre Familie dazuzuverdienen und gleichzeitig jemandem „the gift of life“ („das Geschenk des Lebens“) zu schenken, reizvoll, zumal sie bei ihren beiden Jungs gern schwanger war und leichte Geburten hatte. Als Leah unsere Zwillinge auf die Welt gebracht hatte, trug sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Proud Surrogate“. Voller Stolz, jemandem dieses große Geschenk gemacht zu haben. Diese Erfahrung und die Offenheit von Menschen für außergewöhnliche Wege haben mich berührt. Durch mein Aufwachsen in einer Kleinstadt wurde mir früh vermittelt: Kinder zu haben gehört selbstverständlich zum Dasein einer Frau dazu. Wenn eine Frau keine Kinder hatte, galt sie als komisch. Und es konnte auch vermeintlich jede Frau Kinder bekommen. Als der Kinderwunsch aufkamFür mich brach als Teenager deswegen eine Welt zusammen, als ich erfuhr, dass das bei mir nicht möglich sein würde. Ich hatte mit sechzehn natürlich noch keinen konkreten Kinderwunsch, aber es war ein kleines bisschen wie Sterben, und diese Nachricht hat meinen gesamten Lebensweg beeinflusst. Ich habe lange geglaubt, ich müsse es irgendwie wettmachen und anderweitig etwas leisten, wenn ich keine Kinder bekommen kann. Der konkrete Kinderwunsch kam, als ich ungefähr 25 Jahre alt und in einer festen Beziehung war und wir unsere Hochzeit planten. Meine jüngeren Geschwister bekamen in diesen Jahren ihre ersten Kinder, und mit jedem Jahr und jedem Kind wurde mein Wunsch größer, auch ein Kind ins Leben begleiten zu können. Schwangere Frauen zu sehen, versetzte mir einen Stich ins Herz. Ein Arzt sagte mir später, er habe Frauen behandelt, die nicht mehr auf die Straße gehen wollten, keine Urlaube mehr machten und sich weitgehend aus dem sozialen Leben verabschiedeten, um keine Schwangeren und keine Frauen mit Kinderwagen mehr sehen zu müssen. So weit ging es bei mir nicht, aber Fakt ist: Ungewollte Kinderlosigkeit verursacht Leiden und beeinträchtigt viele Beziehungen, nicht nur zu dem Partner. Über das BuchAngesichts fehlender Betreuungsangebote und unterstützender Strukturen ist für viele Mütter die Grenze der Belastbarkeit überschritten. Anne Theiss versammelt in diesem Buch prominente und andere wichtige Stimmen, die fordern, dass wir Mutterschaft neu denken und Familienpolitik reformieren. Viele Jahre voller Mühe und RückschlägenIn meiner ersten Ehe wurde das Thema – trotz mehrerer Anläufe und ersten Kontakten mit dem Jugendamt bezüglich einer Adoption – nicht konkret, erst mit meinem zweiten Mann gewann es an Kontur. Zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch schon Mitte dreißig und mein Mann vierzig Jahre alt. Eine Inlandsadoption versprach so keine Aussicht auf Erfolg, weil in Deutschland die Wartelisten lang waren und die Altersgrenze zumindest damals bei vierzig Jahren lag. Über Monate hatten wir uns daher verschiedene Agenturen zur Vermittlung einer Auslandsadoption angesehen. Monat um Monat warteten wir und realisierten, dass die Vermittlungsfrequenz über die Zeit abnahm. Was hier im Text wenige Zeilen sind, waren in meinem Leben viele Jahre voller Sehnsucht, Enttäuschung, Hoffnung und Rückschläge. Unzählige Gespräche mit Agenturen, Sozialarbeitern und natürlich meinem Mann. Eines Tages kam unsere Betreuerin auf uns zu und erklärte uns, sie gehe nicht mehr davon aus, dass es mit einer Adoption klappen würde. Sie meinte: „Einige hier versuchen es jetzt über Leihmutterschaft, vielleicht sollten Sie das auch mal überlegen. “ Ich war erschüttert. Mein Mann reagierte rationaler und meinte: „Lass uns doch mal schauen, was das genau bedeutet, und einfach Schritt für Schritt gehen. Wenn wir uns mit irgendetwas nicht wohlfühlen, stoppen wir sofort!