Sonnenfinsternis: 15 bis 30 Prozent weniger Internet-Traffic in Europa
Cloudflare Radar hat den Netzverkehr während der Sonnenfinsternis vom 12. August vermessen: Island, Spanien und Portugal fielen am tiefsten, Norwegen und Schweden lagen über dem Normalwert.

Am Mittwochabend standen in halb Europa Menschen auf Balkonen, Feldwegen und Parkplätzen und sahen nach oben. Was dabei am Boden passierte, lässt sich seit Donnerstag beziffern: Cloudflare hat den Internet-Verkehr während der Sonnenfinsternis vom 12. August gegen einen normalen Mittwoch gestellt — und entlang der Totalitätszone fielen die Anfragen um 15 bis 30 Prozent. Auf einen BlickEntlang der Zone der Totalität sank das HTTP-Anfragevolumen um rund 15 bis 30 Prozent. Über alle ausgewerteten Länder reicht die Spanne von plus 9,3 bis minus 46,7 Prozent. Island, Spanien und Portugal fielen am tiefsten; Norwegen und Schweden lagen leicht über dem Normalwert. Die Erholung setzte binnen Minuten nach dem Maximum ein — es war kein technischer Ausfall. Wie man eine Sonnenfinsternis im Datenverkehr sichtbar machtDer interessantere Teil dieser Auswertung ist nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Cloudflare zählt das HTTP-Anfragevolumen in Fünf-Minuten-Fenstern und vergleicht jedes einzelne Fenster nicht mit dem Vortag, sondern mit dem Median der drei vorangegangenen Mittwoche — Zeitscheibe gegen Zeitscheibe. Der Median statt des Mittelwerts sorgt dafür, dass eine einzelne verkorkste Vorwoche das Ergebnis nicht verzieht. Parallel dazu haben die Autorinnen Sabina Zejnilovic und Lai Yi Ohlsen den Verdunkelungsgrad nicht aus einer Tabelle übernommen, sondern für jeden Ort alle fünf Minuten selbst gerechnet: scheinbare Winkelgrößen von Sonne und Mond, deren Abstand am Himmel, daraus die Überlappungsfläche zweier Kreise. Erst diese zweite Kurve macht die Aussage belastbar. Der Rückgang ist als Mittel der Abweichung im 15-Minuten-Fenster rund um das Maximum definiert, und die schwarzen Rauten der Maximalverdunkelung liegen imveröffentlichten Diagrammfast deckungsgleich auf den dunkelsten Stellen der Traffic-Kurve. Das ist mehr als Statistik-Kosmetik. Wer nur eine Kurve einbrechen sieht, kann daraus alles Mögliche lesen — Netzstörung, Routing-Problem, Messfehler. Erst die Kopplung an eine unabhängig berechnete astronomische Größe macht aus einer Korrelation ein Argument. Cloudflare formuliert es selbst nüchtern: Das Netz wurde langsamer,nichtweil Technik ausfiel, sondern weil Menschen aufhörten, es zu benutzen. Der aufschlussreichste Wert ist ein positiverAm tiefsten fielen erwartungsgemäß Island, Spanien und Portugal. Bemerkenswerter finde ich das andere Ende der Skala: Norwegen und Schweden lagen während der Finsternis leichtüberihrem Normalniveau, Dänemark verzeichnete die geringste Veränderung überhaupt, Polen und Dänemark waren binnen kurzer Zeit wieder auf Ausgangsniveau. Wo die Sonne kaum verdeckt war, ging niemand raus — dort wurde stattdessen darüber gelesen und geschaut. Damit beschreibt der Datensatz keinen Ausfall, sondern eine Verlagerung von Aufmerksamkeit, die sich sauber an der Geografie entlang bewegt. Und er hält, was Radar-Auswertungen sonst selten halten: Er nennt seine Vergleichsbasis, seine Fenstergröße und seine Rechenmethode offen genug, dass man ihn nachbauen könnte. Das ist der Unterschied zwischen einer Grafik, die man zitieren kann, und einer, die man glauben muss. Deutschland kommt in der Auswertung nicht vorFür deutsche Leser hat die Analyse eine Lücke. Die Bundesrepublik taucht in Cloudflares Länderaufschlüsselung nicht auf — obwohl der Verdunkelungsgrad hier alles andere als gering war. Spektrum der Wissenschaftnennt je nach Standort 85 bis 90 Prozent, mit dem Maximum gegen 20:16 Uhr MESZ. Ein Land, in dem neun von zehn Sonnenscheiben verschwinden, hätte in einer Auswertung über Europas Netzverkehr durchaus eine eigene Zeile verdient. Schief wirkt dabei auch die Gruppierung im Text: Cloudflare zählt die Schweiz zu den Ländern, in denen die Sonnekaumverdeckt war, und stellt sie damit neben Schweden, Dänemark und Polen. Geografisch lag die Schweiz aber deutlich näher an der Zone tiefer Verfinsterung als an Skandinavien. Wer die Zahlen zur Sonnenfinsternis weiterverwendet, sollte sich also an die ausgewiesenen Länderkurven halten und nicht an diese Kurzformel. Bleibt eine unaufgeregte Erkenntnis, die man trotzdem selten so sauber belegt bekommt: Der Verkehr in einem der größten Netze der Welt hängt an nichts Technischerem als daran, wohin ein paar Millionen Menschen gerade schauen. Für alle, die Kapazität planen, ist das der eigentliche Wert dieser Auswertung — Lastspitzen und Lasttäler entstehen nicht im Rechenzentrum, sondern draußen.