“Ich glaube, das Tabuisieren des Themas führte bei ihm auch zu einem Impuls, nach dem Motto: „Jetzt will ich mir das erst recht einmal genauer ansehen. “ Er wollte den moralischen Zeigefinger hinterfragen und selbst verstehen, ob das ethisch vertretbar ist oder eben nicht. Nach langen Diskussionen und emotionalen Berg- und Talfahrten beschlossen wir, dass es für uns gewisse Grenzen gibt, oder positiv formuliert, bestimmte Voraussetzungen, unter denen wir diesen Weg probieren wollten. Ein Kind will wissen, wo es herkommtSchließlich fanden wir ein Elternpaar aus Bayern, das uns den Zugang zu einer Community von Wunscheltern ermöglichte. Es folgten unzählige Gespräche. Wir wollten alles wissen: Warum machen Leihmütter das? Wie eng ist der Kontakt mit ihnen, was sind ihre Erwartungen? Wie kommunizieren wir das im Freundes- und Kollegenkreis? Wir erfuhren immer mehr Positives. Nach diesen Gesprächen war für uns jedoch auch klar: Wir wollten den Prozess nur weitergehen, wenn er auf Augenhöhe stattfinden konnte. Eine bestmögliche rechtliche, medizinische und psychologische Betreuung war für uns eine Grundvoraussetzung, und wir wollten unbedingt Kontakt zur Leihmutter haben können. Wir hatten uns in unserem Adoptionsprozess in Wochenendseminaren mit dem Thema Biografiearbeit und ihrer Bedeutung für das psychische Wohlbefinden eines Kindes auseinandergesetzt. Es erschien uns absolut nachvollziehbar, dass ein Kind wissen will, wie genau es auf die Welt gekommen ist, und dass dieser eigene Weg ein guter Weg war. Für uns war klar, dass Kinder vor allem zwei Dinge brauchen, um zu gedeihen: Eine klare und erlaubte Identität und Liebe. Für mich persönlich war es außerdem wichtig, dass ich die Leihmutter sympathisch fand. Ich glaube, ich spürte bereits zu dem Zeitpunkt, wie viel Kontrolle man über eine gefühlt sehr lange Zeit bei einem sehr sensiblen Thema abgibt. Und das fiel mir mit Wohlwollen für diesen Menschen leichter. Mit diesen Prämissen begannen wir erste Kontaktaufnahmen zu Agenturen. Das Thema Leihmutterschaft ist deswegen so sensibel, weil es ein Vertrag über neun Monate, aber eine Beziehung auf Lebenszeit ist. Im Grunde ist das Elternwerden mit einer Leihmutter ein in allen Facetten durchgeplantes Unterfangen. Alle Eventualitäten sind durchgesprochen und vertraglich vereinbart. Der erste Kontakt zur LeihmutterIn unseren ersten Gesprächen mit Leah ging es recht schnell zur Sache, und wir thematisierten intime und höchst persönliche Dinge wie die Ursache unserer ungewollten Kinderlosigkeit, ob und in welchen Fällen beide Seiten ein Kind abtreiben wollten, ob wir auch Mehrlinge für vorstellbar hielten. Leah machte klar, was ihre Grenzen sind, was sie machen und was sie nicht machen würde. Ihre Leitlinie dabei waren zum Teil auch ihre Jungs, denen sie erklären musste, was sie genau tat, und für die sie auch in der Zeit der Schwangerschaft als Mutter da sein wollte. Sie wollte ihr Leben also nicht über Gebühr einschränken. Dass sie so klar war in dem, was sie machen wollte und was nicht, gab uns ein gutes Gefühl. Wir hatten im Vorfeld viele Video-Calls aufgesetzt, viele Chat-Nachrichten ausgetauscht und haben uns auch persönlich mit Leah, ihren beiden Jungs und ihrer Schwester mit Familie in den USA getroffen, miteinander gekocht und vor allem immer viel gelacht. Ihre positive und sehr anpackende Art haben mir in dieser unsicheren und schwierigen Zeit unglaublich gutgetan. Unterschiedliche Vorstellung während der SchwangerschaftTrotzdem konnten alle diese Gespräche und Verträge nicht verhindern, dass wir in dem Moment, in dem die Blastozysten eingesetzt worden waren, die Kontrolle abgaben. Ich war eben nicht selbst schwanger. Darum war es mir so wichtig, Leah im Vorfeld so gut wie möglich kennenzulernen und sie auch im Kontakt mit ihrer Familie und ihren Freunden zu erleben. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl, dass Leah ein verantwortungsvoller Mensch war und keine Drogen, Alkohol oder Zigaretten konsumieren würde. Aber wir hatten natürlich keine 24-Stunden-Überwachung, und beim Thema Ernährung gingen unsere Vorstellungen, wie ich im Laufe der Zeit merkte, ziemlich auseinander. In den USA werden viel verarbeitete Lebensmittel und Zucker konsumiert. Bei unserer ersten Tochter schrieb uns Leah fast täglich von ihren Heißhungerattacken auf Süßes und dass sie an manchen Tagen zwei Stücke „Oreo Chocolate Cheesecake“ esse. Als ich später in den USA war und mit ihr in einem Café diesen berühmten „Oreo Chocolate Cheesecake“ sah, wurde mir allein vom Hinsehen ganz übel, und ich dachte an die unzähligen Stücke, die unser Kind bis dahin schon mitgegessen hatte. Eine Freundin meinte: „Wieso verbietest du ihr nicht, so viel Zucker zu essen?“ Meine Gegenfrage war: „Und was passiert dann? Sie isst es trotzdem, aber heimlich? Sie isst es nicht mehr, aber es geht ihr nicht gut? Sie isst es nicht mehr, und ich zerstöre die Vertrauensbasis und sie erzählt mir gar nichts mehr?“Eine kleine Eskalation gab es, als Leah sich im achten Monat die Haare blond gefärbt hatte und mir freudestrahlend ein Foto ihrer neuen Frisur und ihres neuen Looks schickte. In dem Moment war ich einem Nervenzusammenbruch nahe. Ich schrieb ihr, dass ich die Frisur zwar gut fände, aber etwas erschrocken wäre, zu sehen, dass sie sich in der Schwangerschaft die Haare färbte. Und fragte, ob das denn in den USA nicht als kritisch angesehen werde? In Deutschland wäre so etwas nur schwer vorstellbar. Ihre Antwort – „Oh no, don’t worry, it is all natural!“ – ließ mich verstummen, obwohl mir relativ klar war, dass bei Blondierungen in keinster Weise irgendetwas „natural“ ist. Bewusst für eine schwierige Lösung entschiedenUnser Umfeld reagierte während der Schwangerschaften fast durchweg positiv, manchmal überrascht, oft neugierig. Ich schließe nicht aus, dass manche Freunde oder Bekannte hinter unserem Rücken unser Vorgehen doch kritischer sahen, als sie uns erkennen ließen. Und ich konnte das in Teilen sogar nachvollziehen. Es war für fast alle ein komplett unbekanntes, aber doch in der Öffentlichkeit stark besetztes Thema, das erst einmal für sich selbst eingeordnet werden musste. Ich selbst war mit Rechtfertigungen weniger belastet. Vielleicht war das auch ein Nebeneffekt unseres Weges. Wir hatten das alles so en détail durchgekaut, diskutiert, hin und her gewendet, geprüft, wie ich nie zuvor etwas durchgedacht hatte. Wir hatten uns bewusst für eine schwierige Lösung entschieden, waren, nachdem die Entscheidung getroffen war, aber vollkommen ruhig und überzeugt, das Richtige zu tun. Es war ein gutes Gefühl. Aufmunternde Rückmeldungen bekam ich von unerwarteter Seite: Als wir unsere Tochter mit elf Monaten taufen ließen, hatte ich im Vorfeld um ein Gespräch mit unserem Pfarrer gebeten. Ich erinnere mich noch, dass das Licht durch ein buntes Fenster fiel, als der Pfarrer sich die Stola umlegte, um mit mir ein Gebet zu sprechen. Ich war jedoch so aufgeregt, dass ich in diese feierliche Stimmung reinplatzte und sagte: „Herr Pfarrer, da gibt es noch etwas, das Sie wissen sollten: Unsere Tochter ist über eine Leihmutter zu uns gekommen. “Gespannt und auch etwas ängstlich schaute ich ihn an. Er blieb ganz ruhig und meinte: „Oh, das muss für Sie und Ihren Mann auch eine schwierige Zeit gewesen sein. “ Und das war es dann auch. Eine Rückmeldung, die mir nicht so positiv in Erinnerung geblieben ist, weil ich sie als gefährlich für unsere Kinder empfand, war die einer Kollegin, die meinte: „Das ist aber sehr mutig, dass ihr etwas Verbotenes macht und auch noch darüber sprecht. “Eine Leihmutter aus dem Ausland ist legalLeider denken immer noch viele Menschen, dass Leihmutterschaft in Deutschland komplett verboten ist. Frustrierend ist in dem Zusammenhang auch die wenig differenzierte Darstellung, selbst in anerkannten Medien. Immer wieder finden sich Berichte oder gar Interviews mit Politikerinnen und Politikern, in denen einleitend gesagt wird, Leihmutterschaft sei in Deutschland verboten. Dies ist insofern ärgerlich, als es den Eindruck erweckt, unsere Kinder seien das Ergebnis von etwas Verbotenem. Auch wenn Leihmutterschaften in Deutschland nicht durchgeführt und vermittelt werden dürfen, ist es deutschen Eltern nicht untersagt, diesen Weg im Ausland zu gehen, sofern in dem betreffenden Land Leihmutterschaft gesetzlich erlaubt ist. Seit über zehn Jahren ist zudem höchstrichterlich geklärt, dass unter gewissen Voraussetzungen die Elternschaft der Wunscheltern auch in Deutschland anzuerkennen ist. Insofern ist es uns vor allem im Interesse unserer Kinder wichtig, klarzustellen, dass unsere Kinder auf legalem Weg zu uns gekommen sind. „Wie schade, dass ich nicht in deinem Bauch war!“Inzwischen haben wir durch verschiedene Erfahrungen gelernt, dem Thema Raum zu geben, es aber im Alltag nicht überzustrapazieren. Unsere älteste Tochter mochte es – wie wir irgendwann feststellten – beispielsweise nicht, wenn wir erzählten, dass sie über eine Leihmutter zu uns gekommen ist. Sie wusste und weiß ebenso wie ihre Geschwister, dass sie nicht in meinem Bauch gewesen ist, sie spricht darüber, und es ist für sie auch in Ordnung. Manchmal sagte sie trotzdem: „Wie schade, dass ich nicht in deinem Bauch war!“ Und ich erwiderte: „Ja, so schade, aber umso glücklicher waren wir, als wir dich im Arm halten konnten, als du endlich auf die Welt gekommen bist und bei uns warst. “ Sie mochte auch nicht die Formulierung, die wir oft verwendeten, dass sie „einen besonderen Weg hat. “ Sie wollte keinen besonderen Weg haben, sondern einfach zu uns gehören. Wir sind mit Leah weiter in Kontakt. Von Zeit zu Zeit schicken wir uns gegenseitig Fotos und E-Mails, zum Geburtstag und zu Weihnachten Glückwünsche und ein kleines Geschenk, die Kinder malen dann auch etwas. Große Gefühlsregungen bei unseren Kindern gibt es aber nicht, sie kennen Leah einfach zu wenig. Als wir zur Geburt der Zwillinge in den USA waren, war unsere ältere Tochter drei Jahre alt. Ich glaube, latent habe ich erwartet, dass es da noch irgendeine engere Beziehung zwischen Leah und ihr gibt, und hätte es auch schön gefunden. Es war aber nichts in der Richtung festzustellen. Die Beziehung von Leah zu unseren Kindern ist vergleichbar mit der, die man zu Kindern seiner Freunde hat, geht aber nicht darüber hinaus. Manchmal werden wir gefragt, wie wir das Ganze für unsere Kinder einordnen: Gibt es eine Herzmama, eine Bauchmama oder irgendetwas Ähnliches? Bei uns gibt es Mama und Papa und Leah. Leah hat eine ganz wichtige Rolle, weil sie unsere Kinder in ihrem Bauch ausgetragen und beschützt hat, bevor sie zu Mama und Papa kommen konnten. Das konnte mein Bauch nicht. In einem Kinderbuch zum Thema Leihmutterschaft, das wir haben, nimmt der Surrogate-Koala den kleinen Embryo in seinem Beutel auf, bis er groß genug ist, um zu seinen Eltern zu gehen. Das haben unsere Kinder gut verstanden